Stimmen im Wechsel der Zeitläufe

Im Frühsommer 1871, vor 150 Jahren, wurde in der ehemaligen Benediktinerabtei Maria Laach von Jesuiten die Kulturzeitschrift „Stimmen aus Maria Laach“ gegründet; seit 1914 nennt sie sich „Stimmen der Zeit“. Stefan Kiechle SJ, derzeit ihr Chefredakteur, geht der Geschichte der Zeitschrift im Wechsel turbulenter Zeitläufe nach.

Nach seiner weltweiten Unterdrückung (1773 bis 1814) fasste der Jesuitenorden in Deutschland nur langsam wieder Fuß. Im ehemaligen Benediktinerkloster Maria Laach gründete er 1863 eine Niederlassung, die vor allem der philosophischen Ausbildung des Nachwuchses diente. Ab 1865 gaben dort einige Jesuiten unter dem Namen „Stimmen aus Maria Laach“ Hefte heraus, die die im Jahr zuvor erschienene päpstliche Enzyklika Quanta cura und den damit verbundenen Syllabus – Lehrdokumente, die die Moderne scharf verurteilten – in Deutschland verbreiten und erklären sollten. Die Hefte erschienen im Herder-Verlag, vorerst unregelmäßig. Ab 1869 übernahm die Reihe den Auftrag, das Erste Vatikanische Konzil darzustellen und die Dogmatisierung der päpstlichen Unfehlbarkeit zu propagieren, mit immer wieder neuesten Informationen, die die Laacher Patres von ihren Mitbrüdern in Rom erhielten.1

Ab 1871 erschienen die „Stimmen aus Maria Laach“ monatlich und somit als „Zeitschrift“. Sie erhielten den breiter gefassten Auftrag, die Lehre der katholischen Kirche darzustellen und zu verteidigen – man blieb innerkirchlich konsequent ultramontan. Im „Kulturkampf“, den das neu gegründete Deutsche Reich gegen die katholische Kirche anzettelte, fand die Zeitschrift einen Gegner im interkonfessionellen und politischen Feld. Daneben kamen von Anfang an Fragen sozialer Gerechtigkeit in den Blick – ein Kontinuum der Zeitschrift bis heute. Das angezielte Publikum der Zeitschrift war seit Beginn neben dem Klerus das katholische Bildungsbürgertum, das man geistig stärken wollte, für Auseinandersetzungen nach innen und nach außen. Um den Stil der Anfangszeit aufzuzeigen, seien die ersten Sätze des ersten Beitrags zitiert, der den Titel „Deutsche Nationalkirche.“ trug:

„Solange der Titanenkampf der zwei mächtigsten Völker Europas die französische Erde mit Strömen von Menschenblut tränkte, ruhte in den Gauen Deutschlands jeder innere Twist; fast wollte es scheinen daß endlich einmal ein Engel des Friedens seine Saat ausstreute, und daß die daraus sprossenden Früchte dem haderreichen Deutschland zum frohen inneren Gedeihen ausschlagen würden.

Selbst der tiefste Riß, welcher die deutsche Nation spaltet, der religiöse, schien ausgefüllt zu sein. Katholiken wie Protestanten fühlten sich, wie sie brüderlich neben einander in den Schlachten gestanden, so auch als Brüder im lieblichen Frühroth der wiederaufgegangenen Sonne des Reiches deutscher Nation.

Aber die freudige Hoffnung der deutschen Katholiken auf schöne Tage auch für sie und ihre Kirche wurde durch eine trübe Wolke am politischen Horizonte gestört. Wetterkundige hatten dieselbe seit Monaten vorausgesehen und konnten darum den allgemeinen Jubel nicht theilen; wie einst Kassandra trauerte, als Ilion in Wonne schwamm.

