Zwei Gedichte

Christine Lavant

Und dann kam sie, trug Striemen vom Mond
und saß bei der Nacht bei dem Fenster,
das Kind mit der Nuss mit dem Fellkleid,
und hat jedes Wort, jede Silbe betont.

Und dann kam sie und wies auf Mariens Schoß
und ließ sich den Herrgott nicht nehmen, der drehte
den Himmel, sie hieß ihn so Mutter wie Vater
und Hund, der ums Haus ging, traurig und groß.

Und dann kam sie, das schweigende Dorf
durchzogen die grausamen, strahlenden Gänge,
und hatte gefüllt ihre Schale mit Mondlicht
und löste der Nacht ihren Schorf.

Vom Zustand

Wir, hatte ich gedacht, wir, etwa meinesgleichen,
gemütlich säßen wir nach schwierigem Erörtern
schon bei dem Glas danach und unzensierten Wörtern.
Als pflasterten den Weg, der vor uns liegt, nicht Leichen.

Es gab und gibt kein Wir, was Arm in Arm – zu streichen,
Versöhnung gibt es nicht, kein trautes Einvernehmen,
wird nicht erfüllt, wonach sich Leinwand-Paare sehnen,
gibt hier nur Soll, nur Schuld, die niemals zu begleichen.

Ein Balg von Rede, ja, doch ich verwechsele nicht
den Zustand des Gestirns, das lässig wir verderben,
mit seinem Abziehbild in Versen bitterer Erben.

Ich gehe vor die Tür, mit meinem schwachen Licht
auf dieses Antlitz zu, das eine, kann nur hoffen,
die Hand, die alle hält, ist auch für mich noch offen.

Wir danken für den Vorabdruck der Gedichte aus dem Band Imago von Uwe Kolbe, der im Frühjahr 2020 beim S. Fischer Verlag erscheinen wird.

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