Für wieviele?Der Papst und das neue Meßbuch

Im April 2012 hat sich Papst Benedikt XVI. in einem Schreiben an die Deutsche Bischofskonferenz zu einer Detailfrage im Rahmen der Revision des Meßbuchs geäußert. Alex Stock, emeritierter Professor für Theologie und ihre Didaktik an der Universität Köln, erörtert die theologischen Dimensionen und pastoralen Folgen der angeordneten Neuübersetzung.

Die Arbeit am neuen Meßbuch vollzieht sich in aller Stille. "Alle, einschließlich der Fachleute, müssen ihre Arbeit ohne Nennung des Namens ausführen und Stillschweigen beachten, wozu alle außer den Bischöfen durch einen Vertrag zu verpflichten sind"1, lautet die Vorschrift der einschlägigen römischen Instruktion, und die Fachleute, die das pflichtgemäß unterschrieben haben, halten sich strikt daran. Wer an der Sache interessiert ist, weil es sich um eine wichtige Frage der religiösen Kultur in unserem Land handelt, wäre auf Indiskretionen höherer Herkunft angewiesen.

Eine solche gibt es nun. Der Papst hat am 24. April 2012 an die Deutsche Bischofskonferenz ein Schreiben gerichtet, in dem er sich mit der beabsichtigten Neuübersetzung des deutschen Meßbuchs beschäftigt2.

Über Eile

Es interessierte die Medien wohl, aber der Wirbel war kurz und vergänglich. Freilich ist es nur eine Kleinigkeit; es geht um zwei Worte in den Eucharistischen Hochgebeten. Die "schwerwiegende Frage" ist festgemacht an der Übersetzung des "pro multis" in den Wandlungsworten. "… quod pro vobis et pro multis effundetur in remissionem peccatorum" lautet der lateinische Kelchwort-Text, für den seit über dreißig Jahren die Kleriker, hohe wie niedere, bei der Meßzelebration im Deutschen sagen: "… mein Blut, das für euch und für alle vergossen wird zur Vergebung der Sünden". Das Anliegen des päpstlichen Schreibens ist es, daß fortan "für alle" durch "für viele" zu ersetzen ist: "mein Blut, das für euch und für viele vergossen wird".

Die Sache mutet geringfügig an, im liturgischen Vollzug fast überhörbar, aber eines ausführlichen Schreibens des Oberhauptes der katholischen Kirche an die Deutsche Bischofskonferenz gewürdigt, erhält sie ein unerwartetes Gewicht:

"Revisionen von Übersetzungen, die späterhin folgen, dürfen ohne hinreichende Gründe (sine causis necessariis) den bereits approbierten Text der Eucharistischen Hochgebete, den die Gläubigen sich allmählich eingeprägt haben (gradatim memoria tenent), nicht in bemerkenswerter Weise (notabiliter) verändern."3, mahnt die einschlägige Instruktion "Liturgiam authenticam".

Sie ist sich also des pastoralen Problems memorieller Störungen im religiösen Langzeitgedächtnis des Gottesvolkes wohl bewußt. Aber wie weit trägt die Hirtenvorsicht, wenn sie mit dem Prinzip der Übersetzungsakkuratesse4 in Konflikt gerät? Die Argumentation des Papstes ist eingebettet in ausgreifende Darlegungen zur Übersetzungsnorm liturgischer Texte, wie sie von der römischen Instruktion "Liturgiam authenticam" im Jahre 2001 vorgelegt wurden5; es ist das Programm einer wortgetreuen, nicht "interpretativen" Übersetzung, wie immer diese so klar anmutende allgemeine Regel dann im Anwendungsfall zu handhaben ist6. Das von Rom aus gewünschte Neuübersetzungsprogramm soll alle Texte erfassen, nicht nur das wechselnde Proprium, sondern auch das relativ konstante Ordinarium, also zum Beispiel alle Kanontexte, die "summa cum diligentia" zu übersetzen seien. Der Canon Romanus, der ja in der heutigen Fassung insgesamt nicht ad verbum übersetzt ist, wäre, diesen Vorgaben zufolge, also einer durchgehenden Revision zu unterziehen.

