"Befiehl dem Herrn deine Wege" – Bestattungsansprache

Mit diesem Psalmvers hat uns einer sein Vermächtnis hinterlassen. Vor vielen hundert Jahren hat ihn einer als Summe seines Lebens und seines Gottvertrauens aufgeschrieben. N.N. hat dieses biblische Vermächtnis aufgegriffen. Er hat es durch sein Leben erprobt. Und heute reicht er uns diesen Psalmvers als sein persönliches Vermächtnis weiter. Er reicht uns die Ernte seines geistlichen Lebens, damit sie uns nähre, jetzt, wo wir Stärkung bitter nötig haben. Eine Wegzehrung besonders für Sie, liebe Angehörige, auf dem Weg durch das Tal der Trauer. N.N.s Lebensernte, sein Vermächtnis, lautet: „Befiehl dem Herrn deine Wege und hoffe auf ihn, er wird's wohl machen." Oder, gedichtet und gedeutet im Lied von Paul Gerhardt: „Befiehl du deine Wege?/?und was dein Herze kränkt?/?der allertreusten Pflege?/?des, der den Himmel lenkt.?/?Der Wolken, Luft und Winden?/?gibt Wege, Lauf und Bahn,?/? der wird auch Wege finden,?/?da dein Fuß gehen kann." (EG 361,1)

Ich versuche, mir vorzustellen: Da bekommt er vor … Monaten diese Diagnose gestellt. Und er beginnt, Abschied zu nehmen, als nähme er einen Auftrag an, den er schon erwartet hatte. Er hat dem Ende bewusst ins Auge gesehen. Er hat seine Angehörigen beinahe überfordert mit seiner Klarheit. Die konnten es noch nicht wahrhaben. Es mag uns ein Rätsel bleiben, wie er es hinbekam, in diesen wenigen Wochen von seinen Plänen Abschied zu nehmen; wie es ihm gelang, seine Wünsche den schweren Umständen anzupassen; wie er es schaffte, sich mit seinem Ende auszusöhnen, mit seinem Leben, mit seinem Gott. Jedenfalls nahm er die Dinge in die Hand. Vielleicht war das seine Gabe, seine Art. Er plante seine Beerdigung. Er wünschte sich den Psalmvers und das Lied. Und er verfügte: „Und nachher, da geht ihr ins Gasthaus."

Der Weg des Menschen, der Lebensweg, beschäftigt die Menschen, seit sie denken können. Weil wir Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft denken können, lässt uns die Frage nach unserem Weg nicht los. Woher kommen wir? Was haben wir hier zu tun und zu lassen? Wohin gehen wir? - Wenn wir anfangen, nachzudenken über unseren Weg, dann stoßen wir auf jene schwer durchschaubare Mischung von Gehen und Geführtwerden.

„Sich Ziele setzen" heißt heutzutage das Zauberwort für den Erfolg; egal, ob in Schule, Beruf, Sport, Betrieb, Kirchengemeinde. Ich traue dem Zauber nicht so ganz. Aber mehr oder weniger bewusst haben wir wohl alle unsere Lebensziele und eine Vorstellung von unserem Lebensweg. Lässt man Schülerinnen und Schüler ihren Wunschlebensweg malen, so kommen bei fast allen folgende Stationen vor: Schule - Beruf - Liebe - Ehe - Geld verdienen - Kinder - Haus - manchmal Enkelkinder - und zuletzt der Grabstein oder das Kreuz. So ähnlich mögen wir unseren Lebensweg denken. Aber dann machen wir plötzlich die Erfahrung, dass der Weg anders verläuft, dass wir bestimmte Ziele nicht erreichen, dass wir uns in ganz anderen Situationen vorfinden oder dass sich, was wir angestrebt haben, ganz anders anfühlt, als wir erwartet haben. Es gibt so viele Unwägbarkeiten auf dem Weg. Wie gut ist es darum, dass wir darauf vertrauen dürfen, dass wir geführt werden. Dass über alles Planen, Gehen und Machen uns einer heimlich, still und leise führt. Ja, dass uns sogar einer den Weg gebahnt hat zum letzten und größten Ziel. Dahin, wo sich unser Leben vollendet in Gott. Niemand erreicht dieses Ziel aus eigenem Verdienst. Unser Können, Machen und Planen richtet hier nichts aus. Aber Christus hat versprochen, uns bei der Hand zu nehmen. Die Hand in seine zu legen, das heißt glauben. „Befiehl dem Herrn deine Wege", rät der Psalmvers. Vertrau dich ihm an. Suche im Gespräch mit ihm deinen Weg. Versuche dem nachzuspüren, was er mit dir vorhat. Und wenn du den nächsten Schritt nicht siehst, vertrau dich seinem Geleit an.

Der Liederdichter fügt hinzu, was uns den Weg verdunkeln kann, „was dein Herze kränkt". Paul Gerhardt wusste, wovon er sprach. Er musste am Grab von Frau und Kindern stehen. Er wurde in einem politisch-religiösen Konflikt seines Pfarramtes enthoben. Und er musste die Verheerungen des 30-jährigen Krieges miterleben. Sein Herz war viel und schwer gekränkt worden. Trotzdem weiß er sich gehalten auf seinem Weg. Er fühlt sich gepflegt von Gott persönlich. Er nennt ihn den Allertreusten, spricht von der „allertreusten Pflege". Schließlich nimmt er all sein Gottvertrauen zusammen, alles, was er von Gott weiß, und spricht sich selbst und uns Mut zu für den nächsten Schritt: „Der Wolken, Luft und Winden?/?gibt Wege, Lauf und Bahn,?/?der wird auch Wege finden,?/? da dein Fuß gehen kann."

In solchem Vertrauen ist N.N. gestorben. Wir sind dankbar für alle treue Pflege, die ihm in den letzten Wochen zuteil geworden ist. Für das tapfere Geleit der Familie, für jedes gute Wort, jede liebe Geste, für Fürsorge und Gebet, für die allertreuste Pflege, die sich in alldem gezeigt hat.

Und nun blicken wir zurück auf diesen Lebensweg. … (Biografische Angaben) …
Es gäbe noch manches zu erzählen. Das tun Sie vielleicht nachher im Gasthaus. Und wenn Sie seinen Psalmvers dazunehmen, dann kann es geschehen, dass es sich anfühlt, als sei N.N. selbst dabei. Als würde er mit seiner Lebenserfahrung sagen: „Schau, das alles habe ich erlebt, Gutes und Schweres, Enttäuschendes und Beglückendes. So oft hat Gott es ‚wohl' gemacht. Er macht das so. So ist unser Gott. Daran ändert auch die Anfechtung nichts. Auch die kurzzeitige Erfahrung des Gegenteils kann dies nicht entwerten. Er hat's wohl gemacht. Und er wird's auch für dich ‚wohl machen'. Darum geh getrost."

Lesung: Johannes 14,1-6
Liedvorschläge: 361 (Befiehl du deine Wege)
376 (So nimm denn meine Hände)

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