Wieviel Chiliasmus steckte im Bolschewismus und Nationalsozialismus?

Abstract / DOI

Was there Millenarianism in Bolshevism and Nazism? As early as in the 1920s and 1930s commentators located chiliastic and millenaristic ideas in the ideology of communism and national socialism. This implies the thesis, that the millenarianism motives contributed to the sucess of communism and nazism. The in-depth analysis of recent research underlined this supposition. However, the significance of apocalyptic or chiliastic ideas for the consciousness of the Nazi leaders and for the acceptance of its policies among the population is still disputed. 

In der Schreckensgeschichte des 20. Jahrhunderts könnten chiliastische Vorstellungen eine nicht unerhebliche Rolle gespielt haben: Sowohl der Bolschewismus als auch der Nationalsozialismus scheinen auf eine vage, aber unübersehbare Weise chiliastisch motiviert gewesen zu sein. Darauf wurde schon früh hingewiesen: Die ersten Schriften, die dem Bolschewismus chiliastische Züge bescheinigten, stammen vom Beginn der 1920er Jahre, und gegen Ende dieser Dekade begann man auch den Nationalsozialismus unter diesem Aspekt zu mustern. Die Geschichtsforschung hat seitdem – inspiriert vor allem durch Eric Voegelins grundlegendes Buch Die politischen Religionen (Wien/Stockholm 1938) – umsichtige und aufschlussreiche Arbeiten zu diesem Thema vorgelegt, doch sind die Befunde aufgrund der Vielfalt der historischen Quellen und der Vagheit der Terminologie, die sowohl in den Quellen als auch in der Forschungsliteratur zu beobachten ist, mit allerlei Unsicherheiten behaftet. Die folgenden Ausführungen können deswegen nicht mehr sein als ein knapper Literaturbericht, der angesichts der quantitativen Fülle und qualitativen Komplexität der Literatur in jeder Hinsicht defizitär bleiben muß. Eine kritische Würdigung der referierten Literatur etwa unter der Frage, ob die dort behandelten Personen und Bewegungen zurecht mit chiliastischen Vorstellungen in Verbindung gebracht werden, übersteigt meine Kompetenz. Allein schon die Frage, ob Marx chiliastisch gedacht hat, und wenn ja, wie lange und in welcher spezifischen Form, wird von Experten unterschiedlich beantwortet. Für andere Vertreter des Totalitarismus gilt dies ebenfalls.

Von den beiden europäischen Totalitarismen des 20. Jahrhunderts wurde aus genetischen Gründen zunächst der Kommunismus in seiner bolschewistischen Form als chiliastische Bewegung wahrgenommen; er geht ja der Realisation des Faschismus in Italien und dem Aufkommen des Nationalsozialismus in Deutschland einige Jahre voraus. So war es für einige Zeitgenossen bereits 1920 ausgemacht, dass im Kommunismus chiliastische Motive wirksam seien. Max Scheler zum Beispiel interpretierte 1920 die «chiliastische Hoffnung des kommunistischen Zukunftsstaates» als «wissenschaftlich verbrämte und unterbaute Umformung des jüdischen Messianismus».1 Tendenziell Ähnliches konnte man 1918 in Ernst Blochs Geist der Utopie und 1921 in Blochs Thomas Münzer als Theologe der Revolution lesen.2 Eine erste große Abhandlung, die den chiliastischen Zug des Kommunismus dingfest zu machen suchte, erschien 1920 unter dem Titel Der Kommunismus als Lehre vom Tausendjährigen Reich. Verfasser war der 1883 in Stettin geborene und in einem calvinistischen Elternhaus aufgewachsene Fritz Gerlich3, der nach einem Geschichtsstudium in München samt Promotion teils im bayerischen Staatsdienst als Archivar, teils als freier politischer Publizist tätig war, von 1920 bis 1928 als Hauptschriftleiter der Münchener Neuesten Nachrichten. Unter dem Eindruck seiner Bekanntschaft mit Therese Neumann (1927) konvertierte er 1931 zum katholischen Glauben. Sein Kommunismus-Buch entstand auf der Basis längerer Studien zu den «Lebensideen» der zeitgenössischen «großen Kulturvölker» und in Auseinandersetzung mit der Münchener Revolution und Räterepublik.4 Gerlich hegte damals national-konservative Ansichten und sympathisierte möglicherweise sogar mit der aufkommenden «Hitler-Bewegung». Nach dem Hitler-Putsch wurde er aber zum entschiedenen Gegner Hitlers und bekämpfte diesen um 1930 mit einer solchen publizistischen Vehemenz und Wirkungskraft, dass Hitler ihn am 9. März 1933 verhaften und in der Nacht vom 30. Juni zum 1. Juli im Rahmen der mit dem Nahmen Röhm verbundenen Mordaktion erschießen ließ. – Gerlich wurde ins Deutsche Martyriologium des 20. Jahrhunderts aufgenommen, und im Dezember 2017 wurde ein Verfahren zur Seligsprechung eröffnet.

