Rezensionen: Kunst & Kultur

Hersche, Peter: Kirchen als Gemeinschaftswerk. Zu den wirtschaftlichen und sozialen Grundlagen frühneuzeitlichen Sakralbaus.
Basel: Schwabe 2022. 274 S. Gb. 48,–.

Peter Hersche, bekannt durch seine eigenwilligen Barockstudien, widmet sich im lesenswerten, gut geschriebenen Buch in erster Linie dem gewöhnlichen schweizerischen Sakralbau, das heißt Pfarrkirchen, Kapellen, Wegkreuzen, Bildstöcken.

Quellenbasis für Hersches Überlegungen ist die umfangreiche Reihe „Kunstdenkmäler der Schweiz“ (KdS). Der Autor ist nun aber kein Kunsthistoriker, obwohl er auch von Kunst Ahnung hat. Quellen sind ferner Rechnungsbelege, auch das beinahe einmalige „Baubuch“ der Kirche von Ruswil, das um 1800 entstanden ist. Für den Tessin finden sich leider nur wenige Dokumente, so dass der Forscher dort vermehrt auf Visitationsprotokolle angewiesen ist, die leider nicht so ergiebig ausfallen.

Der Historiker Hersche interessiert sich für die materiellen und für die sozialen Grundlagen des gegenreformatorischen Bauens in der Schweiz, für eigentliche „Sakrallandschaften“ wie die Zentralschweiz, das Oberwallis, das Luknez oder für das St. Galler „Fürstenland“ (Alte Landschaft), für Auftraggeber, Arbeitsabläufe, Baumaterialien, vorhandenes oder fehlendes Geld, für die mannigfachen Gründe, wieso eine neue, oftmals scheinbar überdimensional große Pfarreikirche gebaut wurde. Kriegszerstörungen (v.a. im österreichischen Fricktal), Platzmangel nach einem spürbaren Bevölkerungsanstieg, Brandkatastrophen, aber auch der Wille, das Nachbardorf an Schönheit und Opulenz zu übertreffen, führten zum veritablen Bauboom des 18. und frühen 19. Jahrhunderts. Inwieweit Fronarbeit zum Gelingen eines neuen Bauprojekts geführt hat, ist in der Forschung durchaus umstritten (Zückert-Roeck-Kontroverse).

Am stolzen Bau machte das ganze Dorf mit, auch Frauen und Kinder. So konnte etwas entstehen, woran alle Freude hatten, ein Gemeinschaftsprojekt im wahrsten Sinne des Wortes.

Peter Hersche ist ein sehr gutes Buch gelungen, das abseits des barocken Mainstreams den Fokus auf den Alltag auch der kleinen Leute legt.

                Fabian Brändle

Dorren, Gaston: In 20 Sprachen um die Welt. Die größten Sprachen und was sie so besonders macht.
München: C.H. Beck 2021. 400 S. Gb. 28,–.

Etwa sechstausend Sprachen werden gegenwärtig (noch) auf der Welt gesprochen. Warum sollte man angesichts dieser Tatsache ein Buch über nur zwanzig davon lesen? Dem polyglotten niederländischen Journalisten und Schriftsteller ist mit dieser Publikation nach einer unterhaltsamen Vorstellung von mehr als fünfzig europäischen Sprachen (Sprachen. Eine verbale Reise durch Europa. Berlin 2014) schon zum zweiten Mal ein mehrfach übersetzter Titel zu Eigenarten, Vielfalt und Bedeutung menschlicher Sprache gelungen. Ausgangspunkt ist das erstaunliche Faktum, dass man sich mittels nur zwanzig Sprachen mit etwa drei Vierteln der derzeit acht Milliarden Menschen verständigen kann. Diese werden in dem Buch aufsteigend nach der Zahl der Sprecher (jeweils Muttersprachler und Zweitsprachler, von 85 Millionen bis 1,5 Milliarden) behandelt: Vietnamesisch, Koreanisch, Tamil, Türkisch, Javanisch, Persisch, Panjabi, Japanisch, Suaheli, Deutsch, Französisch, Malaiisch, Russisch, Portugiesisch, Bengalisch sowie die fünf Sprachen mit den meisten Sprechern, nämlich Arabisch, Hindu-Urdu, Spanisch, Mandarin und Englisch; dazu gibt es, ausgehend von der chinesischen, noch ein halbes Zusatzkapitel über die japanische Schrift.

