Unterwegs zur Synode über AmazonienInterview mit Kardinal Cláudio Hummes OFM

Zur Vorbereitung der Amazonassynode im Oktober 2019 gab Kardinal Hummes der römischen Kulturzeitschrift „La Civiltà Cattolica“ ein Interview. Antonio Spadaro SJ, Chefredakteur der „Civiltà“, führte das Gespräch. Mit freundlicher Genehmigung übernehmen wir es, leicht gekürzt und übersetzt aus dem Italienischen von Johannes Beutler SJ.

Am 15. Oktober 2017 berief Papst Franziskus in Rom eine Sondersynode über die panamazonische Region mit dem Ziel ein, „neue Wege für die Evangelisierung dieses Teils des Gottesvolkes zu finden, vor allem für die Indigenen, die oft vergessen werden und ohne Perspektiven für eine gedeihliche Zukunft verbleiben, auch aufgrund der Krise des Amazonas-Waldes, Lunge von grundlegender Bedeutung für unseren Planeten“. Am 8. Juni 2018 wurde das Vorbereitungsdokument veröffentlicht.1

Die Synode über das Amazonasgebiet ist ein großes kirchliches Projekt, das bisherige Grenzen überschreiten und die pastoralen Grundlinien neu bestimmen und an die Gegenwart anpassen möchte. Das Pan-Amazonasgebiet ist ein Landstrich, der sich aus Regionen der Staaten Bolivien, Brasilien, Kolumbien, Ecuador, Peru, Venezuela, Surinam, Guyana und Französisch-Guyana zusammensetzt. Er ist eine bedeutende Sauerstoffquelle für die ganze Erde, da sich hier mehr als ein Drittel der Waldreserven der Welt befindet, und ein Gebiet enormer Bio-Diversität.

An der Synode nehmen alle Bischöfe der Amazonasregion und weitere ausgewählte Bischöfe aus aller Welt teil. Der Papst hat als Berichterstatter der Synode den brasilianischen Kardinal Cláudio Hummes OFM, emeritierten Erzbischof von São Paulo, ernannt. Eine weitere Persönlichkeit von großem Gewicht ist der peruanische Kardinal Pedro Barreto SJ, Erzbischof von Huancayo. Diese sind der Vorsitzende und sein Stellvertretender der „Rete Ecclesiale Panamazzonica“ (Repam). Dieses internationale Netz strebt eine Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Teilen der Kirche an: Diözesen, Ordensgemeinschaften, Caritas, verschiedene katholische Verbände, Stiftungen und Gruppen von Laien. Zu ihren Hauptaufgaben gehört die Verteidigung der Amazonas-Gemeinden, die von Verschmutzung, vom radikalen und raschen Wandel des Ökosystems, von dem sie abhängen, und von mangelnder Beachtung grundlegender Menschenrechte bedroht sind.

 

Herr Kardinal, wir nähern uns der Amazonien-Synode, einem großen kirchlichen Ereignis, das in die Mitte der Reflexion eine bestimmte und besondere Weltgegend stellt, ausgedehnt, dabei aber auch von unglaublichem Reichtum und zugleich großer Komplexität. Aus diesem Grund fürchtet der eine oder andere, dass die kommende Synode Auswirkungen auf die Einheit der Kirche haben könnte. Was meinen Sie dazu?

Heute spricht man viel von der Einheit der Kirche. Sie ist von größter Bedeutung. Doch muss man sie als eine Einheit verstehen, die die Verschiedenheit einschließt, nach dem Vorbild der Heiligen Dreifaltigkeit. Die Einheit darf niemals die Verschiedenheit zerstören. Die Synode legt den Nachdruck konkret auf die Verschiedenheit innerhalb jener großen Einheit. Die Verschiedenheit ist der Reichtum der Einheit, und sie schützt sie davor, sich in Uniformität zu verwandeln. Heute hat sich die Kirche mehr denn je für die Verschiedenheit geöffnet. Die Länder Panamazoniens sind ein Ausdruck der lateinamerikanischen Verschiedenheit, die ohne Ressentiment und mit großer Offenheit von der Kirche Europas und der übrigen Welt aufgenommen werden sollte. Ich wage zu sagen, dass die Synode über Amazonien eine Anerkennung unserer Eigenart bedeutet. Ich sehe das so: Die Kirche Lateinamerikas kann der europäischen und der Weltkirche neue Lichter aufsetzen, so wie die Kirche Europas uns alte und weiterhin wichtige Lichter aufsetzen soll.

