PhilosophieZwischen Wissenschaft und Weisheit

Nicht nur das öffentliche Interesse an akademischer Philosophie hat sich verändert, auch das Fach selbst wandelt sich. Nicht alles daran ist begrüßenswert. Ein Plädoyer für Grundlagenfragen, für Ideologiekritik und die Suche nach dem richtigen Selbst- und Weltverständnis.

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Im vergangenen Jahr wurde die Zeitschrift „Information Philosophie“ nach 50 Jahren eingestellt. Als diese Zeitschrift 1972 begründet wurde, war das Interesse an der akademischen Philosophie noch weit über das Fach hinaus recht groß. Das hat sich in der Zwischenzeit stark verändert. Im „Editorial“ der letzten Ausgabe schreibt der Herausgeber Peter Moser dazu: „Das Fach, in dem es damals um wesentliche, das Ganze betreffende Fragen ging, die auch entsprechende Diskussionen auslösten, hat sich verwissenschaftlicht und spezialisiert. Professorinnen und Professoren schreiben, abgesehen von den Emeriti, den Naturwissenschaftlern folgend weniger Bücher; sie beschränken sich auf sogenannte ‚Papers‘, die nur für Spezialisten relevant sind und außerhalb ihrer Kreise nicht wahrgenommen werden – das Vordringen der englischen Sprache hat dies noch befördert. […] Geblieben ist das große Interesse an Philosophie in der Öffentlichkeit. Um dieses abzudecken, hat sich eine eigentliche außerakademische Philosophie herausgebildet, mit eigenen Stars, eigenen Medien und eigenen Sendeprogrammen.“

Was der Herausgeber der Zeitschrift „Information Philosophie“ beklagt, ist eine Entwicklung, die schon länger vor sich geht. Dass sich die Philosophie immer mehr mit philosophiehistorischen Fragen und Themen beschäftigt, hat mit dem enormen Fortschrift der Einzelwissenschaften zu tun, der in der Neuzeit seinen Anfang genommen und spätestens seit dem 19. Jahrhundert unglaublich an Fahrt aufgenommen hat und heute exponentiell am Steigen begriffen ist. Dadurch geriet die Philosophie unter einen immensen Druck, da sie an diesem Fortschritt keinen Anteil hat, jedenfalls nicht in der Weise, wie er in der Einzelwissenschaft und der Technik vorliegt. Demgegenüber lagen die Philosophen seit alters her immer im Streit; man hat zu Recht von der „Anarchie der Systeme“ gesprochen. Das hat den amerikanischen Wissenschaftstheoretiker Nicolas Rescher zu dem Bonmot veranlasst: „Wenn zwei sich einig sind, kann einer von ihnen kein Philosoph sein.“

Vom Versuch einer wissenschaftlichen Philosophie

Diese Situation hat zu Beginn des letzten Jahrhunderts – neben der verstärkten Beschäftigung mit der Geschichte der Philosophie – zu verschiedenen Versuchen geführt, eine sogenannte „wissenschaftliche Philosophie“ zu begründen. Solche Versuche liegen im sogenannten Logischen Positivismus sowie in bestimmten Formen der Phänomenologie und des Neukantianismus vor. Heute begegnet uns ein solcher Versuch in der sogenannten Analytischen Philosophie, die seit einigen Jahrzehnten aus den USA und England nach Kontinentaleuropa herübergeschwappt ist. Etliche Vertreter der Philosophie innerhalb theologischer Fakultäten sind heute Analytische Philosophen, was durchaus als problematisch betrachtet werden kann. Die andere Möglichkeit, dem wissenschaftlichen Anspruch gerecht zu werden, ist die Beschränkung der Philosophie auf rein philosophiehistorische Forschung. Der britische Philosoph Bryan Magee, der in jungen Jahren der Analytischen Philosophie nahestand, sich später aber völlig davon distanziert hat, hat einmal über diese gesagt: „Die Beziehung des Analytikers ist die des Kunsthistorikers zur Kunst. So wenig der Kunsthistoriker Künstler ist, ist der Analytiker Philosoph.“ Das trifft natürlich in noch größerem Maße auf den reinen Philosophiehistoriker zu.

Ohne Frage ist die Philosophie als rein historische Disziplin eine Einzelwissenschaft wie andere Einzelwissenschaften auch. Man beschäftigt sich mit Texten großer oder auch weniger großer Philosophen und interpretiert diese nach bestimmten methodischen Gesichtspunkten. Wenn dieser Aspekt nicht zur Philosophie dazugehören würde, könnte man zu Recht fragen, mit welchem Recht dieses Fach an der Universität vertreten wird.

