Bekannte Texte predigen: Der Sonnengesang des Franziskus von Assisi

Einig sein mit allem. Nah sein. Das Wesen von allem erkennen. Fühlen, dass alles gut ist. Dass die Schöpfung mit ihren Wundern uns geschwisterlich umgibt. Vielmehr: dass wir eingewoben sind in ein staunenerweckendes Lebens- und Lobensgeflecht. Noch den Tod als gutes Geschöpf lebendiger Ordnung wahrnehmen: Geschöpf, das Gott lobt. „Eia, wär‘n wir da!“ (EG 35,3)
Aber zuweilen sind wir ja da. Sonst würden uns die Strophen des Sonnengesangs wohl nicht so zu Herzen gehen. Sonst würden sie in unserer Seele nicht solchen Widerhall hervorrufen.

Aber auch der Dichter des Sonnengesangs war nicht immer auf der Höhe dieses Liedes. Franziskus ist einen konfliktreichen, verschlungenen, sehr eigentümlichen Weg gegangen bis zum Sonnengesang. Es ist gewiss auch etwas einseitig, aus der Verkündigung des Franziskus ausschließlich den Sonnengesang weiterzureichen. Denn Franziskus sah als seine Berufung an, Buße zu predigen und zu leben. Und zwar in einer Gerichtsstrenge, die auf heutiges Empfinden befremdlich wirkt. Aber sein Sonnengesang ist aus gutem Grund populär. Wir haben ja das Schöpfungslob neu zu hören in unseren Tagen. Wir haben es neu einzuüben. Und das nicht ohne demütige Buße. Schließlich sind uns die Folgen schöpfungsvergessenen Wirtschaftens in aller Gerichtsstrenge vor Augen. Wir mögen Buße und Gericht anders wahrnehmen als Franziskus vor ca. 800 Jahren. Aber wir blenden sie nicht aus, wo wir mit dem Sonnengesang Gott in seiner Schöpfung preisen.
Franziskus und seine geistlich verwandten Schwestern und Brüder singen uns vor. Lasst uns das Lied nachsingen und weitersingen. Und staunen und leben und lieben.

„Höchster, allmächtiger, guter Herr,
dein sind das Lob, die Herrlichkeit und Ehre
und jeglicher Segen.
Dir allein, Höchster, gebühren sie,
und kein Mensch ist würdig, dich zu nennen.“
Die erste Strophe setzt ein wie ein großer Gongschlag. Und dann hebt es an, das berühmte „Laudato si, mi signore“. Acht Strophen lässt Franziskus mit diesem Kehrvers beginnen: „Gelobt seist du, mein Herr.“
Dann schließt sein Gesang mit der Ermunterung:
„Lobt und preist meinen Herrn
Und dankt ihm mit großer Demut.“

Der Sonnengesang ist ein Gottesgesang. Der Lobpreis gilt Gott allein durch alle seine Geschöpfe. „Bruder Sonne“, „Schwester Mond“, „Bruder Wind“, „Schwester Wasser“, „Bruder Feuer“, „Schwester, Mutter Erde“ sind nicht selbst Empfängerinnen und Empfänger des Lobs. Sie werden nicht direkt angesprochen, aber – so möchte ich es mal sagen – halbdirekt. Sie werden so nah und familiär genannt, dass sie sowohl Geschöpfe sind, durch die der Mensch staunend zum Gotteslob findet, als auch Mitgeschöpfe, die zusammen mit der singenden Seele ihren Schöpfer preisen. Dieser familiäre Ton von der Geschwisterlichkeit der Geschöpfe! Wie schön klingt er im Chor der christlichen Überlieferung. Wie wahr und würdig. Wie oft wurde diese Stimme vernachlässigt, nicht besetzt, nicht eingeübt, übertönt oder gar zum Schweigen gebracht. Wie hat sie gefehlt. Meist sind es die Mystiker und Mystikerinnen, die Leisen, die Tiefverbundenen, die sie gesungen haben und singen. Dieser Ton von der Geschwisterlichkeit der Geschöpfe macht den Sonnengesang so besonders. „Schwester Wasser“, „Bruder Feuer“ – das hat Franziskus offenbar nicht vorgefunden, sondern es wurde ihm im Gespräch mit Gott, seinem Wort und seiner Schöpfung als besondere Glaubenserfahrung zuteil. Er reicht sie uns weiter mit der Einladung zum Einstimmen.