Ursprünglich hat das Christentum in der europäischen Kultur einen Ort der In­­kulturation gefunden, mit einem gelungenen Prozess, der bis in die Gegenwart andauert. Doch diese einzige Inkulturation reicht nicht aus. Der Papst vertritt, dass eine einzige Kultur den Reichtum des Evangeliums nicht ausschöpfen kann. Die Kirche will nicht über andere Kulturen herrschen, bei allem Respekt vor der ursprünglichen Inkulturation in Europa.

Wir müssen die Verschiedenheit der Kulturen zu schätzen wissen: Für die Kirche bedeuten sie eine Bereicherung, keine Bedrohung. Die Verschiedenheit bedroht nicht die Einheit der Kirche, sondern verstärkt sie. Es ist sehr wichtig, vor diesen Dingen keine Angst zu haben. So wird es zum Vorteil der ganzen Kirche gereichen, wenn wir miteinander sprechen und gemeinsam versuchen, neue Wege für die Kirche in Amazonien zu finden. Aber immer mit dem Ausgangsunkt bei der spezifischen Reflexion über Amazonien.

Die „Rete Ecclesiale Amazzonica“ hatte eine Begegnung mit Papst Franziskus Können Sie uns etwas von diesem Treffen erzählen und über die Herausforderungen und die Hoffnungen, die der Heilige Vater mit dem synodalen Prozess verbindet?

Am 25. Februar trafen Kardinal Pedro Barreto, Mauricio López, Generalsekretär der Repam, und ich den Papst. Wir informierten ihn über die Vorbereitung der Synode, nach Abschluss der Anhörung und der Konsultation der einzelnen Kirchen Panamazoniens, und über die gesamte bisher geleistete Arbeit. In diesem synodalen Prozess hat unser Netz ernsthaft versucht zuzuhören, und nicht nur zu „sehen, zu urteilen und zu handeln“. Das Zuhören steht am Anfang von allem. Um eine Synode vorzubereiten, muss man zuhören, nicht nur organisieren und Pläne entwickeln.

Die Synode will die Mentalität von vorgegebenen Rahmen und von Plänen überwinden?

Um wirklich zu sehen, muss man zuhören: Analysen dessen, was Amazonien ist, der Identität der Kirche in Amazonien und dessen, was sie tut, reichen nicht aus. Die Synode ist keine synodale Abstraktion, keine allgemeine Idee. Vor allem müssen wir die Völker Amazoniens anhören. Es gilt, die Realität zu vernehmen, die Schreie zu hören. Dieses Bemühen hat methodisch unser Sehen, Urteilen und Handeln bereichert. Wir fragten den Papst, was er uns empfehlen würde. Er antwortete, es käme vor allem darauf an, das spezifische Anliegen der Synode nicht zu verwässern. Sie darf nicht dazu führen, über alles und jedes zu diskutieren, und sie hat nicht die Aufgabe, jedes Ziel, jede Herausforderung und jede Notwendigkeit der Kirche zu behandeln. Es ist offensichtlich, dass ihr Verlauf auch universale Auswirkungen haben wird, doch die Synode hat ein Ziel, das es nicht erlaubt, im Allgemeinen stehenzubleiben. Papst Franziskus ist in diesem Punkt sehr klar: „Verliert das Ziel nicht aus den Augen.“ Dieses Ziel ist Amazonien. „Neue Wege für die Kirche“ heißt: neue Wege für die Kirche in Amazonien und neue Wege für eine inte­­­grale Ökologie in Amazonien.