Wäre dieser philosophiehistorische Aspekt aber schon alles, dann stellte sich die Frage: Warum ordnet sich die Philosophie dann nicht unter den philologischen Fächern ein, also in der Literaturwissenschaft, wie es etwa in chinesischen Universitäten zum Teil der Fall ist? Ohne Zweifel treiben auch manche Kollegen eigentlich Philologie und nicht Philosophie. Dieser wissenschaftliche Aspekt ist wichtig, aber es ist nur der eine Pol der Philosophie. Der andere Pol ist mindestens genauso wichtig, nämlich der weisheitliche. Und wenn etwas unter einer Polarität steht, dann kommt es immer dann zu Verzerrungen, wenn einer der beiden Pole überbetont wird.

Schon das Wort „Philosophie“ deutet auf den weisheitlichen Pol hin; kommt es doch aus dem Griechischen und heißt übersetzt: Liebe zur Weisheit. Nur der Mensch philosophiert, weder Gott noch die Tiere philosophieren. Gott besitzt Weisheit oder ist die Weisheit selbst, deshalb braucht er nicht zu philosophieren. Tiere besitzen keine Freiheit, mithin keine Selbst-Distanz und Selbst-Transzendenz. Das heißt, sie können nicht zu sich selbst in Distanz treten, und sie können sich selbst auch nicht transzendieren. Philosophie, Wissenschaft, Kunst, Religion – das sind aber alles Akte der Selbst-Transzendenz. An diesen wenigen Andeutungen wird auch schon deutlich, wie unsinnig es ist, Computern, also Maschinen, so etwas wie Selbst-Bewusstsein oder Subjektivität zuzusprechen, oder mit Hirnforschern wie Gerhard Roth zu behaupten, dass Freiheit eine bloße Illusion sei. Freiheit dokumentiert sich ja nicht unbedingt darin, auf ein Zeichen hin den Arm zu heben. Freiheit dokumentiert sich zum Beispiel in der Möglichkeit des Selbstmords: Ich als Geistwesen kann mich als Leibwesen töten, das wäre ein extremer Akt der Selbst-Distanzierung.

Philosophie und Lebenskunst

Zurück zur eigentlichen Frage: Der weisheitliche Aspekt ist der andere Pol der Philosophie. Und er hat immer auch etwas mit Lebenskunst zu tun. Von daher verwundert es nicht, dass Wilhelm Schmid, ein habilitierter Philosoph, heute ein vielgelesener Autor ist. Schmid schreibt über das Glück, die Freundschaft, die Gelassenheit, das Schenken und ähnliche Dinge. Das geht schon stark in den Bereich psychologischer Lebensberatung, hat aber auch in der philosophischen Tradition viele Vorbilder bis in die Antike hinein. Doch wenn dieser Aspekt überbetont wird, liegt eine Verzerrung vor.

Auf der anderen Seite greifen aber auch Psychologen und Psychotherapeuten zuweilen philosophische Themen auf, die in der Philosophie vernachlässigt werden. Das heißt, sie finden die eigentliche Philosophie (und das war immer wieder der Fall) nicht unbedingt im akademischen Bereich. Genannt sei etwa der US-Amerikaner Irvin D. Yalom, der bekannteste lebende existentielle Psychotherapeut, der auch durch seine philosophischen Romane hierzulande eine große Bekanntheit erlangt hat mit Titeln wie: „Die Schopenhauer-Kur“ oder „Und Nietzsche weinte“. Sein 600 Seiten umfassendes Standardwerk über Existentielle Psychotherapie behandelt vier existentielle Fragen, die seiner Meinung nach mit nicht wenigen psychischen Problemen zusammenhängen: Tod, Freiheit, Einsamkeit und Sinnlosigkeit.

Damit ist die Mitte der Philosophie angesprochen. Denn auf die Frage: Was willst Du wissen, hat Augustin einmal geantwortet: die Seele und Gott. Auch das ist natürlich etwas überpointiert – aber trotzdem immer noch lehrreich, denn beides sind keine Themen der Einzelwissenschaften. Karl Jaspers hat das ähnlich gesehen, wenn er von Existenz und Transzendenz spricht, wobei Existenz für ihn fast ein synonymer Begriff für Freiheit ist. Die vier Themen Tod, Freiheit, Einsamkeit und Sinnlosigkeit von Yalom sind also implizit in dem Diktum von Augustinus enthalten.

