Die Letzte GenerationZur Rolle der Kirche im Kampf gegen die Klimakrise

Für die Klimaaktivistin Lea Bonasera ist die Politik gefangen in Diskussionen über Machbarkeit – anstelle von Diskussionen über Notwendigkeit. Die Notwendigkeit zu handeln, die sich aus der fortschreitenden Klimakatastrophe ergibt, motiviert vor allem junge Menschen zum Protest, auch zum zivilen Widerstand. Lea Bonasera gibt einen persönlichen Einblick in ihren Aktivismus und zeigt drei Wege auf, wie die Kirche im Kampf gegen den Klimawandel helfen könnte. Sie promoviert zu zivilem Ungehorsam. Bekannt wurde sie insbesondere durch den Hungerstreik der Gruppe „Letzte Generation“ im Sommer 2021. Wir dokumentieren einen Vortrag, den sie bei der Provinzversammlung der Jesuiten im April hielt.

Mein Name ist Lea Bonasera. Ich bin 24 Jahre alt und Mitbegründerin der Gruppe „Letzte Generation“, mit der ich zivilen Widerstand leiste, um mich für Klimagerechtigkeit einzusetzen. Die Rolle der katholischen Kirche im zivilen Widerstand gegen die zerstörerische Klimapolitik unserer Bundesregierung ist mir schon lange ein Herzensanliegen. Ich sehe den Einsatz der Jesuiten für einen Systemwandel von Klima, Umwelt und Wirtschaft. Doch gleichzeitig wünschen und erwarten wir Klimaaktivist*innen von der gesamten katholischen Kirche mehr Unterstützung und Rückendeckung in unserem Kampf für die Bewahrung unserer Lebensgrundlagen. Die Kirche hat die Macht, aber damit auch die Verantwortung, unserem Einsatz moralische Legitimität zu verleihen. Außerdem sollte sie sich als Säule der Gesellschaft aktiv an unserem zivilen Widerstand beteiligen. Nur mit einer breiten Unterstützung aus allen Teilen der Zivilgesellschaft schaffen wir es, genügend Druck auf unsere Bundesregierung aufzubauen und so den nötigen Wandel herbeizuführen. Welche Rolle die Kirche bei unserem Kampf für Klimagerechtigkeit einnehmen und in welchen Formen sie uns dabei konkret unterstützen kann, darauf möchte ich im Folgenden etwas näher eingehen. Aber zunächst einmal kurz zu mir.

Mein Ruf als radikale Klimaschützerin eilt mir manchmal voraus. Dabei hätte ich mir selbst nie vorstellen können, einmal zu dem Menschen zu werden, der ich heute bin. Ich komme aus einer kleinen Stadt in der Nähe von Bielefeld. Nach meinem Abitur bin ich ans Amsterdam University College gegangen, um dort Liberal Arts and Sciences zu studieren. Während meiner Zeit dort habe ich gemerkt, dass ich später einmal selbst Forschung auf diesem Gebiet betreiben und das Liberal Arts and Sciences Konzept auch in Deutschland noch viel bekannter machen möchte. Während meines Masters in Internationalen Beziehungen in Oxford bin ich zum ersten Mal mit dem Thema des zivilen Widerstands in Kontakt gekommen. Zu der Zeit war Extinction Rebellion in Großbritannien sehr groß und aktiv, eine der ersten Gruppen von Menschen, die mit Mitteln des zivilen Widerstands versucht haben, auf die Klimakrise aufmerksam zu machen. Ich habe meine Masterarbeit dann auch darüber geschrieben, weil ich gemerkt habe, dass wir sehr wenig über zivilen Widerstand und was er bewirken kann wissen. Zur Zeit setze ich meine Forschung zu diesem Thema in meiner Doktorarbeit fort. Mein wissenschaftliches Interesse begleitet mich bei allem, was ich tue. Ich würde meine Forschung zu zivilem Widerstand gerne weiterführen und später einmal selbst an einem College arbeiten und unterrichten. Wäre da nicht die Klimakrise.

