Beschneidung des HerrnWarum Papst Franziskus eine Lücke in der katholischen Gedenkkultur schließen sollte

Abstract / DOI

The Feast of the Circumcision of Christ: Why Pope Francis Should Close a Gap in the Catholic Culture of Remembrance. This essay argues for a re-introduction of the feast «In circumcisione Domini» in the catholic liturgical year. Circumcision is a theme that roots deep in the history of Judaism and must be examined in biblical, patristical and juridical perspective. There are four major reasons for the plea for re-introduction: (1) The feast is an act of solidarity with the Jews in Europe who are facing a rise in antisemitism today. (2) As a sign of God’s Covenant the circumcision is a reminder of the Jewish identity of Jesus Christ. (3) The feast could be a corrective against gnostic tendencies in Christology, because it focusses on the bodily dimension of God’s incarnation. (4) Moreover it is a signal for ecumenism, since the feast connects with the liturgical praxis of the Eastern churches and the Reformed church.

Der Pegel des Antisemitismus steigt in Europa wieder an. Gewiss, in den abgedunkelten Hinterzimmern der extremen Rechten waren judenfeindliche Überzeugungen nie ganz verstummt. Aber seit kurzem werden auch in der politischen Linken Stimmen lauter, die unter dem Mantel des Antizionismus und der Kritik am Staat Israel antisemitisches Ideengut verbreiten. Hinzu kommen neue Formen eines islamischen Antisemitismus, die das jüdische Leben in seiner Normalität beeinträchtigen, ja bedrohen – ein Problem, das durch die Migranten aus dem arabischen Raum nicht geringer geworden ist.

Die katholische Kirche, die Jahrhunderte lang selbst antijüdische Denkweisen gefördert hat, sollte dazu nicht schweigen. Sie hat aus dem Schrecken der Shoah gelernt und ihr Verhältnis zum Judentum seit dem II. Vatikanischen Konzil auf eine neue Grundlage gestellt. Sie sucht seitdem nicht nur das Gespräch mit den «älteren Brüdern im Glauben» (Johannes Paul II.), sondern ist auch bestrebt, Schulter an Schulter tragfähige Allianzen zur Förderung von Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung zu bilden. Das Postulat der Erinnerungssolidarität mit den jüdischen Opfern, das Johann Baptist Metz der Theologie nach Auschwitz eingeschrieben hat1, ist nur dann glaubwürdig, wenn die Kirche auch zu praktischem Einsatz für die heute bedrängten Juden bereit ist.

Beschneidung des Herrn – ein anamnetischer Kontrapunkt gegen die Israelvergessenheit

Immer mehr Juden aber, ob gläubig oder nicht, fühlen sich mit dem Problem des ansteigenden Antisemitismus allein gelassen. Neben Solidaritätsbekundungen durch kirchliche Würdenträger und Aufklärungsarbeit in Religionsunterricht und Katechese könnte die katholische Kirche einen symbolischen Akt setzen, um ihrer Verbundenheit mit dem Judentum nachhaltig und öffentlich Ausdruck zu verleihen. Konkret könnte sie in ihrem liturgischen Kalender ein Fest wiederbeleben, dessen Wurzeln ins 6. Jahrhundert zurückreichen, das im 11. Jahrhundert in die römische Liturgie Einzug hielt und das bis 1969 jeweils am Oktavtag von Weihnachten gefeiert wurde: Beschneidung des Herrn – circumcisio Domini. Auch wenn der Name des Festes bereits 1960 im Zuge der Rubrikenreform von Johannes XXIII. abgeschafft wurde, so hat doch erst die nachkonziliare Liturgiereform an seiner Stelle das Hochfest der Gottesmutter Maria eingeführt.2 Die Erweiterung des Evangeliums (statt Lk 2, 21 jetzt Lk 2, 16-21) hat den Akzent von Beschneidung und Namengebung Jesu hin zur Mutterschaft Mariens verschoben, was nicht unproblematisch ist. Im Gefolge des Konzils, das eine kritische Aufarbeitung antijudaistischer Spuren in Theologie, Katechese und Gottesdienst gefordert hat (vgl. Nostra Aetate 4), wurde mit der Überschreibung des Festes In circumcisione Domini durch das mutmaßlich ältere römische Marienfest eine gewisse Amputation der kirchlichen Gedenkkultur vorgenommen.3 Der Zusammenhang zwischen Geburt, Beschneidung und Namensgebung wurde unterbrochen – ein Zusammenhang, der in der Theologie der Mysterien des Lebens Jesu, aber auch in der liturgischen Gedenkpraxis seit dem mittelalterlichen Missale der römischen Kurie einen Bogen gebildet hatte.4

