Begegnungen. Friedrich Schorlemmer im GesprächDas ganze Glück

Spiritualität und politisches Engagement, einfaches Leben und Lebenslust, Glück und Hunger nach Leben – das sind für ihn keine Gegensätze. Nicht nur in seinem neuen Buch „Die Gier und das Glück“, auch in seinen Antworten auf die Fragen von „einfach leben“ spürt Friedrich Schorlemmer, der im Mai dieses Jahres 70 Jahre alt wird, diesen Zusammenhängen nach.

Friedrich Schorlemmer
Friedrich Schorlemmer, Theologe, Schriftsteller, Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels.© Michael Reichel / arifoto.de

einfach leben: „Alle Wege führen nach Rom?“
Friedrich Schorlemmer: Und immer wieder zurück – angeregt und abgeschreckt, bereichert und voller Fragen. Hier sind alle Höhepunkte wie alle Abgründe menschlicher Geschichte ablesbar. Cicero und Nero, Paulus und Konstantin, Luther und Leo X., die Borgias und Johannes XXIII., Michelangelo und Boccacio, der Duce und Berlusconi, Gottesstaat und mörderische Intrigen, das Grab des Petrus und die Pietà. Wer als Christ „Schauplätze“ braucht und sucht, muss über den Sinai, Bethlehem und die Klagemauer bis nach Istanbul und auf den Areopag in Athen, in die Katakomben Roms und auf die Wartburg steigen, zurück bis Assisi fahren, unterwegs nichts anderes meditierend als die Bibel, und aufgerichtet in seinem Heimatort wieder ankommen.

Gibt es Gottesaugenblicke in Ihrem Leben?
Jedes Aufwachen ist ein Wunder-Gottes- Augenblick. Jede glückende Sinneswahrnehmung, insbesondere beim Hören von Johann Sebastian Bach, Beethovens letzten Streichquartetten und Arvo Pärts Orgelkompositionen, beim langen Betrachten von Rembrandt und Barlach, beim Sonnenaufgang an der Elbe und beim Sonnenuntergang an der Ostsee … aber auch bei der Geburt meiner Kinder, in wundersamen Erfahrungen von Behütetsein in großer Gefahr, beim markerschütternden Schauer des Singens „Gott ist gegenwärtig“ – mit furioser Orgelbegleitung in einer gotischen Hallenkirche.

Staunen Sie manchmal über Gott?
Ja, weil er mir so viel Grund zum Staunen gibt, zum Beispiel über mein Gleichgewichtsorgan, über mein Augenlicht und das Aufgehen eines Blumensamenkorns in der Märzensonne nach langem Frost.

Kann Gott sterben?
Im Sinne eines scharfsinnigen Graffitis: „Gott ist tot!“ – Nietzsche. „Nietzsche ist tot!“ – Gott.

Was vermissen Sie an Jesus?
Dass er gesungen hat. Oder wird das nur nicht berichtet? Kann ich ihn mir nicht auch als einen glücklichen, als einen küssenden Menschen vorstellen, einen deprimierten, ja resignierten?

Würden Sie zu den zehn Geboten noch ein elftes hinzufügen, und welches?
Du sollst jeden Tag ein Gedicht lesen, eine gute Musik hören und einen vernünftigen Gedanken fassen. Das ginge auch: Mach dir abends gelegentlich kein Abendbrot, aber Gedanken.

Welchen Satz aus dem Mund Jesu mögen Sie besonders?
„Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele“ (Matt. 16,26). Erich Fromm hat in seinem Buch-Manifest „Haben oder Sein“ 1976 entfaltet, dass die Menschheit am unersättlichen Haben-Wollen zugrundegehen könnte. Die Menschheit? Wir selbst!

Und welchen Satz übergehen Sie lieber?
Ein Wort, das Johannes überliefert: „Ich bin der Weg, die Wahrheit (…) niemand kommt zum Vater denn durch mich“! Das ist die Festschreibung von Ausschließlichkeit mit all ihren fatalen, auch mörderischen Folgen. Warum hat er nicht einfach gesagt: „Ihr kommt zum Vater durch mich“?

Was ist das Anliegen Jesu: die Welt verbessern oder die Welt ertragen oder die Welt vergessen?
Alles zusammen. Die Welt, mich und die anderen ertragen lernen und nicht aufgeben, die zermürbenden Sorgen zu vergessen und sich um diese Schöpfung mit allen ihren Kreaturen zu sorgen. Alles hat Wert, Würde, Sinn – nicht bloß Zwecke!

