Vom Hindernis der Kirchenspaltung

„Für mich ist die fortdauernde Kirchenspaltung der große Anachronismus unserer Zeit.“ Der ehemalige Bundestagspräsident Norbert Lammert hielt am 4. Juni 2017 einen Vortrag in der Versammlung des Jesuiten-Kollegs in St. Blasien. Vor Ordensleuten, Vertretern der Stadt sowie Lehrern, Eltern und Schülern referierte er über die Ursachen der Kirchenspaltung und das Verhältnis von Politik und Religion. Für die „Stimmen der Zeit“ wurde der Text redaktionell bearbeitet. (Red.)

Das große Reformationsjubiläum, das wir in diesem Jahr in bemerkenswerten Versuchsanordnungen begehen – Staat und Kirche, Gläubige und Ungläubige, Katholiken und Protestanten – ist ein besonders guter Anlass, auch über das Verhältnis von Religion und Politik nachzudenken, zumal unter Historikern kein Zweifel daran besteht, dass die Reformation ein herausragendes Ereignis sowohl der Kirchengeschichte wie der Kulturgeschichte und der Nationalgeschichte unseres Landes gewesen ist. Es gibt umso mehr Anlass, darüber nachzudenken, weil wir heute in Zeiten und in Gesellschaften leben, die wir als säkular bezeichnen, regelmäßig verbunden mit dem weit verbreiteten Missverständnis, der Preis der Moderne sei der Verzicht auf Religion, was schon deswegen nachweislich falsch ist, weil es statistisch gesehen noch nie so viele Menschen auf diesem Globus gegeben hat, die sich einer Religionsgemeinschaft zugehörig fühlen. Dabei ist zugegebenermaßen der geringste Bekenntniszuwachs in Europa zu verzeichnen, was das Missverständnis beinahe schon erklärt.
Auch jenseits der Zahlen, die für sich sprechen, ist in den Gesellschaften der fundamentale Zusammenhang zwischen ihrem Selbstverständnis, ihrer inneren Stabilität und ihren grundlegenden Orientierungen und Überzeugungen, die es gibt oder eben nicht gibt, schwerlich zu übersehen und kaum zu bestreiten. Jürgen Habermas, der sich selbst als einen religiös unmusikalischen Menschen bezeichnet, hat dazu in einer seiner zahlreichen Schriften und Reden zur Verfassung moderner Gesellschaften festgehalten:

„Religiöse Glaubensüberlieferungen und religiöse Glaubensgemeinschaften haben seit der Zeitenwende von 1989/90 eine neue und bis dahin nicht erwartete politische Bedeutung gewonnen.“

Wie viel Religion erträgt eine moderne aufgeklärte Gesellschaft? Und wie viel Religion braucht ein moderner demokratischer Staat? Beide Fragen lassen sich nach meiner Überzeugung nicht unabhängig voneinander beantworten.