Spontan könnte man meinen, die Liturgiereform habe nur ein verstaubtes Relikt der Tradition aus dem Kalender entfernt. Beschneidung des Herrn – das dürfte bei vielen Gläubigen heute ein müdes Achselzucken, wenn nicht blankes Unverständnis hervorrufen. Aber genau das ist das Problem. Denn bei näherem Hinsehen hat dieses Fest gerade für das Verhältnis zum Judentum zentrale Bedeutung. Jesus von Nazareth war Jude. Er ist als Sohn einer jüdischen Mutter geboren und nach den Vorschriften des Gesetzes «am achten Tag beschnitten» (Gen 17, 12; Lev 12, 3) worden. Er ist im semantischen Universum Israels groß geworden und hat mit den Psalmen beten gelernt, die Tora und die Propheten hat er gekannt. Neben die physische Dimension der Geburt als Jude tritt hier die theologische Dimension der Einwurzelung Jesu in die Bundesgeschichte Israels, die man nicht zu einem bloß zufälligen Faktor herunterspielen sollte.5 Die Theologie der Menschwerdung des Wortes Gottes, die durch die Kirchenväter und die altkirchlichen Konzilien mit hellenistischen Denkmitteln ausbuchstabiert wurde, hat die jüdische Herkunft Jesu nicht selten in den Hintergrund treten lassen. Jesus ist aber nicht nur ganz allgemein Mensch geworden, er ist als «Sohn Abrahams» (Mt 1, 1) im erwählten Bundesvolk religiös sozialisiert worden. Daran erinnert die Beschneidung als Bundeszeichen zwischen Gott und Israel6, das in der Liturgie als anamnetischer Kontrapunkt gegen die latente Israelvergessenheit der Kirche erneut eingespielt werden könnte.

Im Johannes-Evangelium hat Jesus selbst auf die Gabe der Beschneidung durch Mose und die Väter hingewiesen (vgl. Joh 7, 22). Entsprechend lehrt Paulus, Jesus sei «Diener der Beschneidung geworden um der Wahrheit Gottes willen, um die Verheißungen an die Väter zu befestigen» (Röm 15, 8). An anderer Stelle sagt er, Jesus sei «geboren von einer Frau und dem Gesetz unterstellt» (Gal 4, 4), nicht um dieses abzuschaffen, sondern um es zu erfüllen (vgl. Mt 5, 17). Der Zusammenhang zwischen Altem und Neuem Bund, der von Markion über die Deutschen Christen bis in die populäre Jesus-Literatur unserer Tage immer wieder infrage gestellt wurde, findet im Ritus der Beschneidung symbolisch prägnanten Ausdruck. Die Verwurzelung Jesu in der Bundesgeschichte Israels wird auch von heutigen Spielarten der Inkulturationstheologie in Indien und Asien unterschlagen, die ihre eigenen Lokaltraditionen an die Stelle der Geschichte Israels setzen wollen.7 Sie sind an ein Wort von Johannes Paul II. zu erinnern: «Wer Jesus Christus begegnet, begegnet dem Judentum.»8 Dieses Wort fände im liturgischen Gedenken der Beschneidung Christi einen konkreten Kommentar. Kaum zufällig hat sich die Philosophin Edith Stein am 1. Januar 1922, dem Fest In circumcisione Domini, taufen lassen, weil sie ihren Übertritt zur katholischen Kirche nicht als Abkehr vom Judentum verstanden wissen wollte.9 Ohne die Liturgie pädagogisch instrumentalisieren oder erinnerungspolitisch funktionalisieren zu wollen, könnte der theologische Zusammenhang zwischen Altem und Neuem Bund durch Wiedereinführung des Festes der Beschneidung des Herrn den Gläubigen neu vor Augen gestellt werden.10