Seit dreißig Jahren engagieren Sie sich im Konziliaren Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung. Verzweifeln Sie da nicht manchmal?
Manchmal? Jeden Tag, an dem die Erderwärmung zunimmt, die Wüsten wachsen, der Hunger grassiert, die Religionen als Anlass für Kriege herhalten. Und doch lebe ich, solange ich lebe, nach dem Grundsatz „Klar sehen und doch hoffen“. Ohne Hoffnung versänke ich in Lethargie oder Zynismus.

Passt Jesus zum Glück?
Ich stelle mir Jesus als einen glücklichen Menschen vor, keinen vordergründig strahlenden, sondern einen die Hintergründe unseres Daseins eröffnenden. Ich denke mir ihn als in sich stimmigen Menschen, aber nicht als einen, der „Spaß“ hat. Was von ihm erzählt wird, heroisiere ich nicht. Ich gehe davon aus, dass er nicht nur ein einziges Mal zu einer Hochzeitsfeier geladen war. Und dass Maria Magdalena ihn in einer besonderen Weise geliebt hat.

Wenn von Gottes dunklen Seiten gesprochen wird, welche nennen Sie zuerst?
Dass er sich so oft und so vielen verbirgt. Das WARUM der schwer Leidenden schreit zum Himmel und bleibt ohne Antwort – wenngleich nicht ganz trostlos, wo Verzweifelte nicht alleingelassen werden. Luther sprach vom Deus absconditus, dem dunklen, unbegreiflichen, unnahbaren Gott; wir aber sollten uns an den Deus revelatus halten, den offenbaren, den zu gewandten, den liebenden, den hoffnungsstiftenden Gott.

Welcher Gestalt der Menschheitsgeschichte steht Jesus am nächsten?
Franziskus, Bonhoeffer, Mutter Teresa und Aung San Suu Kyi.

Beten Sie mit Jesus oder auch zu ihm?
Mit ihm, wenn ich in ihm bin, von ihm bestimmt werde. Ohne die unio mystica wird Jesus ein Vorbild unter Vorbildern.

Was bedeutet die Trinität für Ihr Beten?
Dass der Heilige Geist, der Tröster, der Beistand, der Erneuerer mir die Hoffnung gibt, dass ein Leben mit Jesus dem Willen des Vaters entspricht und wir selbst ihm entsprechen. Als Begnadete.

Wie erfahren Sie den Geist?
Im Kyrie und Sanctus der Messen von Bach und Pärt. In der „Traum-Rede“ Kings und im Lächeln Mandelas nach 23 Jahren bitterster Verbannung. Ohne Geist ist alles nur Asche.

Paulus: Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir (Gal. 2, 20). Wer bin ich dann?
Ein neuer Mensch! Und zugleich immer noch ganz dem alten verhaftet.

Wenn jemand vor Gott fliehen möchte, wohin raten Sie dem?
Geh zu einem Menschen, der deine Hilfe braucht.

Neben wem möchten Sie an der himmlischen Hochzeitstafel sitzen?
Neben Thomas, dem Zweifler. Und neben Ernst Barlach, der ihn in seiner Skulptur „Begegnung“ dargestellt hat.

Auch den „lehrenden Christus“ von Barlach mögen Sie ganz besonders.
Ja, es ist seine Einfachheit, er sitzt und verbreitet Stille. Demut spüre ich, keine Schwäche darin. Eher das Gegenteil: innere Stärke. Und einladende Zuversicht. Er erschließt anderen ein Wissen, indem er sich selber öffnet. Er legt Wahrheit nicht fest, er legt dar, sodass Wahrheit sich ausbreiten kann. Im besten Falle wie Wärme. Da sitzt einer vor mir, der lehrt, indem er empfängt, der empfängt, indem er lehrt, der Pausen macht und nichts herausposaunt. Dieses Wunderwerk eines Glaubens, der nicht in die Enge drängt, sondern ins Offene entlässt, nicht ins Beliebige, begleitet mich seit über 50 Jahren.

Einfach leben – was bedeutet das für Sie?
Im täglichen kleinen Glück das große Glück erleben: beim Biss in den frischen Brotkanten, beim Singen eines Liedes, im Streicheln und Gestreicheltwerden, im gut gekühlten Wein, im Gedicht des Tages.

Was ist Ihnen alles in allem genommen die Hauptsache?
Das ganze Lebensglück im erfüllten Augenblick. Dass wir diese Welt beim Bebauen auch bewahren mögen. Das Gleiten aus dieser Welt „in Frieden“: Dona nobis pacem. 

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