Theologie und Literatur in ZwiespracheRomano Guardini und Hans Urs von Balthasar

Abstract / DOI

Theology and Literature in Dialogue: Romano Guardini and Hans Urs von Balthasar. After a short description of their biography the article provides a presentation of the vivid interest of Hans Urs von Balthasar and Romano Guardini for literature. Their first encounter in Berlin was marked by Kierkegaard and continuated with their correspondence and visits. The way of both scholars was different: Hans Urs von Balthasar's way led from literature to theology, while Romano Guardini arrived from theology at literature. The two scientists dedicated important papers and monographs to the great poets and writers and demonstrated a fruitful dialogue between theology and literature.

Romano Guardini (1885–1968) und Hans Urs von Balthasar (1905–1988) werden oft als geistesverwandt betrachtet. Es ist immer lohnend, große Gestalten nebeneinander zu stellen und ihre Nähe und ihren Abstand zu erfassen, also auf das «Verwandt-Verschiedene» zu achten, wie Guardini eine solche Verhältnisbeziehung genannt hat.1 Die geistige Wahlverwandtschaft zwischen beiden Gelehrten kommt auf verschiedene Art und Weise zum Ausdruck. Ein klares Zeugnis ihrer Freundschaft und ihrer gegenseitigen Hochschätzung finden wir in der Monographie Romano Guardini. Reform aus dem Ursprung. Der Autor Hans Urs von Balthasar schreibt dort: «‹Reform› heißt: Wiederhinkehr zur urprünglichen Form. ‹Ursprung› aber scheint Leugnung jeder Form, rein urspringender Quell, rasch-lebendiges Strömen, Quick-Born. […] Die Ursprünge sind auch die Urformen. Aber diese beiden Plurale bleiben ein Unterwegs; Guardini wollte immer schon und immer ausschließlicher das Ziel: den einzigen Ursprung und die einzige Form. […] Guardinis geschultes Auge sah das schlechthin Unvergleichliche, das hier alles durchwaltet; dieser Ursprung war ihm das Gegenwärtigste, er kannte keine Flucht ins Vergangene und keine nach vorn, obschon ihm das Immerquellende auch jede Zeit aufschloß. Er wollte im Ereignis ausharren, staunend, redlich und treu. Er trank am Brunnenmund, und er lehrte viele, daran zu trinken und den Ursprung zu schmecken, ein halbes Jahrhundert lang.»2

1. Biographische Berührungspunkte

Als Hans Urs von Balthasar am 12. August 1905 in Luzern das Licht der Welt erblickte, stand Romano Guardini bereits in einer schweren Lebenskrise. Nach dem Abitur im August 1903 in Mainz studierte Guardini zunächst zwei Semester Chemie in Tübingen, drei Semester Nationalökonomie in München (1904) und Berlin, um dann im Sommersemester 1906 mit dem Theologiestudium in Freiburg i. Br. zu beginnen, das er vom Wintersemester 1906/07 ab in Tübingen fortsetzte. Im Oktober 1908 trat er ins Mainzer Priesterseminar ein und empfing am 28. Mai 1910 die Priesterweihe.3

Wie fiel seine Entscheidung für das Priestertum? Im Buch Berichte über mein Leben erzählt er von seiner Glaubenskrise: «Damals ist mir der ganze Glaube zerronnen; richtiger gesagt, ich habe gemerkt, daß ich keinen mehr habe. Das war im Sommer 1905 […] Dann kam aber eine Wendung […] Ich erinnere mich, als sei es gestern gewesen, der Stunde, in welcher diese Erkenntnis zur Entscheidung wurde. Es war in meinem Dachkämmerchen im elterlichen Haus in der Gonsenheimer Straße. Karl Neundörfer und ich hatten über die Fragen, die uns beide beschäftigten, gesprochen und mein letztes Wort hatte gelautet: ‹Es wird wohl auf den Satz hinauskommen: Wer seine Seele festhält, wird sie verlieren; wer sie aber hergibt, wird sie gewinnen.› […] Ich saß vor meinem Tisch, und der Gedanke ging weiter: ‹Meine Seele hergeben – aber an wen? Wer ist im Stande, sie mir abzufordern? So abzuforderen, daß darin nicht doch wieder ich es bin, der sie in die Hand nimmt? Nicht einfachhin ‹Gott›, denn wenn der Mensch es nur mit Gott zu tun haben will, dann sagt er: ‹Gott› und meint sich selbst. Es muß also eine objektive Instanz sein, die meine Antwort aus jeglichem Schlupfwinkel der Selbstbehauptung herausziehen kann. Das aber ist nur eine einzige: die katholische Kirche in ihrer Autorität und Präzision. Die Frage des Behaltens oder Hergebens der Seele entscheidet sich letztlich nicht vor Gott, sondern vor der Kirche›».4

Die Wichtigkeit dieser Erkenntnis soll hier nochmals unterstrichen werden. Offenbarung und Kirche sind Guardini dabei Ausgangspunkte und Grundworte. An Papst Paul VI. schrieb er 1965: «Noch zur Zeit meiner ersten theologischen Studien wurde mir etwas klar, das von da ab meine ganze Arbeit bestimmt hat: Was den modernen Menschen überzeugen kann, ist nicht ein historisch oder psychologisch oder wie auch immer modernisiertes Christentum, sondern nur die uneingeschränkte und ungebrochene Botschaft der Offenbarung.»5 Und schon an den damaligen Mailänder Kardinal Giovanni Baptista Montini schrieb er 1952: «Als ich noch Student der Staatswissenschaften war, wurde mir klar, daß die eigentliche christliche Entscheidung nicht vor dem Gottesbegriff, auch nicht vor der Gestalt Christi, sondern vor der Kirche fällt. Von da ab wusste ich auch, daß eine echte Wirksamkeit nur in der Einheit mit ihr möglich ist.»6 In einem Hochland-Beitrag formulierte Guardini 1922 den berühmten Satz «Ein religiöser Vorgang von unabsehbarer Tragweite hat eingesetzt: die Kirche erwacht in den Seelen.»7 Im parallelen Essay Vom Sinn der Kirche wird dazu erläutert: «Uns hilft nur klare Einsicht in Wesen und Sinn. Uns muß aufgehen: In dem Maß bin ich christliche Persönlichkeit, als ich Glied der Kirche bin, und die Kirche in mir lebendig ist. Spreche ich zu ihr, dann sage ich in einem ganz tiefen Verstande nicht ‹Du›, sondern ‹Ich›. […] Wir werden mit der Kirche nicht eher fertig, als bis wir so weit sind, sie lieben zu können. Nicht eher.»8 Dies war ein existentielles Christsein in der Gemeinschaft von Gebet, Liturgie und Leben.9