Diese Konsequenz wird jedoch in dem jüngsten päpstlichen Schreiben erstaunlicherweise nicht gezogen; es konzentriert alles auf zwei Worte: "pro multis". Eine solche selektive Handhabung der Instruktion "Liturgiam authenticam" scheint deren Intention nicht ganz zu entsprechen, heißt es doch ausdrücklich:

"Wenn dennoch wichtigere Änderungen notwendig sind, um einen Text an die Normen dieser Instruktion anzupassen, wird es am besten sein, alle gleichzeitig (omnes simul) durchzuführen."7

Die vom Papst jetzt betriebene Einzelmaßnahme führt zu einem nur in einer minimalen particula revidierten Text, der, würde er in dieser Form bereits in ein liturgisches Buch, zum Beispiel das Gotteslob, übernommen, über kurz oder lang mit einem wiederum, nun in seiner Gänze revidierten Text konfrontiert würde. Da nicht anzunehmen ist, daß die römische Textprüfung mit der Korrektur eines einzigen Wortes ("viele" statt "alle") letztendlich zufrieden sein dürfte, was ein folgenreicher Präzedenzfall für die gesamte Textarbeit wäre, erregt die vorgezogene Beschränkung auf die beiden genannten Worte den Verdacht, daß es hier weniger um die von "Liturgiam authenticam" anvisierte Runderneuerung des gesamten Textbestandes geht als um ein theologisches Sonderinteresse, das unter Zeitdruck durchgesetzt werden soll. Die wörtliche Übersetzung läßt als solche nicht erkennen, was oder wen "viele" meint, und was gerade jetzt die causa necessaria ist, das den Gläubigen vertraute und liturgiegesetzlich gültige "alle" durch "viele" zu ersetzen.

Exegetischer Beistand

Zunächst legt sich natürlich die Frage nahe, warum überhaupt die deutschen Bischöfe, die ja alles zu genehmigen hatten, bei der Erstellung des derzeitig gültigen Missales im Jahre 1975 nicht einfach die Übersetzung "für viele", die ja im alten Schott-Meßbuch vorlag, übernommen haben. Der Papst verweist darauf, daß sie sich mit der Übersetzung "für alle" auf einen damals gegebenen "exegetischen Konsens" gestützt hätten, den es gegenwärtig nicht mehr gebe: "Dieser exegetische Konsens ist inzwischen zerbröckelt, er besteht nicht mehr." "Zerbröckelt" ist ein ungewöhnlicher Ausdruck für einen wissenschaftsgeschichtlichen Prozeß, der möglicherweise nur darin besteht, daß gegenüber der herrschenden Meinung eine abweichende aufgetaucht ist, die den consensus unanimis aufgehoben hat, was aber doch nicht per se bedeutet, daß die ältere, einmal als wohlbegründet angesehene These damit einfach falsifiziert wäre.

Die von Joachim Jeremias im polloi-Artikel des "Theologischen Wörterbuchs zum Neuen Testament" vorgelegte Argumentation zugunsten einer einschließenden Bedeutung8 mag nicht mehr den einhelligen Konsens der heutigen Exegese darstellen, aber ist damit schon ein neuer gewonnen, auf den sich eine kirchenamtliche Entscheidung fraglos gründen könnte? Die Diskussion hat begonnen, aber ist nicht abgeschlossen9. So votieren alttestamentliche Exegeten in jüngerer Zeit dafür, daß im Gottesknechtslied Jes 52,13-54,12 "mit den 'Vielen' […] die Gesamtheit Israels gemeint"10 sei, und neutestamentliche schließen die Folgerung an:

"Dass Jesus im Angesicht des Todes mit diesem Rekurs auf das stellvertretende Leiden des Gottesknechts seinen bleibenden Anspruch auf ganz Israel dokumentierte, ist für eine bibeltheologisch begründete christliche Israel-Theologie fundamental. Dies wieder in der Mitte der Eucharistie sichtbar zu machen, lohnt alle Mühe."11

Ob dieses den alten exegetischen Konsens gewiß revidierende Verständnis der multi die Mühen des Papstes stützt, steht freilich dahin, woraus sich ergibt, daß mit der reinen Übersetzung "für viele" noch nicht viel gewonnen ist.

