Zeitwohlstand

Keine Zeit zu haben, ist heute die Klage vieler Menschen. Alles muß immer rascher gehen - und möglichst gleichzeitig! Nichts scheint aufschiebbar. Am Montagabend länger im Büro bleiben, am Dienstag die Mittagspause ausfallen lassen, am Mittwoch die Kinder zum Arzt bringen … am Samstagabend noch schnell einkaufen, am Sonntag e-mails beantworten. Nie gibt es ein Genug: weder in der Erwerbsarbeit noch in der endlosen Informationsflut, weder beim lebenslangen Lernen noch auf dem Arbeitsmarkt, wo es gilt, wettbewerbsfähig zu bleiben. Leben und Arbeiten geraten aus der Balance. Wo bleibt noch die Zeit für das, was für das Menschsein wichtig ist: Beziehungen, Kinder, Freundschaften, Erleben der Natur, Zeit für sich selbst, für Reflexion, Gebet? Wo ist noch die Zeit zum Auf-Hören und Auf-Atmen?

Wirtschaft und Gesellschaft sind im flexiblen Kapitalismus von der Tendenz zu Produktion und Konsum rund um die Uhr bestimmt. Durch die Auflösung der klassischen Normalerwerbszeit verschwimmen die Grenzen zwischen Erwerbsarbeit und Freizeit. Wer einen Job möchte, muß zu Überstunden und flexibler Zeiteinteilung bereit sein. Wesentlicher Grund dafür ist die global vernetzte Ökonomie, zentraler Faktor die Beschleunigung, bedingt durch die elektronischen Medien. Die globale Ökonomie ruht nie. Das Pendant zur Erwerbsarbeit ist der Konsum. Die Fülle an Freizeit- und Konsummöglichkeiten nimmt zu, die Freizeitindustrie inszeniert fortlaufend Events. Längst geht es nicht mehr um Einkaufsmöglichkeiten, "Shopping" meint vielmehr arrangierte Einkaufswelten und Ereignisse.

Dabei ist eine wachsende Zahl von Personen selbst in den wohlhabenden Ländern von beidem ausgeschlossen: von Erwerbsarbeit wie Konsum. Denn die Verfügungsmöglichkeiten über Zeit sind ungleich verteilt. Das "Prekariat" muß zunehmend mehr Lebenszeit einsetzen, um am materiellen Wohlstand teilzuhaben. Unsoziale Arbeitszeiten wie Nacht-, Wochenend- und Sonntagsarbeit sind ungleich verteilt. Frauen tragen die zeitlichen Lasten, die sich aus Beruf und Familie ergeben.

Studien zeigen für die Gestaltung der Erwerbsarbeitswelt eine erschreckende Zunahme psychischer Erkrankungen durch die immer größere Beschleunigung. Es fehlen die regelmäßigen Möglichkeiten, abschalten zu können. Daß aber freie Zeit und Ruhezeiten nicht beliebig verschiebbar sind, hat im Juni 2011 eine Expertenkonferenz im Wirtschafts- und Sozialausschuß der EU in Brüssel aufgezeigt. Die individuelle und gemeinschaftliche Rhythmisierung des Lebens ist eine Frage der Gesundheit. Sonntagsruhe wie angemessene Arbeitszeiten in einer neuen Arbeitszeitrichtlinie zu verankern, ist deshalb das Ziel der European Sunday Alliance (Europäische Sonntagsallianz), die am 20. Juni 2011 in Brüssel von über 60 Organisationen gegründet wurde - ein breites Bündnis aus Gewerkschaften, Kirchen und Zivilgesellschaft auf der Basis von zehn Allianzen und Initiativen. Wärend die Regierung Monti in Italien Anfang 2012 die Ladenschlußzeiten vollständig liberalisiert hat, ist in Osteuropa eine gegenläufige Entwicklung feststellbar: In Polen wurde 2008 eine Allianz für den freien Sonntag unter maßgeblicher Beteiligung der polnischen Gewerkschaft Solidarnosc gegründet. Mittlerweile gibt es im Handel 14 freie Sonntage. Sonntags-Allianzen und Initiativen haben sich auch in der Slowakei und in Kroatien gebildet.

In Deutschland wurde 2006 die Gesetzgebung zum Ladenschluß vom Bund auf die Länder übertragen. Es wurden neue Ladenöffnungsgesetze kreiert, ausgenommen in Bayern und im Saarland. Gegen dieses Gesetz klagten die Evangelische und die Katholische Kirche vor dem Bundesverfassungsgericht. Am 1. Dezember 2009 entschied dieses, daß das Ladenschlußgesetz für das Bundesland Berlin nicht dem Grundgesetz entspricht und zu ändern ist.

Auf zwei Aspekte dieses Urteils weist Hannes Kreller (KAB Deutschland und Deutsche Sonntagsallianz) hin: Darin, daß Sonn- und Feiertage dem ökonomischen Nutzendenken eine Grenze ziehen und dem Menschen um seiner selbst willen dienen, sehen die Verfassungsrichter einen Bezug zum höchsten Verfassungsgut: der Menschenwürde. Zum andern müssen Sonntagsöffnungen im Einzelhandel im öffentlichen Interesse stehen. Ein bloßes "Shopping-Interesse" von Kunden oder ein wirtschaftliches Interesse von Händlern rechtfertigt laut Bundesverfassungsgericht keine verkaufsoffenen Sonntage. Derzeit engagieren sich in Deutschland Sonntags-Allianzen in Bayern, Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, Hessen, Nordrhein-Westfalen, Sachsen und in über 80 Kommunen.

Nach Hannes Kreller war die Allianz für den freien Sonntag in Österreich die Blaupause für die Gründung eines Bündnisses in Deutschland. Die österreichische Allianz wurde bereits am 3. Oktober 2001 gegründet und feierte am 18. Oktober 2011 im Parlament in Wien ihr zehnjähriges Bestehen. Die Koordination dieser breiten Allianz von Organisationen aus Kirchen, Gewerkschaften und Zivilgesellschaft liegt bei der Katholischen Sozialakademie Österreichs (ksoe), die auch das Projekt des Ökumenischen Sozialwortes der 14 christlichen Kirchen in Österreich (2003) koordiniert hat. Das Eintreten für den arbeitsfreien Sonntag wird als eine wichtige Aufgabe der Kirchen in der Gesellschaft angesehen.

Zentrales Anliegen der Bewegung für den freien Sonntag sind Zeitwohlstand und Lebensqualität. An die Stelle einer Rund-um-die-Uhr-Gesellschaft treten regelmäßige Unterbrechungen, synchronisierte Auszeiten. Solche gemeinsame Zeiten sind gesundheitsförderlich und sorgen dafür, daß möglichst viele Menschen füreinander und für sich verläßliche Zeiten haben, die nicht individuell ausgehandelt werden müssen. Der freie Sonntag stärkt damit den sozialen Zusammenhalt. Ausnahmen von der Sonntagsruhe sind notwendig und zu begründen: etwa in den Bereichen Gesundheit, Pflege, Verkehr oder Sicherheit. Allen Menschen, die am Sonntag für andere arbeiten, gebührt Wertschätzung und entsprechender Lohn.

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