2015 bin ich zum ersten Mal richtig mit der Klimakrise in Kontakt gekommen. Ich war gerade erst am College in Amsterdam angekommen, da sind wir in Bussen zur Klimakonferenz nach Paris gefahren und haben demonstriert. Dort habe ich mit Hunderten von Menschen in einem Zelt übernachtet, die alle nicht mehr fliegen wollten und sich vegan ernährten. Das hat mich erstmal sehr zum Nachdenken über mein bisheriges Leben gebracht. Zurück an der Uni bin ich dort einem Umweltkomitee beigetreten, bin auf Fridays for Future Demonstrationen gegangen und habe angefangen, einen Blog über vegane Ernährung zu schreiben. Aber innerhalb der letzten eineinhalb Jahre habe ich gemerkt, dass das nicht ausreicht und dass es vor allem die Veränderung, die wir jetzt brauchen, nicht schnell genug herbeiführt. Ich bin zum Beispiel oft mit Schildern auf die Straße gegangen, auf denen ich die Einhaltung des 1,5-Grad Ziels gefordert habe. Aber irgendwann hat sich es einfach falsch angefühlt, dieses 1,5-Grad Ziel hochzuhalten und gleichzeitig zu wissen, was auch alle Klimawissenschaftler*innen bei der Klimakonferenz 2015 in Paris schon wussten. Wir werden das 1,5-Grad Ziel überschreiten.

Ein Schlüsselmoment für mich waren die Waldbrände in Australien, wo Tiere und Pflanzen den vernichtenden Flammen zum Opfer gefallen sind. Das Leid der Tiere hat mich schon immer besonders berührt. Sie sind die Lebewesen, die am wenigsten dafür können und gleichzeitig am meisten darunter leiden, dass wir Menschen unser aller Lebensgrundlagen zerstören. Das konnte ich nicht länger mitansehen und bin deswegen letztes Jahr im September in den Hungerstreik und später auch in den Durststreik getreten. Ab Januar dieses Jahres habe ich außerdem zusammen mit meinen Mitmenschen bei der Letzten Generation für sechs Wochen friedlich Autobahnen in Berlin blockiert. Das Ausmaß der Klimakrise und des damit verbundenen Leids haben mich jeden Tag aufs Neue motiviert, auf die Straße zu gehen. Ab Anfang April haben nun über einhundert Menschen der Letzten Generation erneut Straßen blockiert, diesmal in Frankfurt am Main, im Juni und Juli dann wieder mit 250 Menschen in Berlin. Viele setzen damit ihre Freiheit und ihre Zukunft aufs Spiel. Was uns antreibt, unsere Berufe aufzugeben oder unsere Ausbildung abzubrechen und uns in zivilen Widerstand zu begeben?

Die Wissenschaft sagt uns, dass wir nur noch wenige Jahre haben, bevor unser Klima irreversible Kipppunkte zu überschreiten droht. Wir befinden uns in einem Klimanotfall, die Klima- und ökologische Krise bedroht nichts weniger als den Fortbestand unserer menschlichen Zivilisation. Wir wissen, dass uns fossile Brennstoffe töten, schon heute. Aufgrund unserer Abhängigkeit von Öl, Kohle und Gas befinden wir uns in der derzeitigen Krise. Wir wissen, dass fossile Brennstoffe unsere Zukunft zerstören. 

Unsere Regierung finanziert diese Zerstörung weiterhin. Sie investiert Milliarden in neue Flüssiggas-Terminals und plant neue Ölbohrungen in der Nordsee. Dem können wir nicht länger tatenlos zusehen. Deswegen blockieren wir friedlich Straßen und drehen Pipelines ab.

Wenn die Politik uns daran hindern will, dann muss sie uns einsperren. Und das tut sie. Sie lässt friedliche Menschen im zivilen Widerstand verhaften, anstatt endlich ihrer verfassungsmäßigen Pflicht nachzukommen und unsere Lebensgrundlagen nicht länger zu zerstören. 

