Stimme, die Stein zerbricht

Stimme, die Stein zerbricht,
kommt mir im Finstern nah,
jemand, der leise spricht:
Hab keine Angst, ich bin da.

Sprach schon vor Nacht und Tag,
>vor meinem Nein und Ja.
Stimme, die alles trägt:
Hab keine Angst, ich bin da.

Bringt mir, wo ich auch sei,
Botschaft des Neubeginns,
nimmt mir die Furcht, macht frei,
Stimme, die dein ist: Ich bin’s!

Wird es dann wieder leer,
teilen die Leere wir.
Seh dich nicht, hör nichts mehr –
und bin nicht bang: Du bist hier.

* * *

«Der Glaube kommt vom Hören», schreibt der Apostel Paulus (Röm 10, 17). Er meint das Hören auf die Botschaft dessen, der Jesus Christus verkündet. Diese Botschaft des Glaubens, die man sich sagen lassen muss, gründet letztlich im Wort Christi selbst, so fährt Paulus fort. An entscheidenden Stellen thematisiert die Bibel diesen Gedanken: Autorität gebietend und Vertrauen erweckend ist das Wort, ist die Stimme Gottes. Paradigmatisch zeichnet sich das bereits in der Schöpfung ab (Gen 1). Gott sprach: Es werde, und es ward. Die Logos-Christologie des Johannesprologs sieht dieses Leben spendende Schöpfungswort Gottes in Jesus von Nazareth Fleisch werden. Offenbarung stellt die Schrift weithin als auditiven Vorgang dar. Auf dem Sinai hört Mose die Weisung des Herrn und erhält den Auftrag, sie dem Volk zu sagen. Dass Autorität und Vertrauen wesentlich über die Stimme vermittelt werden, entspricht unserer alltäglichen Erfahrung. Es ist nicht nur, aber doch entscheidend die Stimme der Eltern, die das weinende Kind beruhigt; die Rede, mit der die Politikerin überzeugen muss; das Gespräch, das einen Konflikt löst. So sehr es auch auf den Inhalt des Gesagten ankommen mag, das gesprochene Wort ließe sich in keinem der genannten Beispiele durch ein anderes Medium ersetzen.

Ganz auf eine Stimme konzentriert sich auch das Lied «Stimme, die Stein zerbricht» (GL 417), ein Neuzugang im Gotteslob 2013. Dass es um die Stimme Gottes geht, wird auf der Oberfläche des Textes nicht gesagt, erschließt sich aber aus den biblischen Resonanzräumen, die das Lied zum Schwingen bringt. In der Schlusszeile der ersten drei Strophen hören wir, was die Stimme spricht: «Hab keine Angst, ich bin da» und «Ich bin’s!». Damit werden zwei Erzählungen der Bibel aufgerufen, je eine aus dem Alten und aus dem Neuen Testament. «Ich bin da» spielt auf den Gottesnamen an, der Mose aus dem brennenden Dornbusch offenbart wird (Ex 3, 14), als er den Auftrag erhält, das Volk aus der Knechtschaft des Pharao herauszuführen. «Ich bin der ‹Ich-bin-da›»: Das Sein Gottes ist ein «Sein für» in der Zuwendung zu seinem bedrängten Volk. Dessen Not nimmt Gott wahr (Ex 3, 7), und sie veranlasst ihn zum Handeln (Ex 3, 8). Dies ist die Grunderfahrung des biblischen Gottesbildes, von der auch die Auferstehungsbotschaft des Neuen Testaments spricht: Gott rettet und befreit aus der Sklaverei der lebensfeindlichen Mächte. Interessant ist an der Erzählung nicht zuletzt, dass sie mit der außergewöhnlichen visuellen Erscheinung des brennenden Dornbuschs beginnt, der sich gleichwohl nicht verzehrt und damit die Aufmerksamkeit des Mose auf sich zieht (Ex 3, 2f). Eindeutig wird die Erscheinung als Offenbarung jedoch erst durch Gottes Sprechen.

Etwas Ähnliches gilt für die zweite Geschichte, auf die sich das Lied bezieht. Es handelt sich um die Wundererzählung vom Gang Jesu auf dem Wasser. Auch hier gibt es für die abends auf den See vorausgefahrenen Jünger zunächst etwas Außergewöhnliches zu sehen: Die Gestalt, die ihnen über das Wasser entgegenkommt, halten sie spontan für ein Gespenst (Mk 6, 49; Mt 14, 26). Nicht Faszination wie bei Mose, sondern Schrecken ist die Folge. Aber auch hier klärt das Wort, klärt die Stimme Jesu die Situation: «Habt Vertrauen, ich bin es; fürchtet euch nicht!» (Mk 6, 50; Mt 14, 28; vgl. Joh 6, 20). Die Reaktion der Jünger schildern die Evangelisten unterschiedlich. Bei Markus bleiben sie «bestürzt und fassungslos» (Mk 6, 51), während Matthäus der Perikope durch den scheiternden Versuch des Petrus, Jesus auf dem Wasser entgegen zu gehen, eine neue Pointe verleiht: Zu ihrem inneren Zielpunkt modelliert er Jesu Frage «Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?» (Mt 14, 31). Den Leserinnen und Lesern wird damit ein Identifikationsangebot unterbreitet: Wie sehr trägt der Glaube an Jesus Christus ihr eigenes Leben und lässt sie über das Bedrohliche hinwegschreiten? Bei Matthäus jedenfalls endet die Geschichte mit dem Bekenntnis der Jünger: «Wahrhaftig, Gottes Sohn bist du» (Mt 14, 33).