„Religionen handeln von Wahrheiten, Politik von Interessen“

Ich will mit dem Hinweis beginnen, dass Politik und Religion zwei offenkundig unterschiedliche, aber jeweils bedeutende, formell oder informell mächtige, rechtlich oder faktisch bindende Gestaltungsansprüche gegenüber unterschiedlichen Gesellschaften sind. Schon deswegen können Politik und Religion einander nicht gleichgültig sein, und sie sind gewiss nicht identisch. Wenn man nach dem jeweiligen Kern von Religion und Politik fragt, könnte die Antwort lauten: Religionen handeln von Wahrheiten, Politik von Interessen. Interessen sind nicht wahrheitsfähig und Wahrheiten sind nicht mehrheitsfähig. Das allein stellt sicher, dass sich Politik und Religion mit ihren jeweiligen Gestaltungsansprüchen stets in einem unaufhebbaren Spannungsverhältnis befinden.
Ich widerstehe jetzt tapfer der Versuchung, der ebenfalls spannenden Frage nachzugehen, ob nicht auch in Religionen, jedenfalls in Kirchen, was ja nicht ganz dasselbe ist, Mehrheitsabstimmungen über relevante Sachverhalte vorstellbar sind – und begnüge mich mit dem Hinweis, dass ich den Umstand, dass die katholische Kirche ihr Oberhaupt regelmäßig durch Wahlen ermittelt, für eine der wichtigsten Stützen meines Glaubens an die Institution Kirche halte, weshalb sich mir übrigens bis heute nicht erschließt, warum das für die Benennung von Bischöfen nicht auch möglich sein soll.
Ich bleibe bei meinem Zuständigkeitsbereich und weise noch auf ein anderes weit verbreitetes Missverständnis in modernen demokratischen Gesellschaften hin: Jeweilige Mehrheiten nehmen das bloße Vorhandensein der Mehrheit in einer Abstimmungsfrage bereits für den Nachweis der Richtigkeit ihrer Meinung – was schon rein logisch nicht nachvollziehbar ist, denn hätte man die Richtigkeit dieser Meinung bereits nachweisen können, hätte die Abstimmung darüber erst gar nicht stattfinden müssen. Wer sich an Abstimmungen beteiligt, räumt ein, dass er nicht über Wahrheiten verfügt, sondern über Anliegen, Auffassungen und Interessen, und der Fortschritt der Zivilisation besteht ganz sicher darin, dass wir die Legitimität dieser unterschiedlichen Anliegen, Auffassungen und Interessen als selbstverständliche Grundlage unseres Zusammenlebens akzeptieren. Oder mit Blick auf die Reformationsgeschichte gesprochen: Erst die Einsicht in die Aussichtslosigkeit einer abschließenden Beantwortbarkeit der Wahrheitsfrage hat im Gang der Geschichte die moderne Demokratie möglich gemacht. Wüssten wir, was wahr ist, bräuchten wir die Demokratie mit ihren Abstimmungsverfahren nicht. Wir bräuchten dann allerdings verlässliche Verwalter ewiger Wahrheiten, die wir glücklicher oder unglücklicher Weise nicht haben.
Die Vorstellung, moderne Gesellschaften bräuchten Religionen nicht, ist, wie zu Beginn erwähnt, empirisch widerlegt. Jedenfalls brauchen die meisten Menschen offenkundig ein System von Orientierungen, das in einer immer komplizierteren Welt Halt ermöglicht. Dass im Übrigen Gesellschaften nicht durch Märkte zusammengehalten werden und schon gar nicht durch Geld, spricht sich inzwischen doch herum, und bei genauem Hinsehen führt auch kein Weg an der Einsicht vorbei, dass auch Politik eine Gesellschaft nicht zusammenhält, schon gar nicht alleine. Denn das Regelsystem der Politik entfaltet seine Plausibilität erst aus Kontexten, die ihrerseits nicht politischen, sondern kulturellen Ursprungs sind. Das, was eine Gesellschaft im Inneren zusammenhält, ist Kultur, Kultur nicht im engeren Sinne von Kunst und Kultur verstanden, sondern Kultur verstanden als die Summe der Erfahrungen, die eine Gesellschaft mit sich selbst gemacht hat – in einer gemeinsamen Sprache, mit gemeinsamer Geschichte, gemeinsamen Traditionen, gemeinsamen Überzeugungen, die von einer Generation zur nächsten übermittelt werden und von deren Geltung man überzeugt ist. Dies hält eine Gesellschaft zusammen. Wenn es ein solches Mindestmaß an Gemeinsamkeiten in einer Gesellschaft nicht mehr gibt, hält sie auch nichts mehr zusammen. Religion ist dabei die mit Abstand wichtigste einzelne Agentur zur Vermittlung solcher Orientierungen und Überzeugungen. Es gibt in der Menschheitsgeschichte dafür keine vergleichbare und auch nur annähernd wirkmächtigere Einflussgröße.