Und diese trübe Wolke ist – das Phantom einer deutschen Nationalkirche.“2

Schreiben konnten die Jesuiten gut, und sie hatten keine Scheu vor starken Bildern, vor Wertungen, vor Pathos – so empfinden wir diesen Stil heute. Von einigen politischen Akteuren wurde damals diese „deutsche Nationalkirche“ vorgeschlagen, geeint zwischen Protestanten und Katholiken, abgespalten von Rom – klar, dass für die papsttreuen Jesuiten jener Zeit diese Idee nur eine „trübe Wolke“ sein konnte und in dem folgenden Artikel argumentativ bekämpft wurde. Heute keimt in manchen kirchlichen Kreisen, auch solchen in Rom und in aller Welt, gegen den „synodalen Weg“ der Kirche in Deutschland eben dieser Verdacht einer nationalen Abspaltung auf – er ist so falsch wie er es damals war. Die Jesuiten sind allerdings seither, wenn man so sagen darf, auf die Seite der Ökumeniker und der Reformer gewechselt.

Im belgischen und niederländischen Exil

Schon 1872, nur ein Jahr nach der Gründung der Zeitschrift, wurden die Jesuiten im erwähnten Kulturkampf aus Deutschland ausgewiesen. Die Redaktion übersiedelte nach Tervuren, bei Brüssel, und blieb dort von 1873 bis 1880. Man war zu Gast auf einem adligen Schloss, es gab Schwierigkeiten mit der belgischen Regierung, und es war nicht leicht, aus dem Ausland heraus für Katholiken in Deutschland zu schreiben und logistisch die Produktion bei Herder in Freiburg zu bewältigen. Das inhaltliche Spektrum wurde bald erweitert: In der Theologie brachte man neben der Systematik auch Beiträge zur Kirchengeschichte und zur Exegese, auch setzten Beiträge sich naturwissenschaftlich und philosophisch etwa mit dem Darwinismus auseinander. Zusätzlich wurden „unterhaltsame Beiträge“ aus Kunst und Kultur aufgenommen, die allerdings etwa bei der Literatur keine Scheu zeigten, gelegentlich polemisch die Klassik abzuwerten. Ergänzt wurde die Themenvielfalt durch – heute nicht mehr vorstellbare – Reiseberichte. Die Abonnentenzahl betrug bis 1914 meist etwa 4000 bis 5000.

Der Kulturkampf wurde verschärft, und 1874 verfügte ein Reichspressegesetz u.a., dass alle Schriftleiter von Periodika deutsche Staatsbürger sein und in Deutschland wohnen müssten. Die „Stimmen“ erschienen fortan nur zehn Mal im Jahr und etwas umfangreicher, um nicht mehr als „Periodikum“ zu gelten. Inhaltlich umging man direkte politische Stellungnahmen und akzeptierte das Kaiserreich. Mit der katholischen Lehre favorisierte man die Staatsform der absoluten Monarchie. Da viele deutsche Jesuiten in alle Welt vertrieben waren, schrieben sie aus dem Ausland vermehrt Beiträge zur Situation der weltweiten katholischen Kirche.

Als 1879 auch in Belgien die liberale Regierung verstärkt gegen die katholische Kirche und die Jesuiten agitierte, beschloss der Orden, die Redaktion in die Niederlande zu verlegen. Ab 1880 residiert sie auf Schloss Blyenbeck, zusammen mit der ordensinternen Ausbildung in Philosophie – die Zusammenarbeit mit den Professoren führte zu einer Zunahme philosophischer Themen in der Zeitschrift. Mit der Enzyklika Aeterni Patris von Papst Leo XIII. (1879) wurde der Neuthomismus als einzige philosophische Lehre in der Kirche durchgesetzt, was sich in naturwissenschaftlichen und philosophischen Artikeln niederschlug. Auch die Geschichts- und Sozialwissenschaften wurden wichtiger, oft mit einer Spitze gegen den Sozialismus. In der Kunstgeschichte lobte man das Mittelalter und insbesondere die Gotik, die Moderne lehnte man weitgehend ab.

