Rezensionen: Theologie & Kirche

Bogner, Daniel: Ihr macht uns die Kirche kaputt … doch wir lassen das nicht zu! Freiburg: Herder 2019. 160 S. Gb. 16,–.

Noch ein Buch mit der altbekannten Agenda des Reformkatholizismus? Ja und nein.

Ja: Der Autor, seit 2014 Moraltheologie in Fribourg/CH, verheiratet und Vater von drei Kindern, bezieht deutlich Position zu den bekannten Fragen der (mangelhaften) Rechtskultur in der katholischen Kirche; der ausbleibenden Geschlechtergerechtigkeit; des Leitungsversagens, insbesondere auch im Zusammenhang mit klerikalen Machtmissbrauch. Er unterzieht Versuche, die Bedeutung dieser Fragen durch kosmetische Veränderungen, Klammern an Strohhalme, Verharmlosungen und Totschlagargumente herunterzuspielen, einer Prüfung und verwirft sie.

Andererseits: Nein. Es gehört ja zum Gestus der resignierten, zynisch gewordenen Fraktion, abzuwinken, wenn die seit Jahrzehnten auf der Tagesordnung stehende Agenda einmal wieder nach vorne gebracht wird. Doch der Ton macht die Musik – und Resignation im Übrigen schwerhörig. Dass die Missbrauchskrise die Strukturkrise in der katholischen Kirche neu und mit neuer Dringlichkeit offenlegt, lässt sich der Autor nicht durch die diffamierende Kampfformel vom „Missbrauch des Missbrauchs“ ausreden. Er setzt dagegen bewusst bei der Frage der Kirchenverfassung an (19-36). „Das Recht ist deswegen nicht belanglos, weil es für die Gemeinschaft eine lebenswichtige Funktion erfüllt“ (37). Bogner ist – gut katholisch – nicht bereit, die Bedeutung von Kirchenrecht und überhaupt von institutioneller Verfassung der Glaubensgemeinschaft kleinzureden. Das gibt seinen Ausführungen einen sehr konstruktiven Drive.

Am meisten berührt mich Bogners Beschreibung des Dilemmas, in dem sich viele Gläubige angesichts des über Jahrzehnte angehäuften Reformdrucks befinden: „Als Kirchenmitglied, das die Probleme und Skandale sieht, aber immer noch gläubiger Mensch bleibt, befindet man sich in einer schwierigen Lage“ (121). Entweder tritt man aus oder man bleibt im toten Winkel sitzen (vgl. 117-134). Aber in beiden Fällen bedeutet das nicht, dass einem die Kirche gleichgültig geworden ist. Die „Ausgemeindung“ von „Taufscheinchristen“ und auch der Ausgetretenen „wird dem Phänomen des religiösen Glaubens an sich und vielen Menschen nicht gerecht.“ (123) Das gilt auch für Konfessionswechsel (vgl. 124). Doch gerade dieses Dilemma führt eben bei vielen Katholiken zu einer problematischen Passivität: Leiden unter den realen Verhältnissen in der Kirche, gleichzeitig nicht von der Kirche lassen können.

„Laute“ Szenarien wie Kollaps des Systems, Revolution oder zeitweiligen „shutdown“ sieht Bogner nicht auf die Kirche zukommen, vielmehr ein „stilles Verkümmern“. Die Vielen aber, „deren Sehnsucht nach kirchlicher Heimat geblieben ist“, finden sich dann „verlassen wieder, bar der metaphysischen und spirituellen Gehilfen einer Glaubensgemeinschaft und ohne den Resonanzraum, den die Kirche bietet und der so nötig ist…“ (134). Genau das ist der tiefe Grund, warum Bogner nicht zulassen will, dass die Kirche durch Unterlassung von Leitung oder durch autoritäre Interventionen top down – oder beides gleichzeitig – kaputtregiert wird. Ein ermutigendes Buch aus dem Geist des „sentire cum ecclesia“.

               Klaus Mertes SJ

 

 

Marzano, Marco: Die unbewegliche Kirche. Franziskus und die verhinderte Revolution. Freiburg: Herder 2019. 240 S. Gb. 22,–.

Der Kaiser hat keine Kleider an – so könnte man verkürzt Marco Marzanos Sicht auf Papst Franziskus wiedergeben. Er hält den Papst weder für den großen Reformer, noch für die katholische Kirche gefährlich. Er glaubt nur nicht, dass er irgendetwas bewirkt hat oder bewirken wird.

Marzano tut gut daran, gleich zu Beginn den Begriff „Revolutionär“ für Papst Franziskus abzulehnen, damit trifft er eine auf Buchdeckeln gerne verwendete Charakterisierung. Dann aber schießt er über das Ziel hinaus, indem er jegliche dem Papst positiv gegenübertretende Analyse als „oberflächlich“ und „Apologetik“ bezeichnet.

Ein Leseproblem hat das deutschsprachige Publikum: Marzano bezieht sich auf einen Wahrnehmungs-Hintergrund, wie es ihn in der deutschsprachigen Öffentlichkeit so nicht gibt. Die unkritischen Jubel-Medien sind wenn überhaupt ein italienisches Phänomen, die Übersetzung in die deutsche Sprache hat die Übersetzung in die deutschsprachigen Realitäten nicht mitgemacht.

Marzano arbeitet in seinem Buch mit einem soziologischen Modell, das er auch offenlegt. Seine Einsichten sind schonungslos und hilfreich dabei, die Dimension dessen zu verstehen, was das Projekt einer „Reform“ der Kirche um ihrer Zukunftsfähigkeit willen mit sich bringt. Ob Papst Franziskus hier wirklich etwas geleistet hat, lässt sich wunderbar an Marzanos Thesen debattieren: Seine These vom „unsicheren Reformismus Papst Bergoglios“ ist jedenfalls gut belegt und nachvollziehbar. Leider bleibt Marzano aber strukturell, Reform sei ausschließlich die „absichtliche Veränderung der Struktur einer Organisation“. Damit muss ihm aber eine religiöse Gruppe wie die Kirche notwendigerweise fremd bleiben. Auch seine Bezüge zum Konzil, zur Theologie oder zum Glauben bleiben letztlich im Strukturellen hängen.

Abzulesen ist das vor allem an seinen prinzipiellen Kategorien: Er kommt über die letztlich im 19. Jahrhundert Europas verorteten Bezeichnungen „progressiv und konservativ“ nicht hinaus. Seine eigenen Reform-Forderungen an die Kirche sind denn auch völlig europäisch, die weltkirchliche Perspektive und die Spannung, die in den Unterschiedlichkeiten liegt, sind ihm völlig fremd: Ihm ist glasklar, was modern, fortschrittlich und zeitgemäß zu sein hat, kulturelle Unterschiedlichkeiten kann es nicht geben.

Der Kern des Buches liegt im zweiten der drei Teile, überschrieben „Warum die Kirche sich nicht ändert“. Es ist ein soziologischer Blick auf die katholische Kirche, bei dem es letztlich nicht um Papst Franziskus geht. Dass Marzano hier wunde Punkte analysiert, steht außer Frage, sein Vergleich mit der Anglikanischen Weltgemeinschaft etwa hat aus organisations-soziologischer Sicht sehr viel Interessantes zu bieten.

Wenn Marzano sich auf seine Hauswissenschaft Soziologie beschränkt hätte, dann wäre das Buch in der Debatte, was eigentlich von Papst Franziskus und einer Reform der Kirche zu erwarten ist, hilfreich. Dadurch dass diese Beschränkung fehlt, übernimmt sich das Buch.

               Bernd Hagenkord SJ

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