Liedpredigt "Wir wollen alle fröhlich sein" (EG 100)

Halleluja. Geschafft. Erschöpft sank sie in den Stuhl. Ein langer Arbeitstag lag hinter ihr. Vormittags Schulunterricht, nachmittags Chor und anschließend ein Elterngespräch. Ein langer Arbeitstag, der noch nicht zu Ende war. Auf dem Schreibtisch vor ihr türmten sich Stapel, die es wegzuarbeiten galt. Sosehr sie ihren Beruf als Lehrerin liebte, ebenso sehr freute sie sich auf die bald beginnenden Osterferien. Ein paar freie Tage. Erschöpft lehnte sie sich zurück und blickte auf das Chaos. Womit beginnen? Der Blick wanderte Richtung Klausurenstapel, den es zu korrigieren galt, und blieb an einem Notizzettel hängen, der darunter hervorlugte. In krakeliger Schrift war darauf „EG 100“ notiert. Was sollte das denn bedeuten? Für einen kurzen Moment war sie ratlos. Dann schoss es ihr durch den Kopf. O nein. Sie erinnerte sich. Den Zettel hatte ihr der Pfarrer vor einigen Wochen zugesteckt. Sie war so unvorsichtig gewesen, beim Taufelterngespräch zu signalisieren, dass sie sich vorstellen könne, an der ein oder anderen Stelle in der Kirchengemeinde mal zu helfen. Zugleich hatte der Pfarrer die Gelegenheit ergriffen, sich einen Notizzettel geschnappt und „EG 100“ darauf notiert. Ob sie nicht zum Gesangbuchlied Nr. 100 einen kleinen Beitrag für den Gemeindebrief schreiben wolle. Sie sei doch Musiklehrerin, und ein Beitrag von einer studierten Musikerin sei sicher sehr spannend. Keine Angst, das sei keine große Sache. Ein paar Zeilen genügten, und wenn der Beitrag zwei Wochen vor Ostern fertig wäre, das reiche vollkommen. Ach, das sei aber schön, dass sie sich bereiterkläre.

Sie saß am Schreibtisch, in der Hand den Zettel. O nein. Das hatte sie vollkommen vergessen. Zwei Wochen vor Ostern. Das war bald. Was sollte sie überhaupt schreiben? Sie war zwar Musiklehrerin, aber mit der Kirche hatte sie es eigentlich nicht so. Früher als kleines Kind war sie schon ab und zu mit ihrer Großmutter in die Kirche gegangen, dann irgendwann bis zur Konfirmation und später hin und wieder bei besonderen Anlässen. Trotzdem wusste sie nicht so recht. Was konnte ausgerechnet sie zu einem Kirchenlied schreiben? Lieber absagen? Vorher wollte sie aber zumindest nachsehen, welches Lied sich hinter „EG 100“ verbarg. Sie ging zum Bücherregal, streckte sich nach dem Gesangbuch, das oben in der hintersten Ecke schlummerte, zog es heraus und fing mit Blättern an. Die dünnen Seiten raschelten zwischen den Fingern. Nummer 56, Nummer 98, Nummer 100.

Ihr erster Blick galt als Musiklehrerin natürlich dem musikalischen Aufbau. Zunächst zählte sie die Strophen: Das Lied setzte sich aus fünf Strophen zusammen. Ihr zweiter Blick galt dem Aufbau der einzelnen Strophen: Hier war offenbar das Dreierelement prägend. Jede Strophe hatte sechs Zeilen, und diese wiederum waren in zweimal drei Zeilen unterteilt. Somit bildeten die Zeilen eins, zwei und drei eine Einheit, ebenso die Zeilen vier, fünf und sechs. Die Zweiteilung war gut daran erkennbar, dass sich dieselbe Melodie zweimal wiederholte.
Der musikalische Aufbau spiegelte sich im Text wider. Der Text in den ersten drei Zeilen variierte von Strophe zu Strophe, in den letzten drei Zeilen folgte stets derselbe Refrain. Sie stutzte. Der Refrain war augenscheinlich besonders hervorgehoben. War er doch zum einen genauso lang wie die Strophe. Zum anderen hatte er dieselbe Melodie. Der Refrain stach so sehr hervor, dass man ihn genauer unter die Lupe nehmen sollte. So hätte sie das jedenfalls ihren Schülern beigebracht.
Also, was hatte es mit dem Refrain auf sich? „Halleluja, Halleluja, Halleluja, Halleluja, gelobt sei Christus, Marien Sohn.“ Halleluja kannte sie aus dem christlichen Kontext. Aber was bedeutete Halleluja eigentlich? Ihre Neugier war geweckt. Mit dem Gesangbuch in der Hand ging sie zurück an den Schreibtisch und recherchierte im Internet. Offenbar leitete sich Halleluja aus dem Hebräischen ab und hieß übersetzt „lobt Jah“, wobei „Jah“ für Gott stand. Der Refrain forderte also auf, Gott und Christus zu loben. „Lobt Gott, lobt Gott, lobt Gott, lobt Gott, gelobt sei Christus, Marien Sohn.“
Sie begann, leise die Melodie zu summen. Sie klang fröhlich und schwungvoll, geradezu tänzerisch durch den Dreierrhythmus. Irgendwie kam sie ihr bekannt vor. Seltsam. Sie war doch so selten in der Kirche. Woher sie die Melodie nur kannte? Leise summte sie vor sich hin, und schließlich begann sie, die erste Strophe zu singen.