Jede einzelne Strophe lohnt gründliches Hineinmeditieren. Oder langsames Hindurchspazieren. Mit offenen Sinnen. Tag und Nacht erkunden, Licht und Dunkel wahrnehmen. Wind und Wetter spüren. Wasser, Feuer, Erde riechen … Sich den Geschwistern Elemente aufmerksam annähern. Ihr Gotteslob erkennen. Ihr Wesen im großen Zusammenhang, das dich ins Gotteslob zieht. Bis du dich selber flüstern, sagen oder singen hörst: „Gelobt seist du, mein Herr, für Schwester Wasser“; oder: „Gelobt seist du, mein Herr, durch Bruder Feuer“… „Für“ oder „durch“? Beides ist möglich als Übersetzung des altitalienischen „per“. Das eine betont den Lobpreis der Geschwister Elemente, das andere den Lobpreis des staunenden Schwesterbruders Mensch angesichts der geschwisterlichen Elemente.
Es gibt Vorbilder für dies Schöpfungslied zum Lob Gottes. So schimmert die Schöpfungsgeschichte aus 1. Mose 1 durch den Sonnengesang hindurch. Sicher hat auch das große Schöpfungslob aus Psalm 148 den Gesang inspiriert.

Wann genau – im Laufe seiner ungefähr 44 Lebensjahre zwischen 1181/82 und 1226 – Franziskus dieses „Canticum fratris Solis“, dieses „Lied von Bruder Sonne“, gedichtet hat, lässt sich nicht sicher sagen. Sein Biograph bringt die Entstehung des Liedes in Zusammenhang mit einer schweren Erkrankung des Franziskus kurz vor seinem Tod. Die achte und die neunte Strophe legen einen solchen Zusammenhang nahe. Möglich ist aber auch, dass Franziskus das Lied nach und nach gedichtet hat. Einen gewissen Bruch empfindet man ja, wo mit Strophe acht die Menschen in den Blick kommen und nun nicht einfach in ihrer Geschöpflichkeit, sondern speziell unter dem Gesichtspunkt der Demut, in der sie verzeihen und ertragen:
„Gelobt seist du, mein Herr,
durch jene, die verzeihen um deiner Liebe willen
und Krankheiten ertragen und Drangsal.
Selig jene, die solches ertragen in Frieden,
denn von dir, Höchster, werden sie gekrönt.“
Vielleicht war es so, dass Franz zunächst ein Schöpfungslied gedichtet hat. Darin loben die hohen Gestirne und die vier Elemente – Luft, Wasser, Feuer, Erde – ihren Schöpfer. Als Schlussakkord setzt Franziskus einen Aufruf an alle zum Lobpreis Gottes. Dann finden wir hier ein Selbstzeugnis jener besonderen Nähe auch zu den nichtmenschlichen Geschöpfen, von der uns viele Legenden erzählen. Vielleicht hat Franziskus das Lied später, sozusagen aus aktuellem Anlass, um die achte, die Friedensstrophe, ergänzt; als er in einem Streit zwischen dem Bischof von Assisi und dem Bürgermeister zu vermitteln hatte (vgl. dazu Leppin, S. 181). Vielleicht ist die Friedensstrophe aber auch unabhängig von einem konkreten Anlass entstanden, ist Ausdruck seiner grundsätzlichen Glaubenshaltung, die in extremer Armut, in Anfeindung, Hingabe und Leiden dieses „ertragen in Frieden“ einzuüben sucht.

Vielleicht hat er die neunte Strophe erst geschrieben, als er spürte, dass „Schwester Tod“ nahe war. Vielleicht. Wie auch immer es gewesen sein mag – in den Strophen acht und neun finden sich die meisten Anklänge an das Neue Testament. Die Seligpreisungen Jesu klingen an; aber auch die für Franziskus so zentralen Themen Buße und Gericht. Sie sind einbezogen in das Lob Gottes; sind im Grunde Bestandteil dieses Lobes. Sie sind gut; wo du nah genug an ihr Wesen kommst. Wie auch die „Schwester Tod“.

Im Kloster Sießen – bei Bad Saulgau im Oberschwäbischen – gibt es einen schön angelegten Franziskusgarten. Dort kann man an verschiedenen Stationen die einzelnen Strophen des Sonnengesangs meditieren. Bei „Schwester Tod“ betrittst du durch ein graues Tor einen Gang, der in einen Erdhügel gegraben ist. Es geht ins Dunkle. Du tastest dich um ein paar Ecken, spürst die Beklemmung. Auf einmal stehst du wie in deinem eigenen Grab. Nur eine Glasscheibe trennt dich von der Grube, ausgehoben in den üblichen Maßen. 1,80 m über dir das kleine Rechteck Licht von oben, Himmel. Was für ein Eindruck! „Gelobt seist du, mein Herr, / durch unsere Schwester, den leiblichen Tod …“?

