Wer die Johannesoffenbarung liest, watet knöchelhoch durch Blut. Propheten und Heilige werden hingeschlachtet (Offb 16, 6; 18, 24). Leichen liegen auf den Straßen (Offb 11,8). Mehrfach geht die Welt in Flammen auf. Ein fuchsfeuerroter Drache trachtet den Christen nach dem Leben (Offb 12, 4). Im Himmel wurde er zwar bereits besiegt. Für die Erde aber bedeutet dies nichts Gutes: Tödlich getroffen rüstet er sich – in einem letzten Aufbäumen – zum Krieg. Alles drängt auf diese entscheidende Schlacht zu: zwischen den Heeren des Lammes und der militärisch übermächtig erscheinenden Streitmacht des Drachen. Er ruft Schergen an seine Seite: Monster, die aus dem Meer aufsteigen und aus dem Land hervorkriechen. Das Böse hat stets konkrete Gesichter. Johannes erkennt im Kriegsgemetzel Roms und in der Propaganda der römischen Kultpriesterschaft Ausgeburten des Drachen. Diese diabolische Trinität bestimmt Wirtschaft und Handel, Gesellschaft und Politik. Sie zeichnet verantwortlich für das Seufzen einer Schöpfung, die gut gedacht war und nun verdorben und ruiniert wird.
Ein letztes Rätsel und große Fragen
Man mag aufatmen, wenn nach einem dramatischen Weg – der womöglich die ganze Weltgeschichte umfasst – die Schlacht endet, ehe sie eigentlich begann: «Und ich sah das Tier und die Könige der Erde und ihre Heere versammelt, um Krieg zu führen mit dem Reiter und seinem Heer. Aber das Tier wurde gepackt und mit ihm der falsche Prophet (…); lebend wurden die zwei in den Feuersee von brennendem Schwefel geworfen.» (Offb 19, 19–20)
Nachdem ein ganzer apokalyptischer Hauptteil auf diese finale Auseinandersetzung zusteuerte, wird von der Schlacht selbst gar nichts erzählt. So wird die Übermacht Gottes und die Aussichtlosigkeit der Gegenseite demonstriert. Leicht wie im Spiel – mit einem Handstreich und ganz ohne Waffen – wird das Böse vernichtet.
Doch wer meint, damit sei das glückliche Ende gekommen, wird enttäuscht. Die nun einsetzende Friedenszeit währt nur 1000 Jahre. Der Satan wird gebunden und eingekerkert. Man hört förmlich die Ketten rasseln, in die der Drache gelegt wird. Das Tor zum Abgrund fällt ins Schloss. Für 1000 Jahre herrschen Friede und Ruhe. «Danach aber muss er für eine kurze Zeit losgelassen werden.» (Offb 20, 3) Das Drama beginnt von neuem: Er zieht aus, um «die Völker zu verführen» (Offb 20, 8) und sich zum Krieg zu rüsten. Er zielt ins Zentrum: auf die Heiligen und die «geliebte Stadt» (Offb 20, 9) Jerusalem.
Man kann sich schon allen Ernstes fragen, warum es dieses retardierende Moment überhaupt braucht. Was hat es mit dieser 1000-jährigen Friedenszeit auf sich? Warum dieses langatmige Hin und Her aus Fesselung und Freilassung des Bösen? Warum nicht gleich und endgültig: das Ende, die Erlösung, Himmel und Paradies?
Die Existenz und der Inhalt des 1000-jährigen Reichs gehören zu den großen Rätseln der Johannesoffenbarung. Die Auslegungsgeschichte macht dies deutlich: Eine dermaßen offene und interpretationsbedürftige Erzählung warf Fragen auf und generierte vielfältige Antworten. Wann beginnt dieses Reich? Ist es bereits angebrochen oder wird es erst kommen? Sind die 1000 Jahre buchstäblich chronologisch oder – wie oft in der Johannesapokalypse – übertragen und metaphorisch zu verstehen?