„Wir wollen alle fröhlich sein in dieser österlichen Zeit, denn unser Heil hat Gott bereit.“ „Österliche Zeit“ - im Gesangbuch stand das Lied deshalb wohl bei den Osterliedern. Sie stellte sich vor, wie Menschen an Ostern im Gottesdienst saßen und gemeinsam das Lied anstimmten: „Wir wollen alle fröhlich sein in dieser österlichen Zeit.“ Ja, Ostern ist für Christen ein Fest der Freude. Sie erinnerte sich, das im Religions- und Konfirmandenunterricht gelernt zu haben. Weshalb war Ostern ein Fest der Freude? Das Lied gab die Antwort: „denn unser Heil hat Gott bereit“. „Heil“. Was meinte das genau? Ihre Gedanken schweiften in die Vergangenheit. Sie saß nun wieder als kleines Mädchen im Religionsunterricht. Der Pfarrer erzählte die Ostergeschichte. Jesus war am Karfreitag am Kreuz gestorben und nach drei Tagen auferstanden. Kurz erwachte sie aus ihrem Tagtraum, nahm das Gesangbuch und las die zweite Strophe. Tatsächlich, die beschrieb „Heil“ genau so: „Es ist erstanden Jesus Christ, der an dem Kreuz gestorben ist“. Erneut schweiften ihre Gedanken in die Vergangenheit Richtung Religionsunterricht. Nachdem der Pfarrer damals fertig erzählt hatte, hatte sich ein Mitschüler gemeldet und mit ernstem Gesichtsausdruck gefragt: „Und warum ist Jesus gestorben?“ Der Pfarrer hatte erklärt: Jesus war für die Sünden der Menschen gestorben und hat sie damit vom ewigen Tod erlöst, sodass nun das ewige Leben auf sie wartet. Genau das meinten wohl auch die dritte und vierte Strophe: „Er hat zerstört der Höllen Pfort, die Seinen all herausgeführt und uns erlöst vom ewgen Tod … der uns erkauft das Paradeis.“

Aus dem Tagtraum erwacht, saß sie nun nicht mehr als kleines Mädchen im Religionsunterricht, sondern im Hier und Jetzt am Schreibtisch, vor ihr das offene Gesangbuch liegend. EG 100. Ein Osterlied. Eine Zusammenfassung, warum Ostern ein Fest der Freude ist, nämlich: An Ostern erinnern sich Christen an das Heilsgeschehen von Ostern. Mit Worten aus dem christlichen Glaubensbekenntnis: Jesus Christus ist „gekreuzigt, gestorben und begraben“ und „hinabgestiegen in das Reich des Todes“. Dabei ist es aber nicht geblieben, denn „am dritten Tage [ist er] auferstanden von den Toten [und] aufgefahren in den Himmel“. Dank dieses Heilsgeschehens dürfen Christen auf „Vergebung der Sünden, Auferstehung der Toten und das ewige Leben“ hoffen.
Kein Wunder, dass die Aufforderung zur Freude und zum Gotteslob das Lied durchdrangen: Die erste Strophe stimmte gleich zu Beginn an: „Wir wollen alle fröhlich sein in dieser österlichen Zeit“. Während des Liedes erinnerten immer wieder einzelne Zwischenrufe daran, so in der dritten Strophe „ihm sei Lob, Ehr zu aller Frist“ und in der vierten Strophe „es singt der ganze Erdenkreis dem Gottessohne Lob und Preis“. Abschließend setzte die fünfte Strophe imposant ein: „Des freu sich alle Christenheit und lobe die Dreifaltigkeit von nun an bis in Ewigkeit“, und als Krönung der Refrain: „Halleluja, Halleluja, Halleluja, Halleluja. Gelobt sei Christus, Marien Sohn.“

Sie saß am Schreibtisch und summte vor sich hin. Irgendwie kam die Melodie ihr bekannt vor. Seltsam. Woher nur? Sie erinnerte sich einfach nicht. Vielleicht aus Kindertagen? Damals hatte das Lied sicher schon existiert. Ein prüfender Blick ins Gesangbuch. In der Tat. Am Ende des Liedes stand, dass das Lied auf Cyriakus Spangenberg aus dem Jahr 1568 zurückging. Wer war Cyriakus Spangenberg? Zunehmend bereitete ihr das Unterfangen Freude. Sie begann, im Internet zu recherchieren.

