Denn all das bin ichIn memoriam Cordelia Edvardson

Vor einem Jahr, am 29. Oktober 2012, verstarb die schwedische Journalistin und Schriftstellerin Cordelia Edvardson, die 15-jährig ins Konzentrationslager Auschwitz deportiert wurde. Die Nachrufe auf diese Zeugin der Shoah waren rar. Karin Lorenz-Lindemann, freie Autorin und Dozentin an der Universität des Saarlandes, würdigt die engagierte Tochter der Schriftstellerin Elisabeth Langgässer.

"Kreativität ist nicht irgendeine Gottesgabe, sondern eine vitale Funktion, ein Mittel, um am Leben zu bleiben"1, schreibt Imre Kertész in seinem "Galeerentagebuch". Kreativität bleibt auch nach extremer Traumatisierung durch die Shoah, in der es der Sprache die Sprache verschlug, ein Schutzwall gegen den seelischen Tod. Das "Überleben dieses Überlebens"2 war nach der Befreiung aus der Antischöpfung der Verfolger auf alle Zeit eine überschwere Aufgabe. Darüber schrieb Cordelia Edvardson zeitlebens in großer Klarheit. Die letzten Augenzeugen der Shoah werden bald nicht mehr unter uns sein. In den letzen Jahren ihres Lebens überfiel sie immer wieder der Gedanke, "dass eine ganze Welt mit mir zusammen sterben wird", wie eine schwedische Zeitung berichtete. Nicht nur die ihrer persönlichen Geschichte, sondern bald auch die der letzten noch lebenden Zeugen der Shoah.

"Sie schrieb, um zu leben", heißt es in einem Stockholmer Nachruf für die große schwedische Journalistin mit doppeltem Wohnsitz in Jerusalem und Stockholm. Sie war sich dessen immer bewusst, dass das Wissen, das wir über den Menschen in der Katastrophe der Shoah gewannen, für das öffentliche Bewusstsein fruchtbar gemacht werden muss. "Man muss sich einbringen, sonst stirbt man", sagte Cordelia Edvardson in einer Filmsequenz, die "Svenska Dagbladet" in ihrem Nachruf zitiert. Dies ist nicht nur eine lebenswichtige Frage für die europäische Zivilisation, sondern eine weltweite Frage.

Der Traumatisierung eine schöpferische Kraft entgegensetzen

Cordelia Edvardsons journalistisches und literarisches Werk gehört neben dem von Primo Levi oder Jean Améry und Imre Kertész zu jenen Zeugnissen von Überlebenden, die der extremen Traumatisierung in der Verfolgung eine schöpferische Kraft entgegensetzten, die ihnen Lebenskontinuität überhaupt erst wieder ermöglichten. Sie teilten über die Jahre hin Sorge und Skepsis gegenüber den weltweiten Konfliktfeldern und Brennpunkten von Gewalt und Terror einer gewaltbesessenen Epoche und zogen für ihr Weltbewußtsein und ihre Bücher daraus weiterführende Konsequenzen. Ihr Erkenntnisweg ist nicht zu trennen von den durchstandenen Leiden:

"Wir, die Überlebenden wanken unter der Last unseres Wissens. Sie ist auch unsere brennende Scham und Sieg und Triumph unserer Henker über den Tod hinaus."3

Sie seien zwar zurückgekommen, schreibt Cordelia Edvardson im Nachwort zu Primo Levis autobiographischen Berichten "Ist das ein Mensch?" und "Die Atempause"; aber nicht ganz, da das "Sprachgewand" fehlt, das sie über das Skelett ihrer Erfahrung werfen könnten. Die Shoah hat unser aller Menschenbild tiefgreifend gewandelt, worauf auch Tuvia Rübner, der große israelische Dichter, in seinem autobiographischen Buch "Ein langes kurzes Leben" nachdrücklich hinweist, wenn er - Edvardsons Denken verwandt - erklärt,

