Franz KafkaVerdrängte Hoffnung

Der Schrifsteller Franz Kafka empfand das Leben als Gefängnis, der Soziologe Max Weber schrieb, wir lebten "im stählernen Gehäuse der Immanenz" und die Kirche schuf das Fest Christkönig.

„Ein erstes Zeichen beginnender Erkenntnis ist der Wunsch zu sterben. Dieses Leben scheint unerträglich, ein anderes unerreichbar. Man schämt sich nicht mehr, sterben zu wollen; man bittet, aus der alten Zelle, die man hasst, in eine neue gebracht zu werden, die man erst hassen lernen wird. Ein Rest von Glauben wirkt dabei mit, während des Transportes werde zufällig der Herr durch den Gang kommen, den Gefangenen ansehen und sagen: ‚Diesen sollt ihr nicht wieder einsperren. Er kommt zu mir.‘“ So lautet eines jener unerbittlichen Blitzlichter, die typisch sind für Franz Kafka (1883-1924). Manch einer wird spontan widersprechen wollen. Wieso soll das Leben ein Gefängnis sein? Wieso beginnt Erkenntnis angesichts des Todes und nicht zum Beispiel in Würdigung der Geburt? Diese abgründige Notiz hat auch einen biografischen Kontext: Kafkas tödliche Krankheit ist ausgebrochen. Noch knappe sieben Jahre wird er zu leben haben. Jetzt, bei der geliebten Schwester in dem böhmischen Bauerndorf Zürau, kann er zur Ruhe kommen und sich Gedanken machen - er, der einmal notierte: „Alles gibt mir immer gleich zu denken.“

Aber machen wir Kafkas Diagnose nicht zu seinem Privatproblem. Zur selben Zeit schrieb der Soziologe Max Weber (1864-1920), wir lebten „im stählernen Gehäuse der Immanenz“. Alles sei transzendenzlos verschlossen. Wir existierten ameisenhaft in einer Art Käfig - wuselig zwischen Wissen und Verwerten, zwischen Produzieren und Konsumieren, aber letztlich doch aussichtslos… In Kafkas Notiz ist von einem „Rest von Glauben“ die Rede. Es fällt sogar das superreligiöse Kennwort „der Herr“. Die biblische Tradition ist höchst lebendig bei diesem nach-chassidischen Meister, aber wie gebrochen schon und im Modus des Abschieds: „Ich bin nicht von der allerdings schon schwer sinkenden Hand des Christentums ins Leben geführt worden wie Kierkegaard und habe nicht den letzten Zipfel des davonfliegenden jüdischen Gebetsmantels noch gefangen wie die Zionisten. Ich bin Ende oder Anfang.“

Gerade deshalb ist Kafka so aktuell, ist seine scheue Hoffnung auf den erlösenden „Herrn“ so erstaunlich. Schonungslos schaut der Schriftsteller auf das Verfallsdatum alles Irdischen, auf die schier absurde Aussichtslosigkeit der Geschichte(n), auch der eigenen. Und doch ist da dieser verrückte Verheißungsvermerk, ein Rest von Glauben: Rettung ist möglich, Abschaffung schließlich aller Gefängnisse und Gefangenschaften.

Fast zeitgleich zu Kafkas Diagnosen wurde katholischerseits das Fest „Christkönig“ geschaffen, als Abwehrmaßnahme gegen alles Säkulare und Aussichtslose. In Christus ist „alles erneuert“ und „aus der Gefangenschaft befreit“ zum wahren Leben - auf Hoffnung hin und überall doch schon im Gange. Doch hatte dieses österliche Bekenntnis allzu oft einen triumphalistischen Klang - als wäre die kar­freitagliche Not vergessen. Ein merkwürdiger „König“ ist das, der als Verlierer am Kreuz endet und so dann doch göttliche Voll-Endung findet - und schenkt. Auf dieser Spur ist zu einem Jubelchristentum kein Anlass, aber auch nicht zu fast suizidaler Weltbeurteilung. Ganz biblisch notierte Kafka: „Es ist sehr gut denkbar, dass die Herrlichkeit des Lebens um jeden und in ihrer ganzen Fülle bereit liegt, aber verhängt, in der Tiefe, unsichtbar, sehr weit. Aber sie liegt dort, nicht feindselig, nicht widerwillig, nicht taub. Ruft man sie mit dem richtigen Wort, beim richtigen Namen, dann kommt sie. Das ist das Wesen der Zauberei, die nicht schafft, sondern ruft.“ Es ist das Wesen christköniglicher Hoffnung.

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