Franziskus spricht häufig von neuen Prozessen, davon, dass man unterwegs bleiben solle und dass man nicht die Vergangenheit wiederholen, sondern derjenigen Überlieferung folgen solle, die wächst und wachsen lässt, ohne stets die gleichen Dinge zu wiederholen. Werden Sie das schaffen? Ist es möglich?

Wir gehen sicher nicht auf die Synode, um zu wiederholen, was schon gesagt ist, so wichtig, schön und theologisch tief es sein möge. Die Synode dient dazu, neue Wege aufzuzeigen, wo sie sich als notwendig erweisen. Wir brauchen dringend Neues, ohne Angst oder Widerstand. Alt und neu müssen sich verbinden, das Neue muss den Weg bestärken und zu ihm ermutigen. Das Wort des Papstes ist kraftvoll: Wir müssen uns aufmachen und fortschreiten, ohne Widerstand zu leisten. Papst Franziskus sagte uns, wir sollten dem Geist Vertrauen schenken, der voranschreiten lässt. Seit Beginn seines Pontifikats hat er die Kirche ermahnt und ermutigt, sich aufzumachen und nicht zu unbeweglich und ihrer Theologie sicher zu sein, ihrer Sicht der Dinge, in einer Haltung der Verteidigung. Die Vergangenheit ist nicht versteinert, sie muss immer Teil der Geschichte bleiben, einer Überlieferung, die sich auf die Zukunft hin bewegt. Jede Generation muss unterwegs bleiben und voranschreiten, um zum Reichtum dieser großen Überlieferung beizutragen. Werden wir das schaffen? Wir werden uns dem Wirken des Geists anvertrauen.

Die Vergangenheit ist auch von einem kolonialen Erbe bestimmt.

Sicher. Die koloniale Einstellung war auch ein wichtiger Vorbehalt der indigenen Völker gegenüber einigen Pfingstgemeinden, die in ihr Territorium eingedrungen sind und noch eindringen. Der Papst verurteilt jede Form von Neokolonialismus und ermahnt die Kirche, nicht dessen Geist und seine Praxis in ihrer evangelisierenden Mission umzusetzen. Der Papst ruft auf, dass die Kirche die indigenen Völker nicht kolonisiert in ihrem Glauben und in ihrer Spiritualität.

Wie stellt sich die Kirche vor den indigenen Völkern dar? Wie soll die Evangelisierung dieser Völker erfolgen?

Die Inkulturation des Glaubens und auch der interreligiöse Dialog sind notwendig wegen der unzweifelhaften Tatsache, dass Gott auch in den unberührten indigenen Völkern stets gegenwärtig war, in ihren spezifischen Formen und Ausprägungen und in ihrer Geschichte. Sie besitzen eine eigene Gotteserfahrung, so wie andere Völker der Welt, besonders jene des Alten Testamentes. Alle hatten eine Geschichte, in der Gott vorkam, eine schöne Erfahrung der Gottheit, der Transzendenz und einer daraus folgenden Spiritualität. Wir Christen glauben, dass Jesus Christus das wahre Heil und die endgültige Offenbarung bedeutet, die alle Menschen erleuchten soll. Die Evangelisierung der indigenen Völker soll zum Ziel haben, für die indigenen Gemeinden eine indigene Kirche zu bilden, in der sie ihren Glauben mittels ihrer Kultur und Identität, ihrer Geschichte und Spiritualität zum Ausdruck zu bringen.

Auf welchen Widerstand stößt diese Sicht der indigenen Kirche in der Vorbereitung der Synode?