"daß Auschwitz einen neuen Menschen geschaffen hat. Ich sage nicht Deutschen, sondern Menschen, nämlich den Menschen, der, will er Mensch sein, maßlos vor sich erschrickt, da er dank Auschwitz zu der Erkenntnis gekommen ist, wozu allem er als Mensch fähig ist."4

Für Cordelia Edvardson galt bis zu ihrem Tod am 29. Oktober 2012, dass sie um der Zukunft willen auf das Erfahrene mit der kreativen Aktivität ethischer Phantasie antworten wollte. Dem Gedenken an Primo Levi, den sie Freund und Bruder nennt, gilt der erste Text ihres Bandes politischer Essays "Die Welt zusammenfügen" 5, der später als Nachwort der deutschen Ausgabe der beiden Berichte Primo Levis hinzugefügt wurde. "Solange der Tag dauert, solange wir Kraft und Vermögen haben, werden wir Dein Werk fortsetzen", schreibt sie. Und sie fährt fort:

"tikkun ha olam - die Welt wiederherstellen, sie heilen. Tikkun ha olam - die jüdische Tradition lehrt uns, daß dies die Aufgabe des Menschen ist. Du hast, wie ich, versucht die Worte als Werkzeug zu benutzen. Dennoch wissen wir, daß unsere Worte, daß die Gebärden der anderen, die in Auschwitz zerbrochene Welt nicht zu heilen vermögen, daß sie nicht ausreichen, den Riß zu dichten, durch den das tödliche Gas noch immer dringt und die Welt vergiftet, unser aller Welt."

Das Erlittene ist im existenziellen Exiliertsein immer gegenwärtig, auch während der kreativen Prozesse des Schreibens. Tikkun ha ola - diese überlieferte messianische Hoffnung gab der Essaysammlung "Die Welt zusammenfügen" den Titel.

Cordelia, die Tochter der Dichterin Elisabeth Langgässer und des schon 1933 im Madrider Exil verstorbenen Staatsrechtlers Hermann Heller, wurde am 1. Januar 1929 in München geboren und von Berlin aus als 15-Jährige über Theresienstadt nach Auschwitz deportiert. Sie hatte im "Eichkatznest" in der Berliner Siedlung Eichkamp mit ihrer Mutter, deren Ehemann Wilhelm Hoffmann und den drei jüngeren Halbschwestern gelebt und war bereits Monate vor ihrer Verschleppung an verschiedenen Adressen der Stadt versteckt.

Auschwitz und die Kraft der Dichtung

Doch schon zuvor erfuhr sie sich als Fremde in der Familie, "abgesondert und abseits gestellt", wie sie in ihrem mit dem Geschwister-Scholl-Preis ausgezeichneten und aus dem Schwedischen übersetzten Buch "Gebranntes Kind sucht das Feuer"6 berichtet. Der Abschied aus dem eigenen Leben hatte schon früh begonnen. Als "dreckige Judengöre"7 verunglimpft, wird das Mädchen bereits 1939 der Schule verwiesen, erlebt sich, bevor es, von der Mutter getrennt, Anfang 1944 im Jüdischen Krankenhaus interniert wird, schon in der eigenen Familie als "Gast und Fremdling" 8. Für das Kind beginnt die große Einsamkeit. Seit Oktober 2008 liegt vor dem einstigen "Eichkatznest" im Eichkatzweg 33 ein Stolperstein für Cordelia Edvardson, dessen Verlegung sich der Stolperstein-Initiative Eichkamp von Schülern zweier Schulen und Mitgliedern eines Siedlervereins verdankt.