Tillich und die Kritik der Analytischen Philosophie

Szenenwechsel: Als Paul Tillich nach seiner Emeritierung im Jahre 1955 am „Union Theological Seminary“ in New York noch die höchsten akademischen Würden, die Amerika zu vergeben hat, durch seine Ernennung zum „University Professor“ in Harvard erlangte, wurde die dortige philosophische Szene auch schon von Philosophen beherrscht, die sich vornehmlich mit der Analyse von Begriffen beschäftigten und die alten Themen der sogenannten Metaphysik nicht mehr thematisierten. Tillichs bekannteste Schrift, seinerzeit zu einem Bestseller avanciert, hatte den Titel „The Courage to be“ – „Der Mut zum Sein“. In dieser Schrift geht es um den Mut, die Angst als Bewusstsein der Endlichkeit, die Selbstbejahung, es geht um die Polarität von Individualisation und Partizipation sowie um die Transzendenz, das heißt Gott. Ein Kollege aus der Philosophie, ein bekannter analytischer Philosoph, hat sich seinen Studierenden gegenüber einmal über diese Schrift von Tillich wie folgt äußert: Man könne aus diesem Buch nur eines lernen, nämlich was Philosophie nicht sei.

Ludwig Wittgenstein, einer der größten Philosophen im 20. Jahrhundert schreibt im Vorwort zu seinem Frühwerk, dem „Tractatus“ – und damit nimmt er schon den ganzen Sinn des Buches vorweg: „Was sich überhaupt sagen lässt, lässt sich klar sagen; und wovon man nicht reden kann, darüber muss man schweigen.“ Am Ende dieser Schrift heißt es aber dann, dass damit die Lebensprobleme der Menschen noch gar nicht berührt sind. In seinem Spätwerk hat Wittgenstein darum seine sogenannte Sprachspieltheorie entwickelt, in der er sich mit der Religion, der Ethik und der Ästhetik auseinandersetzt, geht es doch bekanntlich bei diesen Themen um relevante Aspekte des Menschen, und diese würden ja nach dem Diktum aus dem „Tractatus“ unter den Tisch fallen, weil es in diesen Gebieten so gut wie unmöglich ist, mit klaren Begriffen zu arbeiten.

Tillich wusste um diese Kritik von Seiten der Analytischen Philosophie. Aus diesem Grund hat er einem analytischen Kollegen angeboten, er solle doch einmal in eine seiner Vorlesungen kommen und immer dann den Arm heben, wenn er, Tillich, unklare Begriffe verwenden würde. Der Kollege hat darauf geantwortet: „So stark bin ich nicht; denn ich müsste den Arm die ganze Zeit heben!“

Die entscheidenden philosophischen Begriffe, wie etwa Freiheit, Vernunft, Sein und Transzendenz, darauf hat Tillich immer wieder zu Recht hingewiesen, sind aber gerade nicht in Definitionen einzufangen, sondern sie sind konfigurationaler Natur. Und eigentlich geht es auch nicht um Begriffe, sondern um Bedeutungen, die immer nur dadurch erläutert werden können, dass sie in Beziehung zu anderen Bedeutungen und Begriffen gesetzt werden. Was zum Beispiel Freiheit ist, kann nicht durch eine Definition endgültig geklärt werden. Man kann zwar verschiedene Definitionen der Freiheit vorstellen, die in der Geschichte der Philosophie begegnen, aber damit ist das Phänomen bei weitem nicht erschöpft. Diese Sicht auf die Philosophie scheint auch den Tillich-Schüler und Mitbegründer der existentiellen Psychotherapie in den USA, Rollo May, einmal zu dem Urteil veranlasst haben, dass Tillich „der letzte Philosoph dieses Landes“, das heißt der USA gewesen sei.