Brit Mila – Zeichen jüdischer Identität

Die Praxis der Beschneidung ist in den Kulturen des Alten Orients zunächst ein Initiationsritus gewesen, der an der Schwelle zur Mannbarkeit praktiziert wurde und hygienische oder sexualmedizinische Gründe gehabt haben mag. Im Buch Genesis wird er als Bundeszeichen eingesetzt, das Abraham und seinen Nachkommen gilt: «Ich richte meinen Bund auf zwischen mir und dir und deinen Nachkommen, von Generation zu Generation, als einen ewigen Bund, dir und deinen Nachkomme Gott zu sein. Und ich gebe dir und deinen Nachkommen das Land, in dem du als Fremder weilst, das ganze Land Kanaan, zu ewigem Besitz, und ich will ihnen Gott sein.» (Gen 17, 7–8). Dieser Bund ist nicht wechselseitig, sondern asymmetrisch. Es handelt sich um eine bedingungslose Selbstverpflichtung Gottes, die Zusagen für die Zukunft einschließt. Diese kommen im Versprechen der Bundesformel prägnant zum Ausdruck, «dir [sc. Abraham] und deinen Nachkommen Gott zu sein» (Gen 17, 7). Damit verbunden ist zugleich die Zusage des Landes Kanaan als «ewiger Besitz». Zeichen dieses Bundes, der von Gott eingesetzt wird, ist die Beschneidung. «Es soll sich bei euch beschneiden lassen alles, was männlich ist. Am Fleisch eurer Vorhaut sollt ihr euch beschneiden lassen. Das soll das Zeichen sein des Bundes zwischen mir und euch» (Gen 17, 10f). Wer sich «am achten Tag» (V. 12) beschneiden lässt, wird in den Abrahamsbund aufgenommen und hat Teil an Gottes Zusagen. Durch die Vorverlegung der Zirkumzision ins Säuglingsalter unterscheidet sich Israel von den Völkern. Die Markierung am «Fleisch» macht deutlich, dass der ganze Mensch hineingenommen wird in den Gnadenbund Gottes, ohne dass er zuvor etwas geleistet haben müsste. Im Buch Deuteronomium ist dann von einer Beschneidung des Herzens die Rede, wenn es heißt: «Ihr sollt die Vorhaut eures Herzens beschneiden lassen und nicht länger halsstarrig sein.» (Dtn 10, 16) Das ist nicht als spiritualisierende Abkehr von einem leeren Ritualismus, sondern als komplementäre Vertiefung zur Zirkumzision am Fleisch zu verstehen. Das unbeschnittene Herz steht für mangelnde Hingabe, die Metapher der Halsstarrigkeit bringt mit Blick auf die Körpersprache die Unbeugsamkeit Israels gegen Gott zum Ausdruck. Das Gebot, die Herzensvorhaut zu beschneiden, ist ein Appell zur ungeteilten Hingabe an Gott und seine Tora, die die Sozialordnung Israels regelt. Es meint daher über den Einzelnen hinaus das ganze Gottesvolk: «Höre Israel …» (Dtn 6, 4f). Auch bei den Propheten, die zur Umkehr aufrufen, ist von einer Beschneidung der Lippen (Ex 12, 6,12.30), der Ohren (Jer 6, 10) und vor allem des Herzens die Rede (vgl. Jer 4, 4; 25, 9; Ez 44, 7.9).11 Dem Bundeszeichen am Körper soll die Haltung des Herzens entsprechen.

Diese innere Korrespondenz zwischen «Fleisch» und «Herz» ist von Seiten der christlichen Theologie als Spiritualisierung gedeutet und häufig im Sinne einer Überbietung gegen die Juden gewendet worden. Der Barnabasbrief geht von einer vollständigen Annullierung der alttestamentlichen Heilsordnung aus und lehrt, dass die Beschneidung zunichte gemacht worden sei.12 Justin der Märtyrer polemisiert in seinem Dialog mit dem Juden Tryphon gegen die «fleischliche Beschneidung» und nimmt dafür den «neuen Gesetzgeber» Jesus Christus in Anspruch, der das alte Gesetz vermeintlich abgeschafft habe.13 Auf dieser Linie spielt auch Tertullian in seiner Schrift Adversus Iudaeos die circumcisio carnalis, die dem «halsstarrigen Volk» der Juden als Zeichen gegeben wurde, gegen die circumcisio spiritualis aus, die dem «gehorsamen Volk» der Christen zum Heil gereiche.14 Eine klare Überbietung ist bei Johannes Chrysostomos zu finden, für den jener Christ der «wahre Jude» ist, der die äußere Beschneidung des Körpers durch die innere des Geistes ersetzt hat.15 Die Stimmen ließen sich fortsetzen.

Die «verschnittenen» Juden – polemische Stimmen gegen die Zirkumzision

Auch die paganen Feinde des Judentums haben die Praxis der Beschneidung immer wieder attackiert. Der Seleukidenherrscher Antiochus IV. Epiphanes, der im 2. Jahrhundert v. Chr. Maßnahmen einer Zwangshellenisierung durchführte16, um das traditionelle Judentum zu neutralisieren, hat nicht nur den Tempel in Jerusalem durch Errichtung einer Zeus-Statue entweiht, sondern auch das Ritual der Brit Mila unter Strafe gestellt (1 Makk 1, 48). Eltern, die ihre Söhne dennoch beschneiden ließen, wurden brutal hingerichtet.17 Diese judenfeindliche Politik führte zum Aufstand der Makkabäer. Umgekehrt gab es aber auch assimilierungswillige Juden, die einen Bund mit den gojim schließen wollten, um ihre Lebensbedingungen durch Anpassung an die hellenistische Mehrheitskultur zu verbessern. Sie errichteten in Jerusalem eine Sportschule mit Stadion, in dem sie bei athletischen Übungen nach Art der Griechen nackt trainierten, «und ließen bei sich die Beschneidung rückgängig machen», um einer sozialen Stigmatisierung zu entgehen (1 Makk 1, 13-15). Beim griechischen Historiker Strabo finden sich kurz vor der Zeitenwende ebenfalls abschätzige Aussagen über die Beschneidung. Er sieht darin ein «tyrannisches Instrument», die Juden zu kontrollieren, und verurteilt die «Verstümmelung des Körpers». Auch bei den Römern gibt es ablehnende und polemische Stimmen. Cicero und Tacitus kontrastieren den «Aberglauben» der Juden – superstitio – mit der römischen religio und kritisieren das verachtungswürdige jüdische Ritual der circumcisio scharf. Juvenal sieht in der Beschneidung einen Grund der Integrationsverweigerung, Horaz spottet über die «verschnittenen Juden», und Martial bringt die Zirkumzision mit ungehemmter Sexualität in Verbindung.18 Umstritten ist, ob das Kastrationsverbot Kaiser Hadrians, das eine Reduktion der Eunuchen zum Ziel hatte, auch ein Zirkumzisionsverbot einschloss. Erst sein Nachfolger, Kaiser Antoninus Pius, erlaubte den Juden ausdrücklich die Brit Mila und veränderte zu ihren Gunsten die Gesetzgebung im Imperium Romanum. Verachtung und Spott durch pagane Autoren führten zu apologetischen Reaktionen im jüdischen Schrifttum. Neben dem Hinweis bei Josephus Flavius, dass die Zirkumzision auch bei anderen Völkern wie den Ägyptern praktiziert werde, wird auf gesundheitliche Vorzüge der Beschneidung hingewiesen. Philo von Alexandrien berührt auch Fragen der Fortpflanzung und führt gegenläufig zur paganen Polemik den ethischen Gesichtspunkt der Zügelung einer allzu freizügigen Sexualität an, erinnert aber auch und vor allem an den Bund Gottes mit Abraham und seine mnemotechnische Einschreibung in den Körper.

