TourismusPilger oder Tourist

Religion und Tourismus profitieren voneinander. Massen von Kirchen­besuchern stehen zwar noch lange nicht für ein neues Verlangen nach Religion und Spiritualität, aber durchaus für ein Interesse am Ungewohnten und Andersartigen.

Familie Müller fliegt in den Urlaub. Auf die Woche über Ostern in Rom haben sie sich schon lange gefreut. Der Vatikan interessiert sie sehr, die Geschichte und Geschichten rund um den Papst finden sie spannend. In der Kirche ihrer Heimat waren sie dagegen schon lange nicht mehr. In Rom aber, da ist ein Besuch nicht nur im Petersdom, sondern auch in St. Paul vor den Mauern fest eingeplant. Diese kolossalen Kirchengebäude hätten eine unglaubliche Anziehungskraft, die sie unbedingt einmal kennenlernen wollen, sagen sie. Und ein Angelusgebet mit dem Papst wollten sie schon immer einmal erleben - als Tourist oder als Pilger? In die Westminster Abbey in London kommt nur, wer bezahlt. Früher wurde nur für die königliche Kapelle Eintritt verlangt. Als die Zahl der Besucher der Krönungskirche 1995 auf zweieinhalb Millionen jährlich stieg, wurde jedoch generell Eintritt erhoben. Auch für Beter gibt es seither - außer zu Gottesdienstzeiten - keinen kostenlosen Zugang mehr. Gehört die Kathedrale noch zu den religiösen Stätten, oder ist sie lediglich eine touristische Sehenswürdigkeit?

Es gibt zahlreiche Berührungspunkte zwischen Religion und Tourismus. Dabei geht es nicht nur um offiziell religiös motivierte Reisen, wie sie etwa von „Biblische Reisen" oder dem Bayerischen Pilgerbüro angeboten werden, sondern auch um die kleine Kapelle im Freizeitpark speziell für „Traumhochzeiten", um den Kurseelsorger einer Wellness-Oase, der die Seele zu entspannen verspricht, oder um historische Persönlichkeiten wie den Reformator Martin Luther, der aus Sicht des zuständigen Wirtschaftsministeriums „eine der tragenden Markensäulen für den Tourismus in Sachsen-Anhalt" ist. Tourismus und Religion gehen seit Jahren eine immer tiefere Verbindung ein. Gerade erst wurde der Kölner Dom von einem Wirtschaftsclub für Tourismus in der Region Köln mit einem Preis für seine Verdienste um den Fremdenverkehr ausgezeichnet. Über sechs Millionen Menschen besichtigen jährlich den Dom, über 20 000 am Tag. Aber aus welchem Grund sind Kirchen und andere religiöse Stätten gerade im Urlaub so beliebte Anlaufstellen - offensichtlich auch bei Menschen, bei denen Religion sonst keine Rolle mehr spielt? Heute „strömt man in Flip-Flops in die christlichen Altarräume und die buddhistischen Pagoden, weil ein Besuch solcher Kultorte einfach zu schönen Ferien dazugehört. Und dies ganz unabhängig davon, wie beim Einzelnen kulturhistorisches Interesse und die Suche nach Erhabenheit gemischt sind und ob er daheim im Alltag praktizierend religiös ist oder nicht", schrieb die „Süddeutsche Zeitung" kürzlich. Anscheinend braucht es keine tiefere Motivation. Ein bisschen Kultur, ein wenig Ruhe, eine kurze Auszeit, eine willkommene Abwechslung. Solange ein Gotteshaus das verheißt, wird es aufgesucht.

