Orthodoxe KircheFatale Bilanz für Moskauer Patriarchen nach einem Jahr Krieg

Seit seinem Beginn unterstützt der russisch-orthodoxe Patriarch Kyrill I. den Krieg gegen die Ukraine und liefert zudem den ideologischen Überbau dafür. Nicht nur in der Ukraine haben der Patriarch und die russisch-orthodoxe Kirche ihren Kredit weitgehend verspielt.

Der Kreml in Moskau
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Der Patriarch der russisch-orthodoxen Kirche, Kyrill I., hat den Krieg gegen die Ukraine nicht nur von Anfang an unterstützt, sondern auch in seinen Predigten und Amtshandlungen den ideologischen Überbau dafür geliefert. Immer wieder betont er mit Blick auf die sogenannte "Taufe der Rus" von 988, dass Russen und Ukrainer "ein Volk" seien - und bestreitet aufgrund dieser Denkfigur jede kirchliche oder staatliche Eigenständigkeit der Ukraine. Die seit 1992 zunehmenden Bemühungen um kirchliche Autokephalie bekämpfte er vehement - bis zum Bruch der kirchlichen Gemeinschaft mit dem Patriarchat Konstantinopel und allen anderen orthodoxen Kirchen, welche die von diesem gewährte Eigenständigkeit der Orthodoxen Kirche der Ukraine (OKU) ebenfalls anerkennen.

Von Putins Überfall auf die Ukraine versprach sich Kyrill offenbar die Rückholung der dortigen abspenstigen orthodoxen Christen. Damit hat er sich verrechnet: Auch die zum Moskauer Patriarchat gehörende "autonome" Ukrainische Orthodoxe Kirche (UOK) erklärte sich im Mai 2022 für völlig unabhängig - ohne allerdings den kirchenrechtlichen Begriff der Autokephalie zu verwenden. Für Moskau geht es bei alledem nicht allein um ideelle Werte und ein imperiales Geschichtsbild, sondern auch ganz konkret um einen erheblichen Teil der eigenen Kirche, denn von den weltweit rund 38.000 zum Patriarchat gezählten Gemeinden liegen rund 13.000 in der Ukraine und gehörten vor dem Krieg zur UOK, und diese gelten auch noch als die am stärksten religiösen. Mehrere hundert Gemeinden wechselten inzwischen zur OKU.

In Teilen der von Russland kontrollierten Gebiete richtete das Patriarchat im vergangenen Jahr eigene Strukturen ein - dies betraf vor allem die bereits 2014 annektierte Krim, die kirchenrechtlich noch zur UOK gehörte, sowie Bistümer in den sogenannten "Volksrepubliken" Donezk und Luhansk. Moskau beruft sich dabei auf entsprechende Anträge der Betroffenen, der ukrainische Staat betrachtet dies als Kollaboration mit dem Feind. Wie auch immer die Situation in den einzelnen Diözesen und Gemeinden der UOK zu beurteilen ist - fest steht, dass Kyrill und die russisch-orthodoxe Kirche in der Ukraine insgesamt ihren Kredit weitgehend verspielt haben.

Und nicht nur dort. Die russisch-orthodoxe Kirche versteht sich ja laut ihrem Statut als "multinationale" Kirche und betrachtet als "kanonisches Territorium" die aus der ehemaligen Sowjetunion hervorgegangenen Staaten, aber auch China, Japan und andere Länder in Fernost. Während Staat und Kirchenführung in Belarus noch fest an der Seite Moskaus stehen, sieht es im Baltikum und in Moldau, die sich vom russischen Expansionsstreben bedroht sehen, anders aus.

In Lettland beschloss das Parlament im vergangenen September im Eilverfahren die völlige Loslösung der orthodoxen Kirche des Landes, die bis dahin eine autonome Struktur innerhalb des Moskauer Patriarchats bildete, von Moskau. Die Kirche akzeptierte den Beschluss als von "rein staatskirchenrechtlicher Natur". In Litauen gibt es ebenfalls Bemühungen, die Kirche aus dem Moskauer Patriarchat herauszulösen und in die Zuständigkeit des Ökumenischen Patriarchats zu überführen. Der Staat verhängte Sanktionen gegen den Patriarchen. In Estland existieren seit 1996 zwei orthodoxe Kirchen nebeneinander, die kleinere "Estnische Apostolische Orthodoxe Kirche" (Patriarchat Konstantinopel), zu der die orthodoxen Gläubigen estnischer Nationalität gehören, und die "Estnisch-Orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats", die die russisch- und ukrainisch-stämmigen Gläubigen vereint. Auf Druck der Regierung distanzierte sich deren Metropolit Eugeni Reschetnikow im Oktober ausdrücklich von Äußerungen Kyrills zum Krieg in der Ukraine.