Ohne Religion keine Trennung von Politik und Religion

Dass sich in der Geschichte erst vergleichsweise spät ein Verständnis der notwendigen Trennung von Politik und Religion, von Staat und Kirche entwickelt hat, gehört zu der komplizierten Einsicht, die zum einen immer wieder das Missverständnis erzeugt, Politik habe mit Religion nichts zu tun, und zum anderen den Umstand verkennt, dass es genau diese Trennung von Religion und Politik ohne die religiös vermittelte Überzeugung von der Gottesebenbildlichkeit des Menschen gar nicht geben würde.
Vor 500 Jahren, also im Jubiläumsjahr 1517, hat mit den Thesen von Martin Luther das begonnen, was später „Reformation“ genannt werden sollte. Damals war die Kirche bei allem äußerlichen Glanz weit vom Geist des Evangeliums abgekommen, sie hatte mit dem Reich Gottes kaum noch eine Ähnlichkeit. Nachdem Luther 1517 zunächst lediglich Thesen zum Ablasswesen verbreitet hatte, das mit der Käuflichkeit von Ämtern und den damit verbundenen handfesten Finanzierungsproblemen eine perfide Verbindung von Politik, Glauben und Religion erkennen ließ, forderte er im darauffolgenden Jahr die Einberufung eines allgemeinen Konzils, das die inzwischen reichlich vorhandenen Streitfragen innerhalb der Kirche erörtern und die Kirche selbst grundlegend reformieren sollte. Es ist eine schöne, wenn auch müßige Spekulation, was uns erspart geblieben wäre, wenn der damalige Papst und die damaligen Bischöfe auf diese nicht nur zulässigen, sondern überfälligen Forderungen eingegangen wären. Die Missstände wären wohl schneller beseitigt worden und zur Spaltung der Kirche wäre es kaum gekommen.
Mit der Reformation lohnt es sich allein schon deswegen sich intensiv zu beschäftigen, weil sie Wirkungen zeitigte, die gar nicht beabsichtigt waren, und umgekehrt manche der beabsichtigten Wirkungen nicht eingetroffen sind. Tatsächlich wurden die mehr als zutreffenden, mehr als überfälligen Anliegen Luthers vom damaligen Papst Leo X. zurückgewiesen. Die Geschichte ist bekannt, sie muss im Einzelnen nicht nacherzählt werden: Luther wurde zum Widerspruch aufgefordert, nachdem dieser den Papst 1520 als Antichristen bezeichnet und das päpstliche Schreiben zusammen mit dem kirchlichen Gesetzbuch öffentlich verbrannt hatte. Zweifellos public-relations-begabt wurde Luther dann mit einer gewissen Folgerichtigkeit 1521 aus der Kirche ausgeschlossen. Hätte sich das Verhängnis für die Einheit der Kirche abwenden lassen, wenn der nachfolgende Papst Hadrian VI. eine längere Amtszeit gehabt hätte? Dieser hatte unmittelbar nach seinem Amtsantritt 1523 sofortige Reformen versprochen und auf dem Nürnberger Reichstag ein eindringliches Schuldbekenntnis verlesen lassen. „Wir alle“, so der damalige Papst, „wir alle, Prälaten und Geistliche, sind vom rechten Weg abgewichen, und es gab schon lange keinen einzigen, der Gutes tut, keinen einzigen, der Gutes tat“.
Hadrian starb aber noch im gleichen Jahr, sein Nachfolger war, wie man heute sagen würde, ein Hardliner, man könnte auch sagen, ein Fundamentalist: So kam das Kirchenkonzil, das besser damals schon stattgefunden hätte, erst 1545 in Trient zusammen. Mit 18-jähriger Dauer war es das längste Konzil in der Kirchengeschichte. Es wurden bei diesem Konzil weitreichende Reformen angestoßen, viele der von Luther angeprangerten Missstände beseitigt und auch die von ihm aufgeworfenen theologischen Fragen ausführlich diskutiert und zum Teil einvernehmlich entschieden. Für die Spaltung der Christenheit kam das alles zu spät. Menschenwerk.
Dass es überhaupt zur Kirchenspaltung kam und diese sich schnell verfestigt hat, hatte nicht nur theologische Gründe. Ich behaupte, es hatte weniger theologische Gründe als handfeste politische Ursachen. Das Heilige Römische Reich deutscher Nation, das bei genauem Hinsehen weder deutsch noch römisch war, eigentlich auch kein Reich und ganz sicher nicht heilig, war die Sammelbezeichnung für Hunderte Einzelterritorien. Es war kein zentraler Staat, ein Deutschland, wie wir es kennen, gab es nicht. Deutschland war bestenfalls die Bezeichnung für einen virtuellen Zusammenhang vieler mehr oder meist weniger bedeutender Territorien, Herzogtümer und Fürstentümer. Der Kaiser als höchste Instanz im Reich wurde von den Kurfürsten gewählt, musste ihnen dafür aber die Wahrung ihrer territorialen Rechte zugestehen.
Mit Blick auf das Verhältnis von Politik und Religion ist es bemerkenswert, dass das höchste gesetzgebende Organ des Reiches die sogenannten Reichstage waren, die mit unseren heutigen Parlamenten fast nichts gemein hatten, außer den Umstand, dass Gesetze, die im ganzen Reich gelten sollten, nicht vom Kaiser allein erlassen werden konnten, sondern vom Reichstag bestätigt werden mussten. Diese Reichstage bestanden jedoch nicht aus gewählten Volksvertretern, sondern aus bevollmächtigten Vertretern der jeweiligen Feudalherrscher und der freien Reichsstädte. In ihnen waren auch die Kurfürsten, der Hochadel im Reichsfürstenrat, stimmberechtigt vertreten.
Die politische Zersplitterung Deutschlands war ein wesentlicher Faktor für die Ausbreitung der Reformation und der Kirchenspaltung. Aufgrund der fehlenden politischen Zentralinstanz im Reich entschied sich das Schicksal der Reformation auf territorialer Ebene. Die Fürsten entschieden, welche Konfession in ihrem Herrschaftsbereich zu gelten hatte. Die Einführung der Reformation lag völlig unabhängig von religiösen Überzeugungen also ausdrücklich im jeweiligen Interesse der Landesfürsten, die sich auf diese Weise gleichzeitig von Kaiser und Papst emanzipieren konnten und von diesem scheinbaren Gottesgeschenk tatkräftig Gebrauch machten. Dies führte endgültig zur konfessionellen Fragmentierung des Reiches. So war‘s. Geteilt wie geeint durch gemeinsames Bekenntnis, wieder geteilt politisch und kirchlich – Menschenwerk.