Kirche als Multifunktionsarena

Auch nach Ansicht des Religionswissenschaftlers Michael Stausberg, der an der Universität Bergen in Norwegen seit 2004 über europäische Religionsgeschichte und Ritual- und Religionstheorien forscht, bildet der Tourismus in der Postmoderne und in Zeiten fortgeschrittener Globalisierung einen zentralen Bezugsrahmen für Religion(en) und umgekehrt: Die Religionen sind eine feste Bezugsgröße für den Tourismus. In seinem Buch „Religion im modernen Tourismus" (Verlag der Weltreligionen, Berlin 2010) veranschaulichen zahlreiche Beispiele und Beschreibungen aus allen Religionen und Kontinenten, wie stark sich beide vermeintlich fremden ­Welten miteinander vermischen: etwa die ­Passionsspiele in Oberammergau, die dem 5000-Seelen-Dorf zu globaler Berühmtheit verhalfen, oder die christlichen Wallfahrtsorte und Kirchen, die ohne museale Ausstattung und Souvenirshops kaum mehr zu denken sind. Buddhistische Tempel wurden gar aus touristischen Erwägungen wieder aufgebaut, Tänze und Rituale von indigenen Völkern werden speziell für ­Urlauber aufgeführt, und auf jüdischen ­Reisen wird genauso auf koscheres Essen ­geachtet wie beim islamischen Tourismus auf das Alkoholverbot und die Speisevorschriften.

Es scheint empirisch keinen Grund zu geben, die Vorstellung aufrechtzuerhalten, dass ein angeblich profaner, oberflächlicher Tourismus, der nur auf Spaß und Erholung zielt, unvereinbar sei mit einer vermeintlich heiligen und tiefgründigen Religion, die nicht Freizeit, sondern Erlösung verspricht. „Entgegen gängigen Wahrnehmungsmustern hat sich herausgestellt, dass Tourismus und Religion keine Gegensätze, sondern wichtige Ressourcen füreinander sind." Man laufe Gefahr, so Stausberg, „sich von der Realität zu entfernen", wenn man Sakralstätten gegen den Tourismus ausspielen wollte. „Viele Heiligtümer sind heutzutage nur als multifunktionale Arenen mit mehreren Nutzergruppen zu beschreiben, von denen Touristen oft die wichtigste darstellen." Religion und Tourismus - eine Verbindung auf Augenhöhe? Bei Stausberg scheint vieles dafür zu sprechen. Er lehnt es aufgrund seiner empirischen Befunde ab, Tourismus als Reli­gionsersatz anzusehen. Vielmehr würden sich Religion und Tourismus gegenseitig befruchten. So widerspricht er dem amerikanischen Soziologen Dean MacCannell, der der Erfolgsgeschichte des Tourismus den Niedergang der Religion anlastet. Sehenswürdigkeiten und Attraktionen würden den Stellenwert einnehmen, den zuvor heilige Gegenstände und Räume der Reli­gionen innehatten. Die Entfremdung des modernen Individuums, so MacCannells Theorie, setze eine unbändige Suche nach konstanten und „echten" Erfahrungen frei, die man allerdings nicht mehr bei sich selbst, sondern nur noch in Verbindung mit dem Anderen zu finden glaubt. Tourismus nehme so die Stelle der Religion als „Kitt der Gesellschaft" ein.

Stausberg widerspricht auch dem amerikanischen Sozialanthropologen Nelson Graburn, der von „zwei Leben" ausgeht, die sich seines Erachtens bei den meisten Leuten abwechseln: das profane Arbeitsleben daheim und das heilige, außergewöhnliche Leben des Touristen auf Reisen. Der Alltag könne demnach nur überstanden werden, wenn er immer wieder punktuell durch das Aus-dem-Alltag-Treten im Tourismus aufgebrochen würde. Diese Struktur, wie sie in der modernen Gesellschaft bestehe, entspreche der Funktion von Festen in den traditionalen Gesellschaften. Beide Theorien, so Stausberg, stünden in der Tradition der klassischen Säkularisierungsvorstellung, wonach die Religion in der modernen Gesellschaft auf dem Rückzug ist und durch andere Strukturen ersetzt wird. Der Fehler liegt nach Stausberg darin, dass beide den Tourismus mit einer primitiven Form von Religion vergleichen. Beide hätten eine traditionelle Religion im Blick und reduzieren den Tourismus auf nur eine seiner Erscheinungsformen, was in Anbetracht der „differenzierten Entwicklungen im gegenwärtigen Tourismus problematisch erscheint". Es gäbe sehr wohl weiterhin ernsthafte religiöse Bedürfnisse, auch von Kirchenfernen, doch durchaus religiös Suchenden, die im Tourismus berücksichtigt werden.

