Adam Zagajewski

     (meinem Vater)
Jetzt, da du das Gedächtnis verloren hast
und nur noch hilflos lächeln kannst,
möchte ich dir helfen – hast doch einst
du, wie ein Demiurg, meine Phantasie geöffnet.
Ich denke an unsere Ausflüge, Wolken aus Wolle,
tief über dem feuchten Wald in den Bergen schwebend
(in diesem Wald kanntest du jeden Pfad), und auch
an den Sommertag, als wir auf die Spitze
des hohen Leuchtturms an der Ostsee kletterten
und lange auf das endlose Wogen des Meeres schauten,
seine weißen Nähte zerfranst wie Heftfäden.
Den Augenblick werde ich nie vergessen, ich denke, auch du warst
gerührt – wir schienen die ganze Welt zu sehen,
die unendliche, ruhig atmende, blaue, vollkommene Welt,
deutlich und verschleiert zugleich, nah und fern;
wir spürten die Rundung des Planeten, wir hörten
die Möwen, die spielerisch langsam
durch warme und kalte Luftströme glitten.
Ich kann dir nicht helfen, ich habe nur ein Gedächtnis.

* * *

Augenblicke. Sie sind kurz, flüchtig, scheu und gelegentlich, jetzt und einst, unvergesslich: «Jetzt, da du das Gedächtnis verloren hast» und «Den Augenblick werde ich nie vergessen, ich denke, auch du warst / gerührt – wir schienen die ganze Welt zu sehen.» Wenn der Vater das Gedächtnis verliert, kann er sich nicht mit dem Gedächtnis des Sohnes erinnern und dem Sohn bleibt das Gedächtnis des Vaters verschlossen. Mein Gedächtnis ist mein Gedächtnis, ein Gedächtnis, das sich nicht für zwei erinnern kann. Und doch: der letzte Vers «Ich kann dir nicht helfen, ich habe nur ein Gedächtnis.» klingt wie ein ferner Trost, der einem Gedicht entspringt, das mit dem Geheimnis der Poesie gleichzeitig eine Erinnerung zu offenbaren scheint, die Vater und Sohn verbindet.

Der Sohn möchte dem dementen Vater helfen. Er ist dankbar, wenn er sich an die väterliche ‹Demiurgenmacht› erinnert, die in ihm, dem Kind einst die Phantasien weckten. Der Vater ist kein Gott, wohl aber ein zweiter Schöpfer, der die Welt des Kindes weitet und ihm das Reich der Vorstellungen, Einbildungen und Gedanken öffnet. Wie aber hat der Vater das gemacht? Der Sohn weiß es nicht, aber er erinnert sich. An der Hand folgt das Kind dem Vater auf den Ausflügen durch Wälder und Meere bis zu jenem unvergesslichen Augenblick, in dem beide gemeinsam die ganze Welt zu sehen scheinen und sich ihrem ruhigen Atemrhythmus überlassen können. Es ist ein Augenblick, in dem das sonst Getrennte – das Ich und die Welt, Sohn und Vater, das Nahe und das Ferne, das Warme und das Kalte, Erde und Himmel – füreinander diskret durchsichtig und in heiterer Indifferenz gegeneinander bestimmbar werden, und dies nicht nur im Flug der Möwen: «wir spürten die Rundung des Planeten, wir hörten / die Möwen, die spielerisch langsam / durch warme und kalte Luftströme glitten.»

Die poetischen Momente der Erinnerung gründen in Dankbarkeit, Verwunderung und Staunen und dem Wunsch, zu helfen oder doch zu verstehen. Dieser Wunsch zu helfen und zu verstehen, ist für Adam Zagajewski ein Schutz gegen die Ironie, die die Dankbarkeit, das Staunen und vor allem die Erinnerung zersetzt. Erinnerung verträgt keine Ironie, und es ist vor allem ihr Übermaß, das heute das Gedächtnis und die Erinnerung gefährdet und zerstört. Wo die Ironie dominiert, mögen sich die Augenblicke der Erinnerung nicht zeigen, geht das Gedächtnis zugrunde. Die Ironie schneidet die «zwei Flügel»1 der lyrischen Poesie entzwei und die Phantasien bleiben am Boden. Dagegen aber setzt sich die Poesie zur Wehr und die Haltung, sich den Mut zum Helfen nicht nehmen zu lassen und die Freude am Staunen auch nicht.

Die Poesie schützt das Band zwischen zwischen Einst und Jetzt, Erinnerung und Ekstase, darauf weist Adam Zagajewski immer wieder hin, und auch darauf, dass «große Dichtung sich normalerweise aus zwei Schichten zusammensetzt, einer irdischen, nüchternen, und einer zweiten, besorgniserregend anderen, inspirierten, leicht ätherischen und schwer zu definierenden.»2 So auch hier. Die trostlose Demenz des Vaters wird realistisch und lakonisch notiert und festgehalten. Über dieser irdischen Schicht aber erhebt sich der sanfte Aufstieg einer ekstatischen Erinnerung, die unerklärlich und geheimnisvoll Vater und Sohn verbindet.

«Zagajewskis Dichtung hat», so hat es Sebastian Kleinschmidt ausgedrückt, «einen unverwechselbaren Ton, einen Ton der Sehnsucht und der Resonanz, in dem Wahrnehmung und Erinnerung, Außenwelt und Innenwelt lange nachhallen. Zwei Melodien gleichsam, ein trauriges Dur und ein heiteres Moll, zwei Welten, die sich suchen und in den besten Augenblicken finden. Und in allem Nachdenklichkeit, aus der das Verlangen nach Verstehen spricht.»3

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