Am Anfang jedes Kapitels stehen knappe Angaben zu Alphabet, Struktur, Klang und einigen anderen Eigenheiten. Schon dadurch wird man an die geradezu unglaubliche Mannigfaltigkeit der heutigen Muttersprachen herangeführt. Können sich mitteleuropäische Muttersprachler das Sprechen, Denken und Schreiben mit tonalen Sprachen, mit Sprachen mit und ohne Artikeln, mit mehreren oder ohne grammatikalischen Geschlechtern, mit und ohne Unterscheidung von Singular und Plural usw. vorstellen?

Die Kapitelinhalte sind ebenso vielfältig wie ihr Stil: Mal geht es mehr um die gesprochene Sprache, mal mehr um ihre Verschriftung, mal wird vor allem die geschichtliche Verbindung einer Sprache mit Kultur und politischer Geschichte beschrieben, mal stehen die Mechanismen ihrer Mutationen und Ausbreitung im Mittelpunkt. Auf diese Weise kommen neben notwendigerweise fragmentarischen Informationen zu vielen Ländern, Kulturen, Geschichtsepochen und Sprachen zahlreiche Elemente in den Blick, die nicht nur für linguistisch Interessierte oder für Sprachschüler interessant sind, sondern auch für an der gerade erst begonnenen weltweiten Kommunikation von Kulturen, Literaturen, Philosophien und Religionen. Dem tut der saloppe Stil, der gelegentlich sensible Muttersprachler verärgern könnte, ebenso wenig Abbruch wie vereinzelte Ungenauigkeiten oder unpräzise Anmerkungen zu eingefügten Fotos und deren Auswahl, die ein aufmerksameres Lektorat hätte korrigieren können, oder die Benennung des Kastilischen als Spanisch, obwohl es nur eine der in Spanien gesprochenen und anerkannten nationalen Sprachen ist.

Zutreffend werden diese zwanzig Sprachen eingangs als „genauso wunderbar wie bedrohlich“ (10) bezeichnet, da ihre Verbreitung mit dem Aussterben vieler kleiner Sprachen einhergeht. In diesem Sinne dichtete der mexikanische Historiker, Anthropologe und Philosoph Miguel León-Portilla (1926-2019): „Wenn eine Sprache stirbt / dann schließt sich / für alle Völker der Welt / ein Fenster, eine Tür / ein Zugang / jeweils anders als alle anderen / zum Sein und Leben auf der Erde.“ Warum aber erregt das Verschwinden von menschlichen Sprachen weniger Aufmerksamkeit als das ebenso bedauerliche wie irreversible Aussterben von Pflanzen und Tieren? Das informierende und unterhaltsame Buch von Gaston Dorren könnte auch ein Beitrag zur Reflexion über den Eurozentrismus in Schulsystem, Philosophie und Theologie werden.

Stefan Krotz

Lewis, Clive Staples „C.S.“: Dienstanweisung für einen Unterteufel. Neu aus dem Engl. von Pia-Elisabeth und Peter Leuschner.
Freiburg: Herder 2022. 224 S. Kt. 14,–.

Das Böse in C.S. Lewis‘ Dienstanweisung für einen Unterteufel ist in der Neuübersetzung noch einmal ein gutes Stück unsympathischer geworden. So wurden bedenkliche Züge in Lewis‘ eigenem Frauenbild einfach dem menschenfeindlichen Teufel angelastet. Na klar, dessen Sprache ist von sexistischen Klischees wie „schöne Frauen“ und „kluge Männer“ (89) beherrscht, wobei erstere als „irdische und […] höllische Venus“ (130) gleichermaßen zu Objekten der Begierde werden. Ob Heilige oder Hure, dem Teufel sind beide Zerrbilder – für letztlich normale Frauen – recht.