Wirtschaftliche Interessen einen

Wenn sich der Tourismus tatsächlich „differenziert" entwickeln sollte, wie differenziert entwickelt sich die Religion? Wenn Stausberg bei Religion und Tourismus von Bezugsgrößen spricht, die „wichtige Ressourcen" füreinander darstellen, ist damit nicht schon eine wirtschaftliche Komponente als Gemeinsamkeit entlarvt, mit der sich Religion eigentlich nicht zufrieden geben kann? Anscheinend begegnen sich Religion und Tourismus tatsächlich dort auf Augenhöhe, wo beide wirtschaftlich gewinnen. Kirchen profitieren vom Touristenstrom, sofern diese bereitwillig Geld für Souvenirs und Eintritte zurücklassen. Die Stadt gewinnt, weil das Image der Region aufgewertet wird, was wiederum mehr Touristen anzieht. Beiden ist die wachsende Bedeutung „als Kulturerbe und Sehenswürdigkeiten" von Nutzen, wie Stausberg beschreibt. Über eine innerliche Zuneigung etwa zu Christentum und Kirche ist damit allerdings noch keine Aussage getroffen. Spirituell berührt, von Glaubensfragen begleitet, ist der Besucher beim Besichtigen der Kathedralen deswegen noch lange nicht. Nach wie vor ist es in Deutschland zwar eine Ausnahme, für einen Kirchenbesuch Eintritt zu verlangen - in der Regel höchstens für Turmbesteigungen oder Schatzkammern. Dennoch wirkt eine ausdrücklich stille Ecke zum Gebet etwa in der Sakramentskapelle schon lange eher als Alibi-Einrichtung denn als echter Versuch, sich vornehmlich als Gotteshaus zu präsentieren. Man muss diese Entwicklung nicht beklagen, und sie muss auch kein Problem darstellen, solange man sich dessen bewusst ist und nicht behauptet, mit den durchgeschleusten Touristenströmen doch im Prinzip schon Mission zu leisten. Denn das ist es in den seltensten Fällen. Schon vor fast zwanzig Jahren hat eine Touristenbefragung auf Ostfriesland ergeben, dass es 32 Prozent der Befragten einfach interessant fanden, einen Gottesdienst an einem fremden Ort mitzuerleben. Es handelt sich also um ein kulturelles Interesse, wobei Neugier und Fremdheit als Hauptmotiv erscheinen, daran teilzunehmen. „So sind die beliebten touristischen Kirchenbesuche im gegenwärtigen Europa eine Form der körperlichen Partizipation am Christentum, das dabei gleichwohl eher als Kulturerbe konserviert und konsumiert wird", schreibt der Religionswissenschaftler.