Diese Sicht führt zu Missverständnissen und zu Widerstand. Einige fühlen sich bedroht, da sie meinen, dass ihre Projekte und ihre Ideologien nicht genügend berücksichtigt werden, vor allem die Projekte der Kolonisierung Amazoniens, die noch heute von einem Geist der Herrschaft und der Ausbeutung bestimmt sind: Man kommt, um auszunutzen und um mit vollen Koffern wieder abzureisen, wobei man die örtliche Bevölkerung erniedrigt und sie in Armut zurücklässt. Die Menschen verelenden und finden sich auf einem verwüsteten und verschmutzten Heimatboden wieder. Die Industrie, die Landwirtschaft und andere Produktionsformen behaupten immer häufiger, ihre Tätigkeit sei „nachhaltig“. Das würde bedeuten, dass alles, was wir dem Boden entnehmen oder ihm als Rest wieder zuführen, die Erde nicht daran hindert, sich zu regenerieren und fruchtbar und gesund zu bleiben. Es ist sehr wichtig, diese Widerstände zur Kenntnis zu nehmen, sowohl in der Kirche wie außerhalb ihrer, etwa in Regierungen, Unternehmen und so weiter. Wir müssen zu entscheiden lernen, wie wir uns gegenüber den Widerständen zu verhalten haben und was zu tun ist.

Warum diese Widerstände? Wo kommen sie her?

Die wirtschaftlichen Interessen und das technokratische Paradigma stellen sich jedem Versuch einer Veränderung entgegen und neigen dazu, sich mit Gewalt durchzusetzen, unter Verletzung der fundamentalen Rechte der Völker und der Normen für die Nachhaltigkeit und den Schutz Amazoniens. Aber wir dürfen uns nicht ergeben. Wir müssen Unwillen zeigen, nicht gewaltsam, aber doch auf entschiedene und prophetische Weise.

Wird ein Dialog, eine Begegnung möglich sein?

Wir sollen uns nicht dem naiven Gedanken hingeben, alle seien zum Dialog bereit. Viele sind nicht dazu bereit. Wir müssen zuerst unseren Unmut zeigen und prophetisch reden, doch dann müssen wir verhandeln und uns abstimmen, und so werden wir vielleicht erreichen, dass die Gegenseite in den Dialog eintritt. Jesus selbst hat uns eingeladen, in solchen Situationen zu verhandeln, wenn er sagt: „Wenn einer von euch einen Turm bauen will, setzt er sich dann nicht zuerst hin und berechnet die Kosten, ob seine Mittel für das ganze Vorhaben ausreichen?“ (Lk 14,28). Die Kirche in Amazonien weiß gut, dass sie prophetisch sein muss, nicht nachgiebig, denn die Situation ist dramatisch: Durchgehend werden Menschenrechte verletzt, das gemeinsame Haus verkommt. Noch schlimmer ist: Die Verbrechen bleiben zumeist ungesühnt.

Prophetisch zu sein, hat die Kirche Lateinamerikas seit Jahrzehnten eingeübt. Prophetie bedeutet nicht nur zu schreien, anzuklagen und mit dem Finger auf andere zu zeigen, sondern mehr: Wir bereichern den Geist der Anklage und des Dialogs durch Zartgefühl. Wie schaffen wir das? Die Prophetie muss neue Wege suchen, die helfen, den anderen Lichter aufzusetzen und einen Dialog aufzunehmen. Ich glaube, dass das Gespräch uns in den Stand versetzt zuzuhören und uns bereit zu machen, das Licht des Evangeliums Jesu Christi zu empfangen.

Jemand sieht in der Inkulturation, das heißt im Eintauchen in eine bestimmte Kultur, und der Interkulturalität, das heißt dem Dialog zwischen Kulturen, einen Gegensatz: allgegenwärtige Themen bei den Bemühungen einer Kirche, die den Kontakt mit den Indigenen Amazoniens sucht. Was halten Sie davon, und wie kann man dieses Thema kreativ in den synodalen Prozess einbringen?

Inkulturation und Interkulturalität sind keine Gegensätze, sondern gehören zusammen. Die Inkulturation ist absolut notwendig, und ebenso ist es die Interkulturalität, zumal es in Amazonien – und auf der ganzen Welt – so viele und vielfältige Kulturen gibt.

Wir müssen zwischen einer „indigenistischen“ und einer „indigenen“ Kirche unterscheiden. Wir suchen heute, vor allem nach den großen Bischofskonferenzen des lateinamerikanischen Episkopats, eine „indigenistische“ Kirche zu sein, die die Indigenen als Gegenstand der Seelsorge betrachtet, aber noch nicht als Protagonisten ihrer eigenen Glaubenserfahrung. Das reicht nicht: Das Ziel bleibt eine indigene Kirche.