Der Mythos vom Ende der Metaphysik

Mit diesen Ausführungen ist der Bereich angeschnitten, den man immer mit dem Wort „Metaphysik“ in Verbindung gebracht hat; ein Begriff der stark in Verruf geraten ist aufgrund seiner begriffsgeschichtlichen, historischen und systematischen Komplexität und den damit verbundenen Missverständnissen. Der Metaphysik geht es nicht um „statements of facts“, wie Theodor W. Adorno einmal zu Recht gesagt hat, sondern es geht letztlich um das menschliche Selbst- und Weltverständnis. Wie verstehen wir uns als Menschen – als mit Freiheit begabte Lebewesen oder als einen Reiz-Reaktions-Mechanismus? Und in welcher Welt wollen wir leben? Man könnte das Thema der Metaphysik, die früher die zentrale Disziplin der Philosophie war, auch so formulieren: Was ist das eigentlich Wirkliche? In heutigen Vorlesungsverzeichnissen der Philosophie taucht das Wort Metaphysik jedoch oft gar nicht mehr auf. Der bekannteste lebende deutsche Philosoph Jürgen Habermas betont immer wieder, dass wir in einem nachmetaphysischen Zeitalter lebten. Das halte ich für ein völliges Missverständnis, und das ist auch nicht deswegen richtig, weil Habermas das sagt.

Habermas hat ein bestimmtes Verständnis von Metaphysik im Hinterkopf, das er ablehnt. Aber damit ist nicht die Metaphysik am Ende, denn die Metaphysik gibt es ja auch gar nicht, sondern es gibt immer nur verschiedene Formen von Metaphysik, wie die Metaphysik von Gottfried Wilhelm Leibniz, von Jaspers und anderen; und es finden sich eben auch solche Formen, die von der Kritik von Habermas überhaupt nicht getroffen werden.

Dass die Philosophie als Metaphysik heute stark in Misskredit geraten ist, hat nicht zuletzt auch damit zu tun, dass nicht nur eine Reihe von Einzelwissenschaftlern, sondern auch etliche philosophische Kollegen einen weltanschaulichen Naturalismus oder Reduktionismus vertreten. Eine solche Position kann verschieden aussehen. So kann Geist auf den Biocomputer Gehirn reduziert werden, aber noch weitreichender auf das rein Physikalische. Ein solcher Naturalismus kommt zwar nie in Erklärungsnot, doch stellt sich hier die Frage: Wird damit schon alles erklärt? Dazu ein anschauliches Beispiel: Ein Naturalist würde zu dem Phänomen von Mutter Teresa sagen: Die hat doch ein Helfersyndrom oder Gene, die bewirken, dass sie das machen musste, was sie gemacht hat. Aber ist damit schon wirklich alles erklärt? Gibt es darüber hinaus nicht ein „Mehr“? Auf das Statement eines Journalisten: „Was Sie machen, würde ich nicht für 3.000 Dollar am Tag machen“, soll Mutter Teresa einmal geantwortet haben: „Ich auch nicht.“ Der letzte Antrieb war für sie die Liebe im Sinne der christlichen Agape, die bedingungsloser oder unbedingter Natur ist. So etwas lässt sich eben naturalistisch, ob evolutionsgeschichtlich oder psychologisch, nicht zu verrechnen.

Und es ist auch plattester Naturalismus, wenn ein Physiker wie der verstorbene Stephan Hawking erklärt, dass sich das Weltall aufgrund der Gravitationsgesetze selbst aus dem Nichts entwickelt habe. Das erinnert an mythische Erzählungen, hat aber nichts mit Physik zu tun und ist schlechte Philosophie, was andere bedeutende Physiker, ja selbst Nobelpreisträger ohne Weiteres zugestehen. Hier werden die Grenzen einzelwissenschaftlicher Forschung, die immer nur partikular arbeitet, überschritten.

Die ständige Grundlagenkrise der Philosophie

Neben dieser Partikularität sind die Einzelwissenschaften wesentlich durch die folgenden drei Merkmale gekennzeichnet, wobei es deren aber noch weitere gibt: durch methodische Erkenntnis, durch hypothetisch zwingende Gewissheit und durch Allgemeingültigkeit. Das heißt, jeder muss aufgrund der verwendeten Methode die gewonnenen Erkenntnisse prinzipiell nachvollziehen können; diese werden aber nie absolut. Es geht stets um Hypothesen, die durch neue Erkenntnisse überholt werden können, und doch werden in der Regel die meisten Erkenntnisse vom Gros der Forscher anerkannt – zum jeweils gegenwärtigen Zeitpunkt. Das macht es auch möglich, Lehrbücher zu schreiben. Aber das Gros der Menschen versteht ja gar nicht, wie Wissenschaft funktioniert, was man schon allein an den entsprechenden Reaktionen auf die Statements von medizinischen Fachgrößen während der Corona-Pandemie sehen konnte. Übrigens: Medizinische Lehrbücher haben eine Halbwertszeit von nur fünf bis zehn Jahren, dann muss eine neue Auflage vorgenommen werden, weil etliche Erkenntnisse überholt sind. Wenn es absolut gewisse Erkenntnisse gibt, dann nur in der Logik und Mathematik, da diese rein formale Wissenschaften sind, ohne materiale Basis – aber selbst das ist höchst fraglich.

