Der Monatsspruch im November 2016

Umso fester haben wir das prophetische Wort, und ihr tut gut daran, dass ihr darauf achtet als auf ein Licht, das da scheint an einem dunklen Ort, bis der Tag anbreche und der Morgenstern aufgehe in euren Herzen.
2. Petrus 1,19

„Umso fester.“
Wer so anfängt, spricht mit Voraussetzung. Wer so anfängt, hat einen Anstoß gefunden. Eine Ursache, eine Situation, ein Bündel an Zuständen. Einen Motor, dem Glauben, der klein wird in der Welt, das zu suchen, was ihn „umso fester“ macht.
Jedem „umso“ geht ein „je“ voraus. Jeder proportionalen Verstärkung eine Schwäche. Jeder Offenbarung eine Zeit der Verunsicherung, der Unruhe und Verzagtheit. Jedem Anfang ein Ende. Jedem Weihnachten ein November.
Der November. „Laubriss“ und „Nebelung“. Altdeutsche Namen, die den Charakter des neunten Monats des julianischen Kalenders deutlicher zeigen als die schlichte neunte Position in der Zählung.
November ist Laubriss. Blätter fallen auf kalte Erde. Die Bäume bekommen ihre charakteristisch kahle Winterstatur. Die Welt wird ein Scherenschnitt. Klare Linien. Das Verspielte ist verblüht. Menschen werden nüchtern im November.
November ist Nebelung. Er hängt grau überm abgemähten Feld und manchmal überm Auge, hinter der Stirn. Die Winterdepression klopft an. Menschen nehmen Abschied im November, noch einmal. Von den Lieben, deren Gräber sie jetzt winterfest machen. Und von der eigenen Unsterblichkeit, die in keiner Zeit weniger absurd erscheint als im November. „Wer noch nicht starb, dem steht es noch bevor“, notiert Erich Kästner im Gedicht „November“. Die Welt wird ein dunkler Ort.
Man könnte meinen, der Verfasser des 2. Petrusbriefes schreibe an Gemeinden im November. „Nebelung“ trifft die Situation der Adressaten in Kleinasien ganz gut. Man sah nicht mehr klar. Man wusste nicht, wie man sich gemäß des neuen Glaubens verhalten sollte. Man wusste nicht, wie man auslegen sollte, was man in der Schrift las. Und man sah nicht mehr scharf, wovon man einmal ausgegangen war und worauf man zuging im neuen Glauben: die Herrlichkeit des Herrn. Und dass er wiederkommen würde in Kraft.
Mit jedem Tag, an dem Jesu Wiederkunft ausblieb, wurde der Glaube nebliger, der Hoffnungsbaum kahler, die Welt dunkler.

Je nebliger. Je kahler. Je dunkler. „Umso fester haben wir das prophetische Wort.“ Der Verfasser setzt einen neuen Anfang. Es darf nicht November bleiben, in unseren Herzen nicht und in den Gemeinden Jesu nicht. Wenn aber der Blick trübe wird, dann schärft sich das Ohr, und wir hören. Wir hören, wie der Schmerz der Vergänglichkeit durch das Brahms-Requiem weht im November; und wie aber „des Herrn Wort bleibet in Ewigkeit“. Wir hören. Und wir halten fest. Umso fester, je dringlicher wir ahnen wollen, dass am dunklen Ort der Welt ein Licht scheint. Dieses Licht ist das Wort, das vom Vergangenen in die Zukunft weist und vom Ende ins Leben. Es ist die Weissagung, dass aus kalter Erde ein Reis hervorgehen wird. Dem verzagten Herzen wird wunderbarer Rat und der unruhig suchenden Schöpfung ein ewiger Friede zuteil.
„Ihr tut gut daran, dass ihr darauf achtet.“ Das ist eine sanfte Empfehlung. Kein Imperativ im Befehlston, kein übergriffiges Diktat. „Ihr tut gut daran“, das ist ein behutsamer Gruß. Ein stiller Rat in stiller Zeit. Achtet auf das Wort wie auf ein Licht. Wir haben es fest, dieses Wort vom neuen Anfang, vom ewigen Frieden und dem wunderbaren Rat, und müssen doch achten, dass es nicht erlischt.
Das Licht hüten am dunklen Ort, das tun wir Menschen im November. Wir werden Lichthüter, wenn wir zusammenkommen in Jesu Namen. In der Kirche, auf dem Friedhof, im Gottesdienst zum Buß-und Bettag. Dann hüten wir das Licht, das im November mit kleiner Flamme brennt. Wir hüten es, weil alte Worte uns versprochen haben, dass es nicht zu Ende ist, nur weil Nebelung einsetzt. Gott ist verlässlich. Seine Verheißung brennt. Traurige Herzen werden grünen, und überm dunklen Ort der Welt geht ein Stern auf. Noch sehen wir nicht.
Aber wir hören.
Umso fester.

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