Soweit ich verstanden habe, leistet der brasilianische „Consiglio indigenista missionario“(Cimi) eine gute Arbeit.

Sicher ist der Cimi ein leuchtendes Beispiel und leistet hervorragende Arbeit: Er liefert Daten und Fakten über indigenes Leben, und er bringt Gewaltausübung in die Öffentlichkeit. Man kann die Tatsachen gut oder schlecht interpretieren, aber sie sind nicht zu leugnen: Unrecht passiert, Menschenrechte werden verletzt, Indigene werden ermordet, die Verteidiger ihrer Rechte werden kriminalisiert. Dabei verfolgt der Cimi diese Aufgabe mit steter Wachsamkeit. Das führt zur Irritation mancher Regierung und all jener, die andere Interessen verfolgen

In diesem Falle agiert die indigenistische Kirche in einer Weise, die unbequem wird. Aber gerade für uns als Kirche ist es wichtig, mit Daten und Tatsachen aufzeigen zu können, warum wir uns erregen. Der Cimi hat uns in Brasilien geholfen, eine indigenistische Kirche zu sein, welche die Rechte der Indigenen, etwa der ribeirinhos, der Flussleute, und die aller Völker verteidigt, vor allem in den Missionsgebieten.

Welchen Schritt muss eine „indigene“ Kirche ergreifen?

Wir wissen jetzt, dass noch ein anderer Schritt notwendig ist: Wir müssen eine indigene Kirche für die indigenen Völker fördern und wachsen lassen. Die Gemeinden von Ureinwohnern, die das Evangelium in dieser oder jener Weise vernehmen und es annehmen, das heißt Jesus Christus annehmen, müssen in den Stand gesetzt werden, dass ihr Glaube in einem geeigneten Prozess in ihrer traditionellen Realität Gestalt annimmt und seinen kulturellen Ausdruck findet. Dann kann im Kontext ihrer Kultur und Identität, ihrer Geschichte und Spiritualität eine indigene Kirche mit eigenen Hirten und ordinierten Amtsträgern entstehen, immer in Einheit mit der universalen katholischen Kirche, aber inkulturiert in den indigenen Kulturen.

In der Geschichte der indigenen Völker finden sich zahlreiche Spuren Gottes. Gott ist in ihrer Geschichte stets gegenwärtig gewesen. Aus ihrer Identität und Kultur können sie deutliche Zeichen der Gegenwart Gottes ersehen. Diese jahrtausendealten Völker stammen aus einer anderen Wurzel als jene Europas, ebenso wie jene Afrikas, Indiens oder Chinas. Wir müssen inmitten ihrer Identität und Spiritualität und ausgehend von ihrer Beziehung zur Transzendenz eine Kirche mit indigenem Antlitz schaffen.

Welche Art von kirchlichem Dienst ist für diese Wirklichkeit der Kirche Panamazoniens notwendig? Welche Profile von Priestern, Missionarinnen und so weiter sind in dieser kulturellen Situation notwendig?

Oft versuchen wir, die Modelle der europäischen Priester auf die indigenen Priester zu übertragen. Freilich hat man zurecht bemerkt, dass dem Profil des geweihten Amtsträgers zu viel Bedeutung und Priorität beigemessen wird und nicht der Gemeinde, die ihn aufnehmen soll. Es muss umgekehrt sein: Die Gemeinde ist nicht für ihren Amtsträger da, sondern der Amtsträger für seine Gemeinde. Er muss den Bedürfnissen der Gemeinde entsprechen.

Dieses Bedürfnis der Gemeinde muss uns wohl dazu führen, an differenzierte Dienste zu denken, ausgehend von der Tatsache, dass eine bestimme Gemeinde an einem bestimmten Ort eine spezifische Präsenz erfordert. Versuchen wir nicht, eine geschichtliche Gestalt zu verteidigen, an die sich ein Amtsträger ohne mögliche Änderungen zu halten hat, so dass die Gemeinden ihn hinzunehmen und zu behalten haben, da er so geschickt wurde. Ja, die Amtsträger sind gesendet, aber die Weise der Sendung muss auf diese konkrete Gemeinde Rücksicht nehmen, die eigene und spezifische Bedürfnisse hat. Auch die Dienste müssen von der Gemeinde ausgehen: von ihrer Kultur, von ihrer Geschichte und von ihren Bedürfnissen. Eben das ist die Öffnung.