Franziskus starb einen schweren Tod. Krankheiten und körperliches Leiden haben ihn sein Leben lang begleitet. Durch extreme Askese und Bußübungen hat er selbst seinen Körper zusätzlich geschwächt. Die letzten beiden Lebensjahre sind geprägt von Krankheitszeiten und schwerem Leiden. Nach allem, was uns überliefert ist, ist er bei dem geblieben, was er im Sonnengesang gefunden hat:
„Gelobt seist du, mein Herr,
durch unsere Schwester, den leiblichen Tod …“

Einig sein mit allem. Nah sein. Das Wesen von allem erkennen. Fühlen, dass alles gut ist. Noch den Tod als gutes Geschöpf lebendiger Ordnung wahrnehmen: Geschöpf, das Gott lobt. So wie ich, wo ich singe, sage, bete: „Laudato si, mi Signore.“
„Lobt und preist meinen Herrn
Und dankt ihm mit großer Demut.“

Der Sonnengesang in der deutschen Übersetzung des altitalienischen Textes (von Leonhard Lehmann, zitiert aus: Volker Leppin, Franziskus von Assisi, wbg THEISS, Darmstadt, 2018, S. 182f):
„1) Höchster, allmächtiger, guter Herr,
dein sind das Lob, die Herrlichkeit und Ehre und jeglicher Segen.
Dir allein, Höchster, gebühren sie,
und kein Mensch ist würdig, dich zu nennen.
2) Gelobt seist du, mein Herr,
mit allen deinen Geschöpfen,
zumal dem Herrn, Bruder Sonne,
welcher der Tag ist und durch den du uns leuchtest.
Und schön ist er und strahlend mit großem Glanz:
Von dir, Höchster, ein Sinnbild.
3) Gelobt seist du, mein Herr,
durch Schwester Mond und die Sterne;
am Himmel hast du sie gebildet,
klar und kostbar und schön.
4) Gelobt seist du, mein Herr,
durch Bruder Wind und durch Luft und Wolken
und heiteres und jegliches Wetter,
durch das du deinen Geschöpfen Unterhalt gibst.
5) Gelobt seist du, mein Herr,
durch Schwester Wasser,
gar nützlich ist es und demütig und kostbar und keusch.
6) Gelobt seist du, mein Herr,
durch Bruder Feuer,
durch das du die Nacht erleuchtest;
und schön ist es und fröhlich, kraftvoll und stark.
7) Gelobt seist du, mein Herr,
durch unsere Schwester, Mutter Erde,
die uns erhält und lenkt
und vielfältige Früchte hervorbringt
und bunte Blumen und Kräuter.
8) Gelobt seist du, mein Herr,
durch jene, die verzeihen um deiner Liebe willen
und Krankheiten ertragen und Drangsal.
Selig jene, die solches ertragen in Frieden,
denn von dir, Höchster, werden sie gekrönt.
9) Gelobt seist du, mein Herr,
durch unsere Schwester, den leiblichen Tod;
ihm kann kein Mensch lebend entrinnen.
Wehe jenen, die in tödlicher Sünde sterben.
Selig jene, die er findet in deinem heiligen Willen,
denn der zweite Tod wird ihnen kein Leid antun.
10) Lobt und preist meinen Herrn
Und dankt ihm mit großer Demut.“

Gebet von Franz von Assisi:
Höchster
lichtvoller Gott
Erleuchte
Die dunkle Nacht
In meinem Herzen
Gib mir
Geradlinigkeit im Glauben
Gewissheit in der Hoffnung
Vollkommenheit in der Liebe
Öffne
meine Sinne
und mein Begreifen
für deine Gegenwart
Ja, Herr,
Beweg mich,
dass ich deinen heiligen und wahren Auftrag ausführe.
Amen.
(Aus: Anton Rotzetter, Beten mit Franz von Assisi, Verlag Herder, Freiburg 1998, S. 47)

Psalmvorschlag: Psalm 148 oder Psalm 104
Lesung: 1. Mose 1,1–31 oder Matthäus 5,1–12
Liedvorschläge: 165,1.5–8 (Gott ist gegenwärtig)
515 (Laudato si)
504 (Himmel, Erde, Luft und Meer)
506 (Wenn ich, o Schöpfer)
499 (Erd und Himmel sollen singen)

P.S.: Eine Freundin machte mich darauf aufmerksam, dass das Lied „Laudato si“ (EG 515) ein „Malle-Hit“ geworden sei. Halt mit dem entsprechenden Rhythmus und so. Als ich diesem Hinweis auf youtube nachgehe (Laudato si, Mickie Krause), beschert mir dies ein verstörendes Erlebnis zwischen kopfschüttelndem Lachen, Faszination und Grausen. Vielleicht ist es gut, diese Adaption zu kennen.

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