Bis ins Wort hinein

Nun äußert sich der Papst selbst zur biblischen Begründung der Entscheidung des Heiligen Stuhls, die für das "pro multis" die Übersetzung "für viele" fordert:

"… die Kirche hat diese Formulierung aus den Einsetzungsberichten des Neuen Testaments übernommen. Sie sagt so aus Respekt vor dem Wort Jesu, um ihm auch bis ins Wort hinein treu zu bleiben. Die Ehrfurcht vor dem Wort Jesu selbst ist der Grund für die Formulierung des Hochgebets."

Woher aber weiß man so genau, was in diesem Fall die ipsissima vox Jesu ist? Mt 26,28 hat "peri pollôn", Mk 14,24 "hyper pollôn"; beide haben also die vielen im Blick, von "hyper hymôn" - "für euch" wissen sie nichts, während umgekehrt die andere, lukanisch-paulinische Hälfte der Abendmahlsüberlieferung von dem "peri / hyper pollôn" nichts weiß, sondern nur von "hyper hymôn", "für euch" spricht, Lk 22,20 im Kelchwort, 1 Kor 11,23 im Brotwort. Wenn das "pro multis" abendmahlstheologisch so authentisch ist, warum wissen Lukas und Paulus es dann nicht oder verschweigen sie es? Wer für verbale Treue gegenüber dem historischen Wort Jesu ist, muß sich wohl entscheiden. Sieht er sie in der matthäisch-markinischen Traditionslinie, muß er bei dem "peri / hyper pollôn" bleiben und kann nicht evangelienharmonistisch ein "hyper hymôn" einfügen. Würde sich der Papst einfach auf das traditionsgeschichtliche Faktum des römischen Meßkanons berufen, der die unterschiedlichen Versionen concetto-artig kombiniert12, wäre nichts einzuwenden. Aber wird so sehr auf dieser Lieblingsjünger-Nähe im Abendmahlssaal bestanden, wo die ipsissima vox im Originalton zu hören ist, schafft das Nachweisprobleme. Bringt man noch in Anschlag, daß die ipsissima vox Jesu in den Abendmahlsworten vermutlich nicht griechisch gewesen ist, der aramäische Originaltext aber unbekannt, wird das "Bis ins Wort hinein treu bleiben" zu einem etwas labilen Argument.

Ferner bleibt bei der hier eingenommenen Perspektive zu bedenken, daß in der für so authentisch gehaltenen matthäisch-markinischen Tradition das "pro multis" am Ende eines Satzes steht, der beginnt: "Accipite et bibite ex eo omnes:…" - "Nehmet und trinket alle daraus: …", was als auszuführende Handlungsanweisung zu verstehen ist: "und sie tranken alle daraus (et biberunt ex eo omnes)", Mk 14,23. Müßte jemand, der so sehr auf der Treue zu Jesus bis ins Wort hinein insistiert, nicht ebendiese im gleichen Satz stehende Anweisung gleichfalls aufs Wort befolgen? Das aber ist in den katholischen Messen, auch denen des Papstes, mitnichten der Fall. Es wird gesagt, aber nicht ausgeführt. Der Priester trinkt üblicherweise den "Kelch des Neuen und ewigen Bundes" ganz für sich allein aus; auf diesem sakramentalen Wege kommt Jesus nicht nur nicht zu allen, sondern nicht einmal zu vielen.

Nun hat gewiß das Trienter Konzil gegen hussitische und reformatorische Utraquisten definiert, daß es kein göttliches Gebot der Kommunion unter beiderlei Gestalt für alle gebe, die Kirche in ihrer Disziplinargewalt frei sei, den Modus der Sakramentenspendung zu bestimmen, und der ganze Christus auch von dem empfangen werde, der nur unter einer Gestalt (sub una specie), also in Brotsgestalt allein kommuniziere. Das mag man als die etwas rabulistische Rechtfertigung einer katholisch-handlichen Sakramentspraxis gegen protestantische Laienkelchforderungen durchgehen lassen; aber wenn jemand sich nicht einfach dogmenpositivistisch auf diesen Entscheid des Konzils von Trient beruft, sondern ausdrücklich mit der Treue gegenüber Jesus bis ins Wort hinein argumentiert, kann er doch eigentlich dieses "Nehmet und trinket alle daraus: …" aus dem Munde Jesu nicht einfach übergehen.

