"Befiehl dem Herrn deine Wege" – Bestattungsansprache

Fast 66-jährig ist N.N. gestorben, acht Jahre nach ihrem Mann. Viel zu früh für unsere Begriffe. Eigentlich mitten aus dem Leben, auch wenn dieses Leben seit vielen Jahren gefährdet durch Krankheiten, beansprucht durch Schicksalsschläge, eben sehr dünnwandig, durchlässig war hin zum Tod oder dem, was außerhalb unserer Wahrnehmung ist.
Ein sehr sensibler Mensch. In ihrer Art andererseits ansteckend für Leben. Sie hat andere infiziert mit Leben, angestachelt zur Freude. Sie hat gelebt und gegeben mit Sommerhänden, dabei war sie doch seit vielen Jahren selbst schon im Herbst, dieser in den Farben so intensiven und doch so zerbrechlichen Jahreszeit.

Wir haben ihr Bild vor uns.
Und Tausende von Malen ihre akkurate Unterschrift. Ich kannte Frau N. nicht persönlich, da hatte ich schon - wie viel Mal - ihre Unterschrift gelesen in Stammbüchern, auf Urkunden. Eine so prägnant geformte, so bewusst gesetzte, so schön geschriebene Unterschrift. Diese Unterschrift verflüchtigte sich nicht mit den Jahren, sie blieb beständig, brach nicht ab, wurde nicht verkürzt. Das musste ein Mensch sein, der in sich ruht, der das Unterschreiben - das Beurkunden - nicht als lästige Pflicht, sondern als wesentlichen Ausdruck seiner selbst betrachtete.
Dann durfte ich den Menschen hinter dieser Unterschrift kennen lernen. Ein ganz wesentlicher Mensch. Am nächsten sind wir uns gekommen während des Sterbens ihres Mannes.
Mir wurde sehr deutlich die Ausstrahlung dieser Frau. Es war ein besonderes Sterben - und ein besonderes Begleiten.

Sie, die gern vieles teilte, deren Lebensmittelpunkt über Jahre der verstorbene Mann gewesen war, war nun allein. Aber sie war ja nicht allein. Da war die Familie und mit ihr sehr tiefe Bindungen. Und immer wieder der Versuch, Wege zusammenzuführen, die Kostbarkeit gemeinsamer Wege zu bewahren. Durch ihre Hände sind so viele Geschichten gegangen. Sie hat den Beginn und das Ende unzähliger Wege beurkundet. Auch das Kreuzen von Wegen. Diesen mutigen Schritt, Wege zu verknüpfen, sich zu trauen. Vielleicht war es ihr Naturell, vielleicht war es die Lebenserfahrung, vielleicht dieser Beruf, der sie zu einem Menschen machte, dem Einsamkeit etwas Fremdes, Störendes, Falsches war. Sie hat versucht, liegen gebliebene Fäden aufzuheben und vorsichtig zusammenzuführen. Sie hat es genossen, zu teilen. Erfahrungen, Freude, Landschaften von Norden bis Süden, Klänge, Gerüche, Gedanken zu teilen. Mit strahlenden Augen und - ich sage es mit meinem Bild - mit Sommerhänden.
So war sie der Mittelpunkt der Familie im Flug dieser Zeiten, die ja in sich die Tendenz haben, uns auseinanderzubringen. Zeit teilt Wege.
Liebe heilt Wege.
Den Eindruck hatte ich: Das ist ein Mensch, dem es ein tiefes Bedürfnis ist, Wege zu heilen und selbst heilende Wege zu gehen. Freundschaften sind entstanden, Zuneigungen, gemeinsame Zeit.

Ich weiß nicht, welche Spuren sie konkret in Ihrem Leben hinterlassen hat. Ich denke, Sie sind alle dankbar. Sie haben die Liebe gespürt, die Fürsorge, den Wunsch, zu heilen, den Menschen zu schenken und zu teilen.
Vielleicht haben Sie die Kraft bewundert, mit der sie gelebt hat, mit der sie vieles überstanden hat.
Nun war offensichtlich diese Kraft ausgegangen. Sie wird das gespürt haben.

Sie nehmen Abschied von einem Menschen, dessen Weg für unsere Vorstellungen hier endet.

All das, was diese wenigen Sätze mit Leben füllt, tragen Sie alle, die Sie unsere Verstorbene gekannt, geliebt und geschätzt haben, als Erinnerung mit sich. Ihr Leben hat Spuren hinterlassen bei Ihnen.
Ich habe nach einem Bibelvers gesucht, der das, was von einem Menschen zu sagen ist, und das, was von Gott zu sagen ist bei einer Beerdigung, etwas zusammenbindet. Ich bin hängen geblieben - wie so oft, weil die Psalmen voll sind von Lebenserfahrungen, an einem Psalmwort.