Die Liebe zur deutschsprachigen Dichtung, die Prägung durch die katholische Tradition, begleiteten sie bis nach Auschwitz, wo sich die 15-Jährige noch fragt, was das kleine katholische Mädchen dort verloren habe. Das katholisch erzogene Kind war in einem Lebenskontext zu Hause, in dem Judesein wie bei Imre Kertész oder Jean Améry kein besonderes Thema war. Inmitten des totalen Ausgeliefertseins in Auschwitz ermöglichte Cordelia die Erinnerung an alte Lieder, die sie aus der christlichen Tradition liebte - wie etwa das Lied "Der Mond ist aufgegangen" -, für kurze Momente die Verbindung mit der abgeschnittenen Vergangenheit. Sie spürte inmitten von unaufhebbarem Versehrtsein in Auschwitz die Leben schützende Kraft der Dichtung als eine ständig bedrohte Bergung.

Geliebte und gehasste Mutter

Im Lager werden ihr Identität und Lebensrecht abgesprochen. Sie wird zum Ding erklärt. Der Abschied und der Verlust jeder Chance zur Selbstbestimmung hatten für sie jedoch längst vorher schon begonnen, und "das Ticken der Todesuhr" war schon vor der Deportation vernehmbar9. Elisabeth Langgässer verschaffte 1943 ihrer Tochter mit der Adoption durch ein spanisches Ehepaar einen spanischen Pass auf den Namen Cordelia Garcia-Scouvart. Dieser Schritt blieb vergeblich. Die Mutter glaubte zunächst ihr verfolgtes Kind derart "wiedergeboren", doch die Tochter wusste, dass die große Einsamkeit sie längt umschloss.

Die Mutter opferte, in tragische Schuld sich verstrickend, aus Angst um die eigene Existenz ihr Kind, als die Gestapo diesem mitteilt, dass seine Weigerung, auf den rettenden Pass zu verzichten und den diskriminierenden Stern weiter zu tragen, der Mutter Leben bedrohen würde. "Mutter, warum hast Du mich verlassen!"10, klagt es in Cordelia Edvardson noch Jahrzehnte später. Ihre Tochter Elisabeth Hoffmann gab den Briefwechsel Elisabeth Langässers heraus11, dem sich entnehmen lässt, dass die Mutter die Situation ihrer Tochter nach der Befreiung nicht angemessen erkannt hat.

In einem fiktiven Abschiedsbrief an die schon 1950 verstorbene Mutter, die sie Jahre nach Kriegsende nur einmal wiedergesehen hatte, am Ende des Bandes "Die Welt zusammenfügen" heißt es:

"Mutter, geliebte, gehaßte Mutter! Dies ist ein Abschied. [...] Du hast mich genährt und gleichzeitig erstickt."12

In einem Jahrzehnte währenden inneren Abschiedsprozess trieb sie die Mutter aus ihrem "Blutkreislauf", bis sie endlich über ihr eigenes Lebenshaus sagen konnte: "Es ist ein großes Haus, mit vielen Zimmern, und ein Zimmer könnte Deins sein."13 Dies schreibt sie über ihr Lebenshaus im Wissen, dass "einst wohlgeordnete Welten, jedes Einzelnen einzelne Welt, zertrümmert wurde - und nie, niemals wieder zusammengefügt werden kann. Nicht ganz."14

Nach der Befreiung wird Cordelia Edvardson todkrank nach Schweden - ihr "versunkenes Atlantis"15 - gerettet. Als dort eine Gastfamilie der Halbwüchsigen während eines Familienfestes das Vergessen des Grauens empfiehlt, reagiert sie mit Zorn:

"Ihr wollt mir meine Angst wegnehmen, sie verleugnen und ausstreichen und euch vor meiner Wut schützen, aber dann streicht ihr auch mich aus, 'ausradieren' nannten es die Deutschen, dann verleugnet ihr auch mich, denn all dies bin ich."16

Die Jahre in Schweden - eine bald schon abschiedlich erlebte Zeit: "Alles ist Abschied / […] / Unwiderruflich alles / wie der Sommer / als wir zum Paradies zogen / singend."17Sie lebte auch später im für Primo Levi in Worte gefassten Bewusstsein:

"Nein, wir sind nie zurückgekehrt, nicht ganz. [...] Wir können nicht zu den Lebenden zurückkehren. Nicht ganz. [...] ausgeliefert unserem Wissen, unseren Erinnerungen und unserer Angst"18.