Die indigene Kirche entsteht nicht durch Dekret. Die Synode muss einen Prozess erlauben, der die notwendige Freiheit besitzt und die eigene Würde jedes Christen und jedes Gotteskindes berücksichtigt. Darin liegt die Größe dieser Synode. Der Papst weiß, von welch geschichtlicher Bedeutung sie für die ganze Kirche sein kann. Doch der einzuschlagende Weg fordert uns auf, darauf zu achten, nicht das Bestehende zu reproduzieren und zu wiederholen.

In der Enzyklika Laudato si‘ stellt der Papst klar heraus, dass die Situation planetarischer Krise nicht geleugnet werden kann. Und er fügt dieses Thema der künftigen Synode mit der Aufforderung zu einer „integralen Ökologie“ ein. Wie soll sich Kirche in dieser Situation einer schwerwiegenden Umweltkrise verhalten?

Die integrale Ökologie ist eine wunderbar neue Wirklichkeit, mit der uns der Papst konfrontiert. Sie stellt von Grund auf die gegenwärtigen Modelle von Entwicklung und Produktion infrage, die sich ihrerseits auf die rationalen, wissenschaftlichen und technischen Prämissen der Neuzeit stützen, auf denen das technokratische Paradigma der Neuzeit beruht, und die nicht bereit sind, die Auswirkungen einer integralen Ökologie anzuerkennen. Das technokratische und dominierende Paradigma setzt sich durch, zwingt sich auf und macht, was es will. Das Schema stammt letztlich aus der Moderne. Es ist das Ergebnis der sogenannten „kopernikanischen Revolution“ der modernen Philosophie: Nicht mehr das Objekt ist dasjenige, was überdacht und analysiert wird wie in der klassischen Philosophie, sondern das denkende Subjekt, die Subjektivität. Dies war ein beachtlicher Schritt nach vorne, der große Reichtum der Moderne.

Doch zahlreiche Interessen haben diese Eroberung verändert: Sie haben sie in Subjektivismus, in Individualismus und dann in Liberalismus verwandelt, der über die kopernikanische Wende der Philosophie hinaus zur Geburt der modernen exakten Wissenschaft und deren Anwendung in der Technik geführt hat. Von hier aus hat sich ein enormer, immer stärker ausgebauter technischer Fortschritt ergeben, der dem Menschen eine ungewöhnliche Fähigkeit zu Eingriffen in die Natur ermöglicht hat. Er hat dem Menschen erlaubt, immer mehr Güter herzustellen, und zwar zu einem beliebigen Preis auf Kosten sowohl der Natur als auch der menschlichen Gemeinschaften. Diese immer weiter ausgebaute Technologie wird dazu benutzt, den Planeten auszubeuten. Sie wird so genutzt, als kämen wir von woanders, von draußen, und der Planet wäre etwas, das wir unterwegs gefunden hätten und das wir skrupellos ausnutzen, in seinem Wert mindern und ausbeuten könnten. Die Technik ermöglicht es dem Menschen, immer mehr materielle Güter aufzuhäufen. Die indigenen Völker sammeln hingegen keine materiellen Güter, sondern soziale Beziehungen, mit den Mitmenschen und mit dem Universum. Sie lehren uns, dass die kommunitären Beziehungen viel wichtiger sind.

Dieses technokratische Modell, von dem Sie sprechen, lastet wie eine schwere Bedrohung auf unserem Planeten.