Irenäus und Augustinus, Luther und die Reformatoren, eine fundamentalistische Bibellektüre und auch die historisch-kritische Exegese – alle mussten Position beziehen und Antworten finden. Die Interpretationen sind Legion.1 Es wurde gerechnet und datiert. Das Reich beginne mit der Geburt Jesu, der – deutlich in seinen Zeichen und Wundern – die Macht des Bösen schon besiegt habe. Auch in aktuellen Auslegungen wird das Friedensreich präsentisch verstanden und mit der Zeit der Kirche verbunden: Im Hier und Heute schon würden die Christen die Befreiung vom Bösen und einen Vorgeschmack künftiger Erlösung erfahren. Wieder andere sehen das Reich als rein jenseitige Größe: nicht von dieser Welt, sondern ein paradiesischer Zustand am Ende der Zeit. Auch politisch wollte man der Vision des Millenniums in die Wirklichkeit verhelfen: sei es in der kleinen und überschaubaren Welt einer (klösterlichen) Kommunität oder im großen Ganzen einer kommunistischen Weltordnung.
Viele arbeiteten sich am 1000-jährigen Friedensreich ab. Das Rätsel blieb. Zur Realität wurde diese Heilsepoche nie. Ein Blick in die Welt, so wie sie ist und leidet, bestätigt dies. Wo herrschen denn Gerechte? Wo schweigt das Böse? Unter allem Bombenhagel und inmitten so vieler Kriegsschauplätze stellt sich die Vision vom 1000-jährigen Friedensreich eher wie eine unwirkliche Wunschfantasie, wie eine grimmig süße Vertröstung dar. Welt und Menschheit scheinen gleichbleibend weit davon entfernt zu sein.
Ein symbolisches Universum: Leseschlüssel und Verständnishilfen
Die Johannesapokalypse ist – im besten Sinne des Wortes – ein spezielles und herausforderndes Buch: der Gattung und dem Medium, der Bilderwelt und der intendierten Wirkung nach. Sie sperrt sich gegen ein allzu oberflächliches Verständnis. Direkt in die eigene Zeit hinein übersetzen lässt sich die Apokalypse nicht. Die endlos beigebrachten Versuche, die einzelnen Motive zu entschlüsseln, die Zyklen chronologisch zu datieren oder die Figuren mit Gestalten der Weltgeschichte zu identifizieren, schlugen doch letztlich alle fehl. Mit Logik allein ist der Johannesoffenbarung nicht beizukommen.
Die Apokalypse setzt vielmehr auf die Wirkung der Bilder, die Kraft der Farben und Formen, auf Töne und Gerüche, auf das sinnliche Miterleben der Leserinnen und Leser. Johannes erklärt nicht abstrakt, was Erlösung ist. Er führt seine Adressaten in eine zeitliche Lese-Arena: Wer das Buch betritt, durchwandert und durchleidet die visionären Zyklen, erhält Anhaltspunkte zur Deutung des Lebens und der Welt und am Ende einen – ganz auf die sinnliche Wahrnehmung ausgerichteten – Vorgeschmack der Erlösung. Johannes betreibt Theologie im Modus der visionären Schau. Es geht mehr darum, zwischen den Zeilen zu lesen, als am Buchstaben zu hängen, sich von der Bilderwelt ergreifen zu lassen, als sich im Kleinklein zu verlieren. Dies gilt auch für jenes 1000-jährige Friedensreich, das sich nicht unbedingt logisch in den Verlauf der Offenbarung einfügt, aber doch fester Bestandteil der apokalyptischen Heilshoffnung ist.
Im Folgenden soll zunächst der Text in aller Kürze vorgestellt und erschlossen werden. Erst nach dem Erleben der Erzählung kann es um die Frage nach der Botschaft und Bedeutung dieses symbolsprachlich vermittelten, religiösen Wissensvorrats gehen: um den Inhalt und die Funktion der 1000 Jahre währenden Friedenszeit.
