Der unerhörte Kardinal

Es sind noch keine 100 Tage vergangen: Am 31. August ist Kardinal Carlo Maria Martini SJ (1927-2012) verstorben, ein weltweit gelesener geistlicher Schriftsteller, der auch nach seinem altersbedingten Rückzug aus Leitungsfunktionen nicht verstummte, sondern weiter freimütig seine Stimme erhob. Zunächst Professor und Rektor des Päpstlichen Bibelinstituts, danach Rektor der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom, ernannte ihn Papst Johannes Paul II. 1979 zum Erzbischof von Mailand. Die Gregoriana und die Jesuiten verloren einen international renommierten Bibelwissenschaftler und Gelehrten - Mailand gewann einen Bischof, der Probleme ebenso offensiv ansprach wie kreativ zu lösen versuchte.

Das irritierte immer wieder. Denn Martini eckte an. Das Requiem im Mailänder Dom am 3. September, bei dem neben etlichen Kardinälen und zahlreichen Bischöfen aus aller Welt auch Ministerpräsident Mario Monti und weitere Kabinettsmitglieder in die Lombardei angereist waren, geriet zur Demonstration für das Lebenszeugnis eines ungewöhnlichen Kirchenmannes, dessen Impulse noch lange weiterwirken werden - in Gesellschaft und Politik tragischerweise vielleicht mehr als in der Kirche, die er liebte und für die er sich einsetzte und verbrauchte. Menschen waren ihm dabei stets wichtiger als Strukturen oder Vorschriften.

Mutig geworden war Martini jedoch nicht erst nach seiner Emeritierung als Erzbischof (2002), so wie manche andere, die einen Karriereknick befürchten, wenn sie den Mund zu früh aufmachen. In Mailand hat Martini seinerzeit ein vielbeachtetes Forum für das Gespräch mit Nichtglaubenden geschaffen, die Cattedra dei non credenti. Mit dem Semiotiker und Bestsellerautor Umberto Eco ("Der Name der Rose") ließ er sich auf einen hochkarätigen Dialog ein: "Woran glaubt, wer nicht glaubt?" (In cosa crede chi non crede?, 1996/98). Auf dem Höhepunkt des Linksterrorismus in Italien vertrauten ihm Mitglieder der Brigate Rosse ihre Waffen an - der Kardinal besuchte die inhaftierten Terroristen und taufte ihre Kinder. Auch als Präsident des Rates der Europäischen Bischofskonferenzen (1986-1993) setzte er bemerkenswerte theologische und ökumenische Akzente.

In einem 2008 zuerst auf Deutsch veröffentlichten und mehrfach aufgelegten, bald danach in andere Sprachen übersetzten Interview mit dem österreichischen Jesuiten Georg Sporschill ("Jerusalemer Nachtgespräche") sprach Martini offen über eine "Mitschuld" der Enzyklika "Humanae vitae" daran, daß die Kirche als Gesprächspartnerin nicht mehr ernst genommen würde. Er trat auch für die staatliche Anerkennung homosexueller Paare ein, plädierte für die Zulassung bewährter Männer zur Weihe ("viri probati") oder für die Gemeindeleitung durch Frauen. Die Liste ließe sich fortsetzen. Martini scheute heiße Eisen nicht. Aber wenn er kritisierte, war er nicht verletzend.

Seine letzte Lektion wurde posthum veröffentlicht, und sie wurde zu seinem Vermächtnis: Am 8. August 2012, also wenige Wochen vor seinem Tod, hat Martini in Gallarate bei Mailand mit Federica Radice-Fossati Confalonieri und Georg Sporschill SJ gesprochen. Dieses Interview fand weltweit Beachtung, als es kurz nach seinem Tod zuerst im Corriere della Sera erschien und unmittelbar darauf auch auf Deutsch zugänglich wurde. Die Feststellung ging um die Welt: "Die Kirche ist zweihundert Jahre lang stehen geblieben. Warum bewegt sie sich nicht? (La chiesa è rimasta indietro di 200 anni. Come mai non si scuote?) Haben wir Angst? Angst statt Mut? Wo doch der Glaube das Fundament der Kirche ist. Der Glaube, das Vertrauen, der Mut."

Ungehört blieben Martinis Worte nicht, unerhört war seine Diagnose jedoch für notorische Realitätsverweigerer in der Kirche. Naiv nannten den Kardinal andere. Man mag darüber streiten, ob es opportun ist, einem durch Parkinson schwer behinderten, kaum mehr verständlich sprechen könnenden Menschen letzte Worte abzuringen. Aber was Martini sagte bzw. noch sagen wollte, war zu wichtig, um es unter Verschluß zu halten. Immerhin war er beim Konklave der Wunschkandidat des aufgeschlossenen Flügels der Kardinäle gewesen. Trotzdem ist es müßig, darüber zu spekulieren, wie sich die Kirche seit April 2005 entwickelt hätte, wäre aus dem "roten Martini" (Kardinal) der "weiße Martini" (Papst) geworden, wie ein Wortspiel in Italien besagte, auf das er oft angesprochen wurde. "Doch wo ist der hochrangige Würdenträger unter 80", fragt Christiane Florin, "der die Worte Martinis aufnimmt?"

Die entscheidende Frage ist - und es dürfte sich dabei um eine Glaubwürdigkeits-, wenn nicht gar um eine Überlebensfrage handeln -, ob die Kirche auf Persönlichkeiten wie Martini hört oder solche Diagnosen schnell schubladisiert. Ob sie damit umgehen lernt, daß der Kanon der Lebensfragen der Menschen oft ein völlig anderer ist als die tradierte Doktrin, daß die faktische Gläubigkeit und die offizielle Glaubenslehre immer mehr auseinanderklaffen, daß es neue Wege des Umgangs mit Gescheiterten und Gezeichneten braucht, daß pastorale Quasilösungen Alibiaktionen sind, die nicht wirklich weiterhelfen. Die Bedingungen des Christseins in der Moderne sind andere als vor 200 Jahren. Daß dies alle in der Kirche verstanden haben, bezweifelte Martini in seinen letzten Lebenstagen offenbar.

Als ich im Januar 2008 selber die Gelegenheit hatte, ihn in Jerusalem zu interviewen, sagte er mir mit Blick auf die Liebe unseres Ordensvaters Ignatius von Loyola zum Heiligen Land: "Es wäre mein sehnlichster Wunsch: hier in Jerusalem zu sterben und auch begraben zu werden!" Ein Grab auf dem Jesuitenfriedhof hatte er sich schon ausgesucht, Pflege war indes nur in Italien möglich. Wichtig ist aber nicht, ob Carlo Maria Martini im Mailänder Dom oder in Jerusalem begraben liegt. Wichtig ist, daß seine Anstöße weitergehen, daß seine Kritik aufgenommen wird und nicht versandet. Sonst bleibt der Kardinal zwar nicht ungehört, aber unerhört - wie viele Vordenker. Die Bibel nennt sie Propheten.

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