Nach der Zerstörung des Zweiten Tempels durch die Römer im Jahre 70 n. Chr. galt die Beschneidung – neben der Einhaltung des Sabbats und der Speisevorschriften – als zentraler Ausdruck jüdischer Identität in der Diaspora. Ohne das treue Festhalten an diesen Identitätsmerkmalen hätte sich das unter die Völker zerstreute Judentum gewiss aufgelöst. Das Ritual der Brit Mila wird nach den halachischen Bestimmungen im Tanach im talmudischen Judentum weiter ausgestaltet und mit leichten Modifikationen bis in die Gegenwart beibehalten.19 Baruch Spinoza, der 1656 selbst aus der Synagoge von Amsterdam ausgestoßen wurde, weil sein Denken als heterodox galt, vermerkt in seinem Tractatus theologico-politicus: «Ich halte dieses Zeichen für so wichtig, dass es meiner festen Überzeugung nach an sich schon genügt, um die gesonderte Existenz der Nation für immer zu behaupten.»20 Und Jean-Marie Lustiger (1926–2007), der schon als Kind Ausgrenzungserfahrungen machen musste, bemerkt in seinem Buch Gotteswahl, dass er bereits sehr früh ein Bewusstsein von der Größe des jüdischen Erbes ausgebildet habe: «Erinnere dich daran, dass du Jude bist. Ich wusste, was das Zeichen der Beschneidung bedeutete: Du sollst nicht lügen, du sollst nicht falsch handeln, du sollst Gutes tun, sei nicht so wie die ‹Heiden›.»21 Auch Jacques Derrida (1930–2004), der in Algerien als jüdischer Schüler in den Zeiten des Vichy-Regimes der Schule verwiesen wurde, hat in seinem autobiographischen Text Cirumfessions – einem Titel, der circumcisio und confessio zu einem Kunstwort verschränkt – auf den «Einschnitt» hingewiesen, die sein Denken untergründig umkreist: «Beschneidung: über nichts anderes habe ich stets gesprochen, denken Sie an den Diskurs über die Grenze, die Ränder und die Freiräume, die Marken und Markierungen, die Mark oder das Grenzland etc., über die Geschlossenheit (clôture), den Ring (Bündnis und Gabe), das Opfer, die Schrift des Körpers.»22