Joseph Ratzinger sieht einen «theologischen Grundentscheid» Guardinis eben in dem genannten Erlebnis: «Die eigentliche Grundlage seiner Theologie […] war das Erlebnis der Bekehrung, das ihm zugleich Überwindung des durch Kant repräsentierten Geistes der Neuzeit wurde. Am Anfang steht nicht Reflexion, sondern Erfahrung.»10 Mit Bezug auf ein 1923 veröffentlichtes, sehr lehrreiches «Gespräch vom Reichtum Christi» zwischen einem Caritas-Sekretär, einem Gelehrten und einem volkstümlichen Kaplan11 sieht Ratzinger Guardinis theologische Genialität in der Verbindung von Caritas, Liturgie, Christologie und Volksfrömmigkeit bis hin zur Herz-Jesu-Verehrung: «Es war die Gnade Guardinis, das Große einfach sagen zu können. Der Mensch ist auf Wahrheit hin geöffnet, aber die Wahrheit ist nicht im Irgendwo, sondern im Lebendig-Konkreten, in der Gestalt Jesu Christi […] Nur im Ganzen ist die Wahrheit.»12

Kehren wir nun zum Lebensweg von Guardini zurück. Nach der Promotion zum Dr. theol. in Freiburg (1915) und der Habilitation in Bonn (1922) wurde er im April 1923 auf den neu errichteten Lehrstuhl für «Religionsphilosophie und Katholische Weltanschauung» an der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin berufen. Über die enormen Schwierigkeiten, mit denen er an der Universität, von der er mehr oder weniger ignoriert wurde, zu kämpfen hatte, berichtet er in seinen autobiographischen Aufzeichnungen. Sie sind während des kriegsbedingten Interims (1943–1945) in Mooshausen im Pfarrhaus seines Freundes Josef Weiger (1882–1966) verfasst worden. Den entscheidenden Rat erhielt Guardini vom einflussreichen Phänomenologen Max Scheler (1874–1928), der damals in Köln lebte.

«Was die Vorlesungen selbst angeht, so bestand eine große Schwierigkeit darin, dass es sich bei ihnen um kein eigentliches Fach handelte. Daher konnte ich sie nicht, wie jeder Ordinarius sonst, ausarbeiten, auf dem Laufenden halten und in gegebenen Abständen wiederholen. Was ich hatte, war im Grunde nur ein prinzipieller Ausgangspunkt, ein Standort und Maßstab für das ‹Anschauen›; zu suchen, was von ihm aus angeschaut werden sollte, den Blick zu vollziehen und ins Theoretische zu übersetzen, war Sache einer immer neuen Bemühung […] Der einzige Mann, der mir einen brauchbaren Rat gab, war Max Scheler. Im ersten Semester las ich über die Grundformen der Erlösungslehre. Das war natürlich ein Verlegenheitsthema; ich musste aber anfangen und dazu nehmen, was ich hatte. Er sagte, so gehe es nicht; ich solle die grundsätzlichen Gesichtspunkte an konkreten Gegenständen entwickeln – zum Beispiel an einer Analyse der Gestalten Dostojewskijs, der damals sehr aktuell war. – So habe ich viel herumgesucht und experimentiert […] Mit der Zeit bildete ich mir einige Typen von Vorlesungen heraus, die sich bewährt haben. Das waren zunächst solche von systematischem Charakter, welche Probleme der Daseinsdeutung im Zusammenhang behandelten […] Eine zweite Gruppe waren Vorlesungen über das Neue Testament; Versuche also, den Inhalt der Offenbarung gleichsam aus ihrem Urlaut heraus zu erfassen […] Eine dritte endlich waren Interpretationen religiöser, philosophischer oder dichterischer Texte und Gestalten. Ich erkannte die Bedeutung, welche echte Interpretation für eine geistig verwaschene Zeit hat, immer besser, und bildete mir allmählich eine Methode heraus, von der genauen Deutung des Textes zum Ganzen des Gedankens und der Persönlichkeit vorzudringen und damit grundsätzliche Fragestellungen zu verbinden».13

2. Begegnungen

Balthasar studierte Philosophie und Germanistik in Zürich, Wien und Berlin. Die zweite Etappe nach Wien war also Berlin: von der alten Hauptstadt des Habsburgerreiches zur alten Hauptstadt Preußens. Balthasar hat sich zum Wintersemester 1926/27 an der Friedrich-Wilhelms-Universität (heute Humboldt-Universität) in Berlin immatrikuliert. In diesem einzigen Berliner Semester hörte der Germanistikstudent nicht nur den Indologen Helmut von Glasenapp (1891–1968), bei dem er Sanskritstudien betrieb, den Literaturhistoriker Julius Petersen (1878–1941) und den Kulturphilosophen Eduard Spranger (1882–1963), sondern auch den im April 1923 auf den neu errichteten Lehrstuhl für «Katholische Weltanschauung und Religionsphilosophie» gerufenen Romano Guardini. Die persönliche Bekanntschaft mit ihm war der eigentliche Gewinn des Berliner Semesters. Auf die Frage, warum er nach vier Semestern von Wien weggegangen ist, gab Balthasar folgende Antwort: «Ich dachte, daß ich wechseln muß. Nur Wien ist vielleicht zu wenig. Es war dann gräßlich in Berlin, die Stadt war ein Greuel. Es war einer, der ein Trost war. Das war Guardini […] er hatte nicht viele Hörer. Wir waren sechs oder sieben in seinem Seminar. Wir haben zusammen Kirkegaard gelesen. Es war sehr schön.»14