Gerlichs Buch Der Kommunismus als Lehre vom Tausendjährigen Reich zählt 275 Seiten und beruht auf einem gründlichen, durch eine Vielzahl von Zitaten und Verweisen belegten Studium der Schriften von Marx und Engels sowie führender Vertreter des Bolschewismus (wie Lenin und Trotzki) und des anarchischen Kommunismus (besonders Landauer). Der erste Teil der Untersuchung gilt den gedanklichen «Systemen des modernen Kommunismus», die hier als chiliastisch charakterisiert werden (17–78). Der zweite Teil widmet sich – mit Auszügen aus der «marxistischen Verfassung Rußlands» und einer Analyse der «Erfahrungen der russischen Marxisten bei der Gestaltung der Wirklichkeit» – dem «Marxistischen Chiliasmus in der Praxis» (79–138). Der dritte große Teil unternimmt einen Streifzug durch die «Geschichte des philosophischen Chiliasmus in Deutschland», der von Lessing über Kant, Fichte, Hegel und Weitling bis zu Marx und Engels führt (139–228). Den Abschluß bildet eine «Kritik des deutschen philosophischen Chiliasmus» (229–275). Bemerkenswert ist vor allem der erste Teil, der – erstmals in Deutschland und mit großer Anregungskraft – den Kommunismus als «Versuch zu einer neuen Religion» (9), genauer: als «eine auf das Diesseits gerichtete Erlösungsreligion» (50) chiliastischer Provenienz zu erweisen sucht. Ihr geistiger Kern, der Marxismus, ist nicht, wie behauptet, Wissenschaft, sondern Metaphysik, ist die «Erlösungs-» oder «Messiasidee», ist «eine verderbte christliche» und zuvor jüdische «Idee», nämlich «säkularisierter» oder «materialistischer Chiliasmus», der auf die definitive Überwindung der schlechten Gegenwart und die Herstellung des «tausendjährigen Reichs» der Erlösung schon auf dieser Erde zielt (19f ). Mit Worten aus Trotzkis Schrift Auf zum Kampf gegen den Hunger von 1918:

Mögen uns die Popen aller Religionsbekenntnisse von dem Paradiese in jener Welt erzählen, wir sagen, daß wir auf dieser Erde den Menschen ein wirkliches Paradies schaffen wollen. Wir dürfen nicht auf eine Stunde unser großes Ideal aus dem Gesicht verlieren, das schönste von allem, nach dem die Menschheit strebte: Nehmen sie die alten Religionslehren, die Lehre Christi: das Schönste, das Edelste, was in diesen Lehren enthalten ist – es ist in unserer Lehre des Sozialismus verkörpert.5

Mustergültig zeigt sich hier zum einen das Weiterwirken des jüdisch-christlichen Chiliasmus, zum andern aber dessen Säkularisierung oder Verdiesseitigung – und in beidem die Lehre von Marx und Engels, die beide, so Gerlich, «Chiliasten» waren, aber «primär politisch-soziale Ziele», nämlich die Erlösung des Proletariats und die Herbeiführung des «Reiches der Freiheit», verfolgten.6 Chiliasten waren Marx und Engels und alle ihre Adepten – Gerlich zufolge – aber nur in einem gewissen und neuen Sinn: indem sie nämlich zum einen das definitive Ziel der (säkularisierten) Heilsgeschichte vom Jenseits in Diesseits verlegten, und indem sie zum zweiten die Aktion predigten, das Proletariat zum «Heiland»7 ernannten und dazu ermächtigten, das «Reich der Freiheit» mit brutaler Gewalt8 herbeizuführen. Die Konsequenzen, die man 1920 aus den Schriften der bolschewistischen Führer und aus ersten Berichten aus der Sowjetunion schon deutlich erkennen konnte, beschreibt Gerlich im zweiten Teil seines Buches. Das Fazit lautet: «Ungezählte Berichte melden uns, daß der Heiland Proletariat versagt habe und daß die Zustände, die er herbeigeführt hat, in nichts ‹einem Paradies auf Erden› gleichen.»9 Den Führern, Lenin voran, gelingt es aber, einem großen Teil der russischen Bevölkerung und der ausländischen Beobachter, durch ein fortgesetztes Komödienspiel10 weiß zu machen, dass man sich auf dem besten Weg ins «Reich der Freiheit» befinde.

