Die „praktische“ Seite christlicher SpiritualitätÖffne unsere Augen, gib uns das rechte Wort, hilf uns zur rechten Tat

Mystik und Spiritualität „boomen“, spirituell zu sein ist „in“ – innerhalb wie außerhalb der christlichen Kirchen. Ihre Eindrücke angesichts des weltweiten „Megatrends Spiritualität“ beschrieb etwa Martha Zechmeister CJ, seit der Auflösung der Theologischen Fakultät in Passau Professorin für Systematische Theologie an der UCA in El Salvador, folgendermaßen: „So wie die Supermarktketten für die, die es sich leisten können, weltweit dieselben standardisierten Waren anbieten, so scheint sich ein globalisierter spiritueller Markt zu etablieren. Dabei sind die erfolgreichen ‚global player‘ auf diesem Markt längst nicht mehr nur die traditionellen Kirchen und Religionsgemeinschaften.“

Das Lebensgefühl vieler Menschen, vom bayerischen Uni-Städtchen Passau über die USA bis nach Mittelamerika und darüber hinaus, sei auf den Nenner zu bringen „spiritual but not religious“. Das Leben lässt sich nicht einschränken von Kirchen und institutionellen Religionen, damit „hat man nichts (mehr) am Hut“, aber – religiös musikalisch oder unmusikalisch – auf Tuchfühlung mit meiner innersten Dimension zu sein, das kann mir niemand nehmen und das ist und bleibt ein Lebensideal, auch ohne den ganzen Kirchen-Ballast. Die „innere Mitte“ zu finden, aus deren Quelle die Kraft zur Selbstfindung und Selbst-Überschreitung, zur Entgrenzung und Transzendierung meines Ich kommt … diese Sehnsucht und Suche bleibt – und sie erscheint als das alle Menschen, über konfessionelle und religiöse Grenzen hinweg, Verbindende. Verzichtet man auf die äußeren Schalen von Dogma, Kult und Kirche, findet man den Kern, die Tiefendimension, die alle Religionen eint, „das ‚Göttliche‘, das in jedem Menschen steckt“, „sophia perennis“, ewige, zeitlose Lebens-Weisheit. Nicht nur die Meditations-, Kontemplations- und Mystikbewegung hat es verstanden, selbst die WHO, die Weltgesundheitsorganisation, hat „spirituelles Wohlbefinden“ offiziell unter die Kriterien aufgenommen, die über unser Gesund-Sein entscheiden. „Spiritualität“ – eine Grunddimension des Mensch- Seins, jedes menschlichen Lebens: „Wir sind als ein Hunger geschaffen, als ein Durst sind wir gemacht. Eine Höhlung ist in uns gegraben, die will gefüllt sein.“ (Gottfried Bachl)
Und so sprechen zu Recht nicht nur Theologinnen und Theologen, sondern Philosophinnen, Künstler, Musiker, Dichterinnen, Tänzer, Schriftsteller, Journalisten … von der uns aufgegebenen Herausforderung, das „Projekt Spiritualität“ nicht aus den Augen zu verlieren, das „jede Epoche für sich selbst neu erfinden muss“ (Susan Sontag). Worum es dabei geht, fasst Sontag in eine nüchterne Gleichung: „Spiritualität = Pläne, Terminologien, mögliche Haltungen, welche darauf zielen, die der conditio humana inhärenten schmerzlichen Widersprüche zu lösen, zu einer Vervollkommnung des menschlichen Bewusstseins, zur Transzendenz zu gelangen“. Wie in einem Mobile beeinflusst und verändert die bewusst gelebte Dimension „Spiritualität“ (die man als Fähigkeit bestimmen könnte, sich über das rein Messbare und Verwertbare hinaus, mit der tragenden Geheimnis-Wirklichkeit des Lebens zu verbinden, um daraus Kraft für das eigene Leben und den Alltag zu schöpfen) die anderen Dimensionen des Menschseins: mein Denken, meine Grundhaltungen und „Lebenspläne“, mein Verhältnis zum eigenen Körper, meine Sozialbeziehungen, meinen Umgang mit Mit-Mensch und Um-Welt, mein Handeln und meine Sprache. Spiritualität als Fähigkeit und Aufgabe, nicht geist-los sondern geist-reich zu leben, entscheidet über mein ganzheitliches, viel-dimensionales „wellbeeing“, wie es die WHO formuliert.
