Der suizidale Mitmensch und wir

Suizidalität ist die dem Menschen gegebene Möglichkeit, den eigenen Tod herbeizuführen. Umschreibungen des Suizids als Freitod, Selbstmord, „aus dem Leben scheiden“ deuten oder verhüllen die Realität der Selbsttötung, um ihr den Schrecken zu nehmen oder um sie zu „liberalisieren“, zu individualisieren und zu privatisieren. Der Suizid des Einzelnen ist die äußerste Form der Alleinstellung des Einzelnen gegenüber der Gemeinschaft. Es ist kein Zufall, dass einer der Grundtexte der Soziologie die „Anomie“ von Gesellschaften behandelt, die durch ihre Regel-, Normen- und Bindungsunsicherheit Suizidalität begünstigt: Émile Durkheims „Le suicide“ von 1897.

Der „Mitnahmesuizid“ des Co-Piloten einer deutschen Passagiermaschine am 24. März 2015 kostete nicht nur ihn selbst, sondern 149 weitere Personen das Leben. 149 plus 1: Der Co-Pilot machte 150 Menschen zu „Co-Suizidalen“. Die verriegelte Cockpit-Tür, hinter der er sich verschanzte, um den Jet auf dem Flug von Barcelona nach Düsseldorf in den französischen Alpen gegen eine Bergwand zu steuern, steht symbolisch für seine Abschottung gegenüber der Gemeinschaft - und umgekehrt für die behinderte Kommunikation zwischen der Gemeinschaft und dem suizidalen Mitmenschen.

Den Schrecken dieser Kommunikationsbarriere versuchen wir durch Benennung zu bannen: Wir nennen den Suizidalen krank, verbrecherisch, verblendet oder sündhaft. Kamikaze (japan.: „göttlicher Wind“) ist die Bezeichnung für japanische Kampfflieger im Zweiten Weltkrieg, die sich mit ihren Flugzeugen auf das feindliche Ziel stürzten, um die Kapitulation Japans abzuwenden. Den terroristischen Mitnahmesuizid nennen wir missbilligend „Selbstmordattentat“.

In all diesen Situationen geht es um den Einzelnen, dessen Suizid nicht im Verborgenen, sondern in aller Öffentlichkeit geschieht und andere mit in den Tod reißt. Allerdings ist jeder Suizid, auch der „private“, eine Interaktion zwischen Individuum und Gemeinschaft und muss von diesen beiden Polen her bestimmt werden, also von beiden Seiten der blockierten Cockpit-Tür des Germanwings-Flugs 9525. Psychopathologische Deutungsversuche des suizidalen Individuums haben immer eine soziale Dimension. Sie bringen unsere Beziehung zum suizidalen Mitmenschen zum Schwingen: Er ist anders als ich, seine Verhaltensweisen sind erschreckend fremd. Gleichzeitig zeigt mir der suizidale Mitmensch meinen eigenen Schatten. Suizidalität ist meine Möglichkeit: auch dann, wenn ich ein Leben lang - psychiatrisch gesprochen - nicht „akut suizidal“ werde.

Zwei psychopathologische Deutungsversuche der Suizidalität stehen im Vordergrund: die Depression und der (krankhafte) Narzissmus. Die Depression gilt als „Volkskrankheit“. Sie geht mit Störungen des Antriebs, der Stimmung, des Appetits, der Libido (im sexuellen Sinn und allgemeiner in Bezug auf alles Erstrebenswerte im Leben) einher. Ein vitales Risiko depressiver Erkrankungen besteht in der Suizidalität. Depressionen zu erkennen, sie psychotherapeutisch und medikamentös zu behandeln, ist nicht nur Aufgabe von Ärzten und Psychotherapeuten, sondern verlangt eine große gemeinsame Anstrengung, ein „Bündnis“ gegen Depression (www.buendnis-depression.de).

Der Begriff „Narzissmus“ (vom mythischen Jüngling Narkissos, der die Liebe anderer verschmähte, sich in sein eigenes Spiegelbild verliebte und darin ertränkte) wird oft abwertend für dickfellige, ausbeuterische und übertrieben selbstbezogene Persönlichkeiten verwendet. Im wissenschaftlichen Sprachgebrauch steht Narzissmus für die Selbstwert-Regulation und für das gesunde Bedürfnis nach Anerkennung und Wertschätzung. Der Psychoanalytiker Heinz Henseler prägte den Begriff der „narzisstischen Krise“: Danach stabilisieren suizidale Menschen ihren Selbstwert durch Fantasien, die um den eigenen Tod und das persönliche Jenseits des Todes kreisen. Diese Fantasien können einen behaglichen, entspannten Charakter annehmen und die Vorstellung beinhalten, nach dem Tod mit geliebten Menschen vereint zu sein. Deshalb können sie in Situationen der Kränkung, Beschämung oder bei befürchtetem Scheitern entlastend wirken. Sie stabilisieren dann den Selbstwert, verheißen einen „paradiesischen“ Ausweg, allerdings um den Preis des physischen Lebens. Ob der Co-Pilot des Germanwings-Flugs unter einer derartigen narzisstischen Krise litt? Wir wissen es nicht. Aber Henselers Theorie kann helfen, den Selbst-Rettungsversuch im destruktiven Verhalten zu verstehen.

In den vergangenen Monaten bewegte nicht nur dieser Mitnahmesuizid die gesellschaftliche Diskussion, sondern auch die Bewertung der Suizidalität von Menschen mit schweren Erkrankungen. Juristisch ist der Suizid zur Beschleunigung des Todes bei unheilbaren Krankheiten nicht verboten. Viele halten ihn für moralisch erlaubt. Auch am Lebensende gibt es Depressionen und andere behandlungsbedürftige psychische Störungen. Wie aber steht es mit psychisch gesunden Menschen, die einen Suizid wünschen? Die Debatte dreht sich weniger um die Frage, ob die Tötung auf Verlangen, wie in den Benelux-Ländern, erlaubt sein soll. Vielmehr wird diskutiert, ob die „Assistenz“ beim Suizid ermöglicht werden soll, möglicherweise als eine ärztliche Aufgabe, ob diese Assistenz gewerbsmäßig angeboten werden darf.

Gewiss ist die aktuelle Debatte um den assistierten Suizid bei schweren Erkrankungen grundverschieden von anderen öffentlich diskutierten Suiziden und von Mitnahmesuiziden. Gemeinsam ist aber allen suizidalen Situationen, dass sie die Frage nach dem Verhältnis der Gruppe zum suizidalen Mitmenschen aufwerfen. Es gehört zum christlichen Menschenbild, dass niemand von der Barmherzigkeit Gottes ausgeschlossen ist. Deshalb sagte Kardinal Rainer Maria Woelki anlässlich der zentralen Trauerfeier nach dem Germanwings-Absturz: „Wir sollten nicht zwischen Täter und Opfern unterscheiden, sondern für alle, die in diesem Flugzeug von der Katastrophe mit betroffen gewesen sind, beten.“ Deshalb brannten im Kölner Dom 150 Kerzen.

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