Eine Chance zum Aufbruch!Pastorale Herausforderungen in einer „Kultur der Digitalität“

Der Umgang mit digitalen Medien überschreitet bloße Medienfragen bei Weitem. Wo sich Pfarreien und kirchliche Einrichtungen weitergehend auf eine „Kultur der Digitalität“ einlassen, geht es um mehr als um eine ansprechende Öffentlichkeitsarbeit. Es geht auch um Beziehungsfragen und die Bereitschaft, öffentliche Diskurse mit theologischer Kompetenz mitzugestalten.

Fazit

  • Kommunikation in den Social Media ist real und chancenreich. Deshalb geht es um mehr als um bloße Organisationshilfen oder Öffentlichkeitsarbeit.
  • Kirchliche Personalentwicklung muss das Bewusstsein für theologische Kompetenzen stärken und Felder religiöser Kommunikation in Berufsprofile und Stellenbeschreibungen einbinden.
  • Kirchliche Verkündigung ist mehr als Kirchenmarketing und bringt sich dialogisch in öffentliche Diskurse ein.

Der Umgang mit digitalen Medien ist aus der pastoralen Realität in Pfarreien und Einrichtungen längst nicht mehr wegzudenken: Mitgliederdateien werden mit Datenbanken in überdiözesanen Einheiten verwaltet. Servergestützte Verwaltungsprogramme ermöglichen die Koordination von Terminen, Gottesdiensten und Raumbelegungen in Großpfarreien mit einer Reihe von Kirchorten und großen Pastoralteams. Und konkrete pastorale Projekte werden in milieu- und altersspezifischen Kommunikationsformen mit Hilfe der Social Media geplant und koordiniert. So weit sind digitale Medien alltäglich genutzte Arbeitsmittel, deren selbstverständliche Verwendung nur noch wenige überraschen können.

Ressentiments halten sich hartnäckig

Spätestens im gesellschaftlichen Ringen mit der europäischen Datenschutzgrundverordnung und ihrem noch strengeren kirchlichen Pendant hat die Diskussion um den Umgang mit digitalen Medien im Raum der Kirche wieder neuen Schwung aufgenommen. Dabei fühlten sich zuletzt jene bestärkt, die ohnehin mit Ressentiments auf digitale Medien und insbesondere auf die Social Media schauen. Es ist erstaunlich, wie schnell kulturpessimistische Ansätze revitalisiert werden können, um vor den vermeintlichen, überall drohenden Gefahren zu warnen.
Einerseits sind Social Media selbstverständlicher Bestandteil der alltäglichen Kommunikation als Kontaktpflege. Und das gilt keineswegs nur für Jugendliche und junge Erwachsene, die vereinfachend mit dem Begriff der „digital natives“ identifiziert werden sollen. Es gilt längst für Menschen aller Altersgruppen, wie die Senior/innen zeigen, die mit ihren Enkel/innen über eine WhatsApp-Gruppe Kontakt halten. Andererseits gibt es auffällig hartnäckige Bedenken und Vorbehalte. Gerade im Kontext der Gemeindepastoral wird dabei schnell die direkte face-to-face-Begegnung als das Eigentliche und Erstrebenswerte betont, während Social Media gerne als oberflächlich abgetan werden. Hier ließe sich – zugegeben wenig diplomatisch – die Gegenfrage formulieren, warum dann gerade in der gemeindepastoralen Realität die vermeintlich „eigentliche“ Kommunikation so schlecht gelingt. Offenbar werden die beliebten Wertungen kaum von kommunikativen Kompetenzen begleitet, so dass Neuzugezogene, Interessierte oder Menschen ohne kirchliche Standardbiographie sich darin schnell exkludiert erleben.

Social Media dienen der Beziehungspflege – ganz real!