Die Demaskierung und Inhaftierung des Satans (Offb 20, 1–3)
1 Und ich sah einen Engel aus dem Himmel herabkommen. In seiner Hand hatte er den Schlüssel zum Abgrund und eine große Kette. 2 Und er ergriff den Drachen, die alte Schlange, die der Teufel und der Satan ist, und er fesselte ihn für ١٠٠٠ Jahre 3 und warf ihn in den Abgrund, den er über ihm verschloss und versiegelte, damit er die Völker nicht länger verführe, bis die ١٠٠٠ Jahre vollendet sind. Danach muss er für eine kurze Zeit losgelassen werden.
Mehr als 40 Belegstellen finden sich in der Johannesapokalypse für die Wendung «ich sah». Johannes hört und sieht und lässt seine Leser das Geschaute mit eigenen Augen miterleben. Mit der Einstiegsformulierung ist schon alles gesagt: Der Engel aus dem Himmel macht deutlich, dass Gott wirkt und handelt. Endlich! Zu einem Eingreifen wurde Gott von den Blutzeugen schon längst aufgefordert: «Wie lange noch, heiliger und wahrhaftiger Gebieter, richtest und rächst du unser Blut an den Bewohnern der Erde nicht?» (Offb 6, 10)
Durch einen regelrechten Katalog negativer Ehrentitel wird der Satan identifiziert. Die Titulatur reißt ihm förmlich die Masken vom Gesicht. Er und sein Wirken sind durchschaut. Die Bezeichnungen rufen Hintergründe auf und erinnern an den Sturz des Drachen aus dem Himmel (Offb 12, 9), die Urerzählung im Buch Genesis (Gen 3, 1–6) oder die Rahmenhandlung des Ijobbuchs (Ijob 1, 6–12; 2, 1–7). Einzeln und in ihrer Summe machen die mit den Titeln verbundenen Querverweise das Trachten des Satans offenbar. Sein Ziel ist die «Verführung». In biblischer Diktion ist damit das Bestreben gemeint, das gute Verhältnis zwischen Gott und Mensch zu zerstören.
Die Fesselung der Unheilsmacht ist fester Bestandteil der jüdischen Heilshoffnung. Das Motiv begegnet im Alten Testament ( Jes 24, 21–22) und in der frühjüdischen Literatur (äthHen 18–19; 21). Ein Text aus dem jüdischen Gebet des Manasse wirkt wie eine Beschreibung dessen, was hier geschieht. Hier wie dort ist Gott derjenige, der «das Meer gefesselt hat durch sein Befehlswort» und «den Abgrund verschließt und versiegelt durch seinen furchtbaren und gepriesenen Namen» (OrMan 2–4).
Nicht weniger vertraut ist dem Judentum die Erwartung eines irdischen Friedensreichs. Das Volk Israel, das über weite Strecken der Geschichte fremdbestimmt ist, sein Dasein im Exil fristen muss und sich eigenem Land entgegensehnt, stellt sich Rettung und Erlösung zunächst in ganz national-irdischen Paramenten vor. Das Ziel der Pilgerschaft ist kein himmlisches Reich, sondern das Glück, Freiheit im eigenen Land zu genießen.
Aufgrund schriftgelehrter Spekulationen wurde die Dauer dieser Friedenszeit auf 400 Jahre angesetzt. Gen 15, 13 kündigt eine 400-jährige Unterdrückung Israels an. Ps 90, 15 hofft auf eine ebenso lange Entschädigung: «Erfreue uns so viele Tage, wie du uns gebeugt hast, so viele Jahre, wie wir Übles sehen mussten.» Die Bedrückung wird nicht länger dauern als Freiheit und Freude.