Theorie der Veränderung

Die beiden Welten, in denen sich mein Leben zur Zeit abspielt, die akademische Wel, aber auch mein soziales und politisches Engagement, zeigen mir immer wieder, dass die Kirche eine zentrale Rolle im zivilen Widerstand spielt. Aber wie können wir die Gesellschaft verändern, und wie nicht? Welche Rolle können die Kirchen übernehmen? Die Grundlage meiner Theorie der Veränderung ist, dass unser parteipolitisches System unfähig ist, die im Angesicht der Klimakrise notwendigen politischen und sozialen Veränderungen herbeizuführen. Gründe dafür umfassen zum Beispiel das Verfolgen von kurzfristigen Zielen aufgrund von Vier-Jahres-Wahlperioden, bei denen man mehr auf das Gewinnen von Mehrheiten und die eigene Wiederwahl aus ist als auf das langfristige Wohl der Menschen. Auch gibt es einen riesigen Lobbyapparat, der klimapolitische Maßnahmen immer wieder ausbremst. Ich habe in den letzten Monaten so viele Politker:innengespräche mit zum Beispiel Scholz, Habeck, Künast, Göring-Eckhart etc. geführt und merke immer wieder, dass wir gefangen sind in Diskussionen über Machbarkeit anstatt über Notwendigkeit. Auch wenn einzelne Leute wirklich etwas verändern wollen, ist das gesamte politische System gerade nicht in der Lage, die notwendigen Lösungen schnell zu liefern. Der Wandel wird nicht – oder wenn, dann zu langsam – aus den Parlamenten kommen. Er wird nicht durch bessere Argumente, stärkere Petitionen, Mail-Kampagnen oder größere Demos kommen. Und auch wenn symbolischer Protest wichtig ist, ist er an diesem Punkt einfach nicht mehr ausreichend. In meiner Theorie der Veränderung braucht es mehr Bürger:innen, die sich zusammenschließen und zivilen Widerstand leisten. 

Ziviler Widerstand ist gerade unsere beste Chance auf Veränderung. Als In­strument für soziale und politische Veränderungen wird er unterschätzt. Ich sehe immer wieder an Interviewfragen oder an den Vorwürfen, die uns aufgrund unserer Protestformen gemacht werden, wie wenig Wertschätzung unsere Gesellschaft diesem Mittel der Veränderung entgegenbringt. Diane Nash, eine bekannte US-amerikanische Bürgerrechtlerin, hat mal gesagt, ziviler Widerstand sei die „beste Innovation des 20. Jahrhunderts“, weil er einem ermöglicht, ohne Blutvergießen gesellschaftliche Veränderung zu erreichen. Ich teile ihre Aussage aus moralischen, strategischen und historischen Gründen. Mir ist es enorm wichtig zu betonen, dass es nicht nur moralisch richtig ist, keinem Menschen schaden zu wollen, sondern auch eine sehr strategische und disziplinierte Entscheidung ist, in Extremsituationen friedlich zu agieren. Sowohl die akademische Literatur als auch die Geschichte zeigen uns immer wieder, wie erfolgreich friedlicher ziviler Widerstand sein kann. Ohne ihn gäbe es weder das Frauenwahlrecht, Bürgerrechte oder die Indische Unabhängigkeit. Und ich sehe den Erfolg ja nicht nur in wissenschaftlichen Studien und in unserer Geschichte, sondern auch hier und jetzt in der Praxis. Wir kreieren mit unserem Protest auf der Straße immer wieder Dilemma-Situationen, bei denen sich die Regierung entweder für soziale und politische Fortschritte entscheiden oder uns mit unverhältnismäßigen Repressionen entgegentreten muss, die nur noch mehr Protest in unserer Gesellschaft verursachen. Das führt dazu, dass wir mit unseren Forderungen nicht ignoriert werden können, und dazu, dass die politisch Verantwortlichen die notwendigen Veränderungen nicht länger hinauszögern können. Entscheidend ist, ob wir es schaffen, dabei immer gewaltfrei zu bleiben. Denn nur, wenn wir friedlich sind, haben wir eine Chance auf Erfolg.