Rechtfertigen die Unterschiede noch die Trennung?

Wir müssen uns heute – 500 Jahre später – mit der Frage beschäftigen, wie wir eigentlich mit dem umgehen, was damals stattgefunden hat, und mit dem, was daraus geworden ist. Jeder von uns, jedenfalls jeder, der einer der christlichen Kirchen angehört, muss die Frage beantworten, ob die Unterschiede, die es zweifellos gibt, die Aufrechterhaltung der Trennung heute noch rechtfertigen. Ich glaube das nicht, schon gar nicht in der Welt des 21. Jahrhunderts mit Blick auf vorrangige und nachrangige Anliegen, Aufgaben, Ärgernisse und Herausforderungen. Für mich ist die fortdauernde Kirchenspaltung der große Anachronismus unserer Zeit. Sie ist buchstäblich aus der Zeit gefallen. Wir halten damit eine Konstruktion aufrecht, von der wir wissen, dass es für sie keine Rechtfertigung mehr gibt. Insofern ist dieses Reformationsjubiläum nicht ganz so gemütlich, wie es auf vielen der grandiosen Veranstaltungen den Anschein hat.
Schon vor einigen Jahren, während der sogenannten Lutherdekade, habe ich zusammen mit einer Reihe prominenter Repräsentanten aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Sport aus genau diesem Grunde einen Aufruf initiiert, um uns mit Blick auf das große Reformationsjubiläum gemeinsam mit der Frage zu konfrontieren, der wir am liebsten ausweichen: Warum ist das eigentlich immer noch so, warum besteht die Kirchenspaltung fort? Und schon damals hatte ich die Befürchtung, die auch jetzt nicht ausgeräumt ist, dass wir in diesem Jahr grandiose Veranstaltungen erleben würden, spannende, anspruchsvolle, wissenschaftliche Kolloquien und Seminare, ganze Regalmeter an neuer Literatur über die Reformation im Allgemeinen und Luther im Besonderen aus katholischer, evangelischer, buddhistischer und welcher Perspektive auch immer hinzugewinnen, dass wir nicht zuletzt auch berührende undbeeindruckende Festgottesdienste erleben werden – und dass am Ende des Jahres alles genauso sein wird wie vorher. Nichts wird sich an der Trennung der Kirchen substanziell verändert haben. Das treibt mich um, sowohl aus politischen wie aus religiösen Gründen.
Ich räume auch freiwillig ein, dass mich ein Stichwort besonders nervös macht, auf das sich vor und während dieses Reformationsjubiläumsjahres nun die prominentesten Repräsentanten der beiden großen Kirchen zunehmend zu einigen begonnen haben: „Versöhnte Verschiedenheit“. Ich muss Ihnen nicht erklären, dass ich als Demokrat mit Verschiedenheiten gut umgehen kann, und als Christ ist mir der Versöhnungsgedanke nicht völlig fremd. Aber meine Nervosität beginnt schon beim Verhältnis von Adjektiv und Subjekt: Verschiedenheit ist die Hauptsache, und die Zugabe ist versöhnt freundlich. Ich möchte es einmal so sagen: Wenn es uns in der Welt, in der wir leben, in Zeiten der Globalisierung, im Verhältnis der großen Religionsgemeinschaften auf diesem Globus tatsächlich gelingen würde, in versöhnter Verschiedenheit miteinander umzugehen, wäre das ein Fortschritt der Zivilisation. Aber dass die christlichen Kirchen im Umgang miteinander versöhnte Verschiedenheit für das Ende der Operation „Ökumene“ erklären, ist für mich eine elegante Kapitulationserklärung. Es verwechselt den Weg mit dem Ziel. Versöhnte Verschiedenheit ist der Weg zum Ziel der Wiederherstellung der Einheit. Wenn ich aber versöhnte Verschiedenheit zum Ergebnis erkläre, habe ich das andere Ziel offenkundig aufgegeben, mindestens aber aus dem Auge verloren.
Wir sollen eins sein. So lautet die unmissverständliche Forderung Jesu im Johannes- Evangelium, aber wir sind es nicht. Wir sind nicht eins und wir müssen die Frage beantworten, ob wir nicht können oder ob wir nicht wollen. Natürlich könnten wir, wenn wir wollten. Wir wissen, dass uns unendlich mehr verbindet als trennt. Aber auch als theologisch interessierter Laie finde ich in der ernstzunehmenden theologischen Literatur nichts mehr, was mich davon überzeugen könnte, dass es ein nicht annehmbares theologisches Hindernis für die Wiederherstellung der Einheit der Christenheit gäbe. Schon das Zweite Vatikanische Konzil hat keinen Zweifel daran gelassen, dass die Trennung ein Skandal sei, für den nicht der Himmel verantwortlich ist, sondern das irdische Bodenpersonal. Aber neben der regelmäßigen Beschreibung dieses Skandals finden wir ihn offenkundig inzwischen ganz gut erträglich.
Hans Maier, der frühere langjährige bayerische Kultusminister und langjährige Präsident des Zentralkomitees Deutscher Katholiken, hat schon vor Jahren in einem noch heute lesenswerten Aufsatz darauf hingewiesen, dass Zivilisationen sterblich sind – Kirchen auch. Die Einsicht hat sich noch nicht so richtig herumgesprochen. Jedenfalls gehört es zu den stabilen Erfahrungen der letzten Jahre, dass die Autorität von Institutionen und natürlich auch die Autorität von Kirchen ganz wesentlich von ihrer Bereitschaft und Fähigkeit abhängt, Neues wahrzunehmen und zuzulassen, das bislang nicht oder nicht hinreichend zur Entfaltung gekommen ist.