Das Heimatrecht im Leben verloren

Dreimal wiederholt sie das "nicht ganz". "Wir, die Überlebenden, haben unser Heimatrecht im Leben verloren."19 Die Frage ist keine der Zugehörigkeit zu einer ethnischen Gruppe, zu den Traditionen einer Kultur oder Religion. Die Frage lautet: Wie spricht einer sich selbst, dem perennierenden Trauma standhaltend, Leben wieder zu, wenn es ihm - degradiert zum Ding - abgesprochen war. "Auschwitz lag außerhalb der menschlichen Erfahrung. Aber nicht auf einem fremden Planeten" 20, schreibt Cordelia Edvardson. Die Erfahrung blieb ihr in den Körper gebrannt, ihr Personsein wie ihr Judesein waren von der Erfahrung der "Antischöpfung" der Nazis auf alle Zeit versehrt. Ihre Antwort auf die Verfolgungserfahrung heißt Kreativität bis zuletzt:

"Dies ist mein Aufruhr und meine Revolte [...]. Auschwitz ist und bleibt der Grund in mir, doch was aus dem von den Knochen und der Asche der Toten gedüngten Humus wächst, das bestimme ich - zumindest bei Tag. Über die Alpträume der Nächte, über die Grundschicht der Vergangenheit haben wir keine Macht."21

Mit unbegreiflichem Mut fuhr sie in Krisengebiete, zu den Brennpunkten politischer und militärischer Konflikte, um als Korrespondentin zu berichten. In palästinensischen Krankenhäusern und Flüchtlingscamps wie bei ranghohen Politikern beider Konfliktparteien konnte man sie finden. Die Sprache ist das Medium ihrer Revolte, ihr Medium des Aufruhrs gegen eine geschichtsvergessene Welt voller Gewalt. Bis in die letzten Monate ihres Lebens hat Cordelia Edvardson, dem Überleben des Überlebens noch in großer körperlicher Schwäche standhaltend, schreibend die Worte als Werkzeug ihrer Hoffnung auf tikkun ha olam genutzt.

Bis kurz vor ihrem Tod schrieb sie noch Kolumnen für "Svenska Dagbladet", die ihr halfen, das Weiterlebenkönnen durch das geschriebene Wort zu befestigen. Unabschließbar war der Prozess des Standhaltens bis zuletzt. In unerhörtem Trotz hielt sie sich an die Gewissheit: "creo ergo sum." In jahrzehntelanger Freundschaft war ich dessen Zeugin und sah, hörte und spürte den Trotz, mit dem Cordelia es auch mit ihrem unverwechselbaren Humor verstand, in der die Zeiten überdauernden Verletzung Balance zwischen Nähe und Distanz zu halten - ausgeliefert dem Wissen, der Erinnerung, der Angst.

Auf die Rolle, ausschließlich Opfer zu sein, ließ sie sich nicht festlegen. Die Verlässlichkeit der eigenen Schöpfung durch Sprache steht auch in existenzieller Kreativität den Folgen der Verfolgung gegenüber. In schwedischer Sprache schuf sie ein ebenso bedeutendes wie umfangreiches, mit vielen nationalen und internationalen Preisen, darunter dem Großen Journalistenpreis (Stora journalistpriset, 1983) und dem Königlichen Preis der Svenska Akademien (2001) ausgezeichnetes Werk, dessen journalistischer Teil vorrangig in "Svenska Dagbladet" erschien. Ihre literarischen Bücher sind auch ins Deutsche übersetzt. Das letzte, ihren Kindern und Enkelkindern gewidmete Buch "Wenn keiner weiterweiß. Berichte von der Grenze"22, mittlerweile ebenfalls aus dem Schwedischen übersetzt, versammelt politische Kolumnen aus verschiedenen Jahren. Daran lag ihr viel.