Weil in Blyenbeck großer Platzmangel herrschte, zogen die Redaktion und die philosophische Ausbildung 1885 in ein größeres, zunächst angemietetes Anwesen nach Exaten; mit dem dortigen Noviziat waren die Räumlichkeiten getauscht worden, und es gab fortan eine viel bessere Bibliothek. Schloss Blyenbeck wurde in den folgenden Jahren durch den Orden erworben und weiter ausgebaut. Als die Zeitschrift in eine gewisse Krise kam – die Artikel waren zu fachlich, die Abonnentenzahl ging zurück, es gab Konflikte um die Ausrichtung – versuchten die Jesuiten einen Neustart. Aber es blieb schwierig, geeignete Jesuiten finden, die allgemeinverständlich und aktuell schreiben konnten. Der Kulturkampf war abgeflaut, auch wenn das Gesetz, das die Jesuiten aus dem Deutschen Reich auswies, noch lange in Geltung blieb. Aber die Patres konnten immerhin gelegentlich mit Vorsicht nach Deutschland reisen und so Kontakte pflegen.

Kulturthemen wurden nun breiter und leichter lesbar behandelt, die Zeitschrift wurde weniger militant und verfuhr mit gegensätzlichen Meinungen höflicher, aber sie blieb – aus heutigem Blick – sehr katholisch. Die soziale Frage bildete weiterhin einen Schwerpunkt der Artikel; Heinrich Pesch SJ entwarf in seinen Artikeln „mit dem christlichen Solidarismus eine Alternative zum ‚individualistischen Liberalismus und einem kollektivistischen Sozialismus‘“3 – das klingt schon ein wenig nach Papst Franziskus. Die Abo-Zahlen stiegen wieder etwas an, immer wieder flammten allerdings Konflikte auf zwischen den Schriftleitern und den Hausoberen, Provinziälen und Generälen und ebenso zwischen den Redakteuren und den Philosophieprofessoren des Hauses.

Wegen dieser Konflikte und wiederum aus Platzmangel in Exaten suchte man ein neues Domizil für die Redaktion. Der Provinzial setzte mit Unterstützung des Ortsbischofs einen Neubau in Luxemburg durch, der aber von Anfang an umstritten war. Das Anwesen erhielt den Namen „Bellevue“ und war ungewöhnlich großzügig gebaut; die Kosten waren gegenüber der vorherigen Planung auf fast das Doppelte gestiegen – Geschichte wiederholt sich bisweilen doch. Thematisch setzte man sich in den folgenden Jahren mit der angeblichen kulturellen Inferiorität der Katholiken im preußisch-protestantisch geprägten Kaiserreich auseinander, mit dem gerechteren Umgang mit Frauen, mit kirchlichen und theologischen Fragen – streitend zwischen den meist konservativeren Vorgesetzten und einigen offeneren Redaktionsmitgliedern. In der Modernismuskrise (ab 1907) setzte der Schriftleiter Karl Frick SJ eine streng päpstliche, antimoderne und integralistische Linie durch.

Wegen unlösbarer finanzieller Probleme und wegen der bleibenden politischen Unsicherheit stand ab 1909 schon wieder ein Umzug an. Man verkaufte Bellevue an die luxemburgische Regierung, diese richtete dort eine Schule ein. 1911 zog die Redaktion nach Valkenburg/Niederlande um, in das dortige Jesuitenkolleg, in dem seit 1894 der Ordensnachwuchs in Philosophie und Theologie ausgebildet wurde. Wieder waren die Redaktionsmitglieder dem dortigen Rektor unterstellt, der sie eng kontrollierte – eine neue Quelle von Konflikten. Der neue Schriftleiter Hermann Krose SJ öffnete den Kurs der Zeitschrift, vor allem in Kunst und Kultur dachte er weniger konfessionell und offen für moderne Strömungen. Er zog auch liberalere Mitarbeiter an und solche Autoren, die nicht zur Redaktion gehörten, sondern in Deutschland in anderen Aufgaben tätig waren.