Eine veraltete Sprache könnte heutige Leser zum Glauben verführen, die Bosheit sei aus der Mode gekommen. Das wäre allerdings ein Effekt, über den der Teufel in C.S. Lewis‘ Buch triumphierend lachen würde! Deshalb war eine Aktualisierung der Screwtape Letters, geschrieben im Kriegsjahr 1942, dringend notwendig: Die Dienstanweisungen kommen nun natürlich nicht mehr postalisch, sondern per E-Mail mit „LG“ von Onkel „Malfluenzer“ an den Adressaten Warzwurm (alias Wormwood). Eine ausgezeichnete Idee sind die neu generierten Betreffzeilen: Wo vorher die Kapitel nur mit römischen Zahlen untergliedert waren, bekommen Leser nun eine inhaltliche Orientierung durch salopp formulierte Überschriften wie „Gebetssabotage (die Basics)“ oder „Demut – kannste knicken“. Anspielungen, die heute nicht mehr von allen Lesern verstanden werden, wurden modernisiert: So laufen Menschen, die – zum Ärger des Teufels – „gegen jede starke Versuchung von sozialen Ehrgeiz gefeit waren“ (85), nun „in Flipflops und Shorts“ (85) herum, statt „Tripe and Onions“ (Kutteln mit Zwiebeln) zu essen. Hochmütige Pfarrer, denen einfache Predigten der Nächstenliebe „belanglos“ (103) erscheinen, erzählen ihren Zuhörern lieber, was sie „bei C.S. Lewis oder jemandem der Art“ (104) gelesen haben und geben dies auch noch fälschlich als Lehre der Kirche aus. Statt der witzigen Selbstreferenz steht im Original der heute weniger bekannte katholische Philosoph Jacques Maritain. Und ist es ein Zufall, dass in Zeiten der Me-Too-Debatte und der Skandale um sexuellen Missbrauch die Übersetzer üble Gestalten wie „den alten Grabschprotzeck“ (51) ihr Unwesen treiben lassen?

Doch im Allgemeinen verleiten Teufel den Menschen subtil. Und wirklich, wer das Buch liest, wird sensibel dafür, wenn Gedanken als „geil“ oder „out“ gelten, statt dass darüber nachgedacht wird, ob sie „wahr“ oder „falsch“ sind (10), oder wenn „hübsche Wischi-Waschi-Formulierungen“ fallen wie „‚Es war eine Phase‘ – ‚Ich bin damit durch‘ etc.“ (62).

Teufel verhindern die richtige Realitätswahrnehmung, indem sie „ein wichtiges psychologisches Gesetz“ (40) anwenden: Sie torpedieren die guten Taten, indem sie die Aufmerksamkeit des Menschen zu den „eigenen Geistes- und Gemütszuständen“ (41) wie etwa Selbstzufriedenheit zurücklenken. Das Gegenteil gilt für negative Impulse wie Zorn oder Hass: Hier soll der Mensch sich möglichst nicht seiner Gefühle bewusst werden, sondern sich rein „auf den Auslöser seiner Gedanken […] konzentrieren“ (41). Solche Verkehrung subjektiver und objektiver Realitäten betreibt C.S. Lewis selbst, indem er das Böse als objektive Verführungsmacht auftreten lässt. Dies ist sein literarischer Einfall, denn die Dämonen des Inneren lassen sich im Gegenüber viel besser bekämpfen! Was für eine kongeniale Idee, die Parallelwelt infernalischen Geflüsters wiederum zu virtualisieren! Dass C.S. Lewis‘ Gedanken nun wieder mehr Wirkkraft als Exorzismus entwickeln, verdanken wir der Übersetzung in die Gegenwartswelt und -sprache.

                Eva Steinherr

Paganini, Simone / Paganini, Claudia: Im Namen des Vaters, des Sohnes und der Macht. Star Wars und die Bibel. Aus dem Evangelium nach (G.) Lucas.
Freiburg: Herder 2022. 128 S. Gb. 14,–.

Claudia Paganini, Professorin für Medienethik an der Hochschule für Philosophie in München, und Simone Paganini, Professor für biblische Theologie an der RWTH Aachen, vergleichen die neun kanonischen Star-Wars-Filme (1977-2019) mit der Heiligen Schrift. Dabei legen sie ganz nebenbei eine fabelhafte Einführung in die Methodik der Bibelexegese vor, mit der sich theologische Seminare gestalten ließen.