Wie in der französischen Aufklärung bereits bei Voltaire und Diderot die Erwählung Israels im Namen der universalen Vernunft bestritten und die Beschneidung als «unnatürlicher Eingriff» diffamiert wurde, so gab es auch in der deutschen Philosophie des 18. und 19. Jahrhunderts deutliche Reserven. Kant äußerte, solange die Juden Juden bleiben und sich beschneiden lassen, werde es mit der Gleichberechtigung nichts. «Fichte drückte sich nur gröber aus, er verlangte die Beschneidung als Voraussetzung der Gleichberechtigung, nämlich die Beschneidung der ‹jüdischen› Köpfe mit ihren eingefleischten jüdischen Ideen.»23 Die Stimmen, die das Ritual der Beschneidung als Relikt einer voraufgeklärten Religionskultur verächtlich machten, ließen sich leicht vermehren. Diese Tendenzen reichen bis in die Gegenwart hinein – so, wenn die Zirkumzision von Jungen am achten Tag mit weiblicher Genitalverstümmelung polemisch vermengt wird. Selbstverständlich ist die Einhaltung medizinischer Standards unerlässlich, worauf in der jüdischen Tradition immer höchster Wert gelegt worden ist, die mit dem Mohel ein eigenes Amt mit entsprechender Ausbildung und Zertifizierung kennt.24 Zuletzt hat das Beschneidungsurteil des Kölner Landgerichts aus dem Jahr 2012 die Zirkumzision ohne medizinische Indikation aus rein religiösen Gründen als Körperverletzung eingestuft und entsprechend für strafbar erklärt. Die Richter machten das Recht auf körperliche Unversehrtheit und das Recht auf Selbstbestimmung geltend, um der Beschneidung minderjähriger Knaben – einer «irreparablen» Veränderung des Körpers – eine juristische Grenze zu ziehen. Das Erziehungsrecht der Eltern sei nicht beeinträchtigt, wenn ihnen abverlangt werde zu warten, ob sich der Knabe später, wenn er mündig ist, selbst für die Beschneidung als sichtbares Zeichen religiöser Zugehörigkeit entscheidet. Der Fall, der sich an einem vierjährigen muslimischen Knaben entzündete, der wegen Komplikationen in die Kindernotaufnahme der Universitätsklinik Köln eingewiesen worden war, führte zu öffentlichen Auseinandersetzungen darüber, wie die Prinzipien der säkularen Rechtskultur mit der überlieferten Ritualpraxis in Judentum und Islam zusammenzubringen seien. Religionssensible Stimmen zeigten sich alarmiert, dass ausgerechnet das Land, das unter Hitler die Vernichtung der Juden betrieben hatte, nun die Beschneidung, das uralte Zeichen jüdischer Identität, unter Strafe stellen wolle. Der Chor abschätziger, ja gehässiger Kommentare, der sich nach dem Urteil in den sozialen Netzwerken breitmachte, hat den Basler Religionshistoriker Alfred Bodenheimer veranlasst, einen Essay mit dem aufrüttelnd doppelsinnigen Titel «Haut ab!»25 zu veröffentlichen. Die Diskussion führte zu der Entscheidung des Deutschen Bundestags, die Beschneidung Minderjähriger ohne medizinische Indikation zu gestatten, aber zu verlangen, dass sie «nach den Regeln der ärztlichen Kunst» durchgeführt wird (vgl. BGB § 1631 d).

Ecclesia ex circumcisione und ecclesia ex gentibus

Die theologische Akzentuierung der Beschneidung Christi steht gegen Tendenzen, die das Christentum vom Judentum abrücken wollen. Ganz selbstverständlich erzählt das Lukas-Evangelium, dass Johannes der Täufer und Jesus beschnitten wurden (Lk 1, 59; 2, 21). Die Beschneidungspraxis wird erst zum Konfliktthema bei der Frage, wie mit Nichtjuden umzugehen ist, die zum Glauben an Christus kommen. In Antiochien gab es eine Partei von Judenchristen, welche die Beschneidung nach dem Brauch des Mose für heilsnotwenig hielt: sine circumcisione nulla salus (vgl. Apg 15, 1). Paulus und Barnabas widersprachen, es kam zum heftigen Streit. Um diesen innerchristlichen Disput zu lösen, wurden Paulus und Barnabas von der Gemeinde in Antiochien «zu den Aposteln und Ältesten nach Jerusalem» gesandt. Auch dort gab es gläubig gewordene Pharisäer, die den Heidenchristen Beschneidung und Toraobservanz abverlangen wollten (Apg 15, 5). Der Disput eskalierte. Nach Reden des Petrus und des Jakobus wurde auf dem Apostelkonzil beschlossen, den Heiden keine weiteren Lasten aufzuerlegen als «Götzenopferfleisch, Blut, Ersticktes und Unzucht zu meiden» (Apg 15, 28f). Über diese Jakobsklauseln hinaus gab es keine weiteren Bedingungen. Damit war das Tor zur gesetzesfreien Heidenmission geöffnet. «Zur ecclesia ex circumcisione tritt nun die ecclesia ex gentibus hinzu.»26 Das Sakrament der Taufe im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes trat in der Kirche an die Stelle der Beschneidung und wurde zum neuen Zeichen der Initiation in den Glauben. Das unauslöschliche Siegel, im Judentum physische Gravur, wurde im Christentum ins Geistige transponiert.

Der Brief an die Kolosser bringt diese Transposition sehr deutlich zum Ausdruck: In Christus «habt ihr eine Beschneidung empfangen, die man nicht mit Händen vornimmt, nämlich die Beschneidung, die Christus gegeben hat» (Kol 2, 11). Paulus aber sieht das Evangelium verdunkelt, wenn seine Annahme an Gesetzesauflagen gebunden wird. Seine Programmformel, dass niemand durch Werke des Gesetzes gerecht wird, sondern durch den Glauben an Jesus Christus, richtet sich, was den «Sitz im Leben» anlangt, keineswegs pauschal gegen die Juden, sondern wendet sich speziell gegen strenge Judenchristen, die auch für Heidenchristen die Beschneidung sowie die Beachtung der Reinheitstora und des jüdischen Festkalenders fordern. Im Römerbrief hat Paulus zugleich darauf abgehoben, dass Abraham der Vater aller Glaubenden sei, sowohl der Juden als auch der Heiden. Dem Stammvater wurde der Glaube als Gerechtigkeit angerechnet (vgl. Gen 15,6), als er noch unbeschnitten war, das Zeichen der Beschneidung aber empfing er «zur Besiegelung seiner Glaubensgerechtigkeit» (Röm 4, 11). Diese paulinische Sicht der Beschneidung bekundet «zwar Achtung vor denen, die sie praktizieren, relativiert sie aber gleichzeitig als nicht-heilsnotwendigen Brauch, der für niemanden verpflichtend gemacht werden kann. Damit fällt die Schranke zwischen Heiden und Juden, die nun beide, sofern sie nur aus dem Glauben Abrahams leben, in ihm auch ihren gemeinsamen Vater erblicken dürfen.»27