Eine zweite große Abhandlung über die chiliastischen Aspirationen der modernen sozialen Bewegungen entstand Anfang der 1920er Jahre in Heidelberg als philosophische Dissertation. Verfasser war der 1900 in Budapest als Sproß einer jüdischen Familie geborene Ladislaus Radvanyi (László Radványi), der nach seiner Mitwirkung an der ungarischen Revolution nach Deutschland geflohen war und in Heidelberg Philosophie, Psychologie, Soziologie und Volkswirtschaft studierte.11 Seine Dissertation, die 130 schmale Schreibmaschinenseiten umfasst und von Karl Jaspers mit «summa cum laude» bewertet wurde, trägt den Titel Der Chiliasmus. Ein Versuch zur Erkenntnis der chiliastischen Idee und des chiliastischen Handelns.12 Gerlichs Buch wird im Literaturverzeichnis nicht genannt, doch gibt es viele Berührungspunkte und Übereinstimmungen.

Radvanyi spricht zunächst vom «religiösen Menschen», dessen Ziel es zwar ist, in das «summum bonum» der «Erlösungswelt» einzugehen (6), doch sieht er diese im Jenseits und findet sich damit ab, in der inferioren «empirischen Welt» leben und darin sich bewähren zu müssen, «bis für ihn durch Gottes Gnadenführung die Zeit des Eingehens in das überirdische Erlösungsreich anbricht» (17). Der «chiliastische Mensch» hingegen erwartet und fordert «keine überempirische, sondern eine empirische Erlösungswelt» (19) und sieht seine Aufgabe darin, diese Welt als «Mitarbeiter Gottes» (97) durch eine «heilige Revolution» (31 und 108) oder einen «Gotteskrieg» und «Vernichtungskampf» (108) mit dem «Gewaltrecht des Guten» (106) gegen die Widerstrebenden und Verstockten herbeizuführen, und das heißt zunächst einmal: durch die unerbittliche «Nullifizierung» des Bösen (91f ). Die Kluft zwischen «Empirie» und «Erlösung», die für den «religiösen Menschen» geschichtlich oder auf Erden nicht zu überbrücken ist, wird vom «chiliastischen Menschen» negiert. Geschichtliche Realisierungsversuche sieht Radvanyi bei den Taboriten (61ff ), den Münsteraner Täufern (64ff ) und englischen Millennariern (70ff ), nicht zuletzt aber bei den Kommunisten (114ff ). Chiliasmus und Kommunismus gehören nach Radvanyi eng zusammen (114), doch sieht er auch, dass der Bolschewismus «kein Chiliasmus» mehr ist (122), weil er die «überempirische» Dimension und Perspektive leugnet. Eben darin liegt Radvanyi zufolge auch die «geistige Ursache für das Misslingen aller chiliastischen Versuche» (116): sie verlangen auf Erden, was auf Erden nicht zu haben ist.

Radvanyis Auseinandersetzung mit dem Chiliasmus ist für die Entwicklung des kommunistischen Denkens in den 1920er Jahren nicht unwichtig. 1924 trat Radvanyi der KPD bei und wurde Mitarbeiter des ZK sowie Mitbegründer der Berliner Marxistischen Abendschule (MASCH). 1925 nahm er den Namen Johann-Lorenz Schmidt an und heiratete die angehende Schriftstellerin Anna Seghers (Netty Reiling), in deren Erzählungen und Romanen – der Aufstand der Fischer von St. Barbara (1928) sei als Beispiel genannt – chiliastische Motive und Figuren von großer Bedeutung sind.13 Beide, Seghers und Radvanyi/Schmidt, spielten nach der Rückkehr aus dem Exil im kulturellen Leben der DDR eine große Rolle.