Kirche im zivilen Widerstand

Studien zu zivilem Widerstand zeigen, dass es nicht nur um die Menschen auf der Straße geht, sondern auch andere Akteure entscheidend sind, sogenannte Säulen der Unterstützung, auf denen unsere Gesellschaft fußt. Das sind die Polizei, Unternehmen, Medien, Wissenschaftler:innen, aber eben auch die Kirchen. Wenn diese Gruppen anfangen, dem Staat im Unrechtsfall ihre Unterstützung zu entziehen und die Menschen im zivilen Widerstand zu unterstützen, dann legitimiert das den Protest und macht ihn erfolgreicher. In der Geschichte gibt es viele Beispiele dafür. Um eines zu nennen: den Beitrag vieler Katholiken und Protestanten in der Bürgerrechtsbewegung zur Wende 1989. Am wohl bekanntesten sind die kirchlichen Friedensgebete, später bezeichnet als Montagsgebete, die zu einer Keimzelle der öffentlichen gewaltfreien Montagsproteste in der DDR im Herbst wurden. Menschen wie Pfarrer Christian Führer und Christoph Wonneberger hielten seit 1982 in der Nikolaikirche in Leipzig Friedensgebete, bei denen kritische Worte fielen, die so sonst wenig zu hören waren. Sie boten sichere Räume des Austauschs und Gedenkens und fanden trotz Kritik des Kirchenvorstandes an zu viel provokatorisch-politisierenden Inhalten weiter statt. Das sprach sich herum und die Montagsgebete wurden von immer mehr Teilnehmer:innen besucht. Neue politische Ereignisse und Entwicklungen, aber auch die Versuche des Staates, reglementierend Einfluss auf den Verlauf und die Ausgestaltung der Friedensgebete zu nehmen, führten dazu, dass im Anschluss an die Gebete zunehmend auch Aktionen vor der Kirche stattfanden. Außerdem brachte die Kirche Protagonisten hervor, die Initiative ergriffen und diese Themen mutig angingen. Friedrich Schorlemmer ist einer von ihnen. Er verantwortete die symbolische Umschmiedung eines Schwertes zu einer Pflugschar in Anwesenheit von Richard von Weizsäcker auf dem Kirchentag 1983 in Wittenberg. Damals hatten die DDR-Behörden die öffentliche Benutzung des Slogans „Schwerter zu Pflugscharen“ für illegal erklärt. Durch diesen Ausdruck der Auflehnung wurde Schorlemmer international bekannt, und „Schwerter zu Pflugscharen“ wurde das bedeutendste Symbol der kirchlichen Friedensarbeit in den 1980er-Jahren in der ehemaligen DDR. Und nicht nur während der friedlichen Revolution haben viele Kirchen einen Beitrag geleistet. Auch nach dem Mauerfall übernahmen viele von ihnen Schlüsselfunktionen bei der Demokratisierung der DDR, in den neu gegründeten Parteien und an runden Tischen.

Natürlich gibt es noch viele andere berühmte Beispiele auf der ganzen Welt: Desmond Tutu, der eine große Unterstützung für Mandela im Kampf gegen die Apartheid in Südafrika war. Auch die US-Bürgerrechtsbewegung war massiv geprägt vom christlichen Glauben und von Martin Luther King, der viele seiner Beweggründe aus deinem Glauben schöpfte. Oder die bedeutende Rolle, die die Kirche bei den friedlichen Protesten gegen den Diktator Marcos auf den Philippinen spielte. Auch heute in Deutschland gibt es Beispiele: Jörg Alt SJ hat sich im Dezember letzten Jahres dazu entschieden, genießbares Essen, das von den Supermärkten weggeworfen worden war, zu retten. Anschließend wurde gegen ihn wegen eines „besonders schweren Falles von Diebstahl“ ermittelt. Sein ziviler Widerstand hatte einen positiven Einfluss auf unsere Proteste. Alts Protestaktion hat viel Aufmerksamkeit auf das Thema der Lebensmittelverschwendung gelenkt, die wir mit unseren Protesten so nicht erreicht hätten. Er hat viele neue Menschen dazu bewegen können, ebenfalls aktiv zu werden, und hat unseren Protesten viel Legitimität verliehen. Was all diese Beispiele gemeinsam haben, ist, dass sowohl zu unterschiedlichen Zeiten als auch an unterschiedlichen Orten und in unterschiedlichen Kontexten die Kirche einen positiven Einfluss auf den zivilen Widerstand ausgeübt hat.