Beschneidung – ein «Sakrament» des Alten Bundes

In den Debatten um die Deutung der Inkarnation betonen Theologen die Beschneidung, um die unverkürzte Menschheit Jesu auszusagen und doketische Tendenzen abzuwehren. In seinen Sermones de circumcisione predigt Bernhard von Clairvaux, die Beschneidung erweise die Wahrheit der vollen Menschheit. Beschnitten werde der Erlöser als «Sohn Abrahams», Jesus genannt werde er als «Sohn Gottes». Bernhard gibt eine soteriologische Deutung der Beschneidung, wenn er daran erinnert, dass hier bereits «unschuldiges Blut für uns» vergossen werde – ein Geschehen, das auf die Passion des Erlösers vorausverweist. Ambivalent fällt die Sicht bei Petrus Abaelard aus. Er lässt in seinem Gespräch eines Philosophen, eines Juden und eines Christen den Iudaeus ausführlich zu Wort kommen. Dieser betont, dass das Gesetz eine Gabe Gottes sei, und stellt heraus, dass der Ritus der Beschneidung und die Speisevorschriften eine «Mauer» zwischen Juden und Nichtjuden ziehen. Einer theologischen Aushöhlung oder Bedeutungsentleerung hält er entgegen, dass die Zirkumzision ein unverbrüchliches Bundeszeichen sei – eine Markierung „im Fleisch“, die beständig zur Herzensbeschneidung Anlass gebe.28 Gleichzeitig lässt Abaelard den Iudaeus dann aber auch sagen, die Beschneidung sei eine Strafe Gottes für die Übertretung Adams. Wie die Frau nach der Vertreibung aus dem Paradies in Schmerzen Kinder gebäre, so werde «auch der Mann als Teilhaber der Sünde besonders an seinem Zeugungsglied zum Leidensgenossen»29.

Gegenläufig zu dieser eigenwilligen Umcodierung der Zirkumzision vom Bundeszeichen zur Strafmaßnahme fällt Hugo von St. Viktors Sicht in seinem Werk De sacramentis Christianae Fidei aus. Im Hintergrund steht eine heilspädagogische Theologie, die die Geschichte der Menschheit in drei Epochen untergliedert. Die Zeit ante legem von Adam bis Mose, in der es Sakramente des Naturgesetzes gegeben habe, sei durch die Zeit sub lege von Mose bis Christus abgelöst worden, in der Gott seinem Volk die Sakramente des geschriebenen Gesetzes als Heilmittel gegeben habe. Unter diesen ragt nach Hugo die Beschneidung als Bundeszeichen hervor – ein Sakrament, welches die Gnade nicht nur bezeichne, sondern auch bewirke. Erst in der Zeit nach Christi Geburt, in der Epoche sub gratia, sei das Zeichen der Beschneidung auf die Taufe übergegangen. Bemerkenswert ist nun, dass Hugo trotz seiner christozentrischen Deutung der Heilsgeschichte von einer Gleichzeitigkeit der Gnadenordnungen ausgeht und den Sakramenten des Alten Bundes bleibenden Heilswert zuspricht.30 Auch Thomas von Aquin, der von der Beschneidung als einem sacramentum legis mosaicae sprechen konnte31, führt in seiner theologischen Summe eine ganze Serie von Argumenten an, um die Konvenienz der Beschneidung zu erweisen. Das erste macht gegenüber gnostischen Strömungen geltend, dass der Erlöser keinen Scheinleib – kein corpus phantasticum – gehabt habe; ein weiteres weist darauf hin, dass Christus durch die Beschneidung Gottes Satzungen bestätigt habe; ein drittes ruft die Abstammung aus dem Geschlecht Abrahams in Erinnerung, dem das Gebot der Beschneidung als Bundeszeichen gegeben wurde; das vierte ergänzt, dass die Juden einen Unbeschnittenen nicht akzeptiert hätten – und das letzte betont, dass Christus das Joch des Gesetzes auf sich genommen habe, um uns davon zu befreien (vgl. Gal 4, 5).32 In der christlichen Bildkunst ist die Szene der Beschneidung immer wieder auf mittelalterlichen Flügelaltären dargestellt worden, Künstler wie Dürer, Rembrandt und Rubens, Mategna und Strozzi haben dem Sujet bedeutende Werke gewidmet. Allerdings ist hier eine ambivalente Tendenz zu beobachten. «Die Beschneidung wird zunehmend brutalisiert und im selben Zuge judenfeindlich zugespitzt. Das Messer gerät größer und größer, das Gesicht des Mohel zunehmend grimmiger und das Kind immer ängstlicher, wenn nicht gequälter.»33