„Selbst ein relativ unbedarfter Zuschauer stellt schnell fest, dass Star Wars eine ganze Reihe religiöser Motive anzubieten hat“ (14). Der allgegenwärtigen Gefahr einer konstruierten, weil herbeigesehnten Beziehung zwischen jüdisch-christlichem Erbe und einem Gegenstand zeitgenössischer Pop-Kultur begegnen die Paganinis präventiv mit dem Verweis auf Joseph Campbell (10 f.). Der vergleichende Religionswissenschaftler veranschaulicht in The hero with a thousand faces (1949) die Gemeinsamkeiten fast aller großer Erzählungen der Menschheit. Eine kritische Lektüre egal welchen Werks darf also keine willkürlichen Bezüge zur Bibel herstellen, bloß weil es um allgemeingültige Topoi wie Liebe, Tod, Hoffnung usw. geht.

Und doch entdecken die Theologen erstaunliche Zusammenhänge im Großen wie im Kleinen: Aus „Mögest du mächtig sein“ (Dtn 31) etwa wird die Grußformel der galaktischen Jedi-Ritter, die heroisch für das Gute kämpfen: „Möge die Macht mit dir sein“ (8). Die charakteristischen Lichtschwerter der Jedi (die laut G. Lucas erst „Templer“ heißen sollten) gehen auf Röm 13,12 zurück (70): „Darum lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts!“ Im größeren Zusammenhang: „Ausgehend von der übernatürlichen Geburt eines Kindes, die als Erfüllung einer alten Prophetie gedeutet wird, entwickelt sich ein erbitterter Kampf gegen die Mächte der Finsternis, [der] in der endgültigen Erlösung der neu gegründeten Gemeinschaft gipfelt“ (14).

In den folgenden dreimal drei Kapiteln erarbeiten die Paganinis anschaulich und nachvollziehbar theologische Motive nicht nur auf der inhaltlichen Ebene der dreimal drei Filme, sondern auch vor dem Hintergrund des Entstehungskontextes („Sitz im Leben“) des beinahe unüberschaubaren Star-Wars-Universums. Sehr gelungen ist die Verortung der älteren Filme um den „Krieg der Sterne“ in den USA nach dem Vietnam-Krieg (24 f.). Höchst interessant liest sich auch die präzise filmhistorische Einordnung der „Space Opera“ zwischen klassischer Science-Fiction, einem „Märchen mit Happy End“ (27 f.) und moderneren Genres, die zwischen postapokalyptischem Pessimismus und einem optimistischen Orientierungsangebot vermitteln.

Als genial bezeichnet werden darf die Veranschaulichung des Kanon-Streits um die offiziellen Evangelien in der christlichen Antike und neuerer Lehrdokumente bei DH anhand des z.T. ähnlich verlaufenden Kanon-Streits der Star-Wars-Fangemeinden (41 ff.). Spielerisch und sehr elegant wird so die Relevanz exegetischer Methodik und historisch-kritischer Lektüre über die inhaltliche Ebene hinaus belegt.

An wenigen Stellen tappen die Paganinis doch in die Campbell-Falle der voreiligen Kontextualisierung: Nicht jeder alte weise Mentor – bei Star-Wars: Yoda – ist notwendigerweise ein alttestamentarischer weisheitlicher Prophet (61). Und nicht jeder Held, der sich selbst opfert oder mal in Versuchung geführt wird, erinnert zwingend (allein) an Christus (60). An anderen Stellen lässt sich über die Deutung streiten, etwa ob das Ende der neuesten Trilogie der Offenbarung des Johannes gleicht (115). Insgesamt überzeugt die Publikation sehr, v.a. mit der hohen Kenntnis historischer Quellen, mit einem präzisen Gespür für klassische und moderne popkulturelle Phänomene (vgl. auch das Kap. Zur feministischen Exegese, 100 ff.), und mit der Leichtigkeit, mit der die Bibelwissenschaften unaufdringlich eingeführt werden – ein charmanter Türöffner für Star-Wars-Fans, die von christlichen Hintergründen bislang weniger wissen.

                Philipp Adolphs

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