Odenwaldschule: Zur Aufarbeitung des Skandals

Wie steht es sechs Jahre nach dem Bekanntwerden des sexuellen Missbrauchs an Schülern der Odenwaldschule um die Aufarbeitung des Skandals? Der Erziehungswissenschaftler Jürgen Oelkers zieht Bilanz.

Sechs Jahre nach Bekanntwerden des Skandals an der Odenwaldschule ist die Frage angesagt, wie die Aufarbeitung erfolgt ist. Aber zugleich muss auch die Frage gestellt werden, warum bis dahin niemand etwas bemerkt haben will und was dazu beigetragen hat, dass kein Verdacht entstand, obwohl Missbrauchsfälle an der Odenwaldschule mit konkreten und unmissverständlichen Aussagen von Opfern schon im November 1999 publik geworden sind.
„Aufarbeitung“ kann heißen: Sammlung der Aussagen, Vertiefung der Spuren und Erklärung der Zusammenhänge. Außerdem geht es um Abschätzung der Dimensionen und der Tragweite der Fälle. Aber „Aufarbeitung“ kann auch heißen: Bestreiten der Aussagen, Leugnung oder Relativierung der Evidenzen und Verlagerung des Fokus von den Fällen hin zu ihrer Präsentation in den Medien. Weil es beide Varianten gibt, ist zunächst daran zu erinnern, was den Skandal ausgelöst hat und welche Erkenntnisse über Verlauf und Folgen vorliegen. Dabei kann auf zwei Gutachten unabhängiger Juristinnen (Burgsmüller / Tilmann 2010, 2012) sowie zahlreiche andere Dokumente zurückgegriffen werden.