Guardini bewegte sich in seinen Vorlesungen im Grenzgebiet zwischen Philosophie und Theologie. Guardini bestärkte den wenig über zwanzig Jahre alten Studenten, der sich auf das Doktorexamen in Germanistik vorbereitete, in seiner Option für die Gestalt, die nun auf Christus übertragen, nahezu mit ihm identifiziert wurde, und öffnete ihn gleichzeitig für die Begegnung und Auseinandersetzung mit den großen, nicht systematisierenden, schöpferischen Gestalten der Dichtung und des Denkens. Eine Auseinandersetzung übrigens, die er nie als «bloßer Historiker interpretiert», sondern «immer als der verantwortliche Helfer und Gestalter seiner eigenen Zeit.»15

Für Balthasar sollte sich übrigens bald Gelegenheit bieten, das von seinem Lehrer Empfangene in die Tat umzusetzen. Er stand bereits vor dem Doktorexamen und wählte sich für seine Dissertation ein Thema (Geschichte des eschatologischen Problems in der modernen deutschen Literatur), bei dem der Einfluß Guardinis unschwer zu erkennen ist. «Der Grundimpuls […] war der Wunsch, die großen Gestalten der modernen deutschen Geistesgeschichte auf ihre letzte, oft verborgene religiöse Haltung hin zu enthüllen (apokalyptein heißt ja enthüllen), sie gleichsam ‹beichten› zu lassen.»16

Die Begegnung fand also im Zeichen Kierkegaards statt. Über die Art seiner Seminare berichtet Guardini selbst: «In den Seminarübungen ließ ich anfangs Referate halten; doch zeigte sich das als wenig ergiebig […]. Daher legte ich später Texte zu Grunde und forderte die Teilnehmer zum Interpretieren auf. Das Ziel war das Gespräch über die Interpretation selbst und über die dabei auftauchenden Probleme. Solche Übungen habe ich u.a. über die Philosophischen Brocken Kierkegaards, die Pensées Pascals, platonische Dialoge, einzelne Hymnen Hölderlins, Elegien Rilkes usw. gehalten.»17

Das unter Leitung Guardinis begonnene Kierkegaard-Studium war für Balthasar folgenreich. Bereits in seiner Dissertation erntet er erste Früchte. Das erste größere Kapitel verdankt sich «einem Wink Guardinis». In französischer Übersetzung gab er 1945 den Auszug des ersten Kapitels in der Zeitschrift «Dieu vivant» heraus. Überhaupt hat das Kierekegaard-Studium viele Spuren in seinem Werk hinterlassen bis zur theologischen Ästhetik Herrlichkeit.18 In seiner Auseinandersetzung mit Rahners Theorem vom «anonymen Christen», einer Polemik, die dann in Cordula oder der Ernstfall (1966) ausgetragen wurde, kommt Balthasar wieder zu Kierkegaard und Guardini zurück: «Man sieht nicht mehr recht, wenn es mit der Namenlosigkeit so gut geht, wozu einer eigentlich noch ein namentragender Christ sein soll […]. Zu meinem Unglück hatte ich, dessen Jugend in die Zeit der Kierkegaard-Welle fiel – Guardini erklärte ihn uns in Berlin – bei Kierkegaard gelesen, der Apostel Christi […] sei einer, der sich für Christus totschlagen lasse […]. Ist so etwas Leitbild, dann gibt es doch keine anonymen Christen, so viel Menschen im übrigen – hoffentlich alle! – durch Christi Gnade das Heil erlangen.»19

Diese erste persönliche Begegnung zwischen dem Professor Guardini und dem Studenten Balthasar muß auf beiden Seiten so eindringlich gewesen sein, daß sie sich auch später nicht mehr aus den Augen verloren haben. So notiert Balthasar Ende Oktober 1949: «Meine Situation in diesen Tagen. Äußerlich hoffnungslos […]. Nur Guardinis Angebot, nach München zu kommen und mich dort zu habilitieren: aber wie dann zugleich in Basel die Dinge weitertreiben?»20 Das Angebot Guardinis sollte Balthasar wie ein Rettungsanker erscheinen. Er griff jedoch nicht danach, um für seine Arbeit in Basel frei zu bleiben.

Guardini machte sich am 1. Oktober 1953 von München aus auf die Reise nach Isola Vicentina, wo er auf einem alten Landsitz seiner Familie einen Urlaub verbringen sollte. In Basel unterbrach er die Bahnfahrt. Er notiert: «Gegen 5.00 Uhr war ich in Basel und hatte gleich den alten Eindruck von Sauberkeit und Wohlstand, der heute den von außen Kommenden in der Schweiz so zwiespältig berührt. Ich habe mit Dr. H. allerlei besprochen […]»21 Während Guardini seinen Besuch in Basel am 1. und 2. Oktober 1953 sorgfältig notiert, bleiben Balthasars Äußerungen in dieser Hinsicht sehr allgemein. So findet man bei ihm lediglich im Frühjahr 1954 folgende Bemerkung: «Viele Besuche. Öfter Reinhold Schneider, C. J. Burckhard, Guardini, Heuß: Ich habe noch mein Zimmer in Zürich, bin nirgends inkardiniert. Viele Kurse: Exerzitien oder Fortbildungswochen, so nach Ostern, an Himmelfahrt, im Juni: Ende Juli und Anfang August in Spanien, dann in Löwen.»22 Als Guardini zu seinem 80. Geburtstag mit einer Festschrift geehrt wurde, war auch Balthasar eingeladen worden, einen Beitrag beizusteuern. Er veröffentlichte seinen Aufsatz «Der Unbekannte jenseits des Wortes».23

Von großer Bedeutung ist die Korrespondenz zwischen beiden Gelehrten. Manfred Lochbrunner konnte aus dem Balthasar-Archiv in Basel zehn Briefe Guardinis an Balthasar in der Zeitspanne von 1949 bis 1954 analysieren und vorstellen, also die für Balthasar besonders schwierigen Jahre kurz vor und nach seinem Ordensaustritt.24 Sechs Mitteilungen stammen aus Ferienaufenthalten in Isola Vicentina und zeigen die schwungvolle Handschrift Guardinis.

