Zwar habe ich vor Jahrzehnten schon als Student noch die Schweiz verlassen, um in Jerusalem, New York und dann in Berlin zu lehren, aber ich habe den Kontakt zur jüdischen Gemeinde Zürichs nie ganz verloren. Der Besuch der Gräber allein schon bindet mich an diese Stadt und diese Gemeinschaft. Wenn auf Schweizerboden, so lese ich das Israelitische Wochenblatt – als Gradmesser des gängigen jüdischen Bewusstseins - mit Aufmerksamkeit und, ich gestehe es freimütig, in den letzten Jahren mit wachsender Besorgnis. Denn lässt es sich leugnen, dass trotz der ökonomischen Hochblüte der Schweizer Juden eine geistige Stagnation festzustellen ist? Ich erinnere nur an die verschiedenen Polarisierungen zwischen «orthodox» und «liberal» in und zwischen den Gemeinden, aufgipfelnd zuletzt in einer lieblosen, fast beängstigenden Erklärung orthodoxer Rabbinen, die die Aufnahmen ins Judentum, vollzogen von allen andern Rabbinen der Schweiz, zu denen die Hirten der grössten Gemeinden der Schweiz gehören, als ungültig erklären und somit konkret eine limpieza de sangre [Reinheit des Blutes; Anm. H.K.-O.] für die jüdische Gemeinschaft der Schweiz postulieren. Aber auch dazu hätte ich geschwiegen, denn es handelt sich um eine Erklärung einer Gruppe, für die die Redaktion des Israelitischen Wochenblatts nichts kann. Im Gegenteil die Redaktion des Israelitischen Wochenblatts war sogar verpflichtet eine solche Erklärung kommentarlos abzudrucken. Mit solch orthodox (sich gerierenden) Rabbinen will ich nicht streiten. Ich lasse sie – links liegen.
Ein anderes aber, wenn in dem Leitartikel des Israelitischen Wochenblatts vom 7. 10. «Spielarten der Judenfeindschaft» ein sonst so besonnener Mann wie Dr. E. L. Ehrlich gleich zwei erschreckende, aktuelle Beispiele von Antisemitismus zitiert und dabei einen Aufsatz des grossen katholischen Theologen Hans Urs von Balthasar beschwört und ihn als einen «pseudotheologischen Hetzartikel» denunziert. Das, in der Tat, gibt zu denken. Einiges über Hans Urs von Balthasar, mehr noch aber über den Autor des Leitartikels (den ich persönlich nicht kenne), aber auch über die Pressepolitik der Redaktion des Israelitischen Wochenblatts, die ein solches Elaborat als Leitartikel der Schweizer Judenschaft – ungeprüft – vorzusetzen wagt.
Der Leitartikler ist gleich zu Anfang verwegen genug, die Grenzen «wahrer katholischer Geistigkeit» abzustecken. Katholische Spiritualität soll sich schlechthin mit Judenfeindschaft nicht vertragen. Soll! Aber sie verträgt sich leider, was tausend Jahre Geschichte katholischer Spiritualität bezeugt, einigermassen schlecht und recht damit. Jedenfalls war eine Gleichgültigkeit katholischer Spiritualität dem Schicksal der Juden unserer Epoche gegenüber in der Schweiz gängig. Das ist ein Stück Schweizer «Zeitgeschichte», für die es noch lebendige Zeugen gibt!
Wenn diese Gleichgültigkeit in der katholischen Theologie heute gebrochen ist, so ist dies nicht zuletzt ein Verdienst von Hans Urs von Balthasar, der schon früh, noch bevor Kardinal Bea auf den Plan trat, das «Mysterium Judaicum» ins Zentrum seiner theologischen Reflexion (und sein Leben in den aktiven Dienst zur Rettung, auch von Juden, aus der Hitlerhand) stellte. Hans Urs von Balthasar war es aber insbesondere, der schon sehr früh die Katastrophalität der «deutschen Apokalypse» als Denkfigur in seinem ersten monumentalen Werke entfaltete. Und dies zu einer Zeit, als noch manche Schweizer Philosophie-Professoren und Literatur-Päpste wenig Gefahr von dorther spürten. Es war ein Stück geistigen Widerstands, den Hans Urs von Balthasar in seinem Lebensweg und Lebenswerk vorexerzierte – Exerzitien, die die Intelligentsia Basels und Zürichs überzeugten.
Dass Hans Urs von Balthasar als glühender Christ nicht gerade bequem für das juste milieu des Schweizer Christentums ist, sei’s katholisch, sei’s protestantisch, ist ein Problem des Christenvolks, das uns hier nichts angeht. Ein anderes aber ist, wenn er von einem offiziellen Vertreter des jüdisch-christlichen Gesprächs öffentlich diffamiert wird. Dem muss ich als Jude widersprechen. In der Tat: Hans Urs von Balthasar gehört nicht in den Stromkreis des offiziellen jüdisch-christlichen Gesprächs. Das offizielle jüdisch-christliche Gespräch, das sich in eigens organisierten Vereinigungen aufspreizt, bewegt sich, wenn den Berichten im Israelitischen Wochenblatt über Jahre hin zu trauen ist, meist im Peripheren. Darum ist auch ein Teil ihrer Tätigkeiten wie so oft in Organisationen zur Nichtigkeit verurteilt. Jedenfalls reichen diese organisierten Gespräche nicht in jene Tiefe einsamer Zwiesprache oder Zwiesprache der Einsamen aus dem Gottesvolk der Juden und der Christen. Diese Zwiesprache bleibt einsam und gelangt nicht an die Öffentlichkeit, soll auch nicht an sie gelangen. Ich erinnere mich an ein solches Gespräch zwischen Martin Buber und Hans Urs von Balthasar, das vor Jahren stattfand, wo Schächte tief genug gegraben wurden, um das Fundament für eine mögliche, wahrlich nicht immer gelingende Begegnung zu legen.