Reformpädagogik als rhetorische Fassade

Im Frühjahr 2010 sind kurz nacheinander massive sexuelle Missbrauchsfälle in katholischen Internaten und dann auch in der reformpädagogischen Odenwaldschule an die Öffentlichkeit gedrungen. Alle Versuche, die Aufklärung über diese Fälle aufzuhalten, sind gescheitert. Dabei bestanden massive Interessen, die Fälle zu vertuschen und so die Institution zu schützen. Die Öffentlichkeit reagierte auf die Meldungen geschockt und fragte, wie Missbrauchsfälle in pädagogischen Institutionen, die sich um Schutzbefohlene sorgen müssen, möglich gewesen sein konnten. Erst allmählich schälten sich Antworten heraus, die mindestens ebenso verstörten wie die Vorfälle selbst.
Es waren keine Einzelfälle, vielmehr hatte der Missbrauch System und dauerte über Jahrzehnte. Die Grundsituation in katholischen Internaten und reformpädagogischen Musterschulen schien unterschiedlicher kaum sein zu können und führte doch zu einer ähnlichen Praxis von Übergriffen, Abhängigkeit und Missbrauch. Die Täter schützten sich und nutzten die Grauzonen ihrer Berufsfelder. Sie fielen nicht oder nur positiv auf und galten meist auch als besonders engagierte Pädagogen. Zugleich kam ihnen das Bestreben entgegen, die Institutionen immer im besten Licht darzustellen, was keinen Verdacht aufkommen ließ. Entsprechend gab es in den Schulen auch keinerlei Vorsichtsmaßnahmen.
Erst die Aussagen der Opfer haben dazu geführt, die Täter zu benennen und Fragen nach den Ursachen zuzulassen. Und nicht einzelne Aussagen führten dazu, sondern ihre Häufung, die es unmöglich machte, an Einzelfälle zu glauben. Zudem entfielen auch Vermutungen, es könnte sich lediglich um Profilierungsstrategien handeln. Hinter der Odenwaldschule, die mit Ende des Schuljahres 2014/15 wegen Insolvenz geschlossen wurde, standen eine Philosophie der „Kindorientierung“ und ein Ethos des demokratischen Humanismus, die beide durch die massiven Missbrauchsfälle entwertet worden sind. Plötzlich war die identitätsstiftende Rhetorik nichts mehr wert. Damit taten sich nicht nur die Mehrheit des Trägervereins der Odenwaldschule schwer, sondern auch zahllose Anhänger der Reformpädagogik, die bis heute keinen ursächlichen Zusammenhang zwischen sexuellem Missbrauch und Reformpädagogik erkennen können.
Tatsächlich hat die Reformpädagogik auch nicht sexuellen Missbrauch „verursacht“, schon deswegen nicht, weil sie kein Akteur ist. Aber sie diente den Tätern als rhetorische Fassade, deren Zweck es war, jeden Verdacht zu unterbinden. Es gab immer wieder Anzeichen, dass mit der Schule etwas nicht stimmen könne, aber das war mit dem Bild der Musterschule nicht zu vereinbaren. Und dieses Bild bestimmte die öffentliche Wahrnehmung.
Der langjährige Leiter der Odenwaldschule, Gerold Becker (1936-2010), galt als mustergültiger Pädagoge im Geiste der Reformpädagogik und hat sich selbst auch immer so stilisiert. Wer so wie er mit Kindern umgehen konnte, war vor jedem Verdacht geschützt. Bis zum Skandal hat damit niemand offen eine pädophile Strategie in Verbindung gebracht. Neben Becker agierten zahlreiche andere Täter, die davon profitierten, dass in der Musterschule nie und nimmer sexueller Missbrauch vermutet wurde und intern Schweigen angesagt war. Wenn Fragen gestellt wurden, dann gab es manchmal die Antwort, man wisse von den Vorfällen, aber es handele sich um Einzelfälle, und die seien längst aufgearbeitet. Täter wurden nie benannt und Aufklärung wurde nicht betrieben, sodass auch nichts nach außen drang. Dabei half die Selbstdarstellung.