Auch in Moldau forderte die regierende Liberale Partei die orthodoxe Kirche, der 98 Prozent der Bevölkerung angehören, auf, sich vom Moskauer Patriarchat loszusagen und sich dem rumänischen Patriarchat anzuschließen. Ihr Vorsteher, Metropolit Vladimir Cantarean, erklärte kürzlich in einem Interview der "Deutschen Welle", seine Kirche wolle Teil des Moskauer Patriarchats bleiben, obwohl sie den Krieg erklärtermaßen ablehne und den Ukrainern helfe. Es stehe ihm nicht zu, über die Handlungen des Patriarchen zu urteilen. Seine Pflicht als Metropolit sei es, "zu beten, dass Gott auch ihm Weisheit schenkt". Er fügte hinzu: "Ich habe nicht für Putin gebetet."

Die Auslandsdiözesen der russisch-orthodoxen Kirche sowie die seit 2007 wieder zum Moskauer Patriarchat gehörende Russisch-Orthodoxe Kirche im Ausland (ROKA) brachten der Krieg und die Positionierung Kyrills in Schwierigkeiten. Manche Priester weigerten sich, für den Patriarchen zu beten, viele halten sich mit öffentlichen politischen Äußerungen zurück, um Streit in ihren Gemeinden zu vermeiden, in die auch Flüchtlinge aus der Ukraine zum Gottesdienst kommen. Der zur ROKA gehörende deutsche Metropolit Mark Arndt bezeichnete Putins Krieg als "Verbrechen" und distanzierte sich auch von einigen Aussagen Kyrills, irritierte aber auch mit Äußerungen, in denen er dem Westen eine Mitschuld am Krieg gab und von einer "Verfolgung" der UOK in der Ukraine sprach.

Nicht überraschend ist die deutliche Kritik des Konstantinopler Patriarchen Bartholomaios I. an Kyrill, dem er die Spaltung der orthodoxen Welt vorwarf und ihm einen Rücktritt nahelegte. Während sich etwa der Patriarch von Alexandrien, Theodoros II. ebenfalls klar von Kyrill distanzierte, vor allem auch wegen dessen Ambitionen in Afrika, sind die anderen Oberhäupter der orthodoxen Kirchen in dieser Hinsicht zurückhaltend. Ausgerechnet der Vorsteher der orthodoxen Kirche Polens, Metropolit Sawa, erregte am 1. Februar Aufsehen mit überschwänglichen Glückwünschen an Kyrill zum Jahrestag seiner Amtsübernahme und sah sich anschließend gezwungen, dafür öffentlich um Vergebung zu bitten.

Die nichtorthodoxe Christenheit reagierte überwiegend empört und fassungslos auf die Parteinahme Kyrills für den Angriffskrieg. Gleich mehrere Anträge forderten einen Ausschluss der russisch-orthodoxen Kirche aus dem Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK), was dessen Leitungsgremien aber ablehnten. Es gelte im Dialog zu bleiben und die Kontakte nicht abreißen zu lassen, betonten sie. Der damalige amtierende Generalsekretär Ioan Sauca reiste sogar zu einem Treffen mit Kyrill nach Moskau, ohne aber etwas zu erreichen. Auch für viele, die grundsätzlich mit der russisch-orthodoxen Kirche im Gespräch bleiben wollen, geht es dabei längst nicht mehr um die Person Kyrills, sondern um Partner, mit denen ein künftiger Neuanfang möglich sein könnte. Allerdings wird die Luft für kritische Stimmen innerhalb Russlands immer dünner, nicht linientreue Geistliche werden abgestraft.

Als Papst Franziskus sich in einer Video-Konferenz mit Kyrill vergeblich um eine Friedensinitiative bemühte, sah er sich anschließend propagandistisch vereinnahmt und musste in einem Interview richtigstellen, dass er Kyrill gemahnt habe, er dürfe sich nicht zum "Ministranten Putins" machen. Ein in Jerusalem geplantes Treffen sagte er mit der Begründung ab, dass dieses ein "ambivalentes Zeichen" wäre. Es ist wohl kaum zu erwarten, dass Kyrill für den Papst künftig noch ein Partner in der bilateralen Ökumene ist.

Nüchtern betrachtet fällt die Bilanz Kyrills nach einem Jahr Kriegspropaganda fatal aus. Er selbst, der die "westlichen Werte" verabscheut (bekanntlich aber nicht westliche Luxusgüter), dürfte sich zwar von der Kritik der westlichen Christenheit ebenso unbeeindruckt zeigen wie von Sanktionen gegen ihn. Schwerer wiegt sein Ansehensverlust innerhalb der Orthodoxie, auch wenn darüber weniger laut gesprochen wird.

Von Norbert Zonker
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