Maß des Heils

Der Ausdruck "viele" besagt in seinem deutschsprachigen Erstsinn "nicht wenige", betont also die große Zahl, die Menge, das Gros. So ist es in dem theologiegeschichtlich bedeutsamen 5. Kapitel des Römerbrief, wo es hinsichtlich der Analogie zwischen Adam und Christus heißt:

"Wie es also durch die Übertretung eines einzigen (unius) für alle Menschen (omnes homines) zur Verurteilung kam, so wird es auch durch die gerechte Tat eines einzigen (unius) für alle Menschen (omnes homines) zur Gerechtsprechung kommen, die Leben gibt. Wie durch den Ungehorsam des einen (unius) die vielen (multi) zu Sündern wurden, so werden auch durch den Gehorsam des einen (unius) die vielen (multi) zu Gerechten gemacht werden" (Röm 5,17 f.).

Die Tat des einen, Adams wie Christi, betrifft nicht nur ihn selbst, ihn allein, sondern viele, eine große Menschenmenge, die, weil es sich um die "Tat des jeweiligen Stammvaters"13 handelt, niemanden ausnimmt, also alle meint. Die "vielen" sind so viele, daß sie so viel wie "alle" sind: "hoi polloi = pantes"14.

Am 4. Sonntag der Osterzeit, dem Sonntag "Misericordia Domini", ist im laufenden Lesejahr (A), wenige Wochen nach besagtem Papstbrief also, die erste Lesung der Apostelgeschichte entnommen (Apg 2,14a.36-41). In der dort referierten Petruspredigt findet sich der Vers: "Denn euch und euren Kindern gilt die Verheißung und all denen in der Ferne, die der Herr, unser Gott herbeirufen wird." Das 3. Hochgebet hat das aufgegriffen mit der Fürbitte: "Erhöre, gütiger Vater, die Gebete der hier versammelten Gemeinde und führe zu dir auch alle deine Söhne und Töchter, die noch fern sind von dir" - "Omnes filios tuos ubique dispersos". Könnten diese omnes nicht die multi sein, von denen die Wandlungsworte sprechen? Könnte man in solcher Hochgebetskonkordanz vielleicht bei der Übersetzung "alle" bleiben, oder, wenn das nicht geht, die omnes-Tendenz der multi wenigstens versuchen sprachlich kenntlich zu machen, indem man übersetzt: "für euch und die vielen", "für euch und all die vielen", "für euch und so viele", mit einem weiten Blick und offenen Gestus über diese Gottesdienstgemeinde hinaus in die unübersehbare Menschenwelt. Es wäre eine sakramentale Soteriologie, die im Namen Jesu dem Heil der Welt zugeneigt ist, eine im Kultvollzug selbst alle Kultvereinsenge sprengende.

Wenn aber "viele" ausdrücklich gegen ein bestehendes "alle" abgesetzt wird, wird die Limitierung unterstrichen: "nicht alle, nur viele". Unterstellt man in der Übersetzung von "multi" diese zweite Bedeutung ("nicht für alle"), berührt man den Heilsuniversalismus des Kreuzestodes Jesu, für den der Völkerapostel Paulus sich so vehement einsetzt. Gott hat seinen Sohn "für alle hingegeben", heißt es im Römerbrief (Röm 8,32), "Einer ist für alle gestorben" im 2. Korintherbrief (2 Kor 5,14), Jesus hat sich "als Lösegeld hingegeben für alle" im 1. Timotheusbrief (1 Tim 2,6). Diese allumfassende Weite konzediert auch der Papst in seiner jüngsten Einlassung zur Sache, aber er führt eine Reichweitendifferenz ein:

"'Alle' bewegt sich auf der ontologischen Ebene - das Sein und Wirken Jesu umfasst die ganze Menschheit, Vergangenheit und Gegenwart und Zukunft. Aber faktisch, geschichtlich in der konkreten Gemeinschaft derer, die Eucharistie feiern, kommt er nur zu 'vielen'."