Lehrer an der Odenwaldschule haben von der „reformpädagogischen Speerspitze“ des Fortschritts gesprochen, damit massive Kritik an den Staatsschulen verbunden und so die Sonderstellung der Schule begründet. Selbst nach Bekanntwerden der Missbrauchsfälle sollte diese Sonderstellung nicht angetastet werden. Angriffe auf die Reformpädagogik wurden wahrgenommen als Angriffe auf den heiligen Gral. Die Avantgardeposition von Landerziehungsheimen Die Macht, solche Reflexe auszulösen, wurde dabei nicht thematisiert. Aber die Frage stellt sich, warum die Reformpädagogik eine solche Diskursmacht erhalten hat und wie es mit ihr nach dem Skandal an der Odenwaldschule weitergehen soll (Miller / Oelkers 2014). Die konstitutiven Legenden, etwa über die Landerziehungsheime und ihre Avantgardeposition, sind jedenfalls nachhaltig in Frage gestellt worden.
Landerziehungsheime stammen aus der deutschen Lebensreformbewegung der Jahrhundertwende und galten als lebendige Alternative zu den verkrusteten Schulen des Kaiserreichs. Tatsächlich waren sie Randerscheinungen der Schulgeschichte und stellten keine „Bewegung“ dar, der Avantgardecharakter zugekommen wäre. Erst eine interessierte Geschichtsschreibung hat sie dazu gemacht. Diese Schulen wurden nicht wegen ihres reformpädagogischen Konzepts nachgefragt, sondern weil sie dafür sorgten, Kindern bürgerlicher Eltern doch noch zum Abitur zu verhelfen. Das galt auch für die Kinder der „berühmten“ Familien. Diese Auffangfunktion wurde erfolgreich verschleiert oder als besondere Qualität dargestellt, wie etwa Gerold Becker nicht müde wurde zu betonen.
Die Geschichte der Landerziehungsheime ist begleitet gewesen von Missbrauchsfällen und Übergriffen. Unmittelbar bevor Becker 1969 an die Odenwaldschule kam, musste die Schulleitung schwere Fälle sexuellen Missbrauchs von pädokriminellen Straftätern abwickeln. Nur einer der beiden Täter wurde entlassen, der andere konnte unbehelligt weitermachen und noch Jahrzehnte lang an der Schule Kinder missbrauchen1. Eine Strafanzeige ist nicht gestellt worden, der entlassene Lehrer wurde mit großem Verständnis für seine Lage woanders gut untergebracht, was sogar von Eltern der Schüler begrüßt wurde. Becker kam also an eine Schule, die Erfahrung hatte, wie mit Tätern, die nicht so genannt wurden, umgegangen werden muss, damit sie und die Schule geschützt bleiben. Die Opfer wurden entlassen oder mundtot gemacht.
Das passt nicht in das Bild der friedfertigen und höchsten Werten verpflichteten Reformpädagogik, auf die sich Becker immer berufen hat. Aber das ist solange pure Rhetorik, wie nicht die konkrete Praxis und ihre Ambivalenzen in den Blick genommen werden. Und gerade das ist unter Berufung auf die Rhetorik immer verhindert worden. Eine Aufgabe der Zukunft wird daher sein, die nach wie vor suggestive Kraft der Reformpädagogik historisch-empirisch zu kanalisieren. Dabei spielt auch eine Rolle, wie die deutsche Erziehungswissenschaft mit dem Fall der Odenwaldschule und seinen Weiterungen umgeht (Thole 2012). Dabei wird sich zeigen, wie die künftigen Sichtweisen der Reformpädagogik beschaffen sein werden.

