Der dritte TagGroßes Kino auf kleinstem Raum

Was ist an Tag 3 der Berlinale "hängengeblieben"?

Wenn einer über ein Filmfestival berichtet, hat er einen sehr eingeschränkten Aktionsradius. Er sieht nicht viel mehr als die Kinosäle, das Pressezentrum und das mobile Büro, das er sich in seinem Hotelzimmer eingerichtet hat. Die vielen Sehenswürdigkeiten eines Festspielorts wie Berlin kann man kaum wahrnehmen.

Auch Kinofilme selbst schwelgen nicht immer in großen Dimensionen. Manchmal kommen sie mit einem ganz kleinen Handlungsrahmen aus. In „No turning back“ aus dem Jahr 2013 etwa ist über anderthalb Stunden allein Tom Hardy am Steuer eines Autos zu sehen.

Für die gesamte Filmcrew ist solch ein Setting eine extreme Herausforderung, allein schon technisch. Wie können in so einer Puppenstube alle am Dreh Beteiligen vernünftig ihre Arbeit machen, ohne nachher im Bild aufzutauchen? Entscheidender ist natürlich das inhaltliche Argument: Eine Story muss sehr intensiv sein, damit ein solches Kammerspiel funktioniert. Nicht zuletzt verlangt es den Schauspielern ein Höchstmaß an Präsenz ab.

Gleich zwei Filme habe ich auf der Berlinale bereits gesehen, bei denen dieses Wagnis geglückt ist. Das Flüchtlingsdrama „Styx“ des Österreichers Wolfgang Fischer spielt über weite Strecken nur auf einer elf Meter langen Segelyacht. Bei allen Fragen und mancher Zwiespältigkeit ist das für mich bisher der Film der Stunde (eine ausführliche Kritik folgt im gedruckten CHRIST IN DER GEGENWART).

Sogar noch mehr auf die Spitze treibt die Reduktion der russisch-kasachische Regisseur Timur Bekmambetov in „Profile“. Denn in diesem Film sehen wir 105 Minuten lang nur das, was sich auf einem Laptop-Monitor abspielt.

„Profile“ erzählt die Geschichte der Journalistin Amy Whittaker (ganz stark: Valene Kane!). Sie will über junge Frauen schreiben, die in West-Europa zum Islam übertreten, nach Syrien reisen und sich dem „Islamischen Staat“ anschließen. Was treibt diese Frauen an? Wie radikalisieren sie sich? Wer beeinflusst, manipuliert sie? Weil die Rekrutierung meist über soziale Netzwerke im Internet erfolgt, beginnt Amy ihre Recherche damit, dass sie ein „typisches“ Facebook-Profil anlegt (daher der Filmtitel). Und tatsächlich wird schnell ein extremistischer Kämpfer auf sie aufmerksam: Abu Bilel al-Britan (Shazad Latif) will die vermeintliche Konvertitin nach Syrien locken und zur Ehefrau nehmen.

Über mehrere Tage hinweg chatten und telefonieren die beiden jungen Leute übers Internet. Ohne zu viel zu verraten: Es entwickelt sich ein packender Thriller zwischen Realität und propagandistischer (Lügen-)Welt, der die vorgegebenen Rollen ins Wanken bringt. Großes Kino auf kleinstem Raum.

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