In der Philosophie finden sich zwar auch Lehrbücher; diese kann man aber eigentlich nur über historische Positionen schreiben, da die philosophiehistorische Forschung ja einzelwissenschaftlichen Charakter besitzt. Doch nicht selten suggerieren philosophische Bücher, als würde dies auch auf die Philosophie als solche zutreffen. Das ist aber nicht der Fall.

Auf die Philosophie trifft zwar die methodische Erkenntnis zu, ansonsten könnte man ja eine bestimmte philosophische Position nicht nachvollziehen. Aber die beiden anderen Aspekte, hypothetisch zwingende Gewissheit und Allgemeingültigkeit, treffen hier nicht zu. Warum nicht? Weil – um mit Aristoteles zu sprechen – Philosophie Prinzipienwissenschaft ist. Modern gesprochen: Der Philosophie geht es immer um Grundlagenfragen. Anders ausgedrückt: Die Philosophie befindet sich ständig in einer Grundlagenkrise, weil man hier begründet verschiedener Auffassung sein kann. Ein gegnerischer Standpunkt beansprucht auch zu Recht, vernünftig zu sein. Wenn dagegen Einzelwissenschaften in eine Grundlagenkrise geraten, so beispielsweise in der Mathematik zu Anfang des letzten Jahrhunderts, so blockiert dies im Grunde die einzelwissenschaftliche Forschung, und es geht dann letztlich um philosophische Fragen. Die Einzelwissenschaften sind so fortschrittlich und erfolgreich, weil sie diese Grundlagenfragen eben nicht thematisieren. Allerdings haben die großen Forscherpersönlichkeiten diese immer auch diskutiert – in diesem Fall haben sie aber als Einzelwissenschaftler philosophische Fragen erörtert, wie beispielsweise Pascual Jordan, Werner Heisenberg oder auch Albert Einstein.

Philosophie – undabdingbar für die Theologie

Auf Prinzipienfragen kann man aber immer mehr als eine Antwort geben. Jetzt könnte man sagen: Wenn das so ist, dann lassen wir dieses ganze Unternehmen doch am besten gleich ganz beiseite. Das wäre ein völliges Missverständnis und zeigte nur, dass der so Sprechende von diesem Problem gar nichts verstanden hat. Denn diese metaphysischen Begriffe oder Themen schwingen immer auch in den Einzelwissenschaften mit. Und wenn dies nicht bewusst ist, sondern unbewusst, implizit, dann wird es gefährlich, weil es schnell ideologisch werden kann. Und eine der philosophischen Hauptaufgaben ist immer auch ideologiekritischer Natur.

Ein kurzer Blick sei hierbei auch auf Richard David Precht gestattet. Sicherlich kommt ihm das Verdienst zu, dass Menschen über seine Bücher Interesse an der Philosophie bekommen haben. Aber was er sagt, ist eigentlich nicht neu; es ist nur amüsant und recht verständlich ausgedrückt, besonders in seinem Bestseller „Wer bin ich, und wenn ja, wie viele“. Inzwischen ist Precht zu einem Medienstar aufgestiegen und weiß auf alles eine eindeutige Antwort: von der Kindererziehung bis zum Ukraine-Krieg. Das hat nun aber beileibe nichts mehr mit Philosophie zu tun.

Zusammenfassend kann man sagen: Im Unterschied zu den Einzelwissenschaften, deren Geschichte nur von einem recht marginalen Interesse für das jeweilige Fach ist, ist die Geschichte der Philosophie für die Philosophie wesentlich, und doch ist diese nicht das Wesentliche, geht es in der Philosophie doch letztlich um unser Selbst- und Weltverständnis. Und das ist es ja auch, was die Philosophie für die Theologie nicht nur interessant, sondern auch unabdingbar macht. Theologiestudierende, die die Philosophie am liebsten aus dem Fächerkanon streichen würden, sollten am besten in ein Predigerseminar irgendeiner christlichen Denomination, wie es diese zu hunderten in den USA gibt, gehen, sie dürfen sich dann aber nicht Theologe oder Theologin nennen. Denn die Silbe „logie“ im Wort „Theologie“ weist immer schon auf die menschliche Vernunft hin und damit letztlich auf die Philosophie.

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