Kirchen dürfen Mitgliederentwicklung nicht vernachlässigenMission muss auf die Tagesordnung

Benjamin Lassiwe
© Ralf Zöllner

Beide großen Kirchen in Deutschland verlieren Mitglieder. Reihenweise kehren ihnen die Menschen den Rücken. Gründe dafür gibt es genug: Die Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs läuft in beiden Kirchen schleppend. Die oft unsensibel und mit dem Charme einer „Vierundvierzigsten Rechtsmaßnahmenausführungsänderungsverordnung“ vollzogene Bildung von Großpfarreien, pastoralen Räumen und überdimensional großen Sprengeln verprellt langjährige Ehrenamtliche. Und über das Verhalten des Erzbischofs von Köln breitet man besser den Mantel des Schweigens.

Da ist es bemerkenswert, dass auf den Synoden der evangelischen Landeskirchen, aber beispielsweise auch beim Synodalen Weg der Katholiken ein Thema fast gar nicht mehr vorkommt: Das, was man früher Mission nannte, und man heute vielleicht etwas moderner als Mitgliederwerbung bezeichnen würde, findet im Grunde nicht mehr statt. Dass ihr die Gläubigen in Scharen davon laufen, tangiert die Kirche der gepflegten Gremiensitzungen nicht mehr. Sicher, es gibt positive Ausnahmen: So setzt eine Reihe von Landeskirchen mittlerweile auf Kasualagenturen. Relativ frei arbeitende Pfarrerinnen und Pfarrer, die mit modernen Formen Menschen bei wichtigen Lebensereignissen begleiten – Hochzeiten feiern, Taufen.

Doch beim Thema Mitgliedschaft entsteht der Eindruck, als hätten beide Kirchen aufgegeben. Lieber wird die dreiundreißigste, im Grunde wortgleiche Stellungnahme zu einem beliebigen tagesaktuellen Thema verabschiedet, lieber versichert man sich zum hundertsten Mal gegenseitig, warum der eigene Arbeitsbereich wichtig ist, lieber produziert man meterdicke Papierstapel mit Beschlüssen, die am Ende doch von niemandem außerhalb der eigenen Bubble rezipiert werden. Dabei hatte schon die Freiburger Studie, die den Kirchen den großen Mitgliederschwund seinerzeit vorhergesagt hatte, festgehalten, dass man dieses Phänomen zwar nicht aufhalten, es aber mit Taufen und Wiederaufnahmen abmildern könnte.

Es wäre deswegen höchste Zeit, das Thema Mitgliedschaftsentwicklung als wiederkehrenden Punkt auf die Tagesordnung sämtlicher kirchlicher Gremien zu nehmen - vom Pfarrgemeinderat und Presbyterium über die Landessynoden und Bistumsgremien bis hin zur EKD-Synode und dem Synodalen Weg. Denn wer nicht wenigstens versucht, sich diesem Thema zu stellen, wird am Ende auch nichts ändern.

 

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