Kulturhauptstadt Istanbul

Außergewöhnlich und herausfordernd war die Entscheidung der Europäischen Union, neben Essen und Pécs (Ungarn) Istanbul zur Europäischen Kulturhauptstadt 2010 zu küren. Die Stadt liegt an der Schnittstelle zweier Kontinente, zweier Weltreligionen und zweier Kulturkreise: Europa und Asien, Christentum und Islam, Orient und Okzident. Von 324 bis 1924 war Byzanz - Konstantinopel - Istanbul die Hauptstadt mächtiger Weltreiche: Römer, Byzantiner und Osmanen lösten einander ab. Keine Stadt Europas - von Rom abgesehen - hat so sehr das religiöse, politische, wirtschaftliche und kulturelle Leben des Kontinents geprägt und herausgefordert wie die Millionenmetropole am Bosporus.

Mit einem ambitionierten Konzept versuchen die Veranstalter, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ihrer Stadt gerecht zu werden. Vielfalt und Einheit, Gemeinsames und Trennendes, Zusammen- und Wechselspiel unterschiedlicher Religionen, Ethnien und gesellschaftlicher Gruppen sollen im Bild der vier Elemente (Erde, Wasser, Luft und Feuer) faßbar werden.

Das Element Erde verweist auf die tiefe Verwurzelung der Stadt in ihrer Geschichte und ihrem historischen Erbe - das es immer wieder neu und kritisch zu entdecken, wo noch möglich, zu bewahren und für heute fruchtbar zu machen gilt. Vieles fiel der Ignoranz und Modernisierungswut vergangener Jahrhunderte und der Notwendigkeit, Wohnraum für eine stets wachsende Bevölkerung bereitzustellen, zum Opfer. Dennoch konnte manches bewahrt werden: Byzantinische und osmanische Paläste säumen die Küste, aus ihren sieben Hügeln wachsen gleichsam die majestätischen Baukörper der Hagia Sophia oder die mit ihr wetteifernden Moscheen des genialen Architekten Sinan empor, ihre Basare laden zum Eintauchen in eine Welt wie aus 1001 Nacht ein, und noch mancher Winkel versetzt den Besucher in die Zeit der Osmanen. Auch die moderne Architektur muß den Vergleich nicht scheuen.

Die Stadt wird von Wasser umspült und durch ihre Häfen geprägt, und so drängt sich Wasser wie von selbst als Symbol auf. Bosporus und Marmarameer verbinden Schwarzes und Mittelmeer - ein Wasserweg, eine Lebensader, die Stadtteile und Kontinente zugleich trennt und verbindet. Es ist imposant, wenn riesige Tanker und Luxuskreuzer majestätisch vor der Kulisse des Topkapi Serails vorbeiziehen und sich zwischen ihnen kleine Boote und Schiffe ameisengleich ihren Weg suchen.

Für den Hauch Gottes und das Inspirierende der Religionen soll das Element Luft stehen. Istanbul als Stadt der Winde und der Türme. Unzählige Minarette ragen triumphierend in die Luft, und die kleinen, in die Unscheinbarkeit verbannten Türme christlicher Kirchen gehen daneben fast unter. Die Bosporusmetropole ist eine multireligiöse, multiethnische und multikulturelle Stadt - vor einhundert Jahren noch mehr als heute. Solange ethnische und religiöse Minderheiten den (unter dem Vorwand einer problematischen Laizität) staatlich kontrollierten Islam oder das Türkentum nicht in Frage stellen, werden sie geduldet. Sie kämpfen noch immer um ihre Anerkennung (Kurden und Aleviten) oder um ihr Überleben (Griechen und Armenier) - Rechtsgleichheit und Religionsfreiheit bleiben verwehrt.

In die Zukunft will das letzte Element weisen: Feuer. Kraft und Dynamik, Technologie, Modernität und Jugend sollen zum Ausdruck gebracht werden. Istanbul will sich als eine moderne, pulsierende und innovative Weltstadt sehen. Ihr Erscheinungsbild ist mit unzähligen Kindern und Jugendlichen und über 240000 Studierenden extrem jung. Die damit verbundene Dynamik prägt vor allem das kulturelle Leben: Oper, Theater, Kino, Musik und bildende Kunst stehen in ihrer Experimentierfreude und Kreativität kaum einer anderen Weltstadt nach. Sie ist der kulturelle, intellektuelle, technologische und wirtschaftliche Motor der Türkei. Keine türkische Stadt drängt so sehr nach Westen wie die Metropole am Bosporus.

Wird die Umsetzung dieses ambitionierten Konzepts gelingen? Oder werden Kriminalität, Korruption und Mißwirtschaft auch diesmal schwer zu beseitigende Hindernisse auf dem Weg sein? Es wäre der Stadt des Literaturnobelpreisträgers Orhan Pamuk zu wünschen, daß sie, ohne in ihre gewohnte Melancholie - türkisch "hüzün" genannt - zu verfallen, den Spagat zwischen Orient und Okzident, zwischen Vergangenheit und Zukunft mutig meistert. Sie selbst und die Welt könnten davon profitieren. Wenn es Istanbul gelänge, die verschiedenen Religionen, Kulturen und Ethnien ihrer Bewohner in einen produktiven Austausch zu bringen und zu integrieren, dann könnte es nicht nur seiner Brückenfunktion zwischen Europa und Asien gerecht werden, sondern auch eine Führungsrolle innerhalb der islamischen Welt übernehmen.

Ein Istanbul, das seine Identität im Wechsel- und Zusammenspiel der vier Elemente gefunden hat, kann die Welt lebenswerter und friedlicher machen. Denn ein gewaltbereiter Islam oder menschenverachtender Terrorismus werden nicht allein durch Kontrolle und Unterdrückung bezwungen. Menschen brauchen Visionen. Istanbul könnte für das dritte Jahrtausend der Ort sein, wo diese Vision gelebt werden kann. Doch solange wegen falsch verstandener Laizität Studentinnen in der Universität ihr Kopftuch unter einer Perücke verbergen müssen oder solange der Ökumenische Patriarch keine Priester ausbilden darf, wird diese Vision ein Traum ohne Aussicht auf Verwirklichung bleiben.

Um ihrer selbst willen sollten sich die Kulturhauptstadt Istanbul und die Türkei um die Verwirklichung dieses Traums nach Kräften bemühen - nicht nur, weil sie um jeden Preis in die EU wollen. Wenn die Metropole am Bosporus eine wirklich weltoffene und tolerante Stadt ist, in der Juden, Christen und Muslime gut, frei und ohne Angst zusammenleben können, dann wäre das heterogene und spannungsreiche Erbe der Stadt für Gegenwart und Zukunft fruchtbar gemacht. Zwar mag sie geographisch weiterhin am Rand Europas liegen, in Wirklichkeit aber ist sie dann näher an die Mitte des Kontinents herangerückt.

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