Die Sache, die Hans Urs von Balthasar anspricht, auch in diesem umstrittenen Aufsatz anzeigt, ist freilich eine viel zu ernste, als dass sie von der Hand eines diffamierenden Journalismus angerührt werden dürfte. Nur das gröbste Geröll an Missverständnissen kann ich aus dem Weg räumen – um dann·auch gegen Hans Urs von Balthasar Stellung·nehmen zu können.
1. Wenn Hans Urs von Balthasar vom «gläubigen Rest» spricht, so ist das keine statistische, quantitative Aussage, sondern – in der Tradition der Propheten Israels – eine qualitative, die Gott allein zum Richter und Mass hat.
2. Wenn Hans Urs von Balthasar meint, jüdische Existenz sei «unbrauchbar für die letzte Synthese», so bin ich als Jude eigentlich recht froh darum. Denn die «letzte Synthese» steht Gott allein zu. Wer hier auf Erden, insbesondere in der Schweiz «letzte Synthesen» sucht, gehe in die Volkshochschule und wenn er anspruchsvoller ist (und es sich leisten kann), fahre er nach Ascona zu den Eranos-Tagungen! Das Höchste was man von einem jüdischen Menschen, einem isch jisroel sagen kann, wäre, er sei ein jerei schamajin, ein in der «Furcht des Himmels» lebender Mensch. Zu mehr hat’s auch unser Stammvater Abraham in hundertdreissig Jahren seines Lebens auf Erden nicht gebracht. Die letzte Synthese oder den amor dei intellectualis [Liebe zu Gott; Anm. H.K.-O.] überlasse ich neidlos dem Amsterdamer Baruch Spinoza, der wie sonst kein anderer von deutschen Dichtern und Denkern, Lessing und Goethe, Schleiermacher und Hegel gefeiert und fast kultisch verehrt wurde. Opfert den Manen des Spinoza – sagt Friedrich Schleiermacher. Das «Opfer» war die Furcht Gottes auf dem Altar der deutschen Nation, das die Apokalypse der deutschen Seele einleitete, die Hans Urs von Balthasar magistral geschildert und wir Juden an unserem eigenen Fleisch erlebt haben. Ich warne Hans Urs von Balthasar vor letzten Synthesen!
3. Hat aber der «Futurismus» von Hermann Cohen, dem grössten Repräsentanten des akademisch gebildeten deutschen Judentums und gleichzeitig[em] Haupt der Marburger Schule nichts mit der Säkularisierung des messianischen Glaubens im liberalen Judentum des 19. und 20. Jahrhunderts zu tun? Kehren in Martin Bubers «Reden über das Judentum», die die Besten der Generation vor 1914 zum Zionismus bekehrten, nicht immer Vokabeln wie «Blut» und «Boden» wieder?
Wäre es nicht gerade bei Vokabeln, die von den Nazis ins Perverse gedreht wurden, just unsere Aufgabe, das «Genuine» der Erfahrung, von dem Hans Urs von Balthasar spricht, zu unterscheiden und zu «retten»? Wäre dies nicht eine gemeinsame Aufgabe, anstatt ihn zu diffamieren? Und ist das Unterscheidende nicht im Glauben an den Gott Israels zu suchen, ohne den alles: die Erwählung, der heilige Samen, das heilige Land, der Gesalbte, ins Gegenteil sich verkehrt?
Ich hätte nicht einmal einen Zipfel jener einsamen Zwiesprachen an die Öffentlichkeit gebracht, wenn nicht einer dieser Einsamen von einem theologisch geschwätzigen Journalisten in brunnenvergiftender Manier öffentlich diffamiert worden wäre. Darin freilich stimme ich mit Dr. E. L. Ehrlich überein: Nichts ist «gefährlicher» als «theologisches Geschwätz», denn es gibt sich als «geistig» aus. Er soll sich diesen seinen eigenen Satz täglich vor Augen halten.
Editorische Notiz
Jacob Taubes’ Leserbrief an das Israelitische Wochenblatt blieb unveröffentlicht. Er ist eine Entgegnung auf einen Leitartikel Ernst Ludwig Ehrlichs («Spielarten der Judenfeindschaft. Zwei erschreckende, aktuelle Beispiele von Antisemitismus: Ein israelisches Mädchen wird in einem Zürcher Tram beschimpft; im Herder-Verlag erscheint ein pseudotheologischer Hetzartikel. Zwei Vorkommnisse, die zu denken geben», in: Israelitisches Wochenblatt für die Schweiz, 77. Jahrgang, 7. Oktober 1977 / 25. Tischri 5738, H. 40, S. 5-6). Taubes schickte den Leserbrief, begleitet von einem Schreiben, am 10. Oktober 1977 an Hans Urs von Balthasar.
Überliefert wurde der Leserbrief als Xerografie des Typoskripts mit wenigen handschriftlichen Korrekturen. Offenkundige Fehlschreibungen wurden ebenso stillschweigend korrigiert wie sinnentstellende fehlerhafte Zeichensetzung; Eigenheiten der Schreibweisen von Taubes sowie seine Absatzgestaltung sind dagegen beibehalten. Die Wiedergabe von Unterstreichungen erfolgt in Kursivschrift, Einfügungen des Herausgebers sind durch eckige Klammern gekennzeichnet.
Der Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Erben von Jacob Taubes und des Verwalters des Nachlasses von Jacob Taubes am Leibniz-Zentrum für Literatur- und Kulturwissenschaft, Berlin, Martin Treml sowie des Hans-Urs-von-Balthasar-Archivs, Basel, namentlich Claudia Müller. Ihnen allen sei herzlich gedankt.