Doch wer in Facebook, Youtube und Instagram lediglich oberflächliche Instrumente der Selbstprofilierung und Inszenierung sieht, verkennt eine Kommunikationsebene in ihrer zentralen, zwischenmenschlichen Bedeutung. Denn Kommunikation ist keineswegs vorrangig mit dem Austausch von Informationen (als Sachinformation oder als persönliche Auskunft) gleichzusetzen. Kommunikation ist auch und vor allem ein Beziehungsgeschehen, in dem Menschen einander sehen und gesehen sein wollen, mit dem zwischenmenschliche Verbundenheit ausgedrückt wird und soziale Netzwerke gestärkt werden. Diese Bedeutungsebene lässt sich als „phatische Kommunikation“ (Gunter Dueck) verstehen: Menschen behalten sich im Blick, pflegen lockeren Kontakt und stabilisieren so familiäre und freundschaftliche Beziehungen. Diese phatische Kommunikation erfährt insbesondere in einer postmodernen Gesellschaft einen enormen Bedeutungszuwachs, je mehr diese durch Mobilitäts- und Beschleunigungseffekte geprägt ist.

Moderne Lebensgewohnheiten sind positiv zu würdigen

Um die daraus entstehende Fragilität sozialer Beziehungen aufzufangen, die durch Prozesse der Mobilitätssteigerungen forciert wird, erfahren gerade Social Media einen markanten Bedeutungszuwachs. Mit umso größerer Selbstverständlichkeit werden Social Media als Bestandteil von Kommunikationsprozessen vorausgesetzt und in den Raum pastoralen Arbeitens übertragen: Gesprächstermine werden über den Facebook-Messanger angefragt: Die geeignete Kirche für eine Hochzeit wird über Insta- Church bei Instagram sondiert. An der Seite der Telefonseelsorge hat sich längst das Angebot von www. internetseelsorge.de positioniert. Und klassische Elemente kirchlicher Verkündigung und religiöser Kommunikation kommen kaum ohne digitale Präsenz in einer Kombination der unterschiedlichen Formate aus. Der WhatsApp-Kanal des Hamburger Erzbischofs oder die Youtube-Videos der Kölner Bischöfe können als engagierte Beispiele gelten, sich auf diese Formate einzulassen. Sie zeigen allerdings auch die Herausforderungen, die sich damit ergeben. Denn Social Media erzeugen nicht nur eine große Nähe und suggerieren Vertrautheit, sondern steigern die entsprechende Erwartung auch. Wo zwar ein Social-Media-Format für ein Videoprojekt genutzt wird, dann aber keine persönliche Erreichbarkeit der Akteure und Akteurinnen gewährleistet werden kann, werden die Erwartungen wie Potenziale offenbar unterschätzt.

Digitalität fordert wirkliche Dialogfähigkeit ein – nicht nur idealisiert behauptete!

Immer wieder kommt es im Raum der Kirche zu einem verkürzten Medienverständnis, wenn etwa bestehende Inhalte der Glaubensverkündigung lediglich in einem neu aufbereiteten Format angeboten werden. In der Regel enden solche Projekte in Peinlichkeiten. Und halbwegs erfolgreiche Konsumentenzahlen beschränken sich meist auf einen bereits bestehenden, binnenkirchlichen Bereich mit typischer Blasenbildung. Die Dynamik der Social Media ernst zu nehmen, setzte voraus, dass z. B. auch Themen erst im Rahmen dialogischer Prozesse entwickelt und dann diskursiv zur Diskussion gestellt werden. Hier zeigt sich, dass gerade für kirchliche Akteurinnen und Akteure in hauptamtlichen Berufen und im Ehrenamt die Möglichkeit bestünde, ihrerseits öffentliche Diskurse mitzugestalten. Es fällt jedoch auf, dass dies kaum als Bestandteil des kirchlichen Verkündigungsauftrags und der unterschiedlichen Berufsprofile verstanden wird. Es wird deshalb einerseits darauf ankommen, kirchliche Mitarbeiter/innen verstärkt in der Nutzung der Social Media zu schulen. In vielen Diözesen erfolgt dies mittlerweile mit Schulungsangeboten für Haupt- und Ehrenamtliche (z. B. mit der Konferenz „Kirche und Web“). Andererseits sind die Kompetenzen für journalistisches Arbeiten zu stärken. Denn digitale Medien bieten eine Fülle von Gelegenheiten, kirchliche Positionen in öffentliche Debatten einzubringen. Hier liegt ein bislang viel zu wenig wahrgenommenes Terrain kirchlicher Martyria. Die geringe Bereitschaft gerade auch von theologischen Berufsgruppen (Kleriker und Pastoralreferent/innen), diese öffentlichen Diskurse im Raum der Social Media mit Hilfe der theologischen Kompetenz mitzugestalten, muss verwundern.

