Eine andere Art zu lebenBegegnungen. Huub Osterhuis im Gespräch

Seine Liedtexte haben schon vor Jahrzehnten die Liturgiereform inspiriert und gezeigt, was eine neue Sprache vermag. Im April erscheint, lang erwartet, seine neue Psalmenübersetzung. Huub Oosterhuis, ein Prophet unserer Tage, gibt im Gespräch mit Rudolf Walter, dem Herausgeber von einfach leben, Auskunft darüber, was Poesie und Liturgie bewegen können.

Huub Oosterhuis
Huub Oosterhuis, Dichter und Theologe, Gründer des „Lehrhauses Bibel und Liturgie“, Amsterdam.© Thomas Schlijper

einfach leben: Ihre spirituellen Texte haben Eingang gefunden ins „Gotteslob“. Ihre eigene Tochter Trijntje ist eine bekannte Jazz- und Popinterpretin, sie hat mit Lionel Richie, Andrea Bocelli und anderen gesungen. Gibt es da etwas Gemeinsames im Lebensgefühl, in dem, was sie jeweils ausdrücken wollen?
Huub Oosterhuis: Schon als Kind hat Trijntje meine öffentlichen Auftritte gesehen und mich dann imitiert. Heute hat sie natürlich ein anderes Publikum, bewegt sich in einer anderen Welt, aber auch sie will Menschen emotional berühren. Sie singt über Freundschaft, Verbundenheit, menschliche Grunderfahrungen – das sind Themen, die wir gemeinsam haben. Eines der populärsten Lieder von ihr, Höhepunkt in all ihren Konzerten, ist übrigens die Vertonung meiner Übersetzung von Psalm 139, das Lied „Ken je mij“ („Kennst du mich“). Es geht um das Sich- Kennen oder Nichtkennen, also um existenzielle Fragen der Beziehung, in nichtreligiöser Sprache. Kein einfacher Text – aber das ist so wie bei modernen Kirchenliedern: Wenn Texte gut sind und wirklich gut gesungen werden, dann sind sie auch eingängig.

Glaube muss eine neue Sprache finden. Wie gelingt es, dass alte Texte wie die Psalmen nicht nur verständlich, sondern wieder „sprechend“ und aktuell werden?
Das geht nur, indem man sich selber einbringt, seine eigene Lebenserfahrung sozusagen in diese Texte hinein übersetzt und so in einen Dialog mit ihnen tritt. Aus Wort und Antwort kann sich eine neue Sprache ergeben. Man muss selber mit den alten Texten kommunizieren, um sie heute verständlich zu machen.

Sie leben in Amsterdam, einer säkularen Großstadt. Wie erreichen sie die Menschen dort mit ihrer Liturgie?
Wir haben in dieser Stadt ja nicht nur Liturgie gemacht, sondern auch kulturelle und soziale Projekte. Erst damit hat man eine Stimme und wird gehört. Unsere Gemeinde hat ihr besonderes Profil, aber sie ist offen, auch die Liturgie ist offen. Die säkulare Stadt ist zudem keine Norm, es geht nicht darum, sich ihr anzupassen. Man muss sie konfrontieren mit den Maßstäben, mit der Norm des Evangeliums.

In Deutschland werden die Kirchen immer leerer. Steckt dahinter ein grundsätzliches Problem? Romano Guardini hat vermutet, der moderne Mensch sei nicht liturgiefähig, nicht symbolfähig.
Er meinte damit wohl die mittelalterlich gebliebene katholische Liturgie. Im „Geist der Liturgie“ sagt er, dass neben der Liturgie viele andere Formen der Frömmigkeit entstanden sind, dass die Seele der Liturgie sozusagen ausgewandert sei. Diese Seele muss wieder zurückkommen in die Mitte der Liturgie.

Was ist für Sie die „Seele“ der Liturgie, wo berührt sie den Menschen?
Liturgie ist Aufruf zur Welt, auch ein Aufruf, selbst eine andere Art zu leben möglich zu machen. Man erfährt das im Hören auf das Wort der Bibel oder beim gemeinsamen Singen. Dieses Hier und Jetzt in der Feier der Liturgie ist offen, d.h. es wird ein Keim gelegt: Etwas Neues wird möglich. Und jeder, der mitfeiert, kann zu diesem neuen Leben, zu dieser neuen, gerechteren Welt einen Beitrag leisten. Die alte Liturgie hat den Akzent auf die Ohnmacht des Menschen gelegt, der in erster Linie schuldig ist, „nicht würdig“. In der neuen Liturgie geht es um das Vertrauen auf das Gute, das überall getan wird; die Hingabe der Menschen, die füreinander sorgen, einander zuhören, Wunden verbinden; das unerkannte Erbarmen, das Menschen einander erweisen. Dass sie einander nicht verletzen, nicht knechten, nicht foltern – auch das kommt vor. Sonst wäre die Welt doch längst in den Abgrund gestürzt. Das ist meine Vision, die in der Liturgie lebendig wird.

Liturgie und Ethik, Feiern und Handeln hängen also zusammen?
Natürlich. Das ist der Kern und die Linie der jüdischen Bibel. Nicht nur: Geht hin in innerem Frieden, sondern: Geht hin und handelt so, dass Frieden und Gerechtigkeit in der Welt verwirklicht werden.