Auch darum kann den christlichen Kirchen die Frage nach der „Spiritualität“ nicht egal sein – die Antwort, die ich gebe auf die Frage nach dem „Geist“, in dem und aus dem ich mein Leben lebe, sie bleibt nicht ohne Konsequenzen. Der „falsche Geist“ macht krank – mich, die Menschen mit denen ich umgehe, meine Arbeitswirklichkeit, meine Freizeit, letztlich: die Welt, in der wir leben. Und anders herum gewendet: der „richtige Geist“ sorgt nicht nur für individualistisch missverstandenen „inneren Frieden“, die vielgepriesene „Balance“. „Richtiger“ Geist zielt letztlich auf den „Schöpfungs-Frieden“, Urvision des biblischen Sabbats und des christlichen Sonntags, Hoffnung der Erlösung, des Aufatmens der ganzen Schöpfung, „die bis heute ächzt und seufzt und in Geburtswehen liegt“ (vgl. Röm 8,19-22). Und hier erweist sich der Begriff der Spiritualität für die christlichen Kirchen als gefährlich schillernd und unbestimmt. Ja, es stimmt, die Fähigkeit und Herausforderung, „geist-reich“ zu leben, sie steckt in uns allen. Aber: Was wird uns alles als „Geist“ verkauft, der diese Scharnierstelle im Lebens-Mobile besetzen soll oder will – Welcher Geist dient wirklich dem Schöpfungsfrieden, vor welchem Un-Geist müssen wir warnen? Un-Geist, der mit der Verlockung daherkommt, uns Antworten für unser „Projekt spirituelles Leben“ zu bieten, der Harmonie, Ruhe und Erfolg, gelungenes Leben verspricht, dabei aber ganz anderen Interessen dient. Wie gelingt es „spirituell“ lebenden Menschen, die Geister zu unterscheiden? Noch einmal zurückblickend auf Susan Sontag geht es darum, wie ein Mensch mit den „der conditio humana inhärenten schmerzlichen Widersprüche“ umgeht, wie er versucht, diese Widersprüche und Begrenzungen (von innen und außen) „zu lösen“: Die eigene Begrenztheit, Sterblichkeit, Gebrochenheit, Sündhaftigkeit … aber auch die Widersprüche und Gefährdungen, die die Dichterin Hilde Domin folgendermaßen benennt: „So tückisch wie die Wirklichkeit, die wir erfahren, war Wirklichkeit wohl nie zuvor. Sie droht, die Wechselwirkungen zwischen uns und ihr zu zerstören, uns auszulöschen, auf die eine oder andere Weise. Die subtilere Gefahr scheint fast die unheimlichere: Es gibt sie und es gibt sie nicht. Jeder spricht von ihr. Keiner bezieht sie auf sich. Als sei sie ein Schnupfen, den die anderen bekommen, und man selbst sei immun. Die Gefahr heißt ‚Verdinglichung‘, Metamorphose ins Ding, in etwas Manipulierbares: Verlust unserer selbst. […] Täglich ‚sterben‘ Menschen und gehen einher als Puppen ihrer selbst. Jeder Lebende erfährt es, zumindest in den hochindustriellen Ländern, dass heute schon die Halb- und Dreivierteltoten die Mehrheit sind. Die Zeitungen sind voll von Berichten darüber. Der ‚Halbtote‘ ist der programmgerecht funktionierende Mensch, der nur noch auf Störung seines Konsums reagiert.“ Was Hilde Domin als Gefahr der Verdinglichung benennt, davor warnt der Theologe Johann Baptist Metz als drohende „Rückzüchtung des Menschen zum anpassungsschlauen Tier, zur sanft funktionierenden Maschine“. Der Mensch wird uniformiert und gleichgeschaltet. Steht nicht dieselbe Besorgnis hinter der Warnung des kirchlichen Lehramtes vor den „vielfältigen Angriffen auf das menschliche Leben“, zu denen eben nicht nur Mord und Abtreibung, körperliche und seelische Folter etc. gehört, sondern auch schon das Leben- Müssen unter „unwürdigen Arbeitsbedingungen, bei denen der Arbeiter als bloßes Erwerbsmittel und nicht als freie und verantwortliche Person behandelt wird“ (Johannes Paul II., der hier das Zweite Vatikanische Konzil zitiert). Wie gehen wir denn um mit den so vielfältigen Phänomenen der „Zersetzung der menschlichen Kultur“ , angefangen von der entwürdigenden Rede vom „Humankapital“, die die Kirche als „einen Widerspruch gegen die Ehre des Schöpfers in höchstem Maß“ bezeichnet?