Rückgewinnung der Deutungshoheit

Inzwischen liegen Sammelbände und Beiträge vor, die sich um umfassende Aufarbeitung bemühen und dabei die Odenwaldschule nicht länger als Sonderfall betrachten. Es geht um sexuellen Missbrauch in pädagogischen Institutionen insgesamt, katholische Internate und reformpädagogische Landerziehungsheime sind dabei Beispiele für einen größeren Zusammenhang von „zerstörerischen Vorgängen“, denen Kinder und Jugendliche an vielen Orten ausgesetzt sind (Andresen / Heitmeyer 2012, Thole 2013).
Tatsächlich ist der Hauptort für sexuelle Übergriffe die Familie, ohne dass diese Fälle meistens bekannt würden. Auch Missbrauchsfälle in Schulen sind in der Vergangenheit vertuscht oder verharmlost worden, wie verschiedene Fälle zeigen, an denen auch abgelesen werden kann, wie die Schulbehörden reagierten, wenn sie die Gelegenheit hatten, die Vorfälle unter den Teppich zu kehren. Meistens wurden dann die Lehrer versetzt und die Eltern beruhigt, während Unterstützung für die Opfer kein Thema war. Erst durch die massive Alarmierung der Öffentlichkeit durch die Berichte und Aussagen der Opfer ist überhaupt ein Sinn für ihr Leid und die Tragweite der Fälle entstanden.
Die Fronten vom Frühjahr 2010 sind nicht verschwunden, eher muss man eine Latenzzeit annehmen, die offenbar zu Ende geht. Becker war Freund und Liebhaber von Hartmut von Hentig, der durch empörende Äußerungen im Frühjahr 2010 seinen Ruf riskiert hat und seinen Sturz in Kauf nehmen musste. An seinem Verhalten lässt sich eine „Aufarbeitung“ ganz anderer Art zeigen. Es geht nicht um die Frage, wie sexueller Missbrauch in pädagogischen Institutionen geschehen und Jahrzehnte lang verschwiegen werden konnte, es geht auch nicht um skrupellose Täter und das Leid der Opfer, es geht um ihn und die Wiedergutmachung des Unrechts, das ihm angetan wurde.
Hartmut von Hentig (2016) hat eine voluminöse Selbstrechtfertigung vorgelegt, die das aufarbeitet und zu befestigen versucht, was er schon 2010 an Mutmaßungen und Erklärungen abgegeben hat (Hentig 2010c, 2010d). Inzwischen ist zum Buch auch eine Homepage freigeschaltet worden, die diese Rechtfertigung in Videoform zugänglich macht. Zudem sollen in einem Forum Meinungsäußerungen vorgelegt werden2. Hentig hat in einem unveröffentlichten Papier von 2010 die Prognose abgegeben, dass man nur vier bis fünf Jahre warten müsse, damit sich die Aufregung legen kann, um dann erneut ins Geschäft einzusteigen. Die Strategie war einfach, sie setzte auf die Kurzlebigkeit der Medien und des öffentlichen Interesses. Einer, dem dieses Unrecht „widerfahren ist, muss sich zurückziehen und kann nur, wenn er nicht zu alt ist, hoffen, dass das alles in vier oder fünf Jahren vergessen ist“ (Hentig 2010d, 7).
Genau das passiert jetzt, und dies kann als Gegenoffensive zur Rückgewinnung der Deutungshoheit betrachtet werden. Das geschieht im Internet und nutzt das Erregungspotenzial der Neuen Medien. Doch „vergessen“ ist eigentlich nichts, und es ist im Gegenteil sehr viel klarer, was geschehen ist. Abzuwarten bleibt, wie weit die größere Öffentlichkeit darauf eingehen wird. Aber Hentig erfüllt seinen eigenen Plan, nachdem er jahrelang geschwiegen hat. In einem Aufsatz ist allerdings das Motiv dieser Art Aufarbeitung bereits offengelegt worden (Hentig 2011). Es geht um seine historische Stellung und die eigene Unbeugsamkeit.
Hentig ist gestürzt, weil er es als möglich angesehen hat, dass sein Freund und enger Vertrauter Gerold Becker verführt worden sei. Das wird auch 2016 noch als Denkmöglichkeit hingestellt und verbunden mit einem massiven Angriff auf die Aussagen der Opfer, die als unglaubwürdig hingestellt werden. Hentig hat mit keinem der Opfer je selbst gesprochen und kann doch sagen, es wäre nicht erwiesen, dass je Gewalt angewendet worden sei. Außerdem soll gegen die Opfer sprechen, dass sie sich jahrzehntelang nicht geäußert hätten. Damit wird bezweifelt, dass es Langzeitfolgen gegeben hat. Und auch der Anteil der Opfer an den Taten wird ins Spiel gebracht. Als Beleg dienen ihm Briefe aus dem Nachlass von Becker, der nur ihm zur Verfügung steht. Darin bekennen bedürftige Kinder, die mit Zuwendung geködert wurden und die Becker von sich emotional abhängig gemacht hat, ihre Zuneigung, die die Folge war von Beckers Strategie, sie an sich zu binden und sexuell auszubeuten. Und Gewalt war im Spiel (Dehmers 2011).
In diesem Zusammenhang ist häufig gefragt worden, warum die Missbrauchsfälle nicht viel früher für öffentliches Aufsehen gesorgt haben. Diese Frage ist wichtiger als die Rechtfertigungen des Freundes und Liebhabers des Haupttäters. Warum ist die erste Entlarvung Beckers im November 1999 übergangen worden? Und wieso hat er dann noch zehn Jahre weitermachen können?