Die Rolle der Kirche ist ausschlaggebend. Was kann die Kirche bieten, was so essenziell ist für den zivilen Widerstand? Drei Sachen sind entscheidend: moralische Legitimität, internationale unabhängige Netzwerke und Ressourcen.

Das wichtigste ist die moralische Legitimität, die die „Währung des zivilen Widerstandes ist“ – und das ist genau das, was die Kirche am besten geben kann. Betrachten wir die Katholische Soziallehre: Auch wenn es unterschiedliche Auslegungen gibt, so dient die Katholische Soziallehre doch als Wertegerüst und normativer Kompass, der uns eine orientierende Kraft in unserer Gesellschaft geben soll, um unser Leben sozial gerechter und ökologisch nachhaltiger zu gestalten. Die katholische Kirche stellt viele Werte und Ideologien bereit, die wichtig sind für Kampagnen des zivilen Widerstands: Würde und Rechte jedes einzelnen Menschen sowie das Gemeinwohl, Einsatz für Gerechtigkeit, Solidarität und Gemeinsaft, für demokratisch-partizipative Strukturen. So fungieren Mitglieder der Kirche oft als Beschützer:innen der Armen, die ja in der Klimakrise oft als erste und am meisten betroffen sind. Das sind alles Werte, die die katholische Kirche verkörpert. Wenn sie Bürgerinnen und Bürger im zivilen Widerstand unterstützt, wird es schwieriger für den Staat, die Protestierenden zu diskreditieren und sie als Störer:innen darzustellen und so zu delegitimieren.

Ängste der Kirche

Hier möchte ich auch meine Enttäuschungen ausdrücken, die ich in diesem Zusammenhang mit Blick auf die Kirche empfinde. Unabhängig von genereller Kritik, die man an der katholischen Kirche ausüben kann, sei es an der Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch oder an der fehlenden Transparenz von Kirchenfinanzen, bin ich gerade sehr enttäuscht darüber, wie wenig sich die Kirche in die laufende Werteauseinandersetzung einbringt. Natürlich gibt es immer Ausnahmen, Menschen, die große individuelle Risiken auf sich nehmen. Aber als Person im zivilen Widerstand merke ich, wie schwierig es ist, ohne die Kirche im Rücken zu protestieren. Ich werde von den Medien als „Kind der Apokalypse“ verspottet und belächelt, von den Menschen auf der Straße beschimpft und vom Bundeskanzler als „größenwahnsinnige Fanatikerin“ diskreditiert. Wenn ich alleine in der Polizeizelle sitze oder mit Schmerzgriffen weggetragen werde, dann fange ich an zu zweifeln. Auch als ich im Hungerstreik war, haben wir alle möglichen Menschen auch aus der Kirche angeschrieben und kaum Rückmeldung bekommen. Es ist ein kein schönes Gefühl, alleine vor die Kameras treten zu müssen, um darüber zu sprechen, wie schlimm die Klimakrise ist. Ich fühle mich in solchen Momenten alleingelassen und wünsche mir die Solidarität, die die katholische Kirche in ihrer Soziallehre predigt.

Ich kann nachempfinden, woher die Angst und das Zögern, sich zu positionieren, kommen, weil man damit viel riskiert. Ich mache mir ebenfalls Sorgen um meine Rolle als Forscherin an meiner Universität. Ich möchte in meiner Arbeit weiter als objektiv wahrgenommen werden und habe Angst, an Glaubwürdigkeit zu verlieren oder sogar gekündigt zu werden. Diese Angst sehe ich bei vielen, und sie ist sehr real. Es gibt Gründe, aus denen viele Journalist:innen, die die Wahrheit sagen, keine Aufträge bekommen und die Wissenschaftler:innen, die drastische Worte finden, bereits in Rente sind oder von der Bundesregierung nicht mehr zu Beratungen hinzugezogen werden. Man setzt sich Repressionen aus, wenn man sich gegen unser zerstörerisches Wirtschafts- und Gesellschaftssystem auflehnt. Aber das darf uns nicht davon abhalten, uns für das Richtige einzusetzen. Jeden Tag aufs Neue bekommt die katholische Kirche eine Chance, sich wieder mehr für die moralische Legitimität in unserer Gesellschaft stark zu machen. Wie vorhin beschrieben, ist die katholische Kirche der größte und älteste Akteur, der sich in der Vergangenheit immer wieder mit Werten auseinandergesetzt hat und genau jene moralische Legitimität verleihen kann, die für Bürger:innen im zivilen Widerstand so wichtig ist.