Es gibt sehr unterschiedliche Arten, mit den Widersprüchen und Infragestellungen des Mensch-Seins umzugehen! Auch das „Sich-Zurückzüchtenlassen zum anpassungsschlauen Tier“ (Metz) kann eine Form von Geistes-Haltung sein, „welche darauf zielt, die der conditio humana inhärenten schmerzlichen Widersprüche zu lösen“ (Sontag) – und damit eine Form von „Spiritualität“. So warnt Johann Baptist Metz vehement davor, dass der Inhalt „spirituelle Empfehlungen“ heute oftmals nichts anderes ist als eine Ansammlung von Methoden der Verdrängung, „die allein es dem Menschen scheinbar ermöglicht, ‚normal‘ weiterleben zu können“. „Du kannst die Situation nicht ändern, nur dich selbst! Also, ändere dein Denken, deine Erwartungen! Nimm dich nicht allzu ernst, entspann dich!“ … Was ist das für eine „Spiritualität“ in unzähligen Stressbewältigungs- und Anti-Burn-out- Programmen, von Arbeitgebern gefördert und von den Krankenkassen mitfinanziert: Spirituelles Wohlbefinden fördert die „Gesundheit“, das hat selbst die WHO erkannt – und damit fördert „Spiritualität“ nichts anders als die Funktionstüchtigkeit? Noch einmal J. B. Metz: „Eine neue Religionsfreudigkeit […] breitet sich aus: unter Intellektuellen vorweg, aber auch bei Managern und Gemanagten, bei denen, die von ihren elektronisch vernetzten und verkabelten Arbeitsplätzen zurückkehren und deren Phantasien sich vom antlitzlosen Computer erholen wollen“: Leid- und Trauervermeidung, Beruhigung der Ängste, Seelenverzauberung für einen Moment in der „spirituellen Parallelwelt“, alles im Dienst des Überlebens. Aber: „Überleben ist kein Leben“ – davon ist die christliche Theologie überzeugt! Sie erkennt in vielem, was der boomende Markt der Spiritualität anbietet, eher den „Geist des Herrn der Welt“ als den „Heiligen Geist Gottes“.
