Als Papst nur ein Erster im Miteinander

Die "Not der Repräsentation" (Joachim Hake), nicht theologische Inhalte thematisiert der knapp vor Weihnachten 2011 in deutschen Kinos angelaufene Film "Habemus Papam" des italienischen Regisseurs Nanni Moretti mit dem verunglückten (deutschen) Untertitel "Ein Papst büxt aus". Als Außenseiter, mit dem keiner im Konklave gerechnet hat, nimmt ein Kardinal Melville - dargestellt vom 85jährigen Michel Piccoli - die Wahl zwar an. Doch während ein Kardinal von der Loggia des Petersdoms aus die Wahl als erfolgt bekanntgibt und eben den Namen des neuen Papstes aussprechen will, wird dieser von einer Panikattacke heimgesucht. Der hinter einem Vorhang sitzende Pontifex, für die wartenden Menschenmassen noch nicht sichtbar, stößt einen Notschrei aus: Er kann und will nicht - ein Horrorszenario für den Sprecher des Kardinalskollegiums, das ratlos reagiert.

Die Frage "Warum ausgerechnet ich?" ist aber nicht nur filmische Fiktion. Papst Benedikt XVI., am 19. April 2005 zum Nachfolger von Johannes Paul II. gewählt, griff in seiner ersten Audienz für Pilger aus Deutschland zu einem drastischen Bild, um seine Gefühlslage im Konklave auszudrücken: "Als langsam der Gang der Abstimmungen mich erkennen ließ, daß sozusagen das Fallbeil auf mich herabfallen würde, war mir ganz schwindelig zumute. Ich hatte geglaubt, mein Lebenswerk getan zu haben und nun auf einen ruhigen Ausklang meiner Tage hoffen zu dürfen. Ich habe mit tiefer Überzeugung zum Herrn gesagt: Tu mir dies nicht an! Du hast Jüngere und Bessere, die mit ganz anderem Elan und mit ganz anderer Kraft an diese große Aufgabe herantreten können."

Noch fünf Jahre später meinte er im Gespräch mit dem Journalisten Peter Seewald: "Das Unglaubliche jetzt tatsächlich geschehen zu sehen, war wirklich ein Schock. … So blieb mir nur, daß es neben den großen Päpsten auch kleine Päpste geben muß, die das Ihre geben." Das tut er - und am 16. April 2012 vollendet Benedikt XVI. sein 85. Lebensjahr. Nach der ersten Euphorie ("Wir sind Papst") ist Ernüchterung eingekehrt, diesseits wie jenseits der Alpen. Man nimmt Joseph Ratzinger ab, daß er sein Leben lieber im Ruhestand mit dem Schreiben von Büchern und Artikeln beschlossen hätte. Seit sieben Jahren im höchsten Amt, das die Kirche zu vergeben hat, wird niemand ernsthaft in Abrede stellen, daß er dieses gewissenhaft ausübt, mit anderen Akzenten natürlich als sein polnischer Vorgänger. Trotzdem wirkt Benedikt XVI. auf viele Beobachter nach wie vor als einer, der seine Rolle nicht wirklich akzeptiert hat und lieber als Privatgelehrter ("Prof. Dr. Papst") agiert: bei den wie schon zu seinen Kardinalszeiten abgehaltenen "Schülertreffen" Ende August jedes Jahres, bei seinen Mittwochskatechesen, bei der "Regensburger Vorlesung" (2006), im Berliner Reichstag oder im Konzerthaus in Freiburg (2011). Dozieren gehört zu seinem Habitus. Kein Zweifel: Dieser Papst hat theologisch etwas zu sagen!

In der Ausgabe 3249 vom 2. November 1985 - Johannes Paul II. amtierte seit sieben Jahren - erschien in der italienischen Jesuitenzeitschrift "La Civiltà Cattolica" ein Editorial mit dem Titel "Il ministero del Papa dopo i due Concili Vaticani" (Der Dienst des Papstes nach den zwei Vatikanischen Konzilien). Da es sich bei der Zeitschrift um ein offiziöses Blatt handelt, geht aus den veröffentlichten Artikeln hervor, daß der Vatikan bzw. das päpstliche Staatssekretariat, das diese gegenliest, keine Einwände gegen deren Veröffentlichung hatte. Die durch die 1870 definierte Unfehlbarkeit und den Jurisdiktionsprimat geschaffene "Aura", heißt es in dem 13 Seiten starken Beitrag, habe zu den Übertreibungen der Papolatrie und des höfischen Byzantinismus geführt ("le esagerazioni della papolatria e del bizantinismo aulico"). "Papolatria" meint Papstverehrung bzw. Papstanhimmelung, also Personenkult mit ins Hysterische reichenden Stilblüten.

Diese nie ganz verschwundene Mentalität ist heute wieder im Kommen. Im Gespräch mit Peter Seewald hatte Benedikt XVI. zwar gemeint: "Das Zweite Vatikanum hat uns mit Recht gelehrt, daß für die Struktur der Kirche Kollegialität konstitutiv ist; daß der Papst nur ein Erster im Miteinander sein kann, und nicht jemand, der als absoluter Monarch einsame Entscheidungen treffen und alles selber machen würde." Seine Amtsführung spricht jedoch eine andere Sprache: Entscheidungen im Alleingang, nachgelieferte "Erklärungen" an den Weltepiskopat, etwa in Zusammenhang mit der Piusbruderschaft, mißglückte Personalien, theologisch motivierte Änderungen im Kirchenrecht. Eine seit Jahren wiederholt von verschiedenen Seiten angeregte, in dieser Zeitschrift von Hans Maier durchbuchstabierte "Regierung" nach Art eines Kabinetts, das sich regelmäßig trifft, koordiniert, leitet, gibt es nicht - auch nicht nach peinlichen Kommunikationspannen. Schon während des Konzils hatte Giuseppe Dossetti, ein enger Mitarbeiter von Kardinal Giacomo Lercaro, laut über diese Form von Kollegialität nachgedacht.

Der intellektuelle Papst isoliert sich oder wird isoliert, er wirkt zeitweise wie ein Gefangener im Vatikan, wo wieder "Hof gehalten" wird - das Papsttum als barockes Zeremoniell. Will Benedikt XVI. das? Liturgische und andere Vorlieben stechen ins Auge. Warum aber nutzt der Papst ihm allein mögliche Spielräume nicht für theologisch wirklich Wesentliches?

Kardinal Michele Pellegrino, ehemals Erzbischof von Turin, meinte 1981 in einem Interview, das in der Herder-Korrespondenz auf Deutsch zugänglich gemacht wurde, auf die Frage, ob er dem Papst widerspreche: "Gewiß! Man muß reden, man muß dem Papst ehrlich und klar sagen, wie man die Lage sieht. Als Bischöfe sind wir die Mitarbeiter des Papstes, als Kardinäle sind wir der Senat des Heiligen Stuhls. Es ist unsere Aufgabe und unsere Pflicht, und nicht bloß ein Luxus. Ich habe immer gewollt, daß man klar mit mir spricht, und so halte ich es auch für meine Pflicht, dem Papst gegenüber klar zu sprechen. Man hilft ihm damit."

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