Nicht nur die Grenzen zwischen Religion und Tourismus verschwimmen mehr und mehr, auch das christliche Pilgern erfährt weitreichende Unschärfen. Der Jakobsweg ist für viele inzwischen mindestens so sehr eine religiöse wie auch einfach eine sportliche Herausforderung. Etwas körperlich geleistet und auf der Reise kleine Abenteuer bestanden zu haben, ist Grund genug, auf die große Pilgerreise nach Santiago de Compostela aufzubrechen. Zwar ist man spirituellen Erfahrungen keineswegs abgeneigt, aber ein „Muss" sind sie nicht. Das Pilgern bietet die Möglichkeit, den Alltag hinter sich zu lassen, zur Ruhe und eventuell auch zu sich selbst zu kommen. Die Erfahrung des eigenen Körpers und der Natur scheinen dabei eine entscheidende Rolle zu spielen. Wenn also Neugier, Fremdheit und Naturerlebnis als Hauptmotive für die Teilnahme gelten, wie weit sind wir dann noch entfernt von der These des Sozialanthropologen Nelson Graburn, dass - auch der religiöse - Tourismus eben doch schlicht das „Aus-dem-Alltag-Treten" bedeutet? Tourismus muss zwar deswegen nicht gleich als Religionsersatz interpretiert werden, aber Religion im Tourismus wohl als Garant von punktueller Andersartigkeit, willkommener Abwechslung und kurzem Geborgenheitsgefühl. Es ist nicht zuletzt genau dieses Phänomen, mit dem auch die Kirchen selbst punkten wollen - und anscheinend auch können. Spezielle Referate für „Tourismuspastoral" nehmen sich etwa in Österreich der neuen Kundschaft an, wie Roland Stadler, Vorsitzender des Österreichischen Arbeitskreises für Tourismus- und Freizeitpastoral, berichtet. In der Steiermark finden Gottesdienste durchaus auch in Thermen statt. Die Diözese Gurk-Klagenfurt setzt indes auf Gebirgsmessen und Camping-Gottesdienste, außerdem Radtouren „mit meditativem Touch". So versuchen die Kirchen, „mit Wortgottesdiensten an ungewöhnlichen Orten Menschen anzusprechen, die die Urlaubszeit dafür nutzen wollen, ihre Seele aufatmen zu lassen", meint Stadler.

Das Besondere erleben

Gottesdienste an Berggipfeln, Skipisten, Thermen oder zwischendurch am Flughafen - immer scheint es „das ganz andere Erlebnis" zu sein, das zur Gottesdienstteilnahme motiviert, unabhängig davon, ob zu Hause im Alltag der Gottesdienstbesuch praktiziert wird. Ob die Andersartigkeit und Besonderheit des Ortes auch die Andersartigkeit und Besonderheit des christlichen Gottes besser zum Ausdruck bringen? Ob sich die Teilnehmer auch ­jenseits der Urlaubsreise überhaupt für diesen christlichen Gott interessieren? Darüber kann man derzeit kaum Auskunft geben. Doch für Stadler liegt in den au­ßergewöhnlichen Gottesdienstevents eine Chance. Familien mit religiösem Hintergrund gehörten ebenso zur Zielgruppe der „Tourismuspastoral" wie auch „Kulturin­teressierte", „reisefreudige Senioren" und „Geschäftsleute, die das ganze Jahr über unter Druck stehen und wenig Zeit für Spiritualität haben". Für die Tourismusseelsorger sei es eine Riesenchance, „am Randbereich der Kirche tätig zu sein". Durch die Angebote könne man auch Menschen ansprechen, die bereits aus ihrer Kirche ausgetreten sind, und so „den Faden zu diesen Menschen nicht abreißen lassen". Vielleicht stellt, wie Stausberg mutmaßt, auch „die Ästhetik eines Sakralraums doch eine von vielen als inspirierend empfundene Atmosphäre" dar, „die den Aufenthalt an diesem Ort von anderen Sehenswürdigkeiten abhebt". Gerade dieser „Mehrwert" spricht aber nicht zwingend dafür, dass das Interesse an Religion, die Sehnsucht nach Spiritualität zunimmt, sondern eher dafür, dass Sakralräume im Urlaub einen dieser „andersartigen Räume" darstellen, die sich zu besichtigen lohnen. Gläubige Christen und regelmäßige Gottesdienstbesucher dürften diese Argumente keineswegs verblüffen. Für sie ist die Begegnung mit dem Andersartigen seit jeher auch mit dem Gotteshaus und dem Gottesdienst verbunden. Sie sind dabei nur nicht auf Urlaubsreisen festgelegt, sondern geben ihrer Sehnsucht jeden Sonntag Raum - ob auf dem Berggipfel, am Strand oder eben in der Pfarrkirche. Auch der regelmäßige Gottesdienstbesuch ist für sie nicht das Alltägliche. Für sie bleibt das Sonntägliche „das Besondere".

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