Was die Kirche auf dem „Markt der Spiritualitäten“ anbietet ist etwas anderes: mehr Leben, aber auch mehr Herausforderung und Anstrengung! Christliche Spiritualität, die in das Zentrum des Lebens-Mobiles gehört, die hilft, „die der conditio humana inhärenten schmerzlichen Widersprüche zu lösen“, die das Denken, Reden, Handeln verwandelt, sie ist nicht durch Empfehlungen der Beruhigung und der Vertröstung zu erlangen. Auch auf die Gefahr hin, den Leser und die Leserin ein wenig zu verschrecken, ich möchte an Dorothee Sölle erinnern, die in diesem Zusammenhang Franz Kafka zitierte: „Ein Buch muss wie eine Axt sein, um das Eis der Seele zu spalten!“ Auch christliche Empfehlungen zum „spirituellen Leben“ haben diesen Sinn – wie eine Axt zu sein, die das Eis der Seele spaltet: Es geht darum, wie D. Sölle betont, „den Menschen aus seinem wunschlosen Unglück herauszuholen“ (das heißt: nicht „Neutralität als Ideal“ lehren, sondern Unglück benennen und Wünschen lehren), ihn „mit dem zu verbinden, was er jetzt ist“ (also eine Art Wahrnehmungsschule für die Realität des Lebens in all seiner Gebrochenheit) und ihn „an den zu erinnern, als der er gemeint war“ (nämlich als ein freies, verantwortliches Wesen, das vom ersten Augenblick der Existenz an nicht nur in Gottes Liebe geborgen ist, sondern mehr noch: fähig ist, als Ebenbild göttlicher Liebe diese in der Welt sichtbar werden zu lassen – durch sein Handeln und Nichthandeln, sein Reden und Schweigen …). Drei Aspekte christlicher Spiritualität: Heraus aus dem wunschlosen Unglück – Lernen, die Wirklichkeit wahr-zu-nehmen ohne Scheuklappen vor den Augen – ein Leben als „Mitarbeiter/in Gottes“ führen, mitzuwirken an der Verwirklichung des „großen Schöpfungsfriedens“.
Johannes Paul II. hat in seiner Enzyklika „Evangelium vitae“ – die Botschaft vom Evangelium des Lebens – den Kern christlicher Spiritualität in einer Weise zusammengefasst, der kaum mehr etwas hinzuzufügen ist: „Achte, verteidige, liebe das Leben, jedes menschliche Leben, und diene ihm! […] Alle Mitglieder der Kirche, des Volkes des Lebens und für das Leben, lade ich ganz dringend ein, miteinander dieser unserer Welt neue Zeichen der Hoffnung zu geben, indem wir bewirken, dass Gerechtigkeit und Solidarität wachsen und sich durch den Aufbau einer echten Zivilisation der Wahrheit und der Liebe eine neue Kultur des Menschlichen Lebens durchsetzt.“ (EvV 6).
„Anpassungsschlau“ wird der Mensch durch dieses „Leben mit Geist“ nicht. Ein Aspekt der christlichen Spiritualität sei hier abschließend noch erinnert. Es ist leicht und es klingt harmonisch, wenn die Kirche uns einlädt, lebensfrohe und das Leben liebende Menschen zu sein. Aber ein auch nur kurzer Blick in die Geschichte christlicher Spiritualität und Mystik belehrt uns eines Besseren. Die Liebe zur Gerechtigkeit und zum Leben ist innerweltlich nur dann in Wahrheit, was sie vorgibt zu sein, wenn sie – so fremd und beunruhigend es klingt – gleichzeitig „Hass“ ist: Hass gegen jedes Werk der „Ver-Nichtung“ und „Beraubung“ von Leben. Der Dominkaner Meister Eckhart lehrte so am Beginn des 14. Jahrhunderts: „Allgemein hasst jeder, der hasst, das Nichts dessen, was er liebt!“ Die Schlussfolgerung, die Eckhart daraus zieht, ist bis heute fremd-klingend, sie benennt eine der wichtigsten Folgen des „spirituellen Lebens“: Das Leben mit Gottes Geist und seiner Liebe zum Leben stärkt in uns die „ufkriegende kraft“ – die Kraft und Energie, die uns in den Widerstand führt, die in uns aufsteht, „auf-kriegt“, um uns anzutreiben, tätig zu werden. Eine der wenigen, die dies verstanden haben, war Dorothee Sölle. Sie hat dafür viel Spott und Hähme eingesteckt – aber sie hat recht: Mystik und Widerstand gehören zusammen. Untrennbar. Spirituelle Menschen – im Sinn des Evangeliums – sind keine anpassungsschlauen Tiere, die sanft funktionieren. Sie sind widerständig aus dem innersten, geheimnisvollen Kern ihrer Existenz heraus, dem in ihnen und durch sie lebenden und wirkenden Gott, der „das Leben liebt, es achtet und verteidigt“.

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