Die Vorstellung von einer 1000 Jahre währenden Friedenszeit setzt die Schöpfungserzählung in Gen 1, 1–2, 4a voraus. Gott schuf Himmel und Erde in sieben Tagen. Jeder Schöpfungstag wurde – nach menschlichen Maßstäben – mit einem Zeitraum von 1000 Jahren gleichgesetzt, denn «tausend Jahre sind für Gott wie ein Tag» (Ps 90, 4). Die sechs Werktage der Weltgeschichte dauern 6000 Jahre. Der siebte Tag vollendet die Schöpfung und bringt eine 1000-jährige Friedenszeit. Neben dem Barnabasbrief verstehen schon Hippolyt (Dan IV,23,5) und Irenäus (haer. V,36,3) das 1000-jährige Friedensreich als letzten Teil der 7000 Jahre währenden Schöpfungswoche.2
Die Ankündigung der Loslassung Satans ordnet diese bereits in den Plan Gottes ein und nimmt ihr jede Spannung. Der Drache befreit sich ja nicht selbst, sondern muss – als Teil des göttlichen Plans, beschrieben als ein göttliches «Muss» – freikommen. Der Hinweis auf eine nur «kurze Zeit» wirkt zudem beruhigend. Kurze Zeiten – dreieinhalb Zeiten, 42 Monate oder 1260 Tage – sind in der Johannesapokalypse zwar stets Zeiten der Anfechtung und der Krise. Als solche aber sind es vorübergehende, gebrochene Zeiten. Sie dauern nicht ewig und sind von Hoffnung beseelt: Am Ende steht die Rettung.
Die erste Auferstehung (Offb 20, 4–6)
4 Und ich sah Throne, und sie setzten sich auf sie, und das Gericht wurde ihnen übertragen; und ich sah die Seelen derer, die wegen des Zeugnisses für Jesus und wegen des Wortes Gottes enthauptet wurden, und welche das Tier und sein Bild nicht angebetet hatten und die das Zeichen auf ihrer Stirn und ihrer Hand nicht angenommen hatten. Sie wurden lebendig und herrschten mit Christus 1000 Jahre. 5 Die übrigen Toten wurden nicht lebendig, bis die ١٠٠٠ Jahre vollendet waren. Dies ist die erste Auferstehung. 6 Selig und heilig, wer teilhat an der ersten Auferstehung. Über sie hat der zweite Tod keine Macht, sondern sie werden Priester Gottes und Christi sein und mit ihm ١٠٠٠ Jahre herrschen.
Wiederholt wird – wie ein Gedanke, der nicht vergessen werden soll – auf die 1000-jährige Herrschaft verwiesen. Verschiedene Gruppen werden genannt, die aber im aufrechten Stand und in der Glaubenstreue verbunden sind. Die Enthauptung macht deutlich, dass es sich um Opfer der römischen Strafverfolgung handelt. Die Zeichen auf Stirn und Hand sind Marker, in denen sich die Zugehörigkeit zur Gesellschaft, Religion, Politik oder Wirtschaft des Römerreichs ausdrückt. Es müssen keine äußerlich sichtbaren Male sein. Haltung und Verhalten spiegeln wider, wem man sich verbunden weiß.
Johannes dagegen fordert die kleinasiatischen Gemeinden zu einer entschiedenen Integrationsverweigerung auf: «Zieh aus der Stadt aus, mein Volk, damit ihr nicht teilhabt an ihren Sünden und von ihren Plagen nicht getroffen werdet.» (Offb 18, 4) Konkret bedeutet dies: keine Teilnahme an Spielen und Prozessionen zu Ehren des Kaisers oder der reichsrömischen Götter, kein Verzehr von Götzenopferfleisch und keine Verbindung zu Handwerksgilden, die die Ökonomie Roms stützen und pagane Götter als Patrone verehren. Johannes schickt die Christen ins gesellschaftliche Abseits.
Die Rede von der ersten Auferstehung und vom zweiten Tod mag verwundern. Es gibt also auch eine zweite Auferstehung und einen ersten Tod.3 Die erste Auferstehung ist die besondere Auszeichnung der besonders Treuen. Der zweite Tod meint den endgültigen Tod: nicht das irdische Sterben, sondern den Verlust der Gemeinschaft mit Gott. In extremen und auf Abschreckung zielenden Bildern stellt die Apokalypse diesen zweiten Tod als Untergang im Feuer- und Schwefelsee dar.