Die chiliastischen Motive, Aspirationen und Suggestionen des Marxismus und des auf ihm aufbauenden Kommunismus sind seit Gerlichs und Radvanyis Abhandlungen vielfach untersucht worden. Verwiesen sei auf zwei neuere umfangreiche Darstellungen: Richard Landes’ Buch Heaven on Earth: the varieties of the millennial experience (2011) und Jacob L. Talmons monumentales Werk Geschichte der totalitären Demokratie, das im dritten Teil Der Mythos der Nation und die Vision der Revolution (englisch 1952, deutsch 2013). Beide enthalten ausführliche Kapitel über Marx und den Kommunismus unter Berücksichtigung der chiliastischen Aspekte. Dies gilt auch für den umfangreichen Aufsatz Der Marxismus-Leninismus als politische Religion von Klaus-Georg Riegel aus dem Jahr 1997.14 Besonders schätzenswert ist aufgrund seiner großen Prägnanz der 1984 publizierte Aufsatz Karl Marx’ Zukunftsreich des Kommunismus und der Freiheit des evangelischen Theologen Walther Bienert.15 Dieser sieht Marx als einen Philosophen und «eschatologischen Diesseitspropheten»16 in mehr oder minder unbewußter und jedenfalls uneingestandener jüdisch-christlicher Tradition:

Für Marx’ Geschichtsbild war nicht nur der auch in solchen biblischen Geleisen denkende Hegel verantwortlich, sondern auch der vom Alten Testament herkommende Sozialist Moses Hess und die vom Neuen Testament her denkenden Sozialreformer Saint-Simon, Wilhelm Weitling u. a. Zugrunde liegt diesen allen das jüdisch-christliche Verständnis einer auf das Heilsreich hin bewegten Geschichte. Diese Denkweise war in achtzehnten Jahrhunderten so sehr in europäisches Denken und Empfinden integriert, daß auch ein radikaler Atheist wie Karl Marx nicht einmal wollen konnte, sich dem zu entziehen. […] Doch alle Analogien und alle Parallelitäten zwischen dem Marxschen Gedankengebäude einschließlich seiner Zukunftsschau dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, daß es sich stets nur um formale Gedankengeleise handelt, die Marx übernommen hatte und in denen er dachte. Die Züge, die Marx auf diesen Geleisen fahren ließ, waren mit völlig nichtchristlichen Gütern beladen. Man kann es auch ohne Bild etwa so ausdrücken: Marx hat für sein Gedankengebäude formaliter viele jüdisch-christliche Strukturelemente übernommen, aber materialiter ein judentums- und christentumsfreies Gebäude konstruiert.17

Konkreter: Marx sah sich in einer «eschatologischen Situation», in der es galt, die Menschheit aus dem Zustand der Unterdrückung, Ausbeutung und Entfremdung durch reinigende und erlösende Gewalt ins «Reich der Freiheit» jenseits aller Herrschaft von Menschen über Menschen zu stoßen. Die Durchführung dieser messianischen Aktion ist Aufgabe des Proletariats; sein teuflischer Gegenspieler, der in einer letzten Schlacht niedergerungen und liquidiert werden muß, ist das Privateigentum. Von der jüdischen und christlichen Tradition weicht Marx’ Programm mehrfach ab: durch die Verdiesseitigung des Ziels der Heilsgeschichte; durch die Negation aller Religion; durch die Leugnung des Bösen, das nicht allein aus den gesellschaftlichen Verhältnissen entsteht; durch die Konstruktion einer Welt der kalten Gerechtigkeit, die keine Liebe kennt, weil sie keine Liebe zu brauchen glaubt. Eine fatale Implikation von Marx’ Geschichtsvorstellung benennt Bienert mit Worten von Karl Rahner: «Die Zukunft wird zum Moloch, vor dem der reale Mensch für den nie wirklichen, immer ausständigen geschlachtet wird.»18 Den Effekt der Marxschen Geschichtsplanung beschreibt er mit Karl Popper: «Von allen politischen Ideen ist der Wunsch, die Menschen vollkommen und glücklich zu machen, vielleicht am gefährlichsten. Der Versuch, den Himmel auf Erden zu verwirklichen, produziert stets die Hölle.»19