Die Darstellung der Korrespondenz in chronologischer Folge: 1. Angebot Guardinis zur Habilitation in München (und Besuch Guardinis in Basel im Oktober 1949). – 2. Das Projekt einer «Guardini-Synthesis». – 3. Büchergeschenke. – 4. Besuch Balthasars bei Guardini im November 1958. – 5. Balthasars unveröffentlichte Besprechung der «Enciclopedia Filosofica». – 6. Kandidat bei der Neubesetzung des Guardini-Lehrstuhls. – 7. Dank an Guardini.

Unter den nicht zustande gekommenen biographischen Berührungspunkten wäre zu erwähnen, dass Balthasar als Nachfolger auf dem Münchener Lehrstuhl im Gespräch war. Als nach der Emeritierung Guardinis im Herbst 1962 – er hatte bereits sein 77. Lebensjahr überschritten – der Lehrstuhl neu besetzt werden sollte, tauchte neben Karl Rahner und Alfons Auer auch der Name Balthasars auf. Als Guardini am 1. Oktober 1968 starb, war «sein» Lehrstuhl unbesetzt. Balthasar wollte keine Lehrverpflichtung übernehmen. In einem Interview bekannte er: «Wenn ich viele Lehrstühle ausgeschlagen habe, auch den Guardinis z. B., so einzig, um meinen Auftrag – der wie ich sagte, ein anderer ist – freier ausführen zu können.»25

Zum ersten Jahresgedächtnis ist Balthasar angetragen worden, in München die Gedenkrede zu halten.26 Aus diesem Vortrag entstand dann die Monographie Romano Guardini. Reform aus dem Ursprung. Diese Schrift gilt als eine erste Gesamtdeutung des Denkens, die Maßstäbe gesetzt hat für weitere Studien. Diese Schrift bezeugt, welch umfassende Kenntnis von Guardinis Werk Balthasar besaß, und weist ihn als kongenialen Interpreten der Denkgestalt aus.

Schließlich durfte er am 17. März 1971 im Rahmen der Jahresfeier der Katholischen Akademie in Bayern den Romano-Guardini-Preis in Empfang nehmen. Der Direktor der Akademie, Dr. Franz Heinrich, hat bei seiner Laudatio einige Stichworte genannt, die den Geehrtern mit Guardini verbinden: «Wir haben in unserem Jahrzehnt nach Romano Guardini keinen Theologen von Rang, der eine solche Nähe und innere Kongenialität zur großen Kunst und Literatur sein eigen nennen darf wie Hans Urs von Balthasar […]. Von selbst sind uns denkwürdige Analogien zum Werk Romano Guardinis in den Sinn gekommen: Weite des Geistes, Interpretation der Wirklichkeit, die Begegnung mit Philosophie und Literatur, Unterscheidung des Christlichen sind nur einige Kennworte.»27

3. Unterschiedliche Zugangswege zur Literatur

Die biographische Betrachtung gibt klar zu erkennen, dass der Zugangsweg zur Literatur bei beiden Protagonisten verschieden war. Wie aber finden Literatur und Theologie zueinander und kommen sich näher? Beide Autoren, Guardini und Balthasar, werden vor allem als Theologen wahrgenommen und haben sich selbst als solche verstanden. Wie aber sind sie dann zur Beschäftigung mit der Literatur gekommen, wovon ihr Oeuvre doch reichlich Zeugnis gibt? Der Zugangsweg zur Literatur war bei beiden unterschiedlich. Balthasar war von Haus aus Germanist. Guardini hat erst nach längerem Suchen den Weg zur Theologie und zum Priestertum gefunden. Im Unterschied zu Balthasar hat er die Literaturwissenschaft nie ex professo studiert. Schematisch ausgedrückt verläuft die Richtung so: Bei Balthasar geht der Weg von der Literaturwissenschaft zur Theologie, während Guardini durch seine Weltanschauungsprofessur von der systematischen Theologie auf die Literatur zustrebt.

Hans Urs von Balthasar hat ein komplettes Germanistikstudium in neun Universitätssemestern (1924–1928) absolviert. Sein akademischer Titel ist ein Dr. phil., mit dem er das Germanistikstudium an der Universität Zürich abgeschlossen hat, und nicht etwa ein Dr. theol. Er hat die Literaturwissenschaft gründlich erlernt und seine ganze germanistische Kompetenz nach und nach in sein philosophisch-theologisches Werk eingebracht und dort verschmolzen. Er selbst sagt in einem Altersrückblick: «Erst viel später, als der Blitz der Berufung schon Jahre hinter mir lag und ich die philosophischen Studien in Pullach […] und die vier Jahre Theologie in Lyon […] absolviert hatte, verstand ich, welch große Hilfe für die Konzipierung meiner Theologie die Kenntnis Goethes, Hölderlins, Nietzsches, Hofmannsthals und besonders der Kirchenväter, auf die mich de Lubac verwies, werden sollte»28.