Cordelia Edvardson wählte nach dem Jom Kippur-Krieg 1973, von dem zu berichten sie von ihrer Zeitung nach Israel geschickt worden war, ihre Zugehörigkeit neu und begriff, dass sie für sie als Jüdin unteilbar ist. 1974 bis 2006 wohnte sie als schwedische Staatsbürgerin in Jerusalem und kehrte dann aus gesundheitlichen Gründen nach Stockholm zurück. Zukunftsbezogen erkennt sie sich einmal im wieder aufgerichteten Hiob und erfährt sich in Israel "als ein Teil ihres Volkes, ein Glied im Bund des unauslöschlichen Siegels"23. Sie betonte im Jahr 2002, dass sie, obgleich schwedische Staatsbürgerin, Anspruch darauf habe,

"zum jüdischen Volk zu gehören. Meine Identifikation mit diesem Volk und seiner Geschichte hat ihre Wurzeln nicht in Judäa und Samaria (Westjordanland), sondern in Auschwitz."24

Als schwedische Nahost-Korrespondentin trat sie jahrzehntelang unbeirrbar für die Vernunft ein. In Berufung auf einen Satz Sigmund Freuds schreibt sie:

"'Die Stimme der Vernunft ist zwar leise - aber durchdringend.' Möge sie nur durchdringen, ehe es für uns alle zu spät ist. Bis dahin gilt es, mit dem loyal zu bleiben, womit man loyal sein kann: mit dem Schmerz und der Qual auf beiden Seiten, der israelischen und der palästinensischen. Und solidarisch in der Scham"25.

Daher kämpfte sie gegen die Gefahr, dass die furchtbare Erinnerung an die Shoah die Wirklichkeit von heute färbt und fälscht und damit in Israel eine Gettomentalität von irrationaler Furcht fördert.

Jäh stürzt in Jerusalem die Dämmerung über die Stadt und taucht sie zuvor in ein rätselhaftes Licht, das aus den hellen Steinen zu brechen scheint. Im Gedichtband "Jerusalems Lächeln" ist dieses Licht gleich zu Anfang angesprochen als eine Wirklichkeit für die Stärkung von alle Zeiten hindurch bedrohter Hoffnungsbereitschaft. Damals und Jetzt sind in den Versen so miteinander verschränkt, dass die Zeiten durchlässig werden auf unheilbare Grundtrauer. Wortschöpfungen wie "Totenuhrticken"26 machen das hörbar. Das sprechende Ich bindet sich, biblische Motive aufnehmend, in mythische Überlieferungen ein, ist zugleich Moses und Josef, dem Verratenen am Kreuz verschwistert, ist der in den Brunnen Geworfene mit dem vielfarbenen Gewand und verwandt auch dem Juden Jesus mit dem Gewand ohne Nähte. Allusionen auf biblische Texte stehen neben denen auf die griechische Mythologie: Odysseus ist gegenwärtig wie Penelope, Eurydike oder Theseus. So tönen Altes und Neues ineinander.

In den Gedichten ist das Standhalten gegenüber der nicht vermittelbaren Erfahrung während der Shoah ein so leises wie kontinuierlich mitgeführtes Motiv. Wie im Gegenlicht der Erinnerung an das Erlittene rufen sogar Verse über eine verlorene Liebe in der Gegenwart die Vision der Vertreibung aus dem Paradies auf: "Im Lustgarten des Totenreichs / wachen zwei blendende Engel / mit gezückten Schwertern / über Löwe und Lamm."27