In den 1930er Jahren bahnte sich die Betrachtung der totalitären Bewegungen oder Regime – Bolschewismus, Faschismus, Nationalsozialismus – als «politische Religionen» an20; der Klassiker ist Eric Voegelins Buch Die politischen Religionen von 1938.21 Der Blick liegt dabei nicht primär auf den chiliastischen Momenten, sondern auf der allgemeineren religiösen Grundierung und Einfärbung der totalitären Systeme, also ihrer Grundideen und Dogmatik, ihrer Symbolik und Rituale, doch beschreibt Voegelin im Kapitel «Die innerweltliche Gemeinschaft» selbstverständlich auch den chiliastischen (er sagt «apokalyptischen») Charakter der Totalitarismen.22 Andere Forscher – Vondung, Talmon, Landes – haben dies vertieft23, ohne im Fall des Kommunismus, wenn ich recht sehe, wesentlich über das hinauszukommen, was schon Gerlich erkannte. Anders ist dies selbstverständlich im Fall des Nationalsozialismus, der bei Gerlich ja noch keine Rolle spielt. Die ergiebigste Arbeit zu diesem scheint mir die umfangreiche Abhandlung des Voegelin-Schülers Claus-Ekkehard Bärsch zu sein, die 2002 in überarbeiteter Form unter dem Titel Die politische Religion des Nationalsozialismus erschien.

Der Untertitel dieser Untersuchung lautet «Die religiösen Dimensionen der NS-Ideologie in den Schriften von Dietrich Eckart [dem Hitler-Freund und NS-Barden der ersten Stunde], Joseph Goebbels, Alfred Rosenberg und Adolf Hitler». Bei allen Vieren sieht Bärsch nicht nur allgemein religiöses, sondern speziell chiliastisches Gedankengut wirksam, das in seiner Beschreibung dessen, was «innerhalb der Ideologie führender Nationalsozialisten» unter «Drittem Reich» verstanden wurde, deutlich zu erkennen ist. Dies sei ausführlich zitiert:

1.) Das ‹Dritte Reich› ist ein Reich der Zukunft, welches durch das Prädikat Erlösung qualifiziert wird.
2.) Gegenwart und Zukunft sind durch einen qualitativen Sprung getrennt. Dem qualitativen Sprung geht eine Zeit der Krise bis zur Katastrophe voraus.
3.) Zur Überwindung der Katastrophe und zur Herstellung der durch Erlösung qualifizierten Zukunft muß ein Kampf stattfinden. Dieser Kampf ist kein beliebiger Konflikt, sondern er wird innerhalb eines substantiellen Dualismus als Kampf gegen das Böse gedeutet.
4.) Die Nationalsozialisten sind Instrumente des göttlichen Willens in der Geschichte, und das deutsche Volk ist Subjekt seiner Heilsgeschichte. Nur das deutsche Volk ist in der Lage, das ‹Dritte Reich› und damit seine Erlösung herbeizuführen.
5.) In Hitler ist die Zukunft schon am stärksten verkörpert. Die künftige Gesellschaft wird auch durch den Führer konstituiert. Adolf Hitler wird von Joseph Goebbels und Dietrich Eckart als Inkarnation einer spezifischen Christussymbolik betrachtet, nämlich als kämpfender und siegender Christus, ohne den die Erlösung nicht herbeigeführt werden kann.
6.) Die Hauptvertreter des Bösen bzw. des Satans sind die Juden. Sie sind die Dämonen des ‹Verfalls›. Als ‹Antichrist› muß ‹der Jude› von den Vollstreckern der Erlösung vernichtet werden.24

Als Quelle dieses Denkens kommen außer der Offenbarung des Johannes auch andere Überlieferungen in Frage25, und allenfalls ist die NS-Ideologie eine «Umdeutung der Johannes-Offenbarung»26, und zwar in einem Sinn, der «den verpflichtenden Glaubensgrundsätzen sowohl der katholischen als auch der protestantischen Kirche» widerspricht27, insbesondere durch den «Willen zur Tat» – und das heißt: zur «Selbsterlösung».28 Die Unterschiede sind unübersehbar:

Die Vernichtung wird in der Apokalypse des Johannes nicht durch die Menschen vollzogen. Die Menschen sind nicht aktive Subjekte im Erlösungs- und Vernichtungsgeschehen. In der christlichen Religion werden die Prädestination der zu Erlösenden, Umkehr und Heilsversprechen sowie Vernichtungsprognosen nicht an eine bestimmte Fortpflanzungs- und Abstammungsgemeinschaft gebunden. Nur durch Gott und Christus kann jeder erlöst oder vernichtet werden – unabhängig von Geburt und Herkunft. Im Hinblick auf Gott oder Satan sind alle Menschen gleich.29