Das Zweite, was die katholische Kirche bereitstellen kann für den zivilen Widerstand: Sie verfügt über ein riesiges internationales Netzwerk und Verbindungen in alle Welt, die sich miteinander solidarisieren und gegenseitig unterstützen können. Sie vereint Menschen aus allen Ländern und bildet eine weltweite Gemeinschaft, die sich schnell austauschen und gegenseitig stärken kann. Es gibt insgesamt 1,3 Milliarden Katholiken in fast allen Ländern der Erde. Würden alle diese Menschen dem Aufruf folgen, sich mit zivilem Widerstand für den Wandel einzusetzen, hätten wir eine unglaubliche Stärke. Außerdem gibt es in jedem Land viele unabhängige Netze in Form von Kirchengemeinden, kirchlichen Gruppen, Betrieben, Genossenschaften und Verbänden, die sich von herrschenden Strukturen frei machen können und diesen so die Legitimität entziehen und sogar die Vision einer sozialen und ökologischen Transformation vorleben können. Besonders schön hat man diesen internationalen Aspekt auch bei unseren Protesten im Januar gesehen, als sich einige Jesuiten aus dem globalen Süden mit Solidaritätsbekundungen hinter unsere Proteste stellten und somit das Thema auf eine ganz neue Ebene hoben. Charlie Chilufya SJ sagte zum Beispiel: „Ihr schafft die Disruption, die im Süden schon Alltag ist.“ Das hat mich sehr berührt, weil diese Unterstützung von den Menschen kam, die jetzt schon am meisten von der Klimakrise betroffen sind und für die ich ja auch mit auf die Straße gehe. Eine Verbindung zu ihnen wäre ohne die Jesuitengemeinschaft gar nicht erst möglich gewesen.

Drittens hat die Kirche große materielle und finanzielle Ressourcen. Protestbewegungen brauchen viel Geld oder geldwerte Unterstützung. Mit 10.000 Euro konnten wir 50 Treffen organisieren, um Menschen in den zivilen Widerstand zu mobilisieren, mit 50.000 waren es 200 Treffen, 200.000 Euro braucht es nun, um auf 1000 Treffen im zivilen Widerstand zu kommen. Das erachten wir als eine Anzahl von Menschen, bei der sich die Regierung wirklich mit unserer Forderung nach keinen neuen Ölbohrungen in der Nordsee und dem Ausbaustopp von neuer fossiler Infrastruktur auseinandersetzen muss. Was wir auch brauchen, sind freie und große Räume, in denen wir trainieren, diskutieren und unsere Proteste organisieren können. Räume, in denen wir uns sicher fühlen können und in denen wir wieder Hoffnung schöpfen können, um der Klimakrise entgegentreten zu können. Das brauchen wir am meisten, um auf dem langen, zähen Weg zu bestehen. 

Zwei Sachen möchte ich dazu noch ansprechen. Einmal, dass viele kirchliche Institutionen in Deutschland heutzutage immer noch in Kohle, Öl und fossiles Gas investieren. Über diese Kapitalanlagen nehmen sie indirekt an der anhaltenden Ausbeutung unserer Erde teil und profitieren davon. Das muss sofort gestoppt werden. Zweitens kennen wir aus der Literatur Faktoren, die beeinflussen, ob religiöse Institutionen zivilen Ungehorsam unterstützen oder nicht. Sie zeigen, dass Kirchen Protestierende am ehesten unterstützen, wenn sie keine finanziellen oder politischen Vorteile oder andere Formen der Unterstützung von der Regierung erhalten, durch die sie gegenüber den Machthabenden zur Loyalität verpflichtet sind. Denn wenn sie nicht um den Verlust von Vorteilen und Privilegien fürchten müssen, sind religiöse Anführer eher bereit, Kritik zu äußern, eben weil die Regierung weniger Macht über sie hat und kein Abhängigkeitsverhältnis besteht. Es ist wichtig, dass wir uns alle selbst die Frage stellen, ob wir uns gerade in solchen Abhängigkeitsverhältnissen befinden, die uns davon abhalten, jetzt das Notwendige und Richtige zu tun.