Wo zur Mission gerufen wird, entsteht noch keine Verkündigung

Zwischen einer binnenkirchlich wieder populären Missions-Rhetorik und dem tatsächlichen Engagement herrscht ebenso eine Diskrepanz wie zwischen der wortreichen Hochschätzung gegenüber der Theologie und ihrem tatsächlichen Einbringen in die kirchliche Verkündigungspraxis. Die in diesen Diskrepanzen erkennbare Zurückhaltung ist vermutlich auch eine direkte Folge einer allzu restriktiv ausgerichteten Administration der Verkündigungspraxis in der jüngeren Vergangenheit. Diese war von engen Verboten für Predigtformate, restriktive Zulassungsdiskurse um Verkündigungsfragen in liturgischen Kontexten und von einer geringen Fehlertoleranz geprägt. Wer in der Vergangenheit permanent den Hinweis bekam, was er/sie als Theologin bzw. Theologe in der Kirche nicht darf, dürfte sich kaum ermutigt fühlen, neue Formate auf Youtube, Snapchat oder Instagram zu entwickeln oder zusammen mit Kolleginnen und Kollegen einen Dekanatsblog zu führen. Neben den genannten Schulungen einzelner Diözesen käme es daher auf eine veränderte, ermutigende Kultur der Personalentwicklung im Bereich der kirchlichen Verkündigung an.

Eine „Kultur der Digitalität“ umschreibt komplexe Effekte auf alle Gesellschaftsbereiche

Längst umgreifen Elemente der digitalen Medien alle Gesellschaftsbereiche und erzeugen sichtbare Effekte auch für solche Gesellschaftssegmente, die bislang dabei nicht im Blick waren. Das veranlasst den Soziologen Felix Stalder von einer „Kultur der Digitalität“ zu sprechen. Die Möglichkeiten zu einer partizipativen Mitgestaltung offener Dialogprozesse, wie sie in den digitalen Medien erlebt wird, steigert die Erwartungen an vergleichbare Möglichkeiten in anderen Lebensbereichen. Wenn in den Social Media jeder und jede Nutzer/in die Diskussionen mitgestalten oder journalistisches Arbeiten übernehmen kann, ergeben sich Prozesse der Demokratisierung. Digitalität ist deshalb ein Konkretionsfeld der neuen Politischen Theologie, aus dem Anfragen an die Kirche entstehen und Gestaltungsmöglichkeiten sichtbar werden. Im Verlust der professionell-redaktionellen Arbeit (Gatekeeper-Funktion) entstehen auch unübersehbare problematische Effekte, die meist mit dem Phänomen von „Fakenews“, populistischen Tendenzen und Empörungswellen einhergehen. Doch sind diese Facetten immer auch zu der gesellschaftsprägenden Dimension der Digitalität in Bezug zu setzen. So entwickelt sich eine Kultur der Digitalität, in der Hierarchien sehr weitgehend nivelliert werden, Öffentlichkeit eine zusätzliche Kontrollfunktion erhält und kirchliche Professionalitätsdefizite schonungslos benannt werden. Der Kommunikationswissenschaftler Bernhard Pörksen hat gezeigt, wie sehr dies gerade für religiöse Autoritäten zur Herausforderung wird. Ihre Position wird gerade dann destabilisiert, je mehr sie in einer Diskrepanz von Anspruch und Wirklichkeit in der persönlichen Lebensführung konstitutiv auf eine geringe Transparenz und geringe Überprüfbarkeit aufbaut. Die Potenziale, die sich für die Kirche in einer Kultur der Digitalität ergeben, sind enorm. Sie sind jedoch nicht nur im Bereich kirchlicher Öffentlichkeitsarbeit zu sehen. Sonst hieße es, die Verkündigung der Botschaft Jesu auf bloßes Kirchenmarketing zu reduzieren. Vielmehr sind digitale Medien ein Impuls, zu zeitgemäßer religiöser Kommunikation zu finden.

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