Ist das auch die Bedeutung eines Satzes aus einem Ihrer liturgischen Lieder: „Sei hier zugegen, Wort, und gegeben. Zukunft des Friedens, sei hier zugegen“?
Genau: Die Zukunft fängt jetzt und hier an. Und das sollte Liturgie nicht nur sagen, sondern erfahrbar machen. Sie legt den Keim für die Veränderung der Welt, und die beginnt bei jedem einzelnen Menschen. Liturgie ist die Feier eines neuen Anfangs.

Für Sie ist auch die Stille wichtig: „Sei still, meine Seele“, heißt es in einem Psalm.
Stille heißt ja nicht Leere. Sie ist Voraussetzung, um offen zu werden für die Vision, um voll zu werden von etwas anderem als das, was da ist. Dafür braucht man Ruhe, Zeit. Stille ermöglicht erst neue Fülle.

Stille als Voraussetzung auch für die Begegnung mit Gott?
Das Wort „Gott“ ist ein so massives spirituelles Wort geworden. Es sagt vielen nichts mehr, es ist eine Leerstelle. Der Prophet Elija spricht von der „rufenden Stille“. Das ist der ethische Anspruch des Anderen.

Ist da auch immer die Sehnsucht, die Bezogenheit auf Gott? Ich zitiere Huub Oosterhuis: „Zu dir steh ich auf am Morgen, nach dir dürst ich durch den Mittag, nach dir wälz ich mich in der Nacht: Rühr mich an, dass ich zur Ruhe komme.“
Wir müssen uns immer verständigen: Was meinen wir, wenn wir „Gott“ sagen? Wenn ich das Wort „Gott“ ausspreche, dann rede ich vom Geist des Wortes und der Vision einer anderen, neuen Wirklichkeit.

Kann Poesie diese unsagbare und unfassbare Erfahrung umschreiben? Ihre Texte tun das ja in paradoxen Formulierungen: „Du hast Namen und Gesicht“. Aber auch: „Niemand hat dich je gesehn“.
Das ist die biblische Spannung. Moses fragt: „Kann ich dein Angesicht sehen?“ Das geht nicht. Möglich ist nur die Rückseite Gottes: sein Name. Und die Auslegung seines Namens bringt uns auf Liebe, Gerechtigkeit. Erst wenn man seinen Namen so buchstabiert, hat man etwas über Gott gesagt. Und trotzdem bleibt er verborgen, nicht gesehen. Das wird in der klassischen Liturgie oft vergessen.

Welchen Namen würden Sie selber Gott noch geben?
Er ist Freund, jemand, mit dem man redet und streitet, dem man vertraut, mit dem man in Beziehung und Kommunikation bleibt, auch wenn man ihn nicht immer versteht.

Sie sprechen ja auch von den Schwierigkeiten der Kommunikation: dass „die Ohren zugestopft sind und das Herz leer“ ist.
Es geht tatsächlich nicht um schöne religiöse Erlebnisse und Erfahrungen des Wohlbefindens, sondern um einen Auftrag, um Berufung. Wie viele sagen: Lass mich damit in Ruhe, das ist zu mühsam.

Ist diese Unruhe auf diese Wirklichkeit hin uns eingeboren? Oder eine Antwort auf den Anruf der Bibel?
Die Bibel gibt dem eine bestimmte Richtung. Man kann diese Unruhe haben und ihr in einer falschen Richtung folgen. Man kann seiner Sehnsucht auch im egoistischen Sinn nachgehen, seine religiösen Bedürfnisse in einer selbstbzogenen Weise befriedigen. Wir Menschen haben ein maßloses Verlangen. Aber in der Bibel ist dieses maßlose Verlangen gebunden an diese Vision von Liebe und Gerechtigkeit. Das ist das „Eichmaß“.

„Kein böser Mensch kann glücklich sein“, sagen Sie. Religion als Weg zum Glück?
Die Bibel ist das Eichmaß auch jeder Religion. Der Prophet Amos misst den Gottesdienst am umfasssenden Recht Jahwes: „Ich hasse eure Feste ... eure fetten Heilsopfer will ich nicht sehen ... das Recht ströme wie Wasser, die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach“.

Was würden Sie jemandem sagen, der sagt, das sei Reduktion der Religion auf Ethik?
Gegenfrage: Ist es nicht eher Erfüllung der Religion? Wirksamkeit ist Maßstab für Richtigkeit: „Worte gesprochen, die wirken zum Guten“. Das ist die Bibel. Nächstenliebe ist ein Wort, das die Richtung für die biblische Spiritualität anzeigt.

Ihre Vision: Dass kein Kind sterben wird. Dass wir uns nicht sinnlos mühen werden. Dass wir die Kriege verlernen. Jesaja – so, dass ihn auch heute jeder versteht. Ist der Kern ihres Umgangs mit der Bibel das Vertrauen, dass letztlich das Gute siegen wird?
Romano Guardini hat in seiner Todesanzeige einen Text verwendet, den ich für die Totenliturgie eines Freundes geschrieben hatte: „Wir sprechen aus in tastendem Glauben, dies ist das Ende nicht, denn unser Gott ist ein Gott der Lebenden.“ Und Paulus sagt im Korintherbrief: „Gott wird alles in allem sein. Wenn der Tod überwunden sein wird, dann wird der Sohn vor dem Vater knien und sagen: „Jetzt ist es vollbracht.“ Auch in dieser radikalen Hoffnung ist die Bibel ein Lebensbuch. 

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