Wie Bienert im Fall Marx vermutet Bärsch, dass sich Eckart, Goebbels, Rosenberg und Hitler der chiliastischen Basis ihrer Ideologie wenig oder gar nicht bewusst waren: «Ihnen ist die Reaktivierung apokalyptischer Deutungsmuster einfach passiert. Das war möglich, weil säkularisierte und unmittelbare Apokalyptik zur kulturellen Tradition ihrer Gesellschaft gehörten.»30 Alles in allem bedeutet dies, dass «die politische Religion des Nationalsozialismus nicht aus der christlichen Religion abgeleitet worden» ist,31 der «religiöse Gehalt» der NS-Ideologie aber dem Aufstieg des Nationalsozialismus und der Etablierung und Perpetuierung der nationalsozialistischen Herrschaft zugute kam.32

Allerdings bleibt zu fragen, wie groß die Bedeutung apokalyptischer oder chiliastischer Vorstellungen für das Bewusstsein der NS-Führung und für die Akzeptanz ihrer Politik bei der Bevölkerung tatsächlich war. In Frank-Lothar Krolls großer Untersuchung Utopie als Ideologie: Geschichtsdenken und politisches Handeln im Dritten Reich (1998) finden die Vokabeln ‹Apokalypse / apokalyptisch›, ‹Chiliasmus / chiliastisch› und ‹Eschatologie / eschatologisch› kaum Verwendung und werden weder im Inhaltsverzeichnis noch im Sachregister eigens aufgeführt. Zwar ist gelegentlich von einer eschatologischen Perspektive und einem apokalyptischen Modus von Hitlers Geschichtsvorstellung die Rede;33 aber insgesamt zeigt Krolls Arbeit, dass andere Größen – Urvolk, Germanentum, Reichsidee, Rassismus – für die Geschichtsvorstellung der NS-Führung viel wichtiger waren als die chiliastische Tradition. Auch im NS-Kapitel von Christopher Clarks Buch Von Zeit und Macht: Herrschaft und Geschichtsbild vom Großen Kurfürsten bis zu den Nationalsozialisten (2018), das den «revolutionären» Anspruch des NS-Regimes anhand der nationalsozialistischen «Revolutionsmuseen» und «Revolutionsausstellungen» verdeutlicht, ist nur beiläufig von jüdisch-christlich tingierten eschatologischen Vorstellungen die Rede.34 Das sind wichtige Beobachtungen: Sie relativieren die These, dass apokalyptische oder chiliastische Vorstellungen jüdisch-christlicher Provenienz für die ideologische Konzeptualisierung und den praktischen Erfolg des Nationalsozialismus von tragender Bedeutung gewesen seien. Möglicherweise hat das Verständnis des Nationalsozialismus als politische Religion zu einer Überbetonung der chiliastischen Anklänge geführt.

Am Ende seines Buches Das Ringen um das Tausendjährige Reich: Revolutionärer Messianismus im Mittelalter und sein Fortleben in den modernen totalitären Bewegungen (englisch 1957, deutsch 1961) stellte der britische Kulturhistoriker Norman Cohn die Frage, warum die «apokalyptische Überlieferung in den letzten hundert Jahren zu einer geschichtlichen Kraft» werden konnte, wie sie es nie zuvor war.35 Eine erschöpfend sein wollende Antwort auf diese ebenso schwierige wie wichtige Frage wollte Cohn sich nicht anmaßen. Immerhin meint er, es könne «nicht geleugnet werden, daß das zufällige Auftreten außergewöhnlicher Männer viel dazu beigetragen hat». Dem fügt er allerdings hinzu: «Noch gewisser ist jedoch, daß weder Lenin noch Hitler oder gar Mao Tse-tung, so wirkungsvolle Pseudopropheten und brillante Techniker sie auch waren, ihre Revolutionen hätten durchführen können, wenn nicht ganz bestimmte soziale Bedingungen vorgelegen hätten»36 – eben jene politischen Verwerfungen, sozialen Notlagen und geistigen Verunsicherungen, wie sie, durch den Ersten Weltkrieg provoziert, vor allem in Rußland und in Deutschland herrschten.

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