Mit neuem Namen in München

Bereits 1913 wurde Krose als zu liberal abgesetzt und durch den vermeintlich strengeren Hermann Muckermann SJ ersetzt, der aber die Zeitschrift gegen die Erwartungen weiter modernisierte und öffnete. Weil mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs der Postverkehr zum Herder Verlag gestört war, konnten die „Stimmen“ nicht mehr pünktlich erscheinen und der Sitz der Redaktion musste wieder einmal verlegt werden. Unabhängig davon änderte man den Namen der Zeitschrift, weil schon seit einigen Jahren die Benediktiner des wiederbesiedelten Klosters Maria Laach ihren Namen für sich reklamiert hatten. Der neue Name „Stimmen der Zeit“ wurde unter anderem deshalb gewählt, weil er die neue Offenheit der Zeitschrift und ihre Absicht zum Ausdruck brachte, sich mit den Strömungen und Fragen der Zeit zu beschäftigen – bis heute eine gelungene Wahl.

München wählte man, weil Bayern im Deutschen Reich die stärkste Katholikenpräsenz hatte, weil auch der König und die Behörden die Jesuiten förderten und weil die Stadt eine kulturelle Metropole war. In der Reichshauptstadt gab es zunächst Widerstand, denn noch galt das „Jesuitengesetz“ von 1872 – es wurde erst 1917 auf Betreiben von Zentrumspolitikern mit knapper Mehrheit abgeschafft. In München wohnten schon vorher einige Jesuiten, allerdings zerstreut, denn eine offizielle Niederlassung war noch nicht möglich. Unter den Kriegswirren, auch unter Not und Hunger litten die Patres in den folgenden Jahren sehr. Auch die Mitglieder der Redaktion waren zunächst auf verschiedene Wohnorte verteilt.

Inhaltlich wurde die Zeitschrift politischer, mit drei Schwerpunkten: „Neues Identitätsgefühl im Nationalstaat, Neutralität gegenüber den Kriegsgegnern mit gleichzeitigem Friedensappell an alle Kriegsparteien sowie eine Analyse der gesellschaftlichen Folgen des Kriegs.“4 Neutralität im aufgeheizten Nationalismus der Zeit: Die Zeitschrift blieb der Linie des Papstes treu – dieser musste sich ja um die gegeneinander kämpfenden Katholiken verschiedener Nationen sorgen.5 Auf Anregung und mit Unterstützung von Bischof Faulhaber von Speyer wurde ab 1915 vierzehntägig eine Feldausgabe der „Stimmen“ produziert; die Broschüren wurden mit einer Auflage von jeweils 50.000 Exemplaren an Soldaten kostenfrei verteilt.

Als das Jesuitengesetz endlich aufgehoben war, konnte 1918 die Redaktion in München ein Gebäude kaufen, in der Veterinärstr. 9 in Schwabing, und sich als „Schriftstellerhaus“ etablieren. Heinrich Sierp SJ übernahm 1917 die Schriftleitung, nachdem Muckermann aus wenig durchsichtigen Gründen abgesetzt worden war. In den folgenden Jahren organisierte sich die Arbeit besser, mit einem festen Stab von Mitarbeitern, die in unterschiedlichen Feldern qualifiziert und gut vernetzt waren. Bedeutende Autoren der Zwischenkriegszeit waren u.a. Max Pribilla SJ, Erich Przywara SJ und Peter Lippert SJ. Politisch hielt man sich weiterhin zurück, den Nationalsozialismus kritisierte man deutlicher erst kurz vor der „Machtübernahme“. Über theologische und pastorale Neuaufbrüche wurde ausführlich berichtet, vor allem über die Jugendbewegung des Quickborn und über die liturgische Bewegung in Burg Rothenfels und in Maria Laach. Die rechtliche, soziale und politische Stellung der Frau wurde eigens thematisiert, etwa befürwortete man – ungewöhnlich damals – die Berufstätigkeit von Frauen. Ab 1928 publizierten in den „Stimmen“ auch Nichtjesuiten und damit auch Frauen; eine der ersten Autorinnen war Edith Stein, die sich für Frauenbildung einsetzte. Die Abo-Zahl stieg an, bis auf 7600 im Jahre 1922; durch Inflation und Wirtschaftskrise sank sie ab 1923 wieder.