Cyriakus Spangenberg wurde 1528 geboren, gestorben ist er 1604. Er gehörte der zweiten Reformationsgeneration an, denjenigen evangelischen Theologen, die Luthers Erbe bewahrten und weiterführten. Luther kannte er sogar persönlich. Als Student in Wittenberg war er oft Gast im Hause Luther gewesen, und Luther hatte ihn offenbar so sehr beeindruckt, dass Spangenberg sich vornahm, ein „demütiger Schüler“ Luthers zu bleiben. Nach seiner Studienzeit in Wittenberg ging er nach Eisleben, wo er mit nur 19 Jahren Magister am Gymnasium wurde, bevor er für kurze Zeit die Stelle seines verstorbenen Vaters als Pfarrer an der Andreaskirche in Eisleben übernahm. Bald darauf wurde er Stadt- und Schlossprediger in Mansfeld und Generaldekan der Grafschaft Mansfeld. Spangenberg war eifriger Geschichtsschreiber und Dichter. Der Graf von Mansfeld ließ in seinem Schloss sogar extra eine Druckerei einrichten, um die Werke Spangenbergs drucken zu können. Wobei Spangenbergs besondere Liebe dem geistlichen Lied galt. Er hat zum Beispiel 76 Predigten über Luthers Gesangbuch gehalten und selbst geistliche Lieder geschrieben, unter anderem „Wir wollen alle fröhlich sein“.
Für das Lied „Wir wollen alle fröhlich sein“ griff Spangenberg vermutlich eine Melodie aus dem 15. Jahrhundert auf, die erstmals 1410 in einer Handschrift aus der Abtei Hohenfurt belegt ist. Zum Text ist bekannt, dass Spangenberg das lateinische Lied „Resurrexit Dominus“ aus dem 15. Jahrhundert ins Deutsche übersetzt und einen Ruf aufgegriffen hat, der vermutlich um 1380 entstanden ist, nämlich „We schollen alle vrolik sin“. Das passte zu Spangenberg, denn er ermahnte seine Kollegen mehrfach, verständlich zu predigen und volkstümlich zu singen. Spangenberg hatte also für sein Lied Elemente aus der Tradition aufgegriffen und miteinander verknüpft. Der Text der zweiten bis fünften Strophe ging auf ihn selber zurück.

Das war die Geschichte des Liedes. Sie lehnte sich zurück und summte vor sich hin. Diese Melodie. Sie kam ihr bekannt vor, aber ihr wollte einfach nicht einfallen, woher. Seltsam. Sie trällerte vor sich hin. Plötzlich. Wie ein Geistesblitz. Natürlich. Sie schloss die Augen. Wärme umgab sie. Der Duft von Kerzen lag in der Luft. Eine große Hand umschloss ihre kleine Hand. Die Hand ihrer Großmutter. Es war Ostermorgen. Großmutter hatte sie in den Ostergottesdienst mitgenommen. Laut ertönte das Orgelvorspiel, und dann stimmte die Gemeinde voll Freude ein: „Wir wollen alle fröhlich sein in dieser österlichen Zeit, denn unser Heil ist kommen.“ Sie öffnete die Augen. Der Pfarrer würde den Beitrag erhalten. Eine Geschichte, die von einem kleinen Mädchen erzählt, das an Ostern neben seiner Großmutter in der Kirche sitzt. Eine Geschichte, die von einer erwachsenen Frau erzählt, die schon beinahe vergessen hatte, was Ostern bedeutet. Sie war sich sicher: Dieses Jahr an Ostern würde sie in der Kirche sitzen und freudig mit einstimmen: Halleluja, Halleluja, Halleluja, Halleluja, gelobt sei Christus, Marien Sohn.

Gebetvorschlag:
Allmächtiger Gott und Vater! Durch die Auferstehung deines Sohnes Jesus Christus hast du dem Tod die Macht genommen und kündigst das Leben an. Dafür danken wir dir und bitten dich: Mach uns bereit, deine Botschaft mit offenen Ohren zu hören und frohen Mutes weiterzugeben. Lass uns einstimmen in das Osterlob: Wir wollen alle fröhlich sein, denn unser Heil hat Gott bereit. Auf ihn hoffen wir in Zeit und Ewigkeit. Halleluja.

Liedvorschlag: 100 (Wir wollen alle fröhlich sein)
116 (Er ist erstanden, Halleluja)

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