Was ist mit «Blitz der Berufung» gemeint? Im Jahre 1927 machte er zusammen mit einigen Freunden unter der Leitung von P. Friedrich Kronseder SJ im «Kloster Himmelspforte» in Wyhlen bei Basel die dreißigtägigen ignatianischen Exerzitien. Dreißig Jahre später, 1959, berichtete er, auf die ihm gestellte Frage, warum er Priester geworden sei, u.a. Folgendes: «Heute noch, nach dreißig Jahren, könnte ich auf dem verlorenen Waldweg im Schwarzwald unweit von Basel den Baum wiederfinden, unter dem ich wie vom Blitz getroffen wurde. Ich war damals Student der Germanistik und folgte einem Exerzitienkurs für Laienstudenten. In diesen Kreisen wurde es als ein Unglück betrachtet, wenn einer sich absetzte, um Theologie zu studieren. Doch es war weder die Theologie noch das Priestertum, was damals vor meinen Geist trat; es war einzig und allein dies: Du hast nichts zu wählen, du bist gerufen; du wirst nicht dienen, man wird sich deiner bedienen; du hast keine Pläne zu machen, du bist nur ein kleines Steinchen in einem Mosaik, das längst bereitsteht. Ich brauchte nur ‹alles zu verlassen und nachzufolgen›, ohne Pläne zu machen, ohne Wünsche und Einsichten; ich brauchte nur dazustehen und zu warten und zuzusehen, wozu man mich brauchen würde. Und so geschah es; und wenn mir der Gedanke aufstieg, daß der liebe Gott mir einen sicheren Ort angewiesen und mich mit einer klar umrissenen Sendung begabt hatte, so stellte ich doch fest, daß Er frei war, das Ganze in einem Augenblick, trotz der Ansicht und Angewöhnung des Werkzeuges, das ich war, über den Haufen zu werfen. Bemerkenswert bleibt dabei allein, daß mir dieses Lebensgesetz, das uns zerbricht und im Zerbrechen heilt (wie das Bein des hl. Ignatius) schon ganz zu Beginn als eine Art unsichtbares Lebensthema erschien. Es wird wohl für den ungeduldigen Rabbiner Saul nicht anders gewesen sein.»29

Henri de Lubac nennt Balthasar «Ein[en] Zeuge[n] Christi in der Kirche» und schildert ihn so: «Balthasar ist vielleicht der gebildetste Mann seiner Zeit. Und wenn es noch so etwas gibt wie eine christliche Kultur, hier ist sie! Die klassische Antike, die großen europäischen Literaturen, die metaphysische Tradition, die Religionsgeschichte, die vielfältigen Versuche der Selbstfindung des heutigen Menschen – und, über allem, die Gottesgelehrsamkeit mit Thomas, Bonaventura, der Patristik (als Ganzer!) –, ohne im Augenblick von der Bibel zu sprechen – es gibt nichts Großes, das nicht lebendige Aufnahme in diesem großen Geist fände. Christen jeder Konfession: Er ruft sie alle, ihren Beitrag zu leisten, aus dem sich die katholische Symphonie zu einer immer leuchtenderen Verherrlichung Gottes aufbauen soll!»30

Wie ist Romano Guardini zur Literatur gekommen? Im Kontext seiner christlichen Weltanschauungslehre begegnet Guardini der Literatur und vollzieht seine Integration von Theologie und Literatur. Erst nach längerem Suchen fand er den Weg zur Theologie und zum Priestertum. Die Literatur wurde für ihn erst eine beruflich relevante Größe, als ihm Max Scheler den wegweisenden Rat gegeben hatte. Während der Basler Theologe sich im Metier der Literaturwissenschaft professionell bewegt, spürt Guardini seine Unzulänglichkeit. «In dieser Art des Lehrens lag natürlich die Gefahr des Dilettantismus. So verschiedenartige Gebiete wirklich zu beherrschen, den Stand der Forschung zu kennen und die verschiedenartigen Methoden richtig zu handhaben, war ganz unmöglich. Ich habe denn auch die Tatsache, mit meiner Arbeit sozusagen außerhalb der anerkannten Methoden zu verfahren, immer sehr schwer empfunden […]. So fühlte ich mich einer Entscheidung zugedrängt: Sollte ich versuchen, in rastloser Arbeit so viel als möglich zu lernen und zu wissen, um dieser Forderung zu genügen? Dann hätte ich etwas unternommen, was meiner Natur fremd war, hätte meine Kräfte zerstört und wäre am Ende doch gescheitert. Also machte ich sozusagen aus der Not eine Tugend. Ich verzichtete bewusst auf das jeweilige Fachwissen. Ich suchte, so gut ich es vermochte, vor die Fragen selbst zu gelangen und mit ihnen fertig zu werden; so tief als möglich in die Texte einzudringen und aus ihnen heraus zu arbeiten. Das bedeutete natürlich ein Wagnis – man kann auch sagen, eine Vermessenheit. Es setzte voraus, dass ich befähigt sei, wirklich von der Sache her zu fragen; auch zu den Texten und ihrem Inhalt in ein echtes Verhältnis zu gelangen»31. Die Resonanz aber, die er in überfüllten Vorlesungssälen bei seinen Hörern und Hörerinnen gefunden hat, musste ihm ein deutliches Zeichen sein, dass er instinktiv richtig gehandelt hatte.