Ordensintern setzten sich jedoch die Konflikte fort: Der Generalobere Ledóchowski ermahnte 1922 den aus seiner Sicht zu liberalen Schriftleiter Sierp, die Aufgabe der „Stimmen“ sei „die Vermittlung der kirchlichen Lehre, um ‚Verirrte auf den richtigen Weg zurückzuführen‘ und nicht die wohlmeinende Auseinandersetzung mit gegnerischen Argumenten“6 – ein kirchlicher Richtungskampf, der heute wiederauflebt? Die Redaktion blieb freilich bei ihrer Linie, und der Generalobere verhängte 1926 eine Spezialzensur für Przywara und Lippert; diese wurde zwar bald wieder aufgehoben, aber als neuer Schriftleiter wurde der als konservativ geltende Kunsthistoriker Joseph Kreitmaier SJ eingesetzt, der allerdings die liberalen theologischen Artikel weiter förderte.

Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg

1933/34 blieben die „Stimmen“ vorsichtig und besorgt, aber teilweise auch optimistisch – der nationalsozialistische Spuk könnte bald wieder vorbei sein. In Theorien und Idealen argumentierte man zwar versteckt, aber klar gegen die Nazi-Ideologie. Ab 1934 wurde man deutlicher kritisch, insbesondere setzte Anton Koch SJ im November 1934 scharfe Akzente gegen die antisemitische Schrift Rosenbergs „Der Mythus des 20. Jahrhunderts“. Die Gestapo stoppte daraufhin die Auslieferung dieses Heftes und zensierte die folgenden. Doch Koch publizierte weiter gegen Rosenberg. Auch gegen die Geschichtsverfälschungen der Nazis schrieb man an. 1935 verhängte die Gestapo eine grundsätzliche Vorzensur über die Zeitschrift, vier Monate lang konnte kein Heft erscheinen.

Ab 1936 mussten sich die „Stimmen“ ganz auf theologische und naturwissenschaftliche Beiträge beschränken. Wie der gesamte Orden litt auch die Zeitschrift unter permanenter antijesuitischer Agitation des Staates, u.a. mit Hausdurchsuchungen und mit Papierverknappung. Nach dem Tod von Lippert 1936 kam für drei Jahre Hans Urs von Balthasar SJ in die Redaktion, um den spirituell-theologischen Bereich zu stärken. Ab 1939 arbeitete Alfred Delp SJ in der Redaktion mit. Die „Stimmen“ blieben der Ort, an dem sich der Orden mit dem Nationalsozialismus auseinandersetzte, mit eher versteckter, aber klarer Kritik. Dass sich die Zeitschrift im Vergleich zu anderen doch recht lange halten konnte, lag auch daran, dass man sich äußerlich dem Nazi-Staat anpasste – dahinter steckte ein langes Ringen der Redaktion zur Frage, welches der größere Schaden sei: das frühe Untergehen dieser oppositionellen Stimme oder der als feige erscheinende äußere Kompromiss mit dem Gewaltregime.

Im Jahre 1941 wurde das Schriftstellerhaus beschlagnahmt und enteignet. Die Zeitschrift konnte nicht mehr erscheinen. Die Redaktion zerstreute sich, die meisten Patres widmeten sich seelsorglichen Aufgaben. Delp, der schon länger heimlich im politischen Widerstand gegen den Nationalsozialismus engagiert war, wurde im Gefolge des 20. Juli 1944 verhaftet, in einem Schauprozess vor dem Volksgerichtshof zum Tod verurteilt und am 2. Februar 1945 in Berlin-Tegel hingerichtet.

Wiederbeginn 1946

Im Sommer 1945 wurde das Schriftstellerhaus in München zurückgegeben, verwahrlost und entleert, kalt und eng. Die Redaktion zog ein und hatte, zusammen mit dem Herder Verlag in Freiburg, zunächst große Mühen, von der dortigen französischen Militärregierung eine Zeitschriften-Lizenz zu bekommen. Im Oktober 1946 konnte schließlich das erste neue Heft der „Stimmen“ erscheinen. Programmatisch bringt es als ersten Beitrag eine Meditation von Alfred Delp zum Vaterunser, die dieser im Gefängnis zwischen Todesurteil und Hinrichtung geschrieben hatte:

