Im Schatten der GewaltBegegnungen. Andreas Knapp im Gespräch

„Die letzten Christen“, so nennt Andreas Knapp seinen Bericht über die vom Islamismus bedrohte aramäische Minderheit in Syrien und Irak. Wie es zu seiner bewegenden Begegnung kam und was er erfuhr, erzählt er im Gespräch mit Rudolf Walter.

Andreas Knapp
Andreas Knapp, Mitglied der Gemeinschaft der Kleinen Brüder vom Evangelium (in der Tradition von Charles de Foucauld), arbeitet als Gefängnisseelsorger in Leipzig, Lyriker.© Privat

Rudolf Walter: Wie kommt ein Kleiner Bruder vom Evangelium, ein Freund des eremitischen Lebens, dazu, sich in die große Weltpolitik einzumischen?
Andreas Knapp: Da bin ich in guter Gesellschaft mit dem Eremiten, auf den unsere Gemeinschaft zurückgeht. Charles de Foucauld war Einsiedler in der Sahara – und hat sich trotzdem politisch engagiert und in Frankreich Einspruch erhoben gegen die Sklaverei in den Kolonialgebieten. Auch das Thema Islam war für ihn ganz zentral.

Wie sind Sie dazu gekommen, sich mit der Situation in Syrien und im Irak zu beschäftigen?
Ganz einfach: Ich lebe in einem großen Plattenbauviertel am Stadtrand von Leipzig. In den letzten Jahren sind viele weggezogen, es gibt einen hohen Leerstand. Über uns sind derzeit vier Wohnungen frei. Geflüchtete aus Syrien, Irak und Afghanistan, die jetzt hier wohnen, sind meine unmittelbaren Nachbarn, über uns und neben uns. Man spricht sich an, im Treppenhaus, auf der Straße. Neuankömmlingen haben wir ein kleines Geschenk an die Tür gehängt, als wir sie nicht antrafen. So bin ich in Kontakt gekommen. Ich begann ich mich für die Geschichten dieser Menschen zu interessieren und habe mich etwa darum gekümmert, dass die Kinder Yousifs, eines Nachbarn, einen Kindergartenplatz bekommen. Mit ihm habe ich mich angefreundet. Als sein Vater im Irak, in Mossul, plötzlich starb, hat Yousif mich gefragt, ob ich ihn zur Trauerfeier begleiten wolle. Und da bin ich mitgefahren.

Mutig!
Ich habe nicht groß nachgedacht. Ich hätte auch nicht geglaubt, dass alles in drei Tagen klappt, mit Genehmigungen, Pass, Papieren, Flugticket, Vertretung. Vor Ort habe ich dann mit der Familie von Yousif gewohnt, es sind Christen. Bei der Totenfeier lernte ich die syrisch-orthodoxe Gemeinde kennen. Ich bin mit den Schicksalen dieser Menschen konfrontiert worden, war in Flüchtlingslagern, besuchte die Kleinen Schwestern, habe Priester getroffen und war bei einem Bischof, der mir die Geschichte seiner Kirche erzählt hat. Es waren Geschichten von Verfolgung, tödlichem Hass, von Vertreibung und Flucht, verursacht durch fanatisch islamistisch motivierte Gewalt. Fast alle Familien haben Tote zu beklagen, nicht nur durch das Kriegsgeschehen, sondern auch durch Morde, die gezielt gegen Christen gerichtet waren. Ein Kreuz zu tragen oder der Eintrag „Christ“ im Pass, das genügte oft schon.

Christen mussten ja oft auch als Prellbock für etwas herhalten, was im Westen passierte.
Christen im Irak wurden Opfer des Mobs, als etwa in Dänemark Mohammed-Karikaturen veröffentlicht wurden. Von den Karikaturen wussten die nicht einmal. Auf einmal brannte ihr Haus.

Sie haben eine christliche Minderheit angetroffen, die von der Welt nicht wahrgenommen wurde und die im Schatten der großen politischen Katastrophen dieses Weltteils vergessen wurde, Irakkrieg, Kampf gegen den IS.
Auch ich selber bin ja erst vor Ort darauf aufmerksam geworden, dass dort seit Jahrhunderten eine christliche Minderheit lebt, die in den letzten Jahren so massiv unter Druck geriet, dass sie als Kirche wohl kaum eine Zukunft hat – nach fast 2000 Jahren.

Wie empfinden diese Christen das Desinteresse des Westens? Der syrische Priester P. Jacques Mourad hat einmal bitter gesagt: „Wir bedeuten ihnen nichts …“
Ganz so ist es nicht. Es gibt viele, die helfen: kirchliche Einrichtungen, Freiwillige, humanitäre Organisationen, die Gesellschaft für bedrohte Völker. Aber sicher ist: Von der hohen Politik wurde diese Minderheit nicht genügend geschützt. Man hat sie ausgeblendet. Schlimm sind aber nicht nur der Hass und die Gleichgültigkeit, sondern auch die Perspektivelosigkeit. Wer in kurdischen Flüchtlingslagern lebt, hat keine Rückkehrchance in die Heimat und kann auch nicht auswandern. Nur die Reicheren können Schlepperbanden bezahlen.