4. Balthasar liest Guardini

Balthasar hat in seiner Monographie sozusagen sein Porträt Guardinis gezeichnet. In der einleitenden Vorbemerkung sagt er: «Dieser Durchblick durch Guardinis Œuvre ist erwachsen aus einer Gedächtnisrede, die anläßlich der ersten Wiederkehr seines Todestages in der Katholischen Akademie München gehalten wurde. Absichtlich wird hier nur ein Leitfaden geboten, eine Art Reiseführer durch das schwer übersehbare Land des Gesamtwerkes, Leitmotive werden notiert, auf geistesgeschichtliche Zusammenhänge hingewiesen. Alles Persönliche, Biographische fehlt. […] Sicher ist, daß Guardini keine eitlen Architekturen am Rand der Geschichte aufgestellt, sondern für ganze Generationen Unterkünfte gebaut, ja diese selbst zu Bollwerken gegen die wachsende Wüste geformt hat und daß sein Haus auf Fels steht, mag sein Stil uns behagen oder nicht. Wer seinen Geist wirklich erkannt hat, wird, auch wenn er weiterzugehen sich anschickt, ihm tiefe Dankbarkeit bewahren.»32

Als Einstieg wählt der Interpert den «Standort», den der junge Berliner Professor in den Briefen vom Comer See (1927) eingenommen hat. Danach umreißt er den spezifischen «Auftrag», wie er in seinem einzigen «Systemwerk» Der Gegensatz. Versuche zu einer Philosophie des Lebendig-Konkreten (1925) reflektiert worden ist. «Es gibt», so erklärte Guardini seinen Hörern, «einmal den Bereich der Schöpfung, nach deren letztem Sinn die Philosophie fragt. Dann gibt es den Bereich der biblischen Offenbarung, die Gegenstand der Theologie ist. Was aber erfolgt, wenn der weltliche Bereich vom Licht christlichen Glaubenswissens her angestrahlt wird? Dann leuchten Werte und Tiefen darin auf, die ihm zugehören, aber sonst im Dunkel oder im Halbschatten verblieben wären.»33 Balthasar bemerkt dazu: «Guardinis Ansatz ist dezidiert anti-kantianisch […] und ebenso dezidiert anti-hegelianisch, weil die Aspekte des Seienden nicht durch einen denkerisch nachvollziehbaren ‹Prozess› ineinander umschlagen, sondern in ihrer Gegensätzlichkeit gleichwertig immer schon das Lebendige konstituieren und ihm seine Innerlichkeit (zuhöchst seine gegenüberstehende Freiheit und Geheimnistiefe) sichern.»34 Von solchem Ansatz her ergibt sich ein fruchtbarer Zugang zum Christlichen, das aus den Abstraktionen eines theologischen Rationalismus befreit wird. Dass ein spezifischer Beitrag des vom Glauben erleuchteten Denkens erfordert ist, wird auch für Balthasar zur festen und unumstößlichen Überzeugung.35 Mehr noch, Balthasar findet bei Guardini eine Bestätigung seines Antikantianismus und seiner entschlossenen Option für die lebendige Gestalt, der er bei Goethe begegnet ist. Es ist die aristotelische «Entelechie» oder die «lebendige Gestalt» Goethes, die es Guardini erlaubt, dem abgeleiteten, abstrakten und unwirklichen Denken zu entrinnen.36 «Der Mensch lebt nun im Abstrakten. Und, nicht wahr, das Abstrakte, Begriffliche ist nicht ‹Geist›! Geist ist Leben. Geist ist wohl auch ‹allgemein›, aber lebendig allgemein.»37 Guardini wendet nun diese Form auf die konkrete geschichtliche Person Christi an: «Dort, wo sonst der Allgemeinbegriff steht, erscheint eine geschichtliche Person.»38 «Denn weil das Christentum mit der konkret-lebendigen, einmaligen Person Jesu Christi steht und fällt, ist in seinem Bereich keinerlei Abstraktion möglich.»39 Guardinis genuiner «Gegenstand» ist kein Fach im akademischen Sinn, sondern die Methode des christlichen Welt-Anschauens. «Hier offenbart Guardini seine eigentliche, auch unermüdlich, geduldig geübte Kunst, die ihm von Anlage, aber für seinen Auftrag eignet: christliches Welt-Anschauen.»40

Es gibt eine lange Reihe der Denker und Dichter, mit denen Guardini in seinen Schriften in einen Dialog getreten ist. Sokrates, Augustinus, Bonaventura, Dante, Pascal, Hölderlin, Kierkegaard, Dostojewskij und Rilke werden so zu Gesprächspartnern, die Fenster öffnen, durch die hindurch man das Aufblitzen oder den Einbruch der Gnade erahnen kann, ohne doch jemals auf das spezifisch Christliche, auf das reine Licht, das Christus — das Heil der Welt — ist, zu verzichten. Einleitend bemerkt Balthasar zu den ausgewählten Gestalten: «Es gibt in der geistesgeschichtlichen Sozietät Gesprächspartner von Rang, die tiefer und ursprünglicher fragen als die anderen und deshalb im Lauschenden, der zu einer Stellungnahme aufgerufen wird, auch tiefere Quellen entspringen lassen. Die großen dialogischen Quellen Guardinis wählen sich mit Vorbedacht Gestalten, mit denen zusammen in die Ursprünge zu schauen und mitschauend kritisch zu sprechen sich sonderlich lohnt. Sie sind nicht die Schöpfer großräumig konstruierter Systeme in Philosophie oder Theologie (bei den Dichtern ist es ein wenig anderes), sondern gleichsam offene Stellen, wo Grundfragen aufbrechen, Fenster aufspringen, Lichter durchblitzen, Orte, wo der Eros des Fragens auf Treppen aufsteigt, sich aber einem – wie auch immer – Herabstrahlenden nicht verweigert.»41

