"Komm, Herr, segne uns" – "Im Währenden" Konfirmation

„Im Währenden" - ein Ausdruck, der mir von Kindheit an vertraut ist. Ich hatte ihn nicht hinterfragt. Meine Eltern gebrauchten ihn relativ häufig, z. B. - so:
„Ich habe mich angemeldet. Im Währenden mache ich mir Gedanken, ob das so richtig war." Oder: „Du schreibst doch morgen Latein. Im Währenden bist du mit deinem Kopf wo ganz anders." Oder: „Eigentlich singe ich gerne. Im Währenden überlege ich, ob ich mit denen zusammen in einem Chor singen will."

Ich weiß nicht, ob dieses „Im Währenden" ein südwestdeutsches Konstrukt ist, oder ob man das auch sonst in Deutschland sagt. Ich halte diese zwei Worte fast für philosophisch: „im Währenden …"
Was geschieht, geschieht eigentlich immer „im Währenden". Da ist eine gegebene Zeit, und „während" sie fließt, geschieht etwas, was vor ihren Beginn und über ihr Ende hinausreicht. Andere Sprachen haben dafür eigene Verbformen. Für mich als Kind reichte es, wenn die Eltern meinten: „Du kannst doch nicht einfach spielen, wenn du im Währenden noch Hausaufgaben machen musst."

„Komm, Herr, segne uns". Ein Segenslied.
Was ist das eigentlich: Segen?
Im Zentrum der Konfirmation steht die Einsegnung.
Das deutsche Wort „Segnen" kommt aus dem Lateinischen: „signare" - etwas mit einem Zeichen versehen. Mit einem Siegel, mit einem Stempel - im Gottesdienst mit dem Zeichen des Kreuzes.
Der Priester, der Pfarrer wendet seine offenen Hände zur Gemeinde und spricht ihr den Segen Gottes zu. Der christliche Priester und Pfarrer schlägt dann das Kreuz, das Zeichen Jesu Christi.
Oder er legt die offenen Hände auf das Haupt und damit auf den Menschen und verheißt ihm oder ihnen Gottes Segen.
Aber das ist ja nur die Form.
Eines haben wir allerdings schon gelernt: Selbst segnen kann ich mich nicht. Das muss ein anderer tun.
Großeltern haben das früher getan, auch Eltern. Diese Geste ist leider verloren gegangen. Bruchstückhaft ist noch ein Rest da, wenn man sagt:
„Meinen Segen hast du."
„Mama, darf ich ...?"
„Meinen Segen hast du."

Aber was meint ein Mensch, wenn er sagt: „Meinen Segen hast du"?
Er könnte auch sagen: Ich bin einverstanden.
Segen ist mehr als Einverständnis.
Was ist gemeint, wenn man bei der Taufe ein Kind segnet, bei der Konfirmation Jugendliche und bei der Trauung ein Ehepaar?
Was ist gemeint, wenn man Kranke oder Sterbende segnet?
Das hat etwas mit diesem eigenartigen südwestdeutschen (?) „im Währenden" zu tun.

Man könnte ja sagen:
„Mach's gut!",
„Weiter so, Kumpel!"
oder „Kopf hoch!"
oder „Wird schon wieder!".

Das alles ist gut gemeint, aber es ist flach. Weil da nichts greift. Weil da wenig bleibt.
Sage ich: „Kopf hoch!", dann musst du schauen, dass du zurechtkommst, dass du deinen Kopf oben behältst in der Schule, wenn du ausgegrenzt wirst, wenn dir die Freundin davonläuft oder der Mann oder die Zeit. Wenn nicht, hast du ein Problem. Das ist dann deines.
Sage ich: „Mach's gut!", dann musst du schauen, dass du es gut machst. Wenn nicht, dann hast du ein Problem. Das ist dann deines, nicht meines. Ich hab' dir ja gesagt: „Mach's gut!"

Sprache ist verräterisch. Wenn ich sage: „Wird schon wieder!" - auch dann bin ich aus dem Schneider und du bist mit dir allein. Nun schau zu, dass es wieder wird.
Segen ist mehr. Segen geschieht „im Währenden". Das ist mehr als „beiläufig"; das reicht von gestern bis morgen. Im Zweifel von vorgestern bis übermorgen.

Segen lässt dich nicht allein mit deiner Krankheit oder auf deiner neuen Wegstrecke. Segen schreibt dich zusammen mit dem, der dich segnet.

Nimm den Segen, den deine Pfarrerin oder dein Pfarrer am Ende des Gottesdienstes immer sprechen:

„Der Herr segne dich und behüte dich.
Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig.
Der Herr hebe sein Angesicht über dich und schenke dir seinen Frieden."

Gott und du, ihr seid einander versprochen.
Gott und du, ihr seid gemeinsam unterwegs - „im Währenden".
Gott und du, beide habt ihr ein Gesicht.
Und Gottes Gesicht leuchtet, streut Glanz in dein Gesicht.

In der Mongolei gibt es ein Sprichwort, das heißt: „In einem guten Wort ist Wärme für drei Winter."
Und Segen ist mehr als ein „gutes Wort".
Wenn eine Mutter ihre offenen Hände zärtlich auf den Kopf des Kindes legt, Gesicht zu Gesicht, dann ist das mehr als ein gutes Wort.
Mehr als ein aufmunternder Klaps.
Dann heißt das: Ich liebe dich, so wie du bist.
Du bist ein Teil von mir und ich bin ein Teil von dir.
Ich verspreche dir, alles zu tun, was dir nützt,
und alles zu lassen, was dir schadet.
Ich bin in deinem Rücken, um dich zu stärken.
Ich bin an deiner Seite, wenn du Rat brauchst.
Ich stelle mich vor dich, wenn man dich angreift.
Ich rede für dich, wenn du keine Worte findest.