Sie haben mit den Menschen gelebt, Liturgie mit ihnen gefeiert. Welche Erfahrung ist es, einen Gottesdienst zu erleben, der in der Sprache Jesu gehalten wird?
Es hat mich tief berührt, so nah an den Ursprüngen zu sein. Das Vaterunser oder das Evangelium auf Aramäisch zu hören, das ist O-Ton, gewissermaßen der Sound des Anfangs. Auch wenn ich nichts verstehe: Diese Kultur, die Sprache, ihre Bilder, die Art zu denken, all das weckt eine tiefe Verbindung zu der Weise, wie Jesus, die Jünger, die ersten Christen gefühlt und sich ausgedrückt haben.

Eigentlich ist das doch Weltkulturerbe im besten Wortsinn. Wenn man bedenkt, was alles zum ideellen Weltkulturerbe gehört: die Posaunenchöre, die ostfriesische Teekultur und der Tölzer Leonhardiritt. Aber die aramäische Kultur und die Muttersprache Jesu nicht.
Es ist tragisch: Das letzte Gebiet, wo diese Sprache noch gesprochen und verstanden wurde, ist vom IS überrannt worden, und keiner hat sich groß darum gekümmert. Es gab Anträge, dieses Gebiet unter Schutz zu stellen, bei der Europäischen Kommission, bei der Bundeskanzlerin. Kein Echo.

Was fehlt uns, wenn wir dieses Erbe vergessen?
Zunächst vergessen wir ganz konkrete Menschen, die den christlichen Glauben weitergetragen und treu gelebt haben, das Evangelium auf ihre Weise interpretiert und eine ganz andere kulturelle Welt als unsere westeuropäische geschaffen haben. Und wir vergessen, dass unsere Kultur den Werten und Überlieferungen der orientalischen Kultur vieles verdankt. Nicht nur die Bilder des Evangeliums, auch seine Schwerpunkte stammen aus dieser Welt: dass Religion mit Freiheit zu tun hat, dass keine Gewalt angewendet werden darf, dass der Gedanke der Rache keinen Ort hat. Ich habe es erlebt: Trotz aller schlimmen Erfahrung ist die Reaktion der Christen dort immer noch: Wir rächen uns nicht, wir beten für die Verfolger. Das ist gelebte Märtyrerkultur. Sie sind bis heute Zeugen der Gewaltfreiheit Jesu. Das habe ich in unserer westlichen Kultur so selten erlebt. Ich erinnere nur an Gewaltszenarien im Namen des Christentums: Kreuzzüge, Inquisition, Konfessionskriege …

Was können wir noch von diesen Menschen lernen?
Dass Glaube auch etwas kostet, dass Glaubenstreue auch als Minderheit lebbar ist. Ich denke aber auch an eine besondere Tradition des Mönchtums, das dort entstanden ist. Ich habe noch das letzte alte Kloster der Gegend besucht, wo seit 1600 ununterbrochen gebetet wird. Diese Mönche haben immer den Dialog mit anderen Kulturen – Indien etwa – gesucht. Es gab dort immer eine große Offenheit für die Weisheit der Völker. Der interkulturelle Dialog hat auch hier seine Wurzeln.

Gibt es keine Hoffnung für das Christentum in dieser Weltgegend?
Die Zukunft ist dunkel. Ich sehe keine politische Entwicklung, die hoffen lässt, dass dort freie Staaten entstehen, wo Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit gelten und Menschen verschiedener Religionen gleichermaßen geschätzt werden.

Was Sie schildern ist ein Karfreitagsszenario. Gibt es denn auch positive Zeichen?
Diese vertriebenen Christen versuchen, ihrem Glauben treu zu bleiben, sie wollen miteinander beten, gemeinsam Gottesdienst feiern. Sie gründen hierzulande neue Gemeinden. Und ein entscheidender Punkt des Karfreitags ist ja die Treue. Dass Jesus sich selber und seiner Botschaft treu geblieben ist bis zum Tod und sich nicht hat provozieren lassen, seine Gegner zu verfluchen oder seine Botschaft zu verraten. Treue ist aber auch etwas Österliches: dass Gott dem Menschen treu ist, über den Tod hinaus. Wichtig ist, dass die Kinder der Geflüchteten in ihrer Sprache, ihrer Liturgie Gottesdienst feiern und beten können und sich gleichzeitig in unsere Gesellschaft integrieren, ohne ihre Identität zu verlieren. Das Leben geht weiter. Auch das ist etwas Österliches.

Was können wir tun, um das zu fördern?
Ihnen offen und mit Wohlwollen begegnen, uns für ihre reiche und bewegende Geschichte interessieren, ihnen – die sich so oft verstecken mussten – Raum geben, wo sie sich zeigen können. Konkret: Wir können sie einladen. Wir können Ihnen ermöglichen, Gottesdienst zu feiern. Wir können sie auch in unsere Gottesdienste einladen. Es wäre ein Zeichen!

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