Wir Behinderten

Wer - wie der Verfasser dieses Editorials - als fast Achtzigjähriger mit einer Krebserkrankung zu kämpfen hat, sich wegen inoperabler Metastasen einer Chemotherapie unterziehen, dazu Tag für Tag Medikamenten-Cocktails schlucken muß und nur intravenös ernährt werden kann, kennt einen Zustand als Insider, den die Mehrheit der Deutschen nur als die für sie wichtigste Bedrohung fürchtet. Nach einer im September 2009 veröffentlichten Studie ist nämlich die Angst, im Alter ein Pflegefall zu werden, mit Abstand deren größte persönliche Sorge. Sie stieg, verglichen mit 2008, leicht auf 54 Prozent. Frauen bedrängt sie mehr als Männer. Dazu kommt noch die Befürchtung, von einer schweren Krankheit oder ernsten Behinderung heimgesucht zu werden, die ebenfalls rund die Hälfte der Bevölkerung bedrückt.

Drei Komponenten treten bei diesen Ängsten in den Vordergrund: Man fürchtet etwa, von anderen abhängig zu werden, ihnen zur Last zu fallen, lästig zu werden und dadurch an Zuneigung bei ihnen zu verlieren. So zögert man, um Hilfe zu bitten und versucht, mit einem Rest von Stolz auf die noch übrige eigene Leistungsfähigkeit notdürftig allein zurechtzukommen. Man möchte so nicht nur anderen, sondern mehr noch sich selbst beweisen, daß man noch nicht zum "alten Eisen" gehört - obwohl eben dieses Zukunft hat, denn dem Statistischen Bundesamt zufolge werden im Jahr 2025 in Deutschland 28 Millionen Menschen älter als 60 Jahre sein; 1997 waren es 18 Millionen.

Trotz unserer Abneigung, als Bittsteller zu erscheinen, sollte man daher doch vielleicht lernen, andere um Hilfe zu bitten, um sich auf diese Zukunft vorzubereiten. Dies kann sich insofern positiv auswirken, als uns damit der Blick dafür geöffnet wird, daß der einzelne als soziales Wesen ständig auf Mitmenschen angewiesen ist, sich also niemand der Gemeinschaft entziehen kann oder darf. Er kann so auch darauf aufmerksam werden, daß andere seine Hilfe brauchen, auch wo sie sich scheuen, darum zu bitten.

Ein Zweites: Man ängstigt sich, seine Würde zu verlieren, wenn man sich dem Status eines Kleinkindes nähert, in dem man hilflos der Fürsorge anderer ausgeliefert ist und jeden Eingriff in die eigene Intimsphäre über sich ergehen lassen muß, wogegen sich - im Unterschied zum Kleinkind - unser erwachsenes Schamgefühl sträubt (etwa wenn die Kontrolle über die Körperausscheidungen verlorengeht). Vielleicht noch mehr gefürchtet ist der Verlust geistiger Fähigkeiten, im Extremfall in der Altersdemenz, in der der Betroffene seine personale Würde einzubüßen und nur noch vor sich hin zu vegetieren scheint. Da mag es als tröstlich gelten, daß der Verwirrte selbst diesen Zustand weithin gar nicht mitbekommt. Die Angst vor der Demenz, oft in Form der Alzheimer-Erkrankung, ist nicht unbegründet, vor allem, wenn ein hohes Alter erreicht wird; von den 80- bis 84jährigen sind 13,3 Prozent dement, von den 85- bis 89jährigen 23,9, von den über 90jährigen sogar 34,6 Prozent.

Es ist also ratsam, dieser Gefahr ins Auge zu sehen. Wie kann man sich darauf einstellen? Der altersbedingte Abbau eigener Fähigkeiten läßt sich nicht auf eine prozentual eingrenzbare Gruppe beschränken. Und unabhängig davon verlieren heute alte Menschen zunehmend an Wertschätzung, weil der Unterschied der gegenwärtigen Lebenswelt zur vergangenen rasant zunimmt. Alle Erfahrung wird aber in der Vergangenheit erworben. Je rascher und weitgehender sich die Gegenwart vom Früheren unterscheidet, desto weniger taugt daher diese Erfahrung, um gegenwärtige Probleme zu meistern. Der ältere Mensch hat aber dem jüngeren vor allem größere Erfahrung voraus. Verliert nun dieses Kapital an Wert, dann verliert auch der Kapitaleigner an Achtung - jedenfalls in einer Gesellschaft, für die oft gilt: "Hast du was, bist du was!"

Es lohnt, darüber nachzudenken, worin denn die Würde des Menschen besteht, von der es im ersten Satz unseres Grundgesetzes heißt: "Die Würde des Menschen ist unantastbar" - obwohl sie doch ständig mehr als nur "angetastet" wird. Sie darf nicht mit der Achtung verwechselt werden, die andere einem entgegenbringen. Denn sie besteht unabhängig von der Meinung anderer und kommt dem Menschen nicht aufgrund besonderer Eigenschaften zu, die er haben oder entbehren kann, sondern gründet allein darin, daß er Mensch ist - wie behindert oder beeinträchtigt er auch ist.

Als dritter Bestandteil der Angst vor Alter und Krankheit ist die Befürchtung zu nennen, nicht mehr gebraucht zu werden, zu nichts mehr zu taugen. Sie gründet in unserer naturbedingten Neigung, alles allein nach seiner Verwertbarkeit, seinem Nutzen zu beurteilen. Wer andere etwa als "Taugenichts" abqualifiziert, belegt dadurch, daß bei der Bewertung eines Menschen der zu erwartende Nutzen für ihn ausschlaggebend ist; das aber ist pure Sklavenhaltergesinnung, eine Mangelkrankheit verkümmerter Menschlichkeit. Ohne zu begreifen, daß der Sinn von etwas mehr ist als sein Nutzen, läßt sich nämlich keine echte menschliche Beziehung aufbauen. Mitmenschliche Liebe verlangt vielmehr, daß ich den anderen um seiner selbst willen schätze und nicht nur, weil er oder mein Verhältnis zu ihm einen Vorteil abwirft und mir Gewinn bringt.

Nur wer das einsieht und einübt, kann begreifen, daß selbst der Schwerstbehinderte oder der pflegebedürftigste Alte ebenso voll und ganz Mensch ist wie der tüchtigste Arbeiter und Planer. Immanuel Kant fordert daher zurecht: "Handle so, daß du die Menschheit, sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden andern, jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchst." Bloße Zweckmäßigkeit und Nützlichkeit dürfen nie alleiniges Kriterium für die Anerkennung eines Menschen darstellen. Wer sich darauf beschränkte, litte an einer Behinderung, die viel schwerwiegender ist als jede körperliche oder sonstige, auch geistige Beeinträchtigung: Er wäre behindert an Mitmenschlichkeit. Ob wir in dieser entscheidenden Hinsicht zu den Behinderten zählen, liegt in unserer Hand.

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