Habe deine Lust am Herrn; der wird dir geben, was dein Herz wünscht. (Psalm 37,4)
Der Beter des Psalmes fährt dann fort:
Befiehl dem Herrn deine Wege und hoffe auf ihn, er wird's wohl machen. (Psalm 37,5)

Am Anfang eines Lebensweges stehen doch viele Fragezeichen. Jungen Paaren, die zu mir kommen und getraut werden möchten, rate ich immer - und ich erkläre es auch, warum -, dass sie auf die Frage, ob sie beieinanderbleiben wollen in Freud und Leid, nicht einfach „Ja“ sagen, sondern „Ja, mit Gottes Hilfe“. Das ist viel mehr als eine Floskel.
Unsere Zeit ist ja ganz anders eingestellt. Nur, was ich selbst erreicht habe, zählt. Möglichst unabhängig will jeder sein, schon gar nicht einsam anderen zur Last fallen. Wenn ich die Bibel recht verstehe, hat Gott die Menschen in Freiheit entlassen. Sie scheitern an dieser Chance immer wieder. Und nun bietet Gott selbst an, dass wir ihm zur Last fallen dürfen. Dass wir wenigstens vor ihm die Schauspielerei aufgeben können. Unsere Umwege, unser Scheitern, unsere geplatzten Träume, auch unsere Schuld - lasst das seine Sorge sein. Ja, aber nicht allein aus eigener Kraft! Ja, mit Gottes Hilfe.
Gott wird dir geben, was dein Herz wünscht.
Nein, Gott ist nicht der Erfüllungsgehilfe unserer Träume. Gott hat nicht den großen Warenladen, aus dem wir uns bedienen können - Herz, was Begehr.
Gott gibt uns nicht die Früchte, er gibt uns den Samen.
Und wenn ich mein Leben an Gott ausrichte, dann ändern sich auch die Wünsche meines Herzens. Dann wird mir der Frieden des anderen plötzlich wichtig. Dann wird mir das Recht für den anderen wichtig, sein Glück.
Dann sind auch die kleinen Wege nicht peinlich und die Umwege kein Desaster.

Befiehl dem Herrn deine Wege und hoffe auf ihn, er wird's wohl machen. (Psalm 37,5)

Gott als einer, der meine Wege und Umwege teilt. Jeden neuen Weg. Im Grunde, wenn man richtig darüber nachdenkt, sind unsere Wege immer Abschiedswege. Mit kürzeren oder längeren Trennungsphasen. Wir hätten uns manches anders vorgestellt. Und jetzt, wo ich nicht mehr den Rücken stärken, pflegen, die Hand streicheln, gut zureden, danken, den Arzt rufen, helfen, umsorgen kann? Jetzt vertrauen wir darauf: Der Tod ist nur für uns eine Grenze. Die Obhut Gottes hört da längst nicht auf, sondern ruft neu ins Leben.

Nicht, dass ich anerkannt bin, ist wichtig, sondern dass er geehrt wird, nicht, dass ich lange lebe, sondern dass er den Tod besiegt. All das Gute in einem Leben ist geborgen in Gott und vertieft. Dafür ist Jesus Christus gestorben und wieder lebendig geworden, dass er über Tote und Lebende Herr sei.
Diesem Hüter unseres Lebens sei unsere Verstorbene anvertraut. Ihn bitten wir um Auferstehung. Ihn bitten wir um Vergebung aller Umwege. Ihn bitten wir, dass all das viele Gute, das die verstorbene N.N. getan hat, bewahrt bleibt nicht nur in unserer Erinnerung, sondern in der Liebe Gottes.

Wenn wir das Bild vom Fluss nehmen, dann ist sie jetzt am anderen Ufer. Ist hinübergegangen. Nehmen wir das Bild des Lebensbuches, dann können wir sagen: Gott hat eine neue Seite aufgeschlagen, die wir noch nicht lesen können.
Nehmen wir das Bild des Weges, dann mag es so sein, dass sie jetzt auf der anderen Straßenseite ist.

Wenn Jesus Christus der Weg ist, dann ist es vielleicht doch nicht so wichtig, ob ich auf dieser oder jener Straßenseite gehe, eher im Schatten oder im Licht.
Dann bin ich in Gottes Nähe, und das allein zählt.

Liedvorschläge: Jesu geh voran (EG 391,1-2)
Befiehl du deine Wege (EG 361,1.12)
Lesung: Römer 8,31ff

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