Pädophilie als „sexuelle Emanzipation“

Eine Antwort bezieht sich auf die Tatbestände der Pädophilie. Es ging im November 1999 nicht nur um den Schutz der Odenwaldschule und die pflegliche Behandlung des Haupttäters. Vielmehr muss davon ausgegangen werden, dass das Leiden der Opfer keine Rolle gespielt hat. Sie waren „Nestbeschmutzer“ und so selber Täter. Noch in der Rechtfertigungsschrift von Hentig ist das deutlich spürbar. Sie hat einen Grundton, der auf Zuwendung und nicht auf Gewalt verweisen soll. Becker ist wohl Täter, aber irgendwie ein guter, der für die Kinder nur das Beste wollte. Hentig stellt ihn auch 2016 noch als begnadeten Pädagogen dar, der mit seinen unglücklichen Neigungen fertig werden musste und ihm gegenüber aus Scham geschwiegen hat. Als der Skandal bekannt wurde, hat Hentig Briefe von Opfern seines Freundes erhalten. Er hat auf den Tatbestand des sexuellen Missbrauchs damals schon so ausweichend geantwortet, wie jetzt in seiner Verteidigungsschrift. Diese Seite seines Freundes soll verdeckt bleiben, und er hat sich schlicht geweigert, die damit verbundenen Evidenzen an sich herankommen zu lassen.
Aber Becker ist seit seiner Schulzeit als Päderast unterwegs gewesen und hat jede Chance genutzt, Opfer zu finden. Selbst seine Familie ist davon nicht verschont geblieben. Hentig selber bringt pädophile Bekenntnisse aus der Studienzeit Beckers, die im Nachlass aufbewahrt wurden, zum Abdruck, allerdings dienen sie ihm als Beweis für die besondere Fürsorglichkeit seines Freundes. Über den Täter und seinen Lebensweg ist inzwischen genügend bekannt (Füller 2011, Oelkers 2016), um die Geschichte von den unglücklichen Neigungen als das ansehen zu können, was sie ist, nämlich eine pure Rationalisierung, die die große Liebe des Lebens unbeschädigt lassen will. Wer das bezweifelt, wird alttestamentarisch behandelt, als „Feind“ und „Auge um Auge“, wie die epische Auseinandersetzung mit den Kritikern zeigt.
Die Strategie, die Glaubwürdigkeit der Opfer zu erschüttern, ist perfide. Die Opfer haben lange vergeblich versucht, für ihre Anliegen Öffentlichkeit zu gewinnen und mussten starke Widerstände überwinden, bevor sie daran gehen konnten, ihre Leidensgeschichten zu erzählen. Man hat ihnen zunächst nicht geglaubt, sondern alles versucht, ihre Geschichten zu entwerten und sie bloß zu stellen. In diese Reihe stellt sich jetzt auch der große Aufklärer und Humanist Hartmut von Hentig, nur dass er nicht mehr vertuschen kann, sondern denunzieren muss. Er stellt in Frage, dass sexueller Missbrauch mit Traumatisierungen verbunden sein kann, insinuiert, dass Gewalterfahrung bloße Vorstellung gewesen sein könnte und verharmlost die Übergriffe, weil ihm jede Empathie für die Opfer fehlt. Stattdessen klagt er Empathie für sich ein. Letztlich leckt er öffentlich seine Wunden.
Die Verharmlosung hat Methode, und sie muss nicht nur als Strategie gesehen werden, Becker nicht als Verbrecher, sondern als pädophilen Kinderfreund erscheinen zu lassen. Der Tatbestand der Pädophilie konnte schon im Frühjahr 2010 nicht geleugnet werden. Becker ist im Sommer 2011 von Hentig als Täter bezeichnet worden und soll trotzdem in einem milden Licht erscheinen. Ganz unabhängig von diesem merkwürdig verzögerten Geständnis: Die Logik des Arguments muss vor dem Hintergrund von Überzeugungen gesehen werden, die Pädophilie nicht mit dem Leid der Opfer, sondern gerade mit ihrer Sexualität und den Bedürfnissen der Täter in Verbindung gebracht haben. Von „Tätern und Opfern“ war entsprechend keine Rede. Noch im Frühjahr 2010 ist alles versucht worden, Gerold Becker nicht als Straftäter und Verbrecher erscheinen zu lassen. Aber es wurde immer schwieriger, das auch zu glauben und Evidenzen zu finden, die den Glauben gestützt hätten. Erst die Geschichten der Opfer geben einen Einblick von den Dimensionen des Missbrauchs. Die Opfer berichten von lebenslangen Folgen, von der Scham, sich zu äußern und von den Anstrengungen, mit dem Missbrauch ihrer Sexualität fertig zu werden. Mehrfach waren Therapien notwendig, um die Erfahrungen als Kind und Jugendlicher überhaupt einordnen zu können. Und es wird auch gesagt, dass letztlich kein unbeschädigtes Leben mehr möglich ist.
Dieser Befund wirft die Frage auf, wieso Pädophilie verharmlost oder sogar emanzipatorisch aufgewertet werden konnte und warum erst 2010 unmissverständlich von „Pädokriminalität“ die Rede war. Man versteht den Skandal nicht, wenn man diese Frage umgeht oder sie mit Unwissenheit abtut. Manche Lehrer der Odenwaldschule berufen sich darauf, von „Pädophilie“ nie gehört zu haben, und auch Hentig gibt an, dass er sich erst nach dem Skandal näher mit dem Thema beschäftigt habe. Aber dann muss er ganze Debatten in seinem Umfeld überhört oder nicht wahrgenommen haben. Die Stilisierung der Pädophilie als sexuelle Emanzipation ist eine der Voraussetzungen, warum Vertuschung und Verharmlosung möglich waren. Man hat die Täter gewähren lassen, weil man Gewalt ausgeschlossen sehen wollte und Pädophilie mit dem „pädagogischen Eros“ verbrämt wurde.
Dazu muss eine Geschichte in Rechnung gestellt werden, die mit den Emanzipationsbewegungen in den 1970er- und 1980er-Jahren zu tun hat. Es ist nicht so, dass Pädophilie nur ein verschwiegener Tatbestand gewesen ist, als Becker an die Odenwaldschule berufen wurde. Im Gegenteil ist versucht worden, Pädophilie zu legalisieren und zu einer kindgemäßen Strategie umzudeuten. Erst von dieser Geschichte her wird klar, warum ein Verdacht nicht aufkam oder so schwer zu glauben war. Christian Füller (2015) hat zur Aufarbeitung der Geschichte eine These vorgelegt, die auf einen Zusammenhang zwischen Emanzipationsbewegungen, Tabubrüchen und sexuellem Missbrauch verweist. Tatsächlich ist auffällig, dass die historischen Landerziehungsheime pädophile Täter anzogen, die Jugendbewegung mit dem Bruch sexueller Tabus verbunden war und die Fassaden des alternativen Lebens sich gut zum Täterschutz eigneten.