Mit dem letzten Kapitel betritt der Interpret den eigentlich theologischen Bezirk des Werkes von Guardini und fasste unter dem Leitmotiv «Das reine Licht» die Christologie zusammen. Balthasar beginnt: «Das reine Licht, nie getrübt von einer Wolke des Zögerns, des Zweifels, des geteilten Herzens, durch alle Not der Zeit unbeirrbar bezeugt als das einzige Heil der Welt, ist Jesus Christus, menschgewordener Sohn des ewigen Vaters, gekreuzigt für die Sünden der Welt, leibhaft auferstanden in der Kraft des Heiligen Geistes, in der er die Welt eschatologisch verwandelt. Dieses Licht liebt Guardini, sein ganzes Dasein ist Zeugnis seiner Liebe.»42 Christus steht im Zentrum der Theologie Guardinis. In zahlreichen Schriften betrachtet er Jesus Christus, ganz besonders in seinem Meisterwerk Der Herr.43 Balthasar erklärt: «Guardini ringt um die Anwendung des Wortes ‹Gestalt› auf die Christusoffenbarung, auf dem aufsteigenden Weg zeigt er die wachsende Konsistenz und Freiheit des Seienden, seine Mächtigkeit, sich anderen zu offenbaren, auch noch in der Sphäre des Religösen. Aber bei Christus bewältigt kein menschlicher Blick, kein noch so offenbarer Begriff seine Wirklichkeit, meist fält deshalb der Entscheid, die ‹Gestalt› Christi sprenge den (weltlichen) Begriff der Gestalt, ohne ihn aufzulösen. Noch dramatischer wird das Ringen um der Begriff einer ‹Psychologie› Christi.»44 Im Anschluss an die Christologie wird noch kurz auf die Ekklesiologie eingegangen und vor allem der Apsekt des Ärgernisses bedacht. Wie aktuell ist die Aussage: «Nicht nur durch ihr immer neues Versagen ihrem Auftrag gegenüber ist die Kirche für die Welt Ärgernis, sondern durch ihren Auftrag und ihr Wesen selbst, Sichtbarkeit und Gegenwärtigkeit Christi sein zu müssen. Sie ist potenziertes Ärgernis: wenn schon der Anspruch Christi, Gott zu vertreten, so ärgerlich war, dass alle Jahrhunderte daran gearbeitet haben, ihn ‹unschädlich› zu machen, wie ärgerlich wird dann der dauernde Anspruch der Kirche sein, diesen Anspruch Christi in seinem Namen geltend zu machen.»45

5. Literaturkritik und theologische Innovation

Im Unterschied zur Literaturkritik, wie sie in der Literaturwissenschaft mit formalen und ästhetischen Kategorien geübt wird, hat Balthasar in seiner Apokalypse der deutschen Seele einen anderen Zugang gesucht, den er in einem Gespräch mit Angelo Scola einmal so beschrieben hat: «Da ich Germanistik studierte, suchte ich diese tausend Phänomene zuerst in einer (ganz unzureichenden) Dissertation vom Christlichen her zu durchleuchten […], woraus sich später, nach meinem Eintritt in den Jesuitenorden, mein erstes Werk herauskristallisierte: Apokalypse der deutschen Seele, worin versucht wird, die großen deutschen Dichter und Philosophen (von Lessing, Herder, Kant, Goethe, Schiller, den idealistischen Philosophen, zur zentralen Gestalt Nietzsches, flankiert von Kierkegaard und von Dostojewskij, über die Lebensphilosophen bis hin zu Scheler, Karl Barth und Bloch) auf die letzte Haltung ihres Herzens hin abzuhorchen – daher das Wort Apokalypse»46. Solches Durchleuchten der Literatur auf ihre religiöse Haltung hin, also ihre Konfrontation mit den christlichen Glaubensinhalten könnte man als theologische Literaturkritik bezeichnen.

Während Balthasar seine Literaturkritik in den Bereich von «Letzthaltungen» vorangetrieben hat, charakterisiert Guardini sein Vorgehen vornehmlich mit der Kategorie der Begegnung. Guardini will mitschauen, mithören und mitreden. Er sucht einen Dialog mit den Schriftstellern und Dichtern. In einer «Vorbemerkung» zum Sammelband «Sprache – Dichtung – Deutung» reflektiert er über den eigenen Charakter seiner Arbeit: «In ihr steckt eine Theologie, die aber anders aussieht als dort, wo sie Gegenstand der Fachwissenschaft ist. Hier bezieht sie sich auf jene Probleme, die aus dem Gang des Menschenlebens, aus den Geschehnissen der Geschichte und aus dem Werden der Kultur hervorgehen. Umgekehrt werden diese Probleme nicht für sich allein, sondern als Fragen an die Offenbarung verstanden. […] Immer handelt es sich um Ergebnis von Begegnung: um Deutung der ‹Welt› vom Glauben her; um Fragen, welche die Welt an die Offenbarung richtet. Um eine Bemühung also, die den oben genannten Gefahren ausgesetzt ist, aber geleistet werden muss, weil die Probleme, denen sie zu genügen hat, da sind und immer dringlicher werden. Je weiter seit dem Beginn der Neuzeit der Bereich des Glaubens und der des Weltlebens auseinandertraten; je entschiedener ein autonomes Weltdasein sich herausarbeitete, desto notwendiger wurde die Arbeit an einer christlichen Weltanschauungslehre»47.

Bei Guardini geht es also um die Begegnung: «Deutlich sucht Guardini am Grunde aller Rationalität den Funken personaler Berührung, von dem aus das Zwiegespräch sinnvoll wird. Anders gewendet: Er liest die geschichtlichen Texte nicht museal, sondern gegenwärtig, zeitfrei, kraft ihrer aufzusuchenden Ursprünglichkeit.»48 Guardini hat einmal versucht, Sinn und Weise des Interpetierens zu klären. Er kam zur Einsicht: «Vor allem den Unterschied von Echt und Unecht, von Groß und Gering zu lernen, und den Sinn für das zu gewinne, was Vollendung heißt.»49

Die Begegnung zwischen Literatur und Theologie gerät auf eine neue Ebene, wenn Elemente der Literatur zu einem Ferment theologischer Reflexion werden, wenn literarische Strukturen als Katalysator theologischer Innovation wirken. In dieser Richtung hat gerade Balthasar Bahnbrechendes geleistet. Hier ist vor allem an seine Theodramatik zu erinnern. Wie kaum ein anderer Theologe seiner Zeit hat er das Fehlen einer expliziten Reflexion über die Dramatik der Heilsgeschichte und davon abkünftig in der Theologie als ein schweres Manko empfunden.