Die göttliche Stimme hört auch der Sprecher des Liedes. «Hab keine Angst» (1, 4; 2, 4) und «Ich bin’s!» (3, 4) greifen Mk 6, 50 (Mt 14, 28) auf, «Ich bin da» den Gottesnamen aus Ex 3, 14. Wie die Israeliten in Ägypten und die Jünger im nächtlichen Sturm auf dem See kennt auch das Ich des Liedes Situationen der Not und Bedrängnis, der Versteinerung (1,1), der Finsternis (1,2) und der Furcht (3,3). Doch es lässt sich auf die Stimme, anders als Petrus in Mt 14, vertrauensvoll ein. Es ist von der Erfahrung getragen, dass diese Stimme den lastenden Stein zerbricht (1,1) – «Ist nicht mein Wort […] wie ein Hammer, der Felsen zerschmettert?» (Jer 23, 29) – und bergende Nähe schenkt (1,2). Wie Elija am Horeb erkennt es gerade im ‹leisen Säuseln› (1 Kön 19, 12; vgl. 1,3) die Stimme des Schöpfers (2,1.3). Sie kommt in ihrer Zuwendung jeder menschlichen Entscheidung zuvor (2,2) und trifft in jeder Lebenssituation (3,1). Sie ist die Stimme des Gottes des Exodus (3,3: «macht frei») und der Auferstehung (3,2: «Botschaft des Neubeginns»), sie verheißt den Aufbruch aus jeder Knechtschaft des Lebensfeindlichen in die «Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes» (Röm 8, 21).

Es zählt zu den Stärken des Liedes, dass es auch die Erfahrung des Verstummens der göttlichen Stimme nicht verschweigt. Die letzte Strophe handelt von der «Leere», die entsteht, wenn die Stimme Gottes verklingt. Der Kontrast von Klang und Stille gehört zum Wesen jeden Sprechens. Diese Spannung von Nähe und Entzogenheit spiegeln auch die Ostererzählungen des Neuen Testaments, besonders deutlich die Begegnungen des Auferstandenen mit Maria Magdalena (Joh 20, 17: «Halte mich nicht fest») und den Emmausjüngern, die Jesus im Moment des Brotbrechens erkennen, ihn gleich darauf aber nicht mehr sehen (Lk 24, 31). Doch die Intimität der Stimme hat eine Gewissheit erzeugt, die auch durch die Erfahrung (scheinbarer) Absenz (4,3: «Seh dich nicht, hör nichts mehr») nicht mehr verunsichert wird und die empfundene Leere vermeintlicher Gottverlassenheit als geteilte Leere interpretieren lässt (4,1f). Daher konnte das Lied schon am Ende der dritten Strophe unter der Hand in die Anredeform, in den Modus der Antwort auf die göttliche Anrede übergehen (3,4). Im Vertrauen auf die Zusage der bleibenden Nähe (vgl. Mt 28, 20) ist die Furcht dauerhaft überwunden: «und bin nicht bang: Du bist hier» (4,4).

Im Original stammt das Lied aus Schweden. Den Text dichtete 1971 Anders Frostenson (1906–2006), dessen Einfluss auf die schwedische Gesangbuchgeschichte des 20. Jahrhunderts quantitativ noch jenen Maria Luise Thurmairs (1912–2005) auf die deutschsprachige übersteigt. Die deutsche Fassung, erstpubliziert 1990 in der Sammlung «Frühlicht erzählt von dir», ist ein Werk des evangelischen Theologen Jürgen Henkys (1929–2015), der sich über Jahrzehnte hinweg um die Erschließung neueren Liedguts aus Skandinavien und den Niederlanden für den deutschen Sprachraum verdient gemacht hat, welches sich poetisch wie theologisch wohltuend vom Mainstream des deutschsprachigen NGL abhebt. Der Stammteil des neuen Gotteslob hat diesbezüglich einen behutsamen Schritt der Internationalisierung gewagt und vier Texte von Jürgen Henkys aufgenommen (GL 100; 291; 417; 419). Einen besonderen Akzent darüber hinaus setzt der Eigenteil des Bistums Mainz, der nicht weniger als 14 weitere Übertragungen von Henkys enthält.

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