Es tut dies, da es eine integrale Ökologie nicht akzeptiert und nicht wissen will, dass wir Kinder dieser Erde sind; wenn wir ihr Schaden zufügen, fügen wir ihn letztlich uns selber zu. Nach der Bibel ist der Mensch von Gott aus dem Lehm dieser Erde geschaffen. Aus der Erde entspringen wir, sie ist die „Mutter Erde“, wir sind Kinder der Erde. Wir kommen hier zur Welt, wir kommen nicht von draußen. Unser Leib ist aus Bestandteilen dieser Erde geformt. Gott hat diesem Leib den Geist, den Lebensodem, eingehaucht, der aus der Erde stammt. Da wir von der Erde stammen, sind wir Geschwister aller Geschöpfe. Und der Papst sagt, dass wir Menschen, insofern wir mit Verstand und freiem Willen ausgestattet sind, eine besondere Aufgabe haben: Wir sollen die Sorge für die gesamte Erde übernehmen, denn Gott hat uns den Verstand und die Fähigkeit zu lieben gegeben und uns aufgetragen, zu sorgen und die Erde, die uns ernährt, gut zu verwalten. Aber wir können uns diesen Unterhalt nicht auf Kosten anderer geschaffener Wesen und der anderen Brüder und Schwestern aneignen. Alles ist miteinander verbunden.

Hat die integrale Ökologie ein theologisches Fundament? Gibt es eine theologische Sicht, die bei Ihnen gereift ist?

Papst Franziskus hat davon gesprochen. Die wichtigste Dimension der integralen Ökologie besteht nach seinen Worten darin, dass Gott sich in Jesus Christus in eine endgültige Beziehung zu dieser Erde begeben hat. Da Gott in Beziehung steht, ist alles miteinander verbunden. Gott selbst hat sich durch die Menschwerdung Jesu Christi gebunden, und Jesus ist der Zielpunkt, zu dem wir alle unterwegs sind. Es gibt wunderbare Texte, die davon sprechen, dass er das Ziel ist, zu dem alle Geschöpfe unterwegs sind, denn sie sind nicht um unsertwillen da. Ihr letztes Ziel ist transzendent, es ist Gott. Sicher, wir bedürfen der Geschöpfe, um uns am Leben zu erhalten, doch ihre Berufung ist transzendent, und wir müssen in ihrem Namen den Herrn loben und sie zu Gott führen. In der Tat werden sie alle eines Tages auf geheimnisvolle Weise aufgrund der Auferstehung am endgültigen Reich teilnehmen. Gott wird seine Schöpfung nicht zerstören, sondern sie österlich verwandeln.

Der auferstandene Jesus Christus ist der Gipfel, zu dem wir unterwegs sind, und das Modell, das eine erste Enthüllung dessen vermittelt, wie unser Weg verlaufen wird. Die Menschheit bewegt sich nicht im Kreis, ohne Orientierung, ohne Sinn. Wir müssen wandern. Es gibt eine reale Zukunft. Der auferstandene Jesus Christus ist der große transzendente Punkt, zu dem wir unterwegs sind. So schließt die integrale Ökologie all dies ein. Man sollte die Christologie neu schreiben: Schon der Apostel Paulus schreibt über diesen Zielpunkt eines fortschreitenden Weges. Pierre Teilhard de Chardin SJ hat in seinen Studien zur Evolution davon gesprochen. Alle Theologie und Christologie, ja auch die Sakramententheologie sind von diesem großen Licht her neu zu lesen, gemäß dem alles „miteinander verbunden“ ist.

Es gibt ein brasilianisches Lied, in dem es heißt: „Tudo está interligado, como se fóssemos um, tudo está interligado nesta casa comum“ („Alles ist miteinander verbunden, so als wären wir eins, alles ist miteinander verbunden in diesem gemeinsamen Haus“). Gott selbst steht endgültig in Beziehung mit unserem gemeinsamen Haus. Ich glaube, dass der Begriff der integralen Ökologie die ganze Arbeit erleuchtet, die wir in Amazonien leisten müssen, um auf dem Weg der Synode Einheit zu erleben.

Die „Rete Ecclesiale Panamazzonica“ nimmt am Prozess der Vorbereitung der Synode teil. Woher kommt sie?