Das klingt trivial, aber wohin führt diese Argumentation? Die, zu denen Jesus in der Eucharistiefeier faktisch kommt, sind in den Worten der Liturgie doch mit "euch" gemeint. Das mögen hier vor Ort jetzt wenige sein (und "in der Nacht, da er verraten wurde", waren es, soweit man weiß, nicht viele) oder, weltweit zusammengerechnet, viele, es sind immer die in faktischer Gemeinschaft Angeredeten: "für euch". Die "multi" der Wandlungsworte werden dem "für euch" hinzugesetzt, sie interpretieren es nicht: "et pro multis". Es sind immer und überall die faktisch nicht Anwesenden, eben "die vielen", "so viele", "all die vielen", die dieser Gemeinde nicht angehören, ihrem Gottesdienst nicht beiwohnen, potentiell "alle", für die Jesus ebenfalls sein Blut vergossen hat, was man im Augenblick der Konsekration nicht vergessen soll: "Tut dies zu meinem Andenken", zum Andenken des für alle Gestorbenen.

Der Papst versteht das anders. Er überspielt das "et". Er versteht es interpretativ, nicht additiv. Er findet, daß die, die zur Eucharistie kommen, selbst die "multi" sind: "Die vielen, die wir sind…". Die Relativkonstruktion kann doppelt verstanden werden. Entweder sind "wir", die sich hier versammeln, selbst numerisch viele, was den im päpstlichen Außendienst erlebten Massengottesdiensten entsprechen dürfte, oder den faktisch wenigen vor Ort werden die vielen, die weltweit zur Messe gehen, imaginativ hinzugefügt, was der Kleinmengenerfahrung der täglichen Gottesdienste in der päpstlichen Kapelle entsprechen könnte. Immer aber ist bei den "vielen" an Eucharistiepartizipanten gedacht. Der Strom des kostbaren Blutes Christi wird binnenkirchlich gestaut.

Wenn der Satz fortfährt: "Die vielen, die wir sind, müssen in der Verantwortung für das Ganze im Bewußtsein ihrer Sendung stehen", wird die heilsuniversale Dimension vom Ritus in das Ethos verlegt. Sie ist kein Horizont des Sakraments, sondern Sache des moralischen Appells. Den Gläubigen wird eine missionarische Verantwortung zugedacht "für das Ganze", wie es im Neutrum heißt. Das Kelchwort selbst spricht eigentlich nur von der Gabe und Hingabe Jesu, nicht von Sendungspflicht.

Daß es sich bei der hier vorliegenden Auslegung um jenes pastoral-interpretative Genre handeln könnte, das sonst nicht gerade geschätzt wird, legt sich auch und besonders bei dem "dritten Aspekt" nahe, den der Papst noch hinzufügt:

"In der heutigen Gesellschaft haben wir das Gefühl, keineswegs 'viele' zu sein, sondern ganz wenige - ein kleiner Haufen, der immer weiter abnimmt. Aber nein - wir sind 'viele'",

wofür als biblische Belegstelle Apk 7,9 beigezogen wird - eine Vision der himmlischen Liturgie, in der sich "eine große Menge, die niemand zählen konnte, aus allen Nationen und Stämmen und Völkern und Sprachen" "vor dem Thron und vor dem Lamm" versammelt. Da wird das "für viele" mit himmlischem Ausblick als Trostwort für eine in der Moderne schrumpfende Gemeinde interpretiert. Einen direkten Anhalt am Text der Einsetzungsworte hat das nicht. Civitas Dei-Gedanken scheinen herbeigerufen zu werden als Auferbauungsmotiv in schwerer Zeit.

Das harmlose Plädoyer für die neue, wörtliche Übersetzung zeigt sich im Duktus der angeführten Argumente als Ankerpunkt einer