Der Name Jesu

In der kirchlichen Liturgie hat neben dem Gedenken der circumcisio Domini auch das Fest der Namensgebung Jesu lange einen festen Ort in der Memorialkultur gehabt.34 Seine Ursprünge reichen ins 15. Jahrhundert zurück, universalkirchlich eingeführt wurde das Festum sanctissimi nominis Iesu allerdings erst unter Papst Innozenz XIII. (1721–1724). Nicht christologische Hoheitstitel wie «Sohn Gottes», «Messias» oder «Herr» wurden hier memoriert, sondern der einfache Name «Jesus», der dem Kind auf Geheiß des Engels gegeben wurde (Lk 2, 21). Diesem Namen ist die Semantik der Rettung und Erlösung eingeschrieben (vgl. Mt 1, 21). Die theologisch durchaus geläufige Rede von Jesus als dem «absoluten Heilbringer» (Karl Rahner) oder «kerygmatischen Christus» (Rudolf Bultmann) erhält durch das Gedenken der Beschneidung und des Namens Jesu ein Korrektiv, das an die jüdische Wurzel der Christologie rückerinnert. Gegenüber allzu spekulativen Christologien, die diese Rückbindung marginalisieren oder im Rahmen einer reflexiven Theologie vergessen lassen, wird an die historische Herkunft des galiläischen Juden Jesus von Nazareth erinnert, der ein Sohn des erwählten Volkes Israels ist.35

Stattdessen ist 1969 das altrömische Fest der Gottesmutter Maria wieder eingeführt worden. Nun ist die katholische Kirche für ihre liebevolle Marienverehrung bekannt. Dieser reicht bis in die Antike zurück, auf dem Konzil von Ephesus 431 ist der Titel «Gottesgebärerin» – theotokos – lehramtlich festgeschrieben worden (DH 251), das zweite Konzil von Konstantinopel 551 führt den Topos von «der heiligen, glorreichen, allzeit jungfräulichen Maria» ein (DH 427). Die Verehrung der Gottesmutter nimmt schon früh Züge einer sakralen Überhöhung an, welche die Geschöpflichkeit Mariens in den Hintergrund treten lassen. Ein Indiz dafür dürfte der Koran sein. Bekanntlich lässt er Jesus die Behauptung zurückweisen, er selbst habe dazu aufgefordert, Maria und ihn als Götter neben Gott zu stellen (Q 5, 116). Der Koran kritisiert hier eine «marianitisch-tritheistische Überformung des christlichen Glaubens auf der arabischen Halbinsel», die nie Mehrheitsmeinung im Christentum gewesen ist.36 Im Mittelalter werden dann Traktate über die theologischen Privilegien Mariens verfasst, sie wird als «neue Eva», Mittlerin aller Gnaden, ja als Miterlöserin angerufen. Die Marienverehrung hat in Zeiten der Gegenreformation, vor allem im marianischen Jahrhundert (1850–1950) starke Blüten hervorgetrieben. Die Dogmen von 1854 und 1950 sind auch vor diesem Hintergrund zu verstehen. Die wichtige Differenz zwischen Anbetung, die allein Gott zukommt, und Verehrung, die Maria und den Heiligen gebührt, wurde in der katholischen Volksfrömmigkeit häufig verwischt. Aus Mirjam, der Mutter Jesu, wurde durch Alteritätsinsignien in der bildenden Kunst, aber auch durch Hoheitsprädikate in Hymnen und Gebeten eine beinahe gottgleiche Gestalt.37 Der liturgische Kalender der katholischen Kirche aber kennt bis heute eine Vielzahl von Festen, welche die Bedeutung Mariens im kollektiven Gedächtnis der Gläubigen präsent halten: die Hochfeste der Gottesmutter (1. Januar), der Aufnahme Mariens in den Himmel (15. August) und der ohne Erbsünde empfangenen Gottesmutter Maria (8. Dezember) sind nur die bekanntesten. Noch im vergangenen Jahr hat Papst Franziskus das Fest Maria, mater ecclesiae für den Montag nach Pfingsten eingeführt und so das marianische Symbolkapital im liturgischen Kalender noch weiter aufgestockt. Bei dieser hohen Zahl an Marienfesten würde die katholische Kirche m.E. nichts verlieren, aber einiges gewinnen, wenn sie das Hochfest der Gottesmutter Maria am Oktavtag von Weihnachten verlegen38 und den Gedenktag der Beschneidung und Namensgebung des Herrn wiedereinführen würde. Natürlich wäre auch die Option denkbar, die Feste miteinander zu verbinden. Denn Maria lebt und glaubt im «semantischen Universum ihres Volkes Israel»39; als Mutter Jesu ist sie zugleich Garantin seines Judeseins. Sie steht für Israel, das den Erlöser hervorbringt, das alle seine Worte im Herzen bewahrt (vgl. Lk 2, 19) und treu zu ihm steht bis ans Ende (vgl. Joh 19, 25–27).