Auf dieser absoluten Höhe des Daseins, auf der ich nun angekommen bin, verlieren viele bisher geläufigen Worte ihren Sinn und ihren Wert. Ich mag sie nicht einmal mehr hören. Das alles liegt so weit unten. Ich sitze da oben auf meiner Klippe und warte, ob und bis einer kommt und mich hinunterstößt. Die Zeit hat hier oben Engelsflügel bekommen; man hört sie leise rauschen, verhalten und ehrfürchtig vor der absoluten Forderung dieser Höhe. Das gleiche geschieht weit unten und hört sich an wie das ferne Tosen und Toben eines eingeengten Stromes. Zu eng alles, zu eng für die wahren Maße und Aufträge. Das war ja immer die heimliche Ahnung und Meinung: alles sei zu eng. – Zu den Worten, die hier oben ihre Gültigkeit behalten und ihren Sinn neu enthüllen, gehören die Worte der alten Gebete, vor allem die Gebetsworte, die der Herr uns gelehrt hat: …

Eine ausführliche, sehr ergreifende theologische Meditation über das Vaterunser folgt. Der zweite Beitrag des Heftes, „Das Schweigen des deutschen Volkes“, ist ein erster zaghafter Versuch Max Pribillas, den Nationalsozialismus und seine Schrecken zu erfassen und zu verstehen. Der dritte Beitrag „Die Stunde der Caritas“ thematisiert das Elend der Nachkriegszeit: der Flüchtlinge, der Gefangenen und der Bevölkerung der ausgebombten Städte.

Damit waren einige Schwerpunkte der kommenden Jahre präludiert: Die Theologie wurde stärker, mit wegweisenden Beiträgen u.a. von Karl Rahner SJ – er stellte Fragen, die zu jener Zeit noch kaum gehört wurden, aber im Zweiten Vatikanischen Konzil große Bedeutung erlangten. Soziale und wirtschaftliche Fragen wurden vielfach von Oswald von Nell-Breuning SJ behandelt, jahrzehntelang eine führende Figur für den gesellschaftlichen und staatlichen Aufbau der Bundesrepublik Deutschland. Anton Koch SJ war ein Schriftleiter, der viele neue Autoren auch außerhalb der Redaktion gewann und auf Vielfalt der Themen und auf Ausgewogenheit achtete. Nach seinem Bericht war die Zeitschrift einigen „zu katholisch, anderen nicht katholisch genug“7 – diese Einschätzung gilt wohl für ihre ganze Geschichte ab den 1920er-Jahren. Die Abonnentenzahl stieg 1947/48 kurzfristig auf 21.000 – der Hunger nach geistiger Orientierung war in diesen Jahren enorm – und pendelte sich dann für längere Zeit bei etwa 10.000 ein – die Wirtschaftskrise und das größere Angebot an Zeitschriften machten sich bemerkbar.

Das Gebäude in der Veterinärstraße blieb auf Dauer zu klein. Ein Neubau in München-Nymphenburg wurde anvisiert. Den ersten Plan lehnte der Generalobere ab, weil er zu teuer erschien; ein zweiter Plan wurde 1962 genehmigt. Das Gebäude wurde in einer innovativen und aufsehenerregenden Architektur errichtet und 1966 bezogen, zusammen mit der Zeitschrift „Geist und Leben“. Es war ganz in Sichtbeton und großzügig gebaut, aber zugleich jesuitisch-spartanisch eingerichtet. 2003 wurde es aufgegeben und verkauft, diesmal nicht, weil es zu klein war, sondern es war zu groß und zu teuer geworden für die kleiner gewordene Zahl an Jesuiten.

