Christlich-Jüdischer Dialog ohne Stereotype

Gibt es einen neuen Antijudaismus in der Theologie? Das legen nicht nur Debatten über einen sich ausweitenden gesellschaftlichen Antisemitismus nahe. Auch Äußerungen des emeritierten Papstes Benedikt über das Verhältnis zwischen Juden und Christen sorgen für Irritationen.

Ecclesia und Snagoge
© Ralph Hammann - Wikimedia Commons [CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)]

Feindselige Äußerungen von Christen gegenüber Juden – gestützt von entsprechenden Bibelstellen im Neuen Testament - habe es schon früh gegeben, erklärte Helmut Hoping, Freiburger Dogmatiker, bei einem Freiburger Religionsgespräch unter der Moderation des Fundamentaltheologen Magnus Striet. Bis ins 19. Jahrhundert hinein lehnten christliche Theologen die jüdische Identität Jesu ab. Sie waren der Ansicht, Gott habe das Volk Israel verworfen und die Kirche sei an die Stelle von Gottes Volk getreten. Verschiedene Initiativen forderten gar, das Alte Testament abzuschaffen. Erst nach der Shoa fand allmählich ein Umdenken statt.

Das Fazit, das Hoping für heute zieht, ist bitter: „Ja, es gibt noch immer einen gewissen Antijudaismus in der Theologie, weil die antijudaistischen Stereotypen weiterhin lebendig sind.“ Die Theologie nehme das Judentum vielfach nicht zur Kenntnis und ignoriere die jüdischen Wurzeln Christi auch weiterhin. Ein solches Verhalten sei zwar noch kein Antijudaismus, aber es zeige eine gewisse Ignoranz gegenüber der Geschwisterreligion. Diskussionswürdig seien vor allem bundestheologische Fragen sowie die Substitutionstheorie, wonach die Kirche das Volk Israel ersetzt habe. Das Ziel eines Dialogs müsse sein, die eigene Religion so zu erklären, dass Christen und Juden einander besser verstehen.

Wenn man sich über theologische Begriffe austausche, werde das Bild komplexer. Ein gegenseitiges Verstehen wirke auf diese Weise den Stereotypen entgegen. Es habe jedoch den Anschein, als ob der emeritierte Papst Benedikt und andere Theologen heute nur das Zweiten Vatikanische Konzil und die Erklärung „Nostra aetate“ mit neuen Impulsen versehen wollen (vgl. Herder Korrespondenz 12/2018) und mit den Juden einen Dialog darüber führen wollen, ob Jesus der Erlöser ist, ergänzte Walter Homolka, Rabbiner und jüdischer Religionsphilosoph. Dieses Gespräch sei „mit Juden schnell geführt“ und bringe die beiden Religionen in ihrem Verhältnis zueinander nicht weiter. Die jüngsten Äußerungen von Papst Benedikt bleiben dagegen unklar. Das mache sie problematisch, weil sie dem Antijudaismus so Tür und Tor öffnen. 

Vielfach würde auch ein Blick in die Religionsgeschichte neue hilfreiche Impulse setzen, erklärte die Bamberger Judaistin Susanne Talabardon. Meist werde das Judentum als „Mutter“ des Christentum gesehen. Diese Sichtweise wird durch die landläufige Zuordnung der Juden zum Alten und der Christen zum Neuen Testament unterstützt. Solche familiären Metaphern seien jedoch schwierig. Die Religion der Israeliten im Alten Testament dürfe nicht mit dem Judentum gleichgesetzt werden. Sie sei vielmehr der Ursprung beider Religionen, die sich daraus parallel entwickelten. Die junge jüdische Religion konzentrierte sich in ihrer Entstehungszeit stärker auf die fünf Bücher Mose, die ersten Christen legten ihr Hauptaugenmerk auf die Propheten. Auf dieser Grundlage bildeten die zwei Religionen ihre Identität heraus – auch in Abgrenzung zueinander. Heute aber brauchen Christen und Juden den gemeinsamen Dialog, bekräftigte Talabardon.

Amelie Tautor

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