Heile Nische – wunde Welt

Mir kam irgendwann am Abend während der „Tagesthemen“ ein Bild in den Sinn, vielleicht ein zukünftiger Buchtitel, den ich mir für meine Arbeit 2017 vormerken wollte: „Heile Nische - in einer wunden Welt“. Wie immer notierte ich die Worte auf einen losen Zettel und legte ihn zu den anderen an meinen Arbeitsplatz.
Zu meiner Frau sagte ich: „Danach sind wir doch alle auf der Suche. Je wunder die große Welt, umso größer die Sehnsucht nach einer heilen Nische.“
Jetzt, beim Schreiben des Editorials der April-Ausgabe (mitten im Advent) schlägt sich der lose Zettel auf.

Der „Stall“ in Bethlehem war keine „heile Nische“. Die Welt war „wund“, zwang Vater, Mutter und Kind zur Flucht nach Ägypten.
Nazareth war keine „heile Nische“. Nachbarn und Mitbürger wollten ihn steinigen, zwangen ihn zur Flucht ins Tal zum See, zum Fluss und in die Städte.
Die Summe des Weges, den er ein oder drei Jahre ging: „Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege.“ (Matth 8,20; Luk 9,58)
Golgatha war der Gipfel der „wunden Welt“.
Golgatha war ausgesetzt, veröffentlicht, böse, schrecklich.
Soldaten, Freundinnen, Freunde, Gaffer.
Inszenierung einer Entblößung. Aufführung einer Hinrichtung. Spiele ohne Brot.
Daumen hoch zählte nicht mehr. Die Würfel hatten andere geworfen. Die Rechnung hatten andere unterschrieben. Der Menschensohn - ein mehr und mehr minimiertes Objekt.

Ich war noch nicht einmal 20, da schrieb ich:
„Ich lasse
die Fliege
in meiner Hand
wieder los
und
wasche meine Hände
in Unschuld.“

In einem meiner ersten Bücher (Wir kommen auf Umwegen, Karlsruhe 1991) schrieb ich zum Gründonnerstag/Karfreitag:
„Abends mal
bevor er zusammenbrach
nahm er sein Essen
und verteilte
wie gewohnt
nicht nur an Freunde.
Schon zur Erinnerung, sagte er
weil einmal zu viel
er verteilt hatte
das Essen an alle.
Einer der Satten
machte einen gehörigen Strich
durch die Rechnung
und da ging sie auf.“

Es gibt einen eigenartigen Fluchtpunkt im Leben Jesu: Mal ist es der Berg, mal die Wüste, in der Regel die Einsamkeit und Stille. Das reicht bis in den Garten Gethsemane. Er braucht diese „Nische“, auch wenn es keine „heile Nische“ ist. Jesus braucht das „Abseitige“.
Mose braucht den Berg, um zu verstehen.
Elia braucht die Felsgrotte.
Petrus geht „hinaus“, als er verstanden hat.

In der Nische, unveröffentlicht, nicht ausgesetzt und ausgestellt, nicht in den scheinbar „sozialen Medien“, nicht auf der eigenen oder gar einer fremden Webseite kommt ein Mensch zur Ruhe, zum Nachdenken und zum Verstehen.
Verstehen - inkl. des hebräischen „erkennen“ - ist ein intimer Akt.
Je lauter die wunde Welt schreit, umso größer ist die Sehnsucht nach einer „kleinen Heimat“, in der ich mich erholen, in der ich auftanken, in der ich beten oder lieben kann.
Das Elend der Welt wird medial laut schreiend veröffentlicht. Es gibt weltweit keine „heilen Nischen“ mehr. Wie soll die wunde Welt heilen? Und was können wir beitragen zu diesem Heilungsprozess?

Ich habe keine Antwort. Ich will mich auch nicht in eine Nische verdrücken: Augen zu, Ohren zu, Mund zu. Und doch brauche ich einen heilenden Ort.

Jenseits aller homiletischer Finessen und theologischen Weisheiten - was tun wir eigentlich,
wenn wir den „Heiler“ predigen,
wenn wir den „Menschensohn“ (ben adam) predigen,
wenn wir den „Gekreuzigten“ predigen,
wenn wir den „Auferstandenen“ predigen,
wenn wir den „Kommenden“ predigen?

Und noch einige nachdenkliche Fragen:
Gehen die Menschen aus unseren Gottesdiensten aufrechter nach Hause, als sie gekommen sind?
Um welche Last sind sie erleichtert?
Welche Last ist geblieben?
Welche ihrer Hoffnungen begleiten wir?
Mit welcher Hoffnung bleiben sie allein?
Letzte Frage: Predigen wir nicht in einer verfassungsrechtlich „geschützten Nische“ die „heile Welt“ angesichts zunehmend räuberischerer und gefährlicherer Wege?

Ich habe keine Antwort.
Dieses Editorial ist eine Zumutung. Ich weiß.

Martin Buber erzählt: „Ein Schüler Rabbi Baruchs hatte, ohne seinem Lehrer davon zu sagen, der We­senheit Gottes nachgeforscht und war in Gedan­ken immer wei­ter vorgedrungen, bis er in ein Wirrsal von Zwei­feln geriet und das bis­her Gewisseste ihm unsicher wurde. Als Rabbi Baruch merkte, dass der Jüngling nicht mehr wie gewohnt zu ihm kam, fuhr er nach dessen Stadt, trat unversehens in seine Stube und sprach ihn an: „Ich weiß, was in dei­nem Herzen ver­borgen ist. Du bist durch die fünfzig Pforten der Ver­nunft ge­gangen. Man beginnt mit einer Frage, man grübelt, er­grübelt ihr die Antwort, die erste Pforte öffnet sich: in eine neue Frage. Und wieder ergründest du sie, findest ihre Lösung, stoßest die zweite Pforte auf - und schaust in eine neue Frage. So fort und fort, so tiefer und tie­fer hinein. Bis du die fünfzigste Pforte auf­gesprengt hast. Da starrst du die Frage an, die kein Mensch er­reicht; denn kennt sie einer, dann gäbe es nicht mehr die Wahl. Ver­missest du dich aber, weiter vorzudringen, stürzest du in den Abgrund.“ - „So müsste ich also den Weg zurück an den Anfang?“, rief der Schüler. „Nicht zurück kehrst du“, sprach Rabbi Ba­ruch, „wenn du umkehrst; jenseits der letzten Pforte stehst du dann, und stehst im Glauben.“ (M. Buber, Die Erzählungen der Chassidim, Zürich 1990, S. 185)

Ihnen allen von Herzen gesegnete Passions- und Oster-Tage mit Erkenntnis-Nischen und tragfähigen Antworten!

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