Balthasar hat sich nach der Theologischen Ästhetik von neuem an die Arbeit gemacht und als fast Siebzigjähriger seine Theodramatik (1973–1983) zu schreiben begonnen. Hinsichtlich des ersten Bandes erklärt er in einem Rückblick: «Es schien sinnvoll, nicht gleich auf die Konstruktion einer solchen Theologie loszustürzen, sondern zunächst ein ‹dramatisches Instrumentar› vom Literarischen und vom gelebten Theater, ja vom Leben überhaupt her, zu erarbeiten, um Bilder und Begriffe zu bereiten, womit dann (mit entsprechender Transposition) gearbeitet werden kann. Schon dies war eine weitschichtige Angelegenheit, worin unter anderem zu reden war vom Drama als Existenzerhellung, von der merkwürdigen Trias von Autor – Schauspieler – Regisseur, aber auch derjenigen von Darbietung – Publikum und Verstehenshorizont, sodann von der Endlichkeit der Spielzeit, von Situation, Freiheit, Schicksal, Tod, von dem ‹Guten› oder ‹Gerechten›, um das im Spiel gerungen wird, von tragisch, komisch, tragikomisch».50

Balthasars geniale Leistung ist die Überführung des dramatischen Instrumentars in eine «Theo-Dramatik»: «Es geht gewiss nicht darum, die Theologie in eine neue, ihr bisher fremde Form zu gießen. Sie muss diese Form von sich her fordern, ja sie implizit und an manchen Stellen auch explizit immer schon in sich haben. Denn Theologie hat nie etwas anderes sein können als Explikation der Offenbarung Alten und Neuen Bundes, mitsamt ihren Voraussetzungen (der Welt als geschaffener) und Zielen (der Durchdringung der geschöpflichen Welt mit göttlichem Leben). Diese Offenbarung aber ist in ihrer ganzen Gestalt im Großen wie im Geringen dramatisch. Sie ist die Geschichte eines Einsatzes Gottes für seine Welt, eines Ringens zwischen Gott und Geschöpf um dessen Sinn und Heil […] Das alles hat Theologie immerfort und unabschließbar zu bedenken; und bei aller systematischen Anstrengung muss sie den Raum für dieses Dramatische offenlassen und die Denkform dafür finden»51. Die Dramenliteratur hat bei Balthasar wie ein Katalysator gewirkt, der ihn zu einer Theodramatik vorstoßen ließ. Seither sind gerade von ihr die stärksten Impulse in die zeitgenössische Theologie ausgegangen. Bei der Ausarbeitung der Theodramatik hat der Basler Theologe zu einer Form der Integration von Literatur und Theologie gefunden, die «sui generis», gleichsam sein Markenzeichen geworden ist. Dabei ist der Topos Literatur als Anknüpfungspunkt für Verkündigung weit hinter sich gelassen. Auf dieser letzten Ebene steht nicht mehr die Verkündigung im Vordergrund, sondern die Theologie selbst, nämlich ihre Neustrukturierung unter dem Prinzip des Dramatischen.

Bei Guardini ist an seine Monographien über Gestalten der Geistes- und Literaturgeschichte zu denken: von Sokrates – Platon über Augustinus, Bonaventura, Dante zu Pascal, Hölderlin, Dostojewskij, Mörike und Rilke. Die Monographien werden begleitet von Aufsätzen, die im Band «Sprache – Dichtung – Deutung» (1962) gesammelt worden sind.52 Die Gestalten, zu denen sich Guardini hingezogen fühlte, haben ebenso auch Balthasar interessiert. Während jener monographische Abhandlungen verfasst, baut dieser gern seine Studien als Kapitel in übergreifende Zusammenhänge ein (exemplarisch in Apokalypse der deutschen Seele oder in Herrlichkeit III/1: Im Raum der Metaphysik). Doch verfasst auch er große Monographien wie über Reinhold Schneider (1953) und Georges Bernanos (1954). Doch gibt es bei Balthasar ein großes zusätzliches Werksegment, das uns bei Guardini nicht begegnet. Es sind seine Arbeiten, die den Dichtern und Schriftstellern des «Renouveau catholique» gegolten haben: Paul Claudel, Charles Péguy und Georges Bernanos. In diesem Werksegment überwiegt freilich die Übersetzungsarbeit den Anteil der Studien. Balthasar hat sich zunächst als Übersetzer in den Dienst dieser Literaten begeben, um ihre Werke dem deutschen Publikum zu vermitteln. Er hat nicht nur Prosa übersetzt, sondern die noch anspruchsvollere Aufgabe der Übertragung von Lyrik gemeistert. Dabei war seine enorme Musikalität eine große Hilfe53, eine Gabe, mit der Guardini weniger gesegnet war.

«Wenn Balthasar Guardini interpetiert, kann er gewissermaßen in einen Spiegel schauen, in dem er viele seiner eigenen geistigen Züge entdeckt. Die Denkgestalt beider weist deutliche Gemeinsamkeiten auf. Die schöpferische Produktivität beider gleicht dem künstlerischen Schaffensprozess. Beide sind Wissenschaftler mit großem Einfühlungsvermögen und ästhetischem Anspruch. Ihre wissenschaftliche Prosa bewegt sich auf hohem stilistischem Niveau. Doch der Weg, den sie gegangen und geführt worden sind, ist verschieden.»54

COMMUNIO Hefte

COMMUNIO im Abo

COMMUNIO will die orientierende Kraft des Glaubens aus den Quellen von Schrift und Tradition für die Gegenwart erschließen sowie die Vielfalt, Schönheit und Tiefe christlichen Denkens und Fühlens zum Leuchten bringen.

Zum Kennenlernen: 1 Ausgabe gratis

Jetzt gratis testen