Die Mahnung ist nicht zu überhören und mag pädagogisch recht einfältig erscheinen: Es geht um Standhaftigkeit und Rückgrat, Furchtlosigkeit und Bekennermut. Solchen Glaubenszeugen wird ein eindrücklicher Siegespreis verheißen. Die erste Auferstehung ist zugleich die Überwindung des zweiten Todes. Beides bezeichnet ein Leben ohne Trübsal und von ewiger Dauer.
Der endgültige Sieg (Offb 20, 7–10)
7 Und wenn die ١٠٠٠ Jahre vollendet sind, wird der Satan aus seinem Gefängnis losgelassen werden, 8 und er wird ausziehen, um die Völker zu verführen, die an den vier Ecken der Erde sind, den Gog und Magog, um sie zu versammeln zum Krieg, eine Schar so zahlreich wie der Sand des Meeres. 9 Und sie kamen herauf auf die Ebene der Erde und kreisten das Lager der Heiligen und die geliebte Stadt ein. Da kam Feuer vom Himmel herab und verschlang sie. 10 Und der Teufel, der sie verführte, wurde in den Feuer- und Schwefelsee geworfen, wo auch das Tier und der falsche Prophet sind. Und sie werden gequält werden Tag und Nacht, in alle Ewigkeit.
Die Länge der einzelnen Erzählteile ist bezeichnend. Die Kriegsvorbereitung des Satans wird im Detail beschrieben: die Größe des Heeres, die universale Rekrutierung der Völker und der strategische Angriffspunkt. Fast lapidar wirkt dagegen der Hinweis: «Feuer vom Himmel verschlang sie». Alle Strategie versandet. Von leichter Hand werden die Heere besiegt. Das wirkt doch, wie wenn der Teufel durch seine abermalige Freilassung nur vollends blamiert werden sollte. Man lässt ihn los, aber seine Raserei läuft wieder ins Leere. Im Grunde wird er nicht nur einmal besiegt, sondern zweimal vorgeführt und vernichtet. Am Ende ist die diabolische Trinität im Feuer- und Schwefelsee vereint. Dort werden der Drache, das Tier und der falsche Prophet gequält.
Die grausam wirkende Bilderwelt hat vor allen Dingen eine kontrastierende Funktion: ewiges Glück hier, nicht endendes Leid dort; kristallklare Luft im himmlischen Jerusalem, Schwefelgestank im Feuersee. So kehren sich die Dinge im Lauf der Apokalypse um.
Als Endzeitfahrplan dürfen die Bilder sicher nicht gelesen werden. Sie bieten keine reale Darstellung der letzten Dinge. Sie sind als Hoffnungsbilder wahrzunehmen, die aus der Heilshoffnung Israels und dem Glauben der Urchristen gezimmert sind und der Welterfahrung apokalyptischer Kreise entstammen. Leserlenkung und Wirkpotential sucht die Apokalypse gerade durch scharfe Konturen, drastische Überzeichnungen und aussagekräftige Gegensätze zu erreichen. Die ewige Qual im Feuersee ist in der apokalyptischen Vorstellungswelt des Sehers ein notwendiges Muss: eine aus Leiderfahrung gespeiste, aber theologisch äußerst streitbare Zukunftsvision. Sie ist hoffentlich nicht der göttlichen Weisheit letzter Schluss.
Eine Vision zwischen Buchrollen: Potenzierte Hoffnung
Die Visionen des Sehers finden zwischen Buchrollen statt. Mehr als 500 Zitate und Anspielungen auf die prophetische Literatur des Alten Testaments belegen dies. Johannes liest die großen Propheten – Ezechiel, Jesaja und Daniel. Er kennt die Aussagen und Schriften der frühjüdischen Apokalyptik. Er interpretiert die Texte als Christ und verbindet sie mit der Situation der kleinasiatischen Christen am Ende des ersten Jahrhunderts. Die Johannesapokalypse ist das Ergebnis eines intensiven Lese- und Deutungsprozesses.