Das Netz geht zurück auf die Idee der Fünften Lateinamerikanischen Bischofskonferenz in Aparecida, an der auch Papst Benedikt XVI. teilnahm und uns dabei mit einem höchst bemerkenswerten Beitrag überraschte: Er öffnete sich gegenüber einer Welt, die nicht die seine war. Obwohl er zu einer europäischen Welt gehörte, ging er in den Dialog zusammen mit uns, gegenüber dem Volk, dem Land, Lateinamerika.

Was ist in Aparecida geschehen? Auch Kardinal Jorge Bergoglio SJ war, wie wir wissen, dort.

Ja, auch der Erzbischof von Buenos Aires nahm teil. Zu dieser Zeit sprach man von der Notwendigkeit, im Zusammenhang mit Amazonien einen pastoralen Plan aufzustellen, und Papst Franziskus erinnert sich heute, dass er sich dort der Herausforderung durch Amazonien bewusst wurde. Zunächst war für ihn als Erzbischof und Bürger von Buenos Aires Amazonien eine weit entfernte Realität, wie eine Geisterwelt. Durch den Nachdruck der brasilianischen Bischöfe auf die Fragen von Amazonien wurde bei ihm in Aparecida das Interesse hierfür geweckt und er verstand, dass es sich um eine wichtige Frage handelte.

Die Rede eines pastoralen Planes für Amazonien fiel damals etwas aus dem Rahmen, denn die Bischofskonferenzen sind national, Amazonien hingegen ist eine grenzüberschreitende Region, die neun Länder umfasst. Zunächst haben die betroffenen nationalen Bischofskonferenzen das, was sich auf Amazonien bezog, in die nationalen pastoralen Pläne eingefügt. Jetzt, nach Aparecida und vor allem nach der Ankündigung der Synode für Amazonien gilt es, an einen spezifischen pastoralen Plan für Panamazonien zu denken. Dies entbindet dabei jedoch die betroffenen Bischofskonferenzen nicht von ihrer Verantwortung für ihr amazonisches Gebiet. So entsteht eine neue Situation, eine Art neues kirchliches Subjekt, und es gilt, dieses zu verstehen und sich nach und nach anzueignen. Der Papst spricht von einer Dezentralisierung, und jede Dezentralisierung ist irgendwie auch schmerzhaft, denn sie beschneidet ein wenig die Macht und das Ansehen des Zentrums.

Die Repam nimmt sich gerade vor, ein Netz zwischen den verschiedenen Realitäten der neun amazonischen Länder zu schaffen; ein Netz, das nicht als eine weitere Einheit mit eigenen Projekten angesehen werden sollte, sondern als ein Dienst mit dem Ziel, alle Einheiten zur Geltung zu bringen: die Gemeinden, die Missionare, die kirchlichen Funktionsträger im betreffenden Gebiet und die Initiativen zur Erhaltung Amazoniens. Alle sollen in dieses Netz eintreten und sich nicht isoliert fühlen, im Urwald verirrt. Es ist ein Dienst, der von den Bischöfen und den örtlichen Missionaren abhängen wird, die sich in dieses Netz einbezogen fühlen sollen.

Und der Papst? Wann hat er zu Ihnen von der Synode gesprochen?

Schon 2015 sagte der Papst zu mir: „Ich denke daran, eine Versammlung aller Bischöfe Amazoniens abzuhalten. Ich weiß noch nicht, welche Art von Zusammenkunft oder Versammlung, doch ich denke, es könnte auch eine Synode sein.“ Er hat mir gesagt: „Beten wir zusammen“, und er hat angefangen, mit Bischöfen der amazonischen Länder darüber zu reden, wie eine solche Versammlung durchgeführt werden könnte, und so ist in ihm die Idee der Synode gereift, bis sie 2017 einberufen wurde. Wir haben viel für die Synode gearbeitet, und wir werden damit fortfahren in diesem für die Zukunft der Kirche so wichtigen Dienst. Die Synode dient dazu, neue Wege für die Kirche zu finden und zu entwerfen.

 

Das Interview erschien ursprünglich in: La Civiltà Cattolica 4054. vol. II, 343-356.

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