Die Kirche als „Haupthindernis des Glaubens“ Die Kirchenspaltung ist im Lichte der Herausforderungen der Gegenwart und der Zukunft für Gesellschaft und Kirche ein schwer erträgliches Ärgernis. Ich zitiere an dieser Stelle einen Autor, der von der Sache mehr versteht als ich:

„Und so ist die Kirche für viele heute zum Haupthindernis des Glaubens geworden. Sie vermögen nur noch das menschliche Machtstreben, das kleinliche Theater derer in ihr zu sehen, die mit ihrer Behauptung, das amtliche Christentum zu verwalten, dem wahren Geist des Christentums am meisten im Wege zu stehen scheinen.“

Das schreibt Joseph Ratzinger in seinem Standardwerk „Einführung in das Christentum“, Erstauflage 1966. Diejenigen, die sich jetzt in die voreilige Hoffnung stürzen, er hätte das als Papst nie wiederholt, mache ich darauf aufmerksam, dass dieses Werk in seiner Amtszeit neu aufgelegt worden ist – immer noch mit diesem Satz. „Und so ist die Kirche für viele heute zum Haupthindernis des Glaubens geworden.“ Ich fühle mich nicht zuletzt durch diese theologisch fundierten Worte in meiner Überzeugung bekräftigt, dass das, was die Überwindung der Kirchenspaltung verhindert, nicht Glaubensunterschiede sind, sondern in erster Linie das Selbstbehauptungsbedürfnis von Institutionen. Und von Institutionen verstehe ich etwas. Da muss ich auch gar nicht tief in die Kirchen schauen, die ich nicht ganz so gut kenne, aber ich weiß, dass alle Institutionen – ausnahmslos – von der eingebauten Versuchung geplagt sind, sich selbst für wichtiger zu halten als die Sache, um derentwillen sie bestehen. Deshalb glaube ich auch nicht, dass wir die Überwindung der Kirchenspaltung allein den Kirchenleitungen überlassen dürften. Dann findet sie nämlich nicht statt. Aus genau diesem Grunde aber müssen wir alle begreifen, dass wir hier selbst gefordert sind, dass jeder für sich seine jeweilige Verantwortung hat.
Dazu fällt mir der schöne, den meisten von Ihnen bekannte Satz von Karl Valentin ein – der übrigens heute Geburtstag hätte, wenn er noch lebte, denn er wurde vor 135 Jahren, am 4. Juni 1882 geboren: „Mögen hätte ich schon wollen, aber dürfen hab ich mich nicht getraut.“ Und um nun nicht nur Luther, Ratzinger, Karl Valentin, sondern auch Ignatius von Loyola an einschlägiger Stelle zu Wort kommen zu lassen: „Man soll nie etwas Gutes, sei es noch so klein, aufschieben in der Hoffnung, in der Zukunft Größeres tun zu können“. Das gilt ganz gewiss auch und gerade für die Einheit der Christenheit. 

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