Das Frühjudentum kennt zwei verschiedene Endzeiterwartungen: eine eher diesseitig ausgerichtete und eine jenseitige Hoffnungsperspektive.4 Zum einen erwartet man den Sieg über die Feinde Israels und einen messianischen Retter, der in Israel ein Friedensreich aufrichten wird (PsSal 17,21–23). Auch im Buch der Weisheit klingt diese Hoffnung an, wenn die Gerechten «Völker richten und über Nationen herrschen werden» (Weish 3, 8). Zum anderen richtete sich die Hoffnung auf ein ewiges, mit dem Gericht und der Auferstehung der Toten verbundenes jenseitiges Reich. 4 Esra 7, 31–38 verbindet beide Vorstellungen: Nach einer 400 Jahre andauernden messianischen Friedenszeit wird alles «Vergängliche sterben» (31) und «das Paradies der Wonne» (36) Wirklichkeit.
Kurzum: Johannes greift auf, was er in den Schriften vorfindet. Er verbindet beide Traditionen und entscheidet sich nicht nur für eine Konzeption. Vor dem Herabkommen des himmlischen Jerusalems steht die 1000-jährige Friedenszeit auf Erden, vor dem ewigen Königtum Gottes das in prophetischen Kreisen erwartete messianische Königtum eines davidischen Herrschers.
Johannes potenziert die Heilshoffnung. Sie ist diesseitig und jenseitig, national und universal. Vor allen Dingen aber geschehen Erlösung und Befreiung damit dort, wo sie vermisst wurden: am Ort der Bedrängnis und Unterdrückung, inmitten einer Welt voller Tränen und Leid. Johannes flieht nicht gleich ins Jenseits. Er gibt die widerständige Hoffnung nicht auf, dass Gott in dieser Welt Heil wirken und Rettung schenken kann.
Eine Schöpfung im Frieden: Und sie funktioniert doch
An den Beginn des apokalyptischen Hauptteils stellt Johannes ein eindrückliches Portrait von Gott, dem Schöpfer (Offb 4, 1–11). Er hat die Welt erschaffen. Vier Lebewesen umgeben den Thron Gottes. Sie repräsentieren die belebte Schöpfung. Harmonisch und konzentrisch ist der Thronsaal. Planvoll wurde die gesamte Schöpfung konzipiert. Johannes lässt keinen Zweifel daran, dass die Schöpfung am Anfang gut gemacht und sinnvoll gestaltet wurde. Dementsprechend richtet sich der Zorn Gottes auf jene, «die die Erde verderben» (Offb 11, 18).
Das 1000-jährige Friedensreich macht deutlich, dass die Schöpfung – so wie sie gedacht war – wirklich funktionieren kann oder könnte. Da wird die Welt, wo sie auf Abwege geriet und das ursprüngliche Ziel verfehlte, nicht einfach vernichtet. Sie wird eben nicht wie ein missratenes Gesellenstück entsorgt. Bevor es jenseitig wird, wendet sich irdischerseits die Welt zum Guten. Bevor von einem «neuen Himmel» und einer «neuen Erde» die Rede ist und der «erste Himmel» und die «erste Erde» vergehen, herrschen auf Erden wieder paradiesische Zustände. So könnte es sein. So war die Schöpfung gedacht.
Was nach Ansicht des Sehers Johannes die Schöpfung verdirbt, sind gieriges Raffen, wirtschaftliche Ausbeutung, Prunksucht und Eifersucht. Das Friedensreich auf Erden dagegen basiert auf Hingabe und Fürsorge: Es ist die Leistung derer, die eine andere Wirtschaftslogik vertreten, nicht das Geschöpf, sondern den Schöpfer anbeten und sich vom Wort Gottes leiten lassen (Offb 20, 4). Oder anders: Die Schöpfung wird gut, wo das Böse im Zaum gehalten und überwunden wird.