Plädoyer für die Wiedereinführung des Festes Beschneidung des Herrn

Die Wiedereinführung des Festes Beschneidung des Herrn, dessen liturgische Partitur von antijudaistischen Überbietungsspuren gereinigt werden müsste, wäre zunächst (1) ein Zeichen der Erinnerung an die jüdische Identität Jesu, die nicht geschichtsvergessen oder gar neo-markionitisch überspielt werden darf. Was heißt es, dass weithin unbeschnittene Christen mit Jesus von Nazareth einen beschnittenen Juden als ihren Herrn und Erlöser bekennen? Die patristische Theologie und altkirchliche Konzilienchristologie haben das Mysterium der Inkarnation mit griechischen Denkmitteln zu klären versucht und dabei den jüdischen Hintergrund Jesu weithin abgeblendet – mit Folgen bis in die Gegenwart. Das neu erwachte Interesse an Jesus in der jüdischen Forschung40 aber könnte der Kirche heute die Augen öffnen für die bleibende Verbundenheit Jesu mit der Kultur und dem Glauben Israels. Der Gott Israels ist der Gott Jesu. Die Erinnerung an die Zirkumzision Christi als «Schnittstelle» zwischen Kirche und Israel ist zugleich ein Anstoß für eine kritische Selbstbesinnung. Gerade die Christologie ist oft als Speerspitze des Antijudaismus missbraucht und gegen die Juden als «Mörder Christi» gewendet worden – eine Hypothek, die Christoph Dohmen zu der Frage veranlasst hat: «Wäre die Schoa möglich gewesen, wenn wir Christen an jedem Weihnachtsfest uns daran erinnert hätten, dass Gott nicht nur Mensch geworden ist, sondern als Jude Mensch wurde?»41

Die Wiedereinführung des Festes Beschneidung des Herrn wäre darüber hinaus (2) ein antignostisches Zeichen, das an die körperliche Dimension der Inkarnation erinnert. Geist und Körper sind nicht gegeneinander auszuspielen, als habe das Christentum mit der Taufe das «fleischliche» Ritual der Beschneidung der Juden ein für alle Mal geistlich überboten. Eine reine Spiritualisierung des Gottesglaubens widerspricht der conditio humana, die immer auch körperliche Ausdrucksformen braucht. Für Juden aber vollzieht sich mit der Brit Mila, dem Einschnitt in die Physis des Körpers, bis heute der Eintritt in den ewigen Gottes-Bund; Christen hingegen werden durch das Sakrament der Taufe in das Paschamysterium Jesu Christi hineingenommen und in die kirchliche Gemeinschaft eingegliedert. Wer auf der Linie des II. Vatikanischen Konzils die bleibende theologische Würde des Judentums stark machen will, wird das Ritual der Beschneidung daher nicht weiter abwerten und als obsoletes Relikt einer vergangenen Heilsordnung abqualifizieren dürfen.42 Die Anerkennung der Brit Mila als «Sakrament» Israels schließt mithin keineswegs ein, die These von zwei parallelen Heilswegen zu vertreten. Christliche Hoffnung kann vielmehr so ausbuchstabiert werden, dass die unterschiedlichen und eigenständigen Wege von Synagoge und Kirche im Zusammenhang der Parusie Christi eschatologisch durch Gott selbst zusammengeführt werden.43

Weiter wäre die Wiedereinführung des Festes der Beschneidung Christi (3) ein ökumenisches Signal. Die katholische Kirche, die das Fest im ambrosianischen Ritus bis heute feiert, würde durch eine allgemeine Wiedereinführung ins Missale Romanum anschließen an die liturgische Praxis des Ostens und der Reformationskirchen, die das Fest der Beschneidung immer beibehalten haben.

Schließlich wäre die Wiedereinführung (4) ein demonstrativer Akt der Solidarität mit den Juden heute, die gerade wegen der Brit Mila in Geschichte und Gegenwart immer wieder sozialen Stigmatisierungen ausgesetzt waren und denen in Zeiten eines wieder erstarkenden Antisemitismus auch und gerade durch die Töchter und Söhne der Kirche der Rücken zu stärken ist. Die anamnetische Kultur der Kirche würde mit der jüdischen Identität Jesu auch die Situation seiner heutigen Brüder und Schwestern in den Blick rücken und damit gegen kulturelle Amnesie und wachsende Gleichgültigkeit ein Zeichen setzen.

Bei seinem Besuch der Großen Synagoge von Rom im Jahr 2016 wurde Papst Franziskus von einem älteren Rabbiner gefragt, ob er das Fest der Beschneidung des Herrn nicht wiedereinführen wolle. «In der Tat, eine gute Idee», erwiderte der römische Pontifex spontan. Ob er diesem Wort Taten folgen lässt? Das Jahr 2019 – 50 Jahre nach der Liturgiereform des Konzils – wäre ein günstiges Datum, die Lücke in der kirchlichen Gedenkkultur wieder zu schließen und den Zusammenhang zwischen Geburt, Beschneidung und Namensgebung Jesu neu aufleuchten zu lassen.44

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