Das Fazit nach einer Liebesbegegnung unter Fremdlingen aus verschiedenen Völkern endet inmitten der lichten Bilder trauervoll nüchtern: "So leicht und so leer / ausgebrannt und geplündert / reise ich weiter / zurück ins Nirgendwo / das ich niemals verließ."28 So werden Trauer und Trauma der Verfolgungszeit als "Vergangenheitsweh"29 gegenwärtig. Dergestalt sprechen die Gedichte über ihre Herkunft aus dem Verlust. "Jede Liebe / will Geschwisterliebe unter Waisen sein", setzt eines der Gedichte ein und schließt mit den Zeilen: "Geliebte Schwester, liebster Bruder / laßt uns gehen, dorthin verlorengehen / wo niemand rührt an unsren tiefsten Schlaf / unsere längste und letzte Ruh."30

Neben einem von der "Kanzlei des Himmlischen Sekretariats" gesandten Brief "Aus Åke Svenssons hinterlassener Korrespondenz" sind in dichten Bildern drei Zyklen, mit unterschiedlichen Tonarten arbeitend, kunstvoll aneinandergefügt und stehen im Zeichen von Erinnerung und Selbstbehauptung und messen so den Raum aus, in dem glückhafte und schmerzende Begegnung zwischen Menschen und die Grundtrauer gemeinsam lebendig sind. Der Zyklus über die "Geschichte einer Liebe" als Erfahrung von Geborgenheit auf Widerruf eröffnet den Band und ist mit intensiven Landschaftsgedichten der "Schwedenbilder" und den politischen Gedichten "Aus meinem Reportageblock" kunstvoll verwoben. Das Damals im Jetzt, die ineinander verwobenen Zeiten gelebten Lebens des lyrischen Ichs macht die Komplexität dieses Gedichtbandes aus. In großer Zartheit heißt es einmal: "Das weinende Kind / in mir / will nicht getröstet werden / ich muß versprechen / es nie zu verlassen. / Eng umschlungen wollen wir / auf der Türschwelle hocken [...]"31.

Israelische und arabische Sichtweisen

Der tiefe Riss, der in der Selbst- und Weltwahrnehmung der Überlebenden unheilbar ist, wird in den Essays deutlich erkennbar. Edvardson stellt die aktuellen politischen Konflikte und Hoffnungen im Nahen Osten in ihrem Werk immer wieder ihren Erfahrungen als Überlebende gegenüber: "Nur wenn man die Bilder von heute über die von gestern legt, wird die Vergangenheit erträglich, und wir können mit unseren Erinnerungen leben."32 Erinnerung und gegenwärtige Erfahrung im Nahen Osten werden wiederholt, einander deutend, miteinander verschränkt. Die kritische Solidarität mit Israel und das Leid der Palästinenser sind gleichermaßen in den Blick genommen. Edvardson versucht immer neu, nüchtern das "Fuchseisen" der Angst zu erkennen, in dem Juden und Araber miteinander festsitzen und begreifen: "Die Kiefer der Vergangenheit haben sich um sie geschlossen, und sie werden in der Gegenwart von der Vergangenheit zermahlen."33

Sie argumentiert kritisch gegenüber jeder Art von Militärstrategen, die den zionistischen Traum beschädigen und betont, "dass die Freiheit unteilbar ist. Und dass man nicht seine eigene Freiheit als Volk und Nation fordern kann, gleichzeitig aber einem andern Volk die nationale Identität verweigern kann"34. Israelische wie arabische Sichtweisen auf den so schwer lösbaren Konflikt nimmt sie mit gleicher Nüchternheit in den Blick, sieht das Dilemma beider Seiten unbeirrbar "als Journalistin vor Ort unter den Palästinensern"35. Aus der Nähe dokumentiert sie das Leid und die Verzweiflung auf beiden Seiten.