Eine alternative Pax Romana: Die Herrschaft der Außenseiter
Die Auseinandersetzung mit dem Divinisierungsanspruch des römischen Kaisers ist in der Apokalypse nicht zu überhören.5 Johannes bedient sich einer antithetischen Strategie: Er präsentiert den Glauben der Christen als ideellen und existentiellen Gegenentwurf zur reichsrömischen Staatsraison und Gesellschaftsordnung. Nicht der Kaiser wird als «dominus et deus noster» (Sueton, Domitian 13,2) verehrt. Johannes spricht konsequent Gott diesen kaiserlichen Ehrentitel zu. Gott ist der Pantokrator, der Allbeherrscher (Offb 1, 8; 4, 8). Er ist «Herr und Gott» (Offb 15, 3; 16, 7) über die ganze Schöpfung.
Sollte nicht auch das 1000-jährige Friedensreich eine antithetische Spitze besitzen? Die Rede von der Pax Romana lag in der Luft, welche die Christen in der Provinz Asia atmeten. Von Rom versprach man sich Wohlstand und Sicherheit. Man wetteiferte um die Gunst und Ehre, Neokoros – Kaiserkultstätte – zu sein (Tacitus, Annalen 4,55–56).
Johannes fängt das Faszinosum des militärisch potenten, farbenfrohen und Luxus bietenden Römerreichs ein. Auf den ersten Blick erliegt auch er fast dem morbiden Charme der Hure Babylon (Offb 17, 6), die auf sieben Hügeln thront und zweifellos Rom repräsentiert. Erst bei genauerem Hinsehen wird ihm das wahre Wesen dieses Monstrums im Purpurgewand offenbar. Im goldenen Becher ist Blut. Rom ernährt sich von seinen Opfern. Der Codename «Babylon» sagt alles: Rom führt in die Sklaverei, bindet und verzweckt Menschen. Der scheinbare Friede dieses zähnefletschenden Ungeheuers gründet auf Unterdrückung und Abhängigkeit (Offb 18, 3).
Wie ein Alternativkonzept steht am Ende der Visionsfolgen ein anderes irdisches Friedensreich: eine Pax Christiana, die lautlos und wehrlos ist, die Menschen nicht missbraucht und für eigene Zwecke benutzt (Offb 20, 8–9). Im Grunde lassen sich alle ethischen Weisungen der Sendschreiben (Offb 2, 1–3, 22) als Saatgut dieses Friedens verstehen. Als Frucht ihres Verhaltens wird den Christen Kleinasiens ein paradiesischer Friede (Offb 2, 7) verheißen. Herrschaft muss und darf kein Blut vergießen. Das zentrale Motiv und Modell dafür ist das Lamm. Es hat nicht verletzt, sondern ließ sich verletzen. Seine Herrschaft zeichnet sich durch Hirtenqualitäten aus. Die Macht richtet sich nur auf eines: das Wohl der Anderen (Offb 5, 9–10).
Ergänzungsbedürftige Bilder: Die Kraft des Unbestimmten
Aufs Ganze gesehen bleibt die Beschreibung des 1000-jährigen Reiches in Offb 20, 1–10 erstaunlich unbestimmt. Eigentlich ist nur von einer – keineswegs detailreich beschriebenen – «Herrschaft» die Rede. Ob nicht diese schwebende und kaum festgelegte Vorstellung vom Friedensreich für die bleibende Aktualität und Wirkung des Motivs verantwortlich ist. Die Leerstellen und Unbestimmtheitsbeträge der Vision lassen Raum für die eigene Füllung und Übertragung. Die Auslegungs- und Wirkungsgeschichte bietet endlose Belege dafür. Jede Zeit wurde auf je eigene Weise von den apokalyptischen Bildern und Hoffnungen herausgefordert und getröstet.
Womöglich ist dies auch die eigentliche Leistung des Übergangskapitels und des Zwischenreichs von 1000 Jahren. Um wieviel passiver blieben die Leser zurück, wenn Erlösung nur von oben käme, die Erde gänzlich außen vor und die menschliche Geschichte ganz folgenlos bliebe? Nein, das 1000-jährige Friedensreich ist eine ins Bild gesetzte Aufforderung, für Frieden zu kämpfen – freilich mit keinen oder anderen Waffen und auf Wegen, die so ganz unirdisch erscheinen und sich am Himmel orientieren.