Als einflussreicher Akteur mit viel Gehör und Macht kann die Kirche unseren Protest erfolgreicher machen, indem sie uns mit moralischer Legitimität, ihren internationalen Netzwerken und finanziellen und materiellen Ressourcen unterstützt.

Kirche als moralischer Kompass

Unser Hauptproblem ist nicht, dass die Wissenschaft nicht klar ist, sondern dass wir ihre Warnungen vor der Klimakrise emotional nicht nah genug an uns heran lassen; dass wir eine Regierung haben, die der Bevölkerung nicht die Wahrheit sagt und in Weltklimaberichte eingreifen kann; dass wir zu viele Medien haben, die nicht berichten, dass es bald in vielen Teilen der Erde zu heiß wird, um Essen anzubauen, sondern von schönen Sommertagen anstatt von Lebensmittelknappheit reden; dass Wissenschafler:innen über das Leid von Milliarden von Menschen berichten, als ginge es um eine ganz neutrale Studie und nicht die drastischen Worte wählen, derer es eigentlich bedarf; dass wir uns in Diskussionen verlieren und nicht ins Handeln kommen; dass die katholische Kirche ihrer Verantwortung als moralischer Kompass gerade nicht ausreichend nachkommt; dass sie denkt, sie könne am meisten erreichen, wenn sie z.B. ihre Verbindungen zur Regierung nutzt, um auf die Politik Einfluss zu nehmen, anstatt konsequent und auch unter gesellschaftlichen Spannungen moralische Werte und Menschenrechte zu verteidigen.

Die Kirche sollte den Staat und unsere Gesellschaft an unsere fundamentalen Aufgaben und Grundwerte erinnern und diese wiederbeleben. Ich wünsche mir, dass die katholische Kirche dabei öffentlich an unserer Seite steht und ihre hochangesehene Rolle nutzt, um auf das Unrecht und Leid durch die Klimakrise aufmerksam zu machen. Über Ostern waren etwa dreißig Menschen in Frankfurt am Main fünf Tage lang inhaftiert, weil sie sich friedlich für unser Überleben einsetzten. Kaum in Freiheit, waren sie wieder auf der Straße und wurden erneut festgenommen und weggesperrt. Und sie genauso wie ich werden wieder in den zivilen Widerstand treten und wieder in einer Zelle sitzen, wo wir nicht wissen, für wie lange. Und ich habe Angst, wie sie mit mir umgehen werden, aber zugleich halte ich es nicht länger aus, mitanzusehen, wie wir unserer geliebten Erde den Rücken kehren.

Ich glaube, es ist wichtig, sich, wenn so viel Unrecht passiert, zu positionieren. Es ist unser aller moralische Pflicht, insbesondere aber die der Kirche, zu handeln. Nichts zu sagen und nicht zu handeln, ist genauso Teil des Verbrechens. Oder wie Desmond Tutu es formuliert hat: „Wenn du Unrecht begegnest und dich neutral verhältst, entscheidest du dich für die Seite des Unterdrückers.“ Die Kirche muss mahnend den Finger heben und anklagend auf die Verantwortlichen zeigen, selbst wenn das bedeutet, dass drei Finger auf einen selbst zurückzeigen. Für entscheidenden Wandel sind nur wenige Menschen nötig, aber die sind entscheidend, das hat unsere Geschichte immer wieder gezeigt. Und für mich gibt es keine klarere Botschaft, als wenn katholische Gläubige sich trauen, mit uns in den zivilen Widerstand zu treten. Die Soziallehre in ihrem Dreischritt erläutert es selbst am besten: Sehen – Urteilen – Handeln. In diesem Sinne hat sich die katholische Kirche schon viel zu lange aus ihrer Verantwortung gestohlen und kommt in dieser entscheidenden Stunde hoffentlich endlich wieder mehr ins Handeln.

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