Sie beschreibt aus erster Hand die erste und die zweite Intifada, fährt zu den Menschen im israelischen Kernland und in die besetzten Gebiete, um von einzelnen Menschen ihre individuelle Sicht auf das politische Dilemma zu erfahren. Sie besucht Militärlager und Krankenhäuser, Flüchtlingslager und privat die Angehörigen beider Völker in den besetzten Gebieten. Immer sucht sie die Brennpunkte der Konflikte. Sie porträtiert wie unter einem Vergrößerungsglas, besonders in der letzten Kolumnensammlung: Einzelne und Familien auf israelischer und palästinensischer Seite, die ihre Lieben in diesem Konflikt verloren oder um Angehörige trauern. Kritisch und hellhörig dokumentiert sie die Aporien israelischen und palästinensischen Lebens und die Trauer um die Gewaltopfer beider Seiten. Cordelia Edvardson ist eine Meisterin des Zuhörens und illusionslosen Hinsehens gewesen.

Versöhnung beginnt mit Wahrheit

Der Blick auf die Zerreißproben in der israelischen Gegenwart wechselt in dem Band "Die Welt zusammenfügen" mit dem auf die persönliche Lebensgeschichte und retraumatisierende Erfahrung während einer Lesereise in Deutschland. In jenen Tagen wurde sie massiven antisemitischen Angriffen ausgesetzt, die sie in einer Situation trafen, in der sie ohnehin retraumatisiert war durch die erneute Konfrontation mit ihrer Todesangst. Auf deutschen Bahnhöfen bricht sie auf und zeigt ihr tiefes Wurzelwerk auch, als die Überlebende erfahren muss, dass eine ihrer Verwandten sie bis in die Gegenwart verleugnet hatte. Da spürt sie sich noch einmal in der "Gewalt der Vergangenheit. Wir zappeln in diesem klebrigen Spinnennetz, denn ein ordentlicher Hausputz hat nie stattgefunden"36; "Es ist die Vergangenheit, die im Jetzt wieder erlöst werden muß."37

Auf einem Treffen zwischen Palästinensern und progressiven, die Besatzung ablehnenden Israelis, die in der gleichen Falle sitzen, gab sie vor vielen Jahren schon zu bedenken, dass das Unrecht an den Palästinensern nicht allein von den Israelis begangen wurde,

"sondern von allen Staaten, die in den Jahren des großen Schlachtens mit den Nazis zusammenarbeiteten und/oder ihre Tore vor den Juden verschlossen, die aus den Klauen des Todes zu fliehen versuchten. Mit einer letzten kolonialen Geste sühnten sie auf eure Kosten ihre Schuld an uns Juden."38

"Versöhnung beginnt mit Wahrheit" heißt die Überschrift dieser Kolumne zu Jom Kippur aus dem Jahr 2005.

Cordelia Edvardson setzte bis zuletzt alle ihre sprachlichen Potenziale gegen jede Art Resignation ein. Ihre schöpferischen Kräfte gehörten vornehmlich den Fragen der israelischen Gegenwart, dem gewählten und identitätsstiftenden Lebensort, wo sie im jüdisch-arabischen Konflikt an der Hoffnung auf eine gerechte Zweistaatenlösung festhielt, stand doch auch in ihren Augen beider Völker Recht gegen Recht39. Sie fügte ihren Gedichten ein mit "Schlusswort" überschriebenes Gedicht an, das ganz für sich steht und so lautet:

"Ich bin ein Haus für alle Winde offen und schimmernde Staubwirbel bin ich der Brunnen in der Wüste und der in den Brunnen Geworfene das Wasser im vergifteten Fluß und die Forelle am Haken meines Fischers die Koralle des Riffs bin ich (es kostete mich Tausende von Jahren) und das Findelkind im Schilf.

In einem Gewand ohne Nähte und einem vielfarbenen Umhang steh ich am Kreuzweg, am Treffpunkt der Mythen und warte auf NIEMAND. Ich war, bin, werde sein jetzt."

Stimmen der Zeit-Newsletter

Mit unserem kostenlosen Newsletter informieren wir Sie über Neuheiten auf unserer Homepage.