Alle Veränderungen fangen klein an – Adventsandacht – Für Erwachsene

Unsere Erfahrungen prägen uns. Der Advent kann eine gute Zeit sein, um solche Haltungen zu hinterfragen. Eine Andacht.

»Ein Mann will ein Bild aufhängen. Den Nagel hat er, nicht aber den Hammer. Der Nachbar hat einen. Also beschließt unser Mann, hinüberzugehen und ihn auszuborgen. Doch da kommt ihm ein Zweifel: Was, wenn der Nachbar ihm den Hammer nicht leihen will?

Gestern schon grüßte er ihn nur so flüchtig. Vielleicht war er in Eile. Aber vielleicht war die Eile nur vorgeschützt, und er hat etwas gegen ihn.

Und was? Er hat ihm nichts angetan; der bildet sich da etwas ein. Wenn jemand von ihm ein Werkzeug borgen wollte, er gäbe es ihm sofort. Und warum sein Nachbar nicht? Wie kann man einem Mitmenschen einen so einfachen Gefallen ausschlagen? Leute wie der Kerl vergiften einem das Leben. Und dann bildet der Nachbar sich noch ein, er sei auf ihn angewiesen. Bloß weil er einen Hammer hat. Jetzt reicht's ihm aber wirklich. Und so stürmt er hinüber, läutet, der Nachbar öffnet, doch noch bevor er »Guten Morgen« sagen kann, schreit ihn unser Mann an: »Behalten Sie Ihren Hammer, Sie Rüpel!«

Vermutlich kennen die meisten von Ihnen diese Geschichte aus dem Buch »Anleitung zum Unglücklichsein« von dem österreichischen Psychologen Paul Watzlawick. Und ebenso wahrscheinlich denken sich die meisten spontan: »So bin ich nicht!«.

Ich möchte ein wenig den ›advocatus diaboli‹ spielen und behaupte: Ein wenig sind vermutlich die meisten von uns so. Und ich möchte Ihnen dies gerne am Beispiel meines Hundes verdeutlichen und Sie zum Nachdenken anregen. Ich bekam meinen Hund, als er ein knappes Jahr alt war. Er ist zusammen mit anderen Hunden und Katzen aufgewachsen. Wenn ich mit ihm am Anfang Gassi ging, wandte er sich den Katzen freundlich zu. Schließlich hatte er zu Hause ja die Erfahrung gemacht, dass Hunde und Katzen sich durchaus verstehen können, und beide haben es sich auch gemeinsam auf dem Sofa bequem gemacht. Nun musste er allerdings in Waltrop erfahren, dass die Katzen ihm nicht freundlich begegneten, sondern ihn anfauchten. Am Anfang hat ihn das etwas verwirrt, aber er blieb freundlich. Je mehr negative Erfahrungen er allerdings machte, desto weniger freundlich wurde er zu den Katzen und schließlich bellte er sie knurrend an.

Erfahrungen prägen nicht nur einen Hund, sondern auch uns Menschen. Oft stecken wir Menschen nach unseren Vorerfahrungen in bestimmte Schubladen, aus denen wir dann nur noch schlecht herauskommen. Ähnlich wie die Katzen bei meinem Hund gehen wir davon aus, dass der andere eben so ist, wie wir es vermuten, und geben ihm kaum eine Chance, das Gegenteil zu beweisen. Aber es ist ja legitim, dass Menschen sich ändern, weil sie neue Erfahrungen gemacht haben. Allerdings nehmen wir ihnen diese Veränderungen oft nicht so wirklich ab und sehen sie vielleicht nur als ein ›Drehen des Mantels im Wind‹ an. Gehen wir offen an Menschen heran, die sich verändert haben, können wir zu einer neuen Wertschätzung gelangen.

Ich denke beispielsweise an einen Bischof, den ich schon vor seiner Bischofsweihe als sehr konservativ und autoritär erlebt habe. Am Anfang seiner Bischofszeit ist er diesem Bild auch mehr als gerecht geworden. Er merkte aber, dass die Welt seines Bistums anders aussieht, als er sie sich vorgestellt und gedacht hat. Er nahm die Realität immer mehr wahr und sah, dass Veränderungen notwendig sind, wenn Kirche eine Chance haben möchte, weiterhin Menschen für den Glauben zu überzeugen. Dieser Bischof ist jetzt zwar nicht gerade eine Speerspitze bspw. in der Frauenbewegung der Kirche, aber er geht neue Wege, wenn auch recht vorsichtig. Und man täte ihm unrecht, wenn man diese Veränderung nicht wahrnehmen würde, auch wenn sie durchaus noch ausbaufähig ist.

Allerdings fangen alle Veränderungen klein an. In der Lesung aus dem Buch Jesaja haben wir gehört, dass aus einem Baumstumpf ein kleiner Zweig wächst. Ein kleiner Anfang. Im weiteren Verlauf erzählte uns die Lesung von einem wunderbaren Traum einer friedlichen Welt, in der Menschen und Tiere sich wunderbar verstehen. Dann wohnt der Wolf beim Lamm, der Panther liegt beim Böcklein. Kalb und Löwe weiden zusammen, ein kleiner Knabe kann sie hüten. Kuh und Bärin freunden sich an, ihre Jungen liegen beieinander. Der Löwe frisst Stroh wie das Rind. Der Säugling spielt vor dem Schlupfloch der Natter, das Kind streckt seine Hand in die Höhle der Schlange. Man tut nichts Böses mehr. Ein solcher Traum wird auf der Erde nie wirklich Realität werden. Dazu sind schon die naturbedingten Anlagen von Menschen und Tieren zu entgegengesetzt. Aber wir dürfen hoffen, dass Gott uns dereinst diesen Frieden schenken wird, im Reich Gottes, in seinem Reich der Liebe. Dann wird es auch so sein, dass wir die Welt mit neuen Augen sehen und den anderen zutrauen, dass sie sich geändert haben. Wir werden die anderen nicht weiterhin festlegen auf das, was sie einmal waren. Gott gibt ihnen, Gott gibt uns diese Chance. Auch wenn die Vollendung dieses Traumes erst im Reich Gottes Wirklichkeit werden kann, so sind wir aber doch aufgerufen, schon jetzt einen Weg zu bereiten, dass dieser Traum wenigstens ein wenig wahr werden kann. Voraussetzung dafür ist, anderen eine neue Chance zu geben, ihnen zuzubilligen, dass sie sich geändert haben können, und sie nicht für immer auf die Erfahrungen festzulegen, die wir bisher mit ihnen gemacht haben.

Der Advent kann eine gute Zeit sein, eine solche Haltung einzuüben. Dies ist sicherlich nicht einfach. Denn wie mein Hund feststellen musste, dass seine Freundlichkeit gegenüber Katzen nicht erwidert wird, so müssen auch wir oft feststellen, dass unser Vertrauen nicht erwidert wird, ja vielleicht sogar ausgenutzt wird. Aber mir scheint, dass dies die einzige Möglichkeit ist, den Weg für den Frieden, den Weg für das Kommen Jesu vorzubereiten. Wenn wir das uns Mögliche tun, können wir sicher darauf hoffen, dass Gott unsere Bemühungen vollendet.

An Weihnachten werden wir wieder den Gesang der Engel hören: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen auf Erden.

Ich bin überzeugt, dass wir Weihnachten mit einer tieferen Freude werden feiern können, wenn wir eine Haltung entwickeln, die Veränderungen bei anderen wahrnimmt und akzeptiert, wenn wir den Weg für den Frieden auf der Erde nach unseren Kräften ebnen. Amen.

Dr. Carsten Roeger

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