Eigentlich bedeutet „Segen" so etwas wie „mehren".
Samen soll aufgehen. Gesundheit, Weisheit, Glück, Frieden soll aufgehen in dir und um dich. Du selber wirst ein Segen sein, sagt Gott zu dem gesegneten Abraham.

In einem meiner Bücher steht ein Segen für Konfirmandinnen und Konfirmanden.

„Gott segne dich.
Du wirst eigene Wege gehen.
Gott möge sie freundlich begleiten.
Du wirst umziehen, neue Freunde finden,
alte Freunde verlieren.
Gott möge nah an deinem Herzen bleiben.
Dein Glaube wird mit dir wachsen,
wird krank werden und heilen.
Gott selbst möge ihn pflegen.
Du wirst neue Gaben entdecken und alte Fehler machen.
Gott möge deine Gaben fördern und die Fehler verzeihen.
Du wirst lieben und geliebt werden.
Du wirst enttäuschen und enttäuscht werden.
Die Liebe Gottes möge dich nie enttäuschen.
Wo immer du lebst - wenn um dich
ein wenig Eis schmilzt und Leben erwacht,
dann bist du ein Ort Gottes.
Mehr braucht es nicht.
Wenn um dich Eis schmilzt,
bist du nie lange allein,
Gott hat seine Freude an dir
und du bist ein Segen."

(Gerhard Engelsberger, Gebete für den pastoralen Dienst, Stuttgart 2004, S. 99)

Und so, wie die Kirche eine „semper reformanda" - eine immer neu zu reformierende - ist und eigentlich nur „im Währenden" geschieht, so ist ein Christ, eine Christin „semper confirmandus aut confirmanda" - ein immer wieder neu zu Konfirmierender bzw. eine immer wieder neu zu Konfirmierende.
Keiner hat, was einmalig fürs Leben auf Dauer reicht.

Wir sehen mit Konfirmandinnen und Konfirmanden, Schülerinnen und Schülern Martin Luther in einem großartigen Film. Die Jungen spüren, wie es ihn umgetrieben hat. Wie er Angst hatte. Wie es ihn gegraust und geschüttelt hat.
Da war nichts mit „Mach's gut, Kumpel!" oder „Wird schon werden!".
Er hat die Weite entdeckt.
Ich muss nicht buckeln.
Ich muss nicht vor Angst vergehen.
Ich kann ehrlich sein.
Ich komme ohne Schau und ohne all diesen äußerlichen Firlefanz viel besser durchs Leben. Ehrlicher.
Ich lasse mich nicht verbiegen, und ich tanze nicht nach der Pfeife derer, die die Mode machen.
Ich brauche den Ablassbrief nicht, um gut dazustehen.
Ich brauche die Designer-Klamotten nicht, um gut dazustehen.
Ich brauche das Abitur nicht, um ein wertvoller Mensch zu sein.
Ich brauche die Idealmaße nicht, um glücklich zu sein.
Ich muss nicht aussehen wie Brad Pitt, muss nicht singen können wie Whitney Houston, ich muss nicht tanzen können wie Michael Jackson oder so aussehen wie all die austauschbaren Mädels auf den Titelseiten der Illustrierten.

Wer nicht mehr nachmacht, geht anderen auch nicht mehr auf den Leim.
Wer auf den Leim geht, klebt fest.
Wer die Weite sucht, ist frei.
Wer auf den Leim geht, wird nicht glücklich.
Wer auf den Leim geht, wird immer starrer, immer ängstlicher, immer verzweifelter.

Segen, das ist, wenn du die Weite gefunden hast. Wenn du dich nicht mehr in diesem kleinen Fenster siehst, in dem andere dich gerne hätten. Sondern wenn du dich aufmachst.
Nicht nachmachen - „auf machen" ist ein Segen.

Gott verspricht, er sei an unserer Seite, wenn wir uns
„auf machen".
Und dann - Gott an unserer Seite, die Weite vor uns, ein spannendes Leben - ,

dann

„liegt es an dir,
ob Menschen in deiner Nähe
Angst bekommen oder aufatmen.
Es liegt an dir,
ob Menschen neben dir
sich ducken oder aufrecht gehen.
Es liegt an dir,
ob deine vielen Gaben nur dir
oder der Gemeinschaft zugutekommen.
Es liegt an dir,
ob Menschen ihren Wert entdecken
oder an sich zweifeln.
Es liegt an dir.

Du bist eine Möglichkeit Gottes.
Mach' dich nicht selbst klein, das ist feige.
Mach' andere nicht klein, das ist schlimm.
Aber deinen Weg solltest du gehen.
Nicht stehen bleiben,
feige oder schon in jungen Jahren müde.
Nicht überheblich und kalt.

Es zählt nicht, ob du besser oder schlechter,
mutiger oder ängstlicher,
größer oder kleiner bist.
Am Ende zählt,
ob du echt gewesen bist.
Ob du echt ein Mensch gewesen bist,
ein Kind Gottes, ein Geschenk für die Welt.
Du bist eine Möglichkeit Gottes.
Nütze sie."

(Gerhard Engelsberger, Gebete für den Gottesdienst, Stuttgart 2002, S. 229)

So wünschte ich mir, dass wir „im Währenden" konfirmieren und selbst immer wieder neu konfirmiert werden.
Anspruch und Zuspruch - im Währenden, am Ende (und vielleicht auch längst von Beginn an) zählt der Zuspruch.

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