Ein Programm zur Prävention von herausforderndem VerhaltenFäustling

Die frühe Schulung sozial-emotionaler Kompetenzen hilft, konstruktive Verhaltensweisen zu fördern – das ist die Idee eines neuen Kita-Präventionsprogramms für Kleinstkinder. Wir haben mit einem der Entwickler gesprochen.

Fäustling
© Harald Neumann, Freiburg

Fäustling ist ein Präventionsprogramm, das seit August 2016 vom Heidelberger Präventionszentrum (HPZ) als Fortbildung für pädagogische Fachkräfte aus dem u3-Bereich angeboten wird. Worum geht es bei Fäustling genau?
Fäustling ist ein primäres Präventionsprogramm. Es fördert diejenigen Kompetenzen von Kindern, die günstig und hilfreich sind, um mit Konflikten konstruktiv umzugehen. Das heißt, es setzt auf einem gedachten Zeitstrahl an einem Punkt an, bevor bspw. aggressives Verhalten entsteht. Das Programm ist also auf Vorbeugung ausgerichtet, während in unserem Interventionskurs Hilfen im Umgang mit aggressiven Kindern vermittelt werden.

In welcher Beziehung steht Fäustling zu Faustlos, einem nach amerikanischem Vorbild entwickelten Gewalträventionsprogramm für über Dreijährige?
Fäustling entstand, weil mehrere Kitas und Kindergärten, die mit Faustlos arbeiten, nach einem Programm für unter Dreijährige gefragt haben. Diese Fachkräfte sahen wohl einerseits den Bedarf, weil sie mit herausforderndem Verhalten auch bei jüngeren Kindern konfrontiert waren, und hatten andererseits gute Erfahrungen mit Faustlos gemacht.

Schon bei den Jüngsten präventiv anzusetzen, ist natürlich einleuchtend.
Ja, das ist auch gehirnphysiologisch gut begründbar. Vieles ist noch in Bewegung. Nutzt man diese Phase, dann gehen konstruktive Verhaltensweisen, z. B. zur Konfliktbewältigung, in Fleisch und Blut über.

Wer war an der Konzeption des Programms beteiligt?
Unser Team setzt sich hauptsächlich aus Pädagogen und Psychologen zusammen. In der Entwicklungsphase arbeiteten wir eng mit Praktikerinnen aus dem u3-Bereich zusammen, die uns Rückmeldungen, Verbesserungsvorschläge und Ergänzungen zu jedem Teil des Programms gaben. Diese Brücke zur Praxis erhalten wir in der Erprobungsphase aufrecht. Ende des Jahres ist eine interne, qualitative Evaluation geplant. Daran nehmen die Kitas aus der Pilotphase teil, sie beantworten uns bspw. folgende Fragen: Wie lief die Umsetzung, wo gab es Stolpersteine, bei welchen Kindern war das Programm besonders erfolgreich …

Der Kern von Fäustling ist es, sozial-emotionale Kompetenzen zu fördern, unter besonderer Berücksichtigung von Achtsamkeit – ein Begriff, der in den letzten Jahren zum Modewort avancierte. Was bedeutet Achtsamkeit in Bezug auf Kleinkinder?
Das Konzept der Achtsamkeit bedeutet für diese Altersgruppe bewusste Wahrnehmung mit allen Sinnen. Auf einem Spaziergang auch mal zehn Minuten bei einem Regenwurm verweilen … Kinder bringen diese Gabe mit, ganz im Moment zu sein und alles um sich herum zu vergessen. Dennoch sind auch sie eingebunden in Tagesabläufe, in die Terminpläne der Erwachsenen usw. Es geht also auch darum, den Kindern solche Augenblicke und Erfahrungen zu ermöglichen. Das braucht, auf Seiten der Erzieherinnen, Zeit, Kompetenz und ein vertieftes Verständnis von Achtsamkeit.

Fäustling ist ein Frühförderprogramm, das sowohl didaktische Materialien als auch eine qualifizierende Fortbildung für pädagogische Fachkräfte umfasst. Wie werden die Fachkräfte geschult?
Die Teilnehmerinnen bekommen zur Vorbereitung das didaktische Material zugeschickt, das sind Fingerpuppen, ein Bilderbuch und das zugehörige Handbuch. In der Regel kommt ein Trainer vor Ort, um die fünfstündige Fortbildung durchzuführen. Wir empfehlen, dass Einrichtungen mit ihren kompletten Teams teilnehmen. So ist gewährleistet, dass das Thema über längere Zeit präsent bleibt, dass das Konzept in der gesamten Einrichtung über die ganze Betreuungszeit hinweg verankert ist – und damit auch bei allen ankommt. Die Erzieherinnen haben so auch die Möglichkeit, sich im Team über die Umsetzung auszutauschen oder Probleme zu diskutieren.

Das Programm besteht aus 30 Wochenprojekten, jede Woche steht ein Thema im Fokus, z. B. „Mein Körper“, „Traurigkeit“ oder „Regeln“. Bauen die Projekte aufeinander auf oder kann man das Programm bei Bedarf anpassen?
Der erste Block, die ersten acht Wochen, kreisen um das Thema Achtsamkeit, also bewusste Arbeit mit den einzelnen Sinnen. Damit sollte man in jedem Fall beginnen. Danach folgen zwei weitere Blöcke, zu emotionaler und zu sozialer Kompetenz. Innerhalb dieser Blöcke kann auch, je nach aktuellem Anlass, variiert werden. Wir halten es allerdings für wichtig, jedes Thema mindestens eine Woche bei den Kindern präsent zu halten, indem man die Spielvorschläge jeden Tag einsetzt. Wenn man merkt, die Kinder haben ein großes Defizit, etwa was das Spüren angeht, dann ist es sinnvoll, dieses Thema auf zwei Wochen auszudehnen. Hier kommt es auf das Einfühlungsvermögen der Fachkräfte an.

Sind die Angebote für Kleingruppen oder die Gesamtgruppe konzipiert?
Zentraler Gedanke von primärer Prävention ist es, dass die ganze Gruppe angesprochen wird, als systemische Herangehensweise. Beißt ein Kleinkind, dann ist das ein Problem, das die gesamte Gruppe betrifft, alle Kinder und auch die Fachkräfte müssen damit umgehen. Es ist wichtig, hier auch die Zusammenhänge zu erkennen. Natürlich kann eine Erzieherin im Eins-zu-eins-Kontakt auch mal etwas vertiefen, aber an sich sind die Angebote keine einzeltherapeutischen Maßnahmen – auch um Stigmatisierung zu vermeiden. Selbst wenn man alle gleichzeitig anspricht, muss man darauf achten, nicht unbewusst immer mit denselben zwei Kindern zu arbeiten, die man besonders fördern möchte.

Das US-amerikanische Programm Second Step war Vorbild für Faustlos, und nach wie vor arbeiten Sie als internationales Netzwerk zusammen. Beschreiten Sie mit dem u3-Programm einen neuen Weg? Fäustling wurde tatsächlich unabhängig von amerikanischen Vorbildern und Ideen entwickelt; es basiert viel mehr auf den Erfahrungen, die wir durch Faustlos gewonnen haben, aber auch auf jener neuen Ausrichtung, die ich für sehr sinnvoll halte: Achtsamkeit.  

Herzlichen Dank für das Gespräch.

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