Propaganda für „freie Sexualität“ mit Kindern

Im Vorfeld des Skandals an der Odenwaldschule ist massiv versucht worden, die Sexualität von Kindern zu enttabuisieren. Das Bild vom „unschuldigen Kind“ sollte verschwinden. Dabei wurde auf Freuds Psychoanalyse zurückgegriffen, weiter auf den Kinsey-Report und vielfach auch auf radikale Theorien der sexuellen Emanzipation wie die von Wilhelm Reich oder Alexander Neill. Weil das Kind nicht unschuldig sein sollte, wurde es sexualisiert. Manche Theorien gingen soweit, Kindern sexuelle Bedürfnisse zu unterstellen, die legitim mit Erwachsenen ausgelebt werden sollten. Andernfalls würden diese Bedürfnisse zum Nachteil der kindlichen Entwicklung unterdrückt. Kein Wunder, dass Becker sich einreden konnte, er würde Gutes tun.
Am 2. April 1973 erschien ein Themenheft der damals einflussreichen Pädagogenzeitschrift „betrifft: erziehung“3 zur Enttabuisierung der Pädophilie. Ein Hauptthema der Zeitschrift war von Anfang an die emanzipatorische Sexualerziehung, die über dieses Medium Verbreitung fand und besonders in der damaligen Lehrerbildung beachtet wurde. Bereits das erste reguläre Heft der neuen Zeitschrift, das am 1. März 1968 veröffentlicht wurde, galt diesem Thema. Die Berliner „tageszeitung“ (taz) hat in ihren Anfängen Artikel gedruckt4, die Pädophile zu Wort kommen ließen und in denen offen Propaganda für „freie“ Sexualität mit Kindern gemacht werden konnte. Die Überschrift eines Artikels lautete: „Pädophilie: Verbrechen ohne Opfer“ (taz, 16. 11. 1979, 3) - ohne Fragezeichen. Auch andere Medien, wie das Berliner Stadtmagazin „zitty“ oder die Monatsschrift „konkret“, boten Plattformen für bekennende Pädophile (Apin 2010).
Becker war seit acht Monaten Leiter der Odenwaldschule, wo „betrifft:erziehung“ abonniert war. Er dürfte den Freibrief zur Pädophilie aufmerksam zur Kenntnis genommen haben. Öffentliche Aussagen von ihm liegen nicht vor, und an der Diskussion hat sich der Päderast Becker wohlweislich nicht beteiligt. Das wäre auch gar nicht nötig gewesen. Pädophilie galt zu Beginn der 1980er-Jahre als Beitrag „zur sexuellen Befreiung des Kindes“ (Hohmann 1980)5. Eine bessere Bestätigung für die Täter hätte es nicht geben können, den Kindern konnten „sexuelle Wünsche“ angedichtet werden, die Taten dienten ihrer „Befreiung“. Von Gewalt und Spätfolgen war in der ganzen Diskussion keine Rede, dafür umso mehr von „Zärtlichkeit“ (ebd. 12, 34 f.), während die Opfer eine ganz andere Sprache sprechen.
Das trifft auch auf die Opfer zu, die einem reformpädagogischen Regime ganz eigener Art ausgesetzt waren, das es in anderen Ländern zur gleichen Zeit so nicht gegeben hat. Aber sexueller Missbrauch von Kindern und Jugendlichen und die Deckung durch Theorien zur Pädophilie sind ein internationales Phänomen, das mit Netzwerken und extrem hohen Schutzwällen zu tun hat. Dabei sind auch Unterschiede in Rechnung zu stellen. Die Odenwaldschule kannte über Jahrzehnte Missbrauch als System, also unter Nutzung der Regeln und Strukturen der Schule, während in England Einzeltäter wie der Entertainer Jimmy Savile unterwegs waren(Gray / Watt 2013). Gemeinsam war aber der Jahrzehnte währende Schutz durch den Prominentenstatus. In Frankreich konnten pädophile Beziehungen lange ganz offen gezeigt werden, das Täterfeld also musste gar nicht gedeckt werden6.
Die Geschichten selbst sind zum Verwechseln ähnlich, mit Blick auf die Strategien der Täter, das Vertrauen der Kinder zu gewinnen, aber auch bezogen auf die Folgen des sexuellen Missbrauchs und die späte Aufdeckung der Verbrechen. Lange sollte es gar kein Verbrechen, sondern nur zärtliche Zuwendung zum Kind gegeben haben. Wo das ausgeschlossen werden musste, wie bei dem monströsen Jimmy Savile, wurde einfach weggeschaut. Renommierte Intellektuelle, die sich offen zur Pädophilie bekannten, gab es in Deutschland - anders als Frankreich - nicht, wohl aber wurde viele Jahre lang ein Emanzipationsprogramm diskutiert, an dem sich pädophile Autoren beteiligt haben. Die Praxis war verschwiegen, aber zugleich muss gesagt werden, dass sie von den Ideen zur freien Sexualität auch gedeckt wurde. An der Odenwaldschule „sei das eben so“, wurde neuen Lehrern gesagt. Wieso man so bereitwillig an die kindliche Sexualität glauben wollte, auch dort, wo pädophile Autoren keinen Einfluss hatten, ist eine weitere Frage, die nicht aufgearbeitet ist. Aber diese Annahme war der Grund für das ganze Emanzipationsprogramm, das tatsächlich von zugeschriebenen Bedürfnissen und Wünschen von Erwachsenen getragen wurde. Dass die Unschuld des Kindes ein hohes Gut ist, wurde verworfen zugunsten von leichtfertigen Theorien, die die Täter begünstigt haben.