Das Zweite Vatikanische Konzil und die Folgen

P. Wolfgang Seibel SJ, der ab 1957 theologische Beiträge in den „Stimmen“ schrieb, berichtete von 1962 bis 1965 direkt aus Rom über das Konzil. 1966 wurde er Schriftleiter und prägte die Zeitschrift über den langen Zeitraum bis 1998. Mit seinem Namen ist der konziliare Aufbruch der Zeitschrift verbunden: Sie wurde zu einem wichtigen Organ, das das Zweite Vatikanische Konzil theologisch und pastoral reflektierte und in den deutschen Sprachraum hinein vermittelte. Auch die neuen Akzente der Jesuiten fanden breiten Widerhall: Die 32. und die 34. Generalkongregation des Ordens (1974/75 und 1995) definierten als Schwerpunkte der Sendung den Einsatz für Glauben und für Gerechtigkeit, außerdem den Dialog mit der Kultur und mit den Religionen. Wichtige Autoren blieben Nell-Breuning und Rahner, letzterer mit oft kritischen Akzenten und mit Fragen der Neugestaltung kirchlichen Lebens.

Den veränderten Stil beschreibt ein redaktionelles Vorwort, das 1971 zum 100-jährigen Jubiläum der Zeitschrift erschien:

Obwohl wir uns heute zu den gleichen Grundsätzen [gemeint: katholische Grundsätze verteidigen; mit Vernunft und christlicher Lehre die wechselnden Strömungen im Geistesleben beurteilen. Anm. S.K.] bekennen, ist uns die Sicherheit, mit der man damals urteilte, nicht mehr in dieser Selbstverständlichkeit gegeben. Die Erfahrungen der letzten Jahrzehnte machten uns zurückhaltender. Wir wissen, dass sich die Wahrheit nicht leicht in klare, eindeutige Begriffe fassen läßt. Wir sehen deutlicher die Vorläufigkeit menschlichen Wissens und Wollens, wurden hellhöriger für die Anliegen, die sich auch in einer scharfen Religions- und Christentumskritik zu Wort melden. Der Pluralismus des Geistigen, den wir heute auch in der Kirche vorfinden, läßt es schwer, wenn nicht unmöglich erscheinen, eine uniforme katholische Meinung zu allen Fragen der Zeit festzustellen und zu formulieren. … die Spanne des Christlichen ist größer geworden, das Diskursfeld hat sich geweitet. Wir wollen dieser Diskussion der Stimmen und Meinungen ein Forum bieten. Gespräch bedeutet nicht Gerede, Toleranz nicht Mangel an Überzeugung, Offenheit nicht Grundsatzlosigkeit. Die Artikel … sollen informieren und Stellung beziehen, Ja sagen oder Nein. Nur Standorte geben Maßstab und Sicherheit, die Gespräch und Öffnung zum anderen ermöglichen. Nur in engagierter Auseinandersetzung kann Wahrheit erkannt und das heute Aufgegebene gefunden werden. 8

Dieser Ansatz gilt bis heute, vielleicht mit der kleinen Akzentverschiebung, dass die „Stimmen“ weniger Forum für Diskussion sein, sondern vermehrt eigenes Profil zeigen und dazu – durchaus vielstimmig – Ansätze, Thesen und Meinungen vorschlagen wollen.9

Die Abonnentenzahl war vor dem Konzil gesunken, Anfang der 1970er-Jahre stieg sie nochmals auf über 7000, stagnierte dann und fiel wieder langsam. Nach einem leichten Wiederanstieg der letzten Jahre liegt sie derzeit bei etwa 3200 – wer Einblick hat, wie schwer es anspruchsvolle Printerzeugnisse auf dem umkämpften Medienmarkt haben, wird diese Zahl als zufriedenstellend ansehen. Chefredakteure waren von 1998 bis 2009 Martin Maier SJ, danach bis 2017 Andreas R. Batlogg SJ. Mit Ende 2017 wurde die Redaktion in München, die zuletzt in der Kaulbachstraße ansässig war, geschlossen. Seit 2018 arbeitet die Redaktion dezentral, mit einem erneuerten Team, das aus Stefan Kiechle SJ (Frankfurt am Main, Chefredakteur), Klaus Mertes SJ und Philipp Adolphs (beide Berlin) besteht. Durch die Digitalisierung ist solches Arbeiten möglich geworden, auch eine zentrale Bibliothek wird nicht mehr gebraucht.

Ausblick

Sind die „Stimmen“ allzu zeitgeistig?10 Kritiker brachten diesen Einwand immer wieder vor, und wenn man in die Geschichte der Zeitschrift schaut, fallen die häufigen Änderungen ihres „Geistes“ auf. Freilich reagiert eine christliche Kulturzeitschrift immer auf Stimmungen und Präferenzen, Nöte und Forderungen der jeweiligen Zeit und versucht, die christliche Botschaft mit dieser Zeit und ihrer Kultur ins Gespräch zu bringen. Insofern spiegelt sie den Geist einer Zeit wider, doch zugleich denkt sie über den Mainstream hinaus und versucht, in kritisch-unterscheidender Weise Anregungen zum Weiterdenken zu geben. Sie erhebt Stimmen aus der Zeit und zugleich Stimmen für die Zeit. „Zeitgeistig“ ist nicht zuerst pejorativ zu verstehen, sondern wertschätzend.

Wie geht es den „Stimmen“ mit der derzeitigen Glaubensverdunstung und der Kirchenkrise? Ja, Christentum und Kirche werden weniger gehört, haben weniger Einfluss, bilden bald nurmehr eine Minderheit der Bevölkerung ab, und dieser Prozess wird weitergehen, unaufhaltsam. Ja, das Publikum der Zeitschrift, meist gebildete Christinnen und Christen, wird weniger, der Markt bricht ein. Nein, es gibt ein auch säkulares Interesse an Religion, an Werten, ebenso an Gott. Christliche Stimmen sind in veränderter Weise gefragt und werden gehört. Die „Stimmen“ versuchen, aus Vernunft und aus christlicher Tradition zu argumentieren – es zählen die Qualität und die Klugheit der Argumente, sowohl in religiösen wie in säkularen Welten, auch gegen Populismen aller Art und gegen Wahrheitsverdreher.

Und die Digitalisierung der Medienwelten? Ja, digitale Medien arbeiten mit starken Bildern und mit sehr kurzen Texten, mit Schnelligkeit und mit Dauerfeuer, mit Appell an Emotionen und mit Überwältigungsstrategien. Das Leseverhalten hat sich sehr verändert, insbesondere in der jüngeren Generation. Sind die „Stimmen“ in dieser Szene hoffnungslos veraltet? Nun zeigt der Zuspruch der Leserschaft und auch der zahlreichen Autoren und Autorinnen, dass weiterhin ein Bedürfnis nach anspruchsvollen Texten besteht, die gründlich informieren und analysieren, die argumentieren und Position beziehen. Die Realität ist in jedem Fall komplex genug, dass sie diese Gründlichkeit und die Anstrengung des Begriffs erträgt, ja erfordert. Ebenso bedarf eine Meinungsbildung, die auf Fakten und auf Vernunft beruht, eines langen Atems, denn die atemlose Hektik der meisten Medien vertuscht oft, was verdreht und verfälscht ist, und sie belässt Analysen an der Oberfläche.

Werden die „Stimmen“ moderner? Eine alte Dame wird nie ganz modern sein, und sie will es nicht werden. Dennoch erneuern sich die „Stimmen“ behutsam: Das Layout wurde angepasst, das Schriftbild ist lesbarer geworden, mit dem Essay wurde eine aktuelle literarische Form eingeführt. Die Autorenschaft ist jünger geworden, auch weiblicher – auch wenn darin noch viel Luft nach oben ist. Damit sind auch die Themen aktueller geworden. Die Produktion ist etwas schneller geworden, allerdings braucht Gründlichkeit immer ihre Zeit – die Leserschaft weiß und akzeptiert dies.

Orden und Verlag stehen seit 150 Jahren hinter der Zeitschrift und werden sie weiter unterstützen. Die lange Geschichte der „Stimmen der Zeit“ ist für die Redaktion wertvolles Erbe und geistige Verpflichtung. Zu wünschen ist, dass die Zeitschrift ihren Auftrag für Kirche und Gesellschaft auch künftig in sicher weiterhin wechselhaften Zeitläufen erfüllen kann.

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