Ausständige Aufarbeitung

Es ist nicht bekannt, ob es im Kollegium der Odenwaldschule Sympathien für die Pädophilen-Bewegung gegeben hat. Vom „pädagogischen Eros“ war aber vielfach die Rede, auch offen von den Tätern, und manche Schüler haben sich für einvernehmliche Formen der Sexualität zwischen Erwachsenen und Kindern eingesetzt. Die Schule selbst wurde als liberaler Ort angesehen, ohne je feste Grenzen zu bestimmen. Die Täter wurden dadurch geschützt, sie konnten sich auf „ihre“ Sexualität und die damit gegebenen Bedürfnisse zurückziehen, ohne dass jemand einschritt. Der Schulleiter war ja selbst Täter.
Extreme Vorstellungen von Freiheit und Selbstverwirklichung finden sich in vielen zeitgenössischen „Experimenten“ oder Bekenntnissen zu alternativen Lebensformen in Kommunen oder Gemeinschaften auf dem Lande. Natürlich sollten alle als Orte des Friedens und der Gewaltlosigkeit angesehen werden. Reale Gewalt wurde dann einfach verschwiegen oder äußeren Einflüssen angelastet. Oder man suchte nach dem Anteil der Opfer. Diese Geschichte der fehllaufenden Emanzipation ist nicht annähernd aufgearbeitet. Die Überzeugungen sind lauthals vertreten worden, Einwände oder Warnungen wurden rüde abgetan, und das Bewusstsein, auf der richtigen Seite des Fortschritts zu stehen, war unangreifbar. Dazu passt, wie das Bild des Ortes der wahren Erziehung stilisiert wurde, wo alles besser ist und endlich die konkrete Utopie gelebt werden kann.Zu diesen Orten gehörte immer auch die Odenwaldschule, die nach dem Schulgründer Paul Geheeb vor allem Gerold Becker so geadelt hat. Gründe dafür mussten nicht genannt werden, es genügten die medialen Echos, die reflexhaft das Bild der vorbildlichen Ausnahmeschule nahelegten. Gegenevidenzen wurden nie gesucht, und so gab es sie denn auch nicht, solange bis Becker definitiv entlarvt wurde. Auch das gehört aufgearbeitet, die mediale Verstärkung von Vorbildern, die nie so sind, wie sie hingestellt werden. Die Pädagogik hat damit Mühe, weil sie ihre Wirksamkeit von Vorbildern abhängig macht und auf die Macht des Beispiels vertraut. Wenn die Geschichte der Odenwaldschule eines lehrt, dann dies: Man darf den suggestiven Beispielen keine Macht geben, wenn man sie unter Kontrolle haben will.
Die Odenwaldschule geriet außer Kontrolle, weil sie unangreifbar war. Die Täter konnten sich absolut sicher fühlen, weil jeder der Macht des herausragenden Beispiels vertraute und dabei der Suggestion des Alternativen aufsaß, wo man sehen und mit Händen greifen konnte, was überall anders ausgeschlossen war. Dabei war die Odenwaldschule im Blick auf Unterricht, Schulleben und Schulorganisation nie das, für was sie gehalten wurde. Den Legenden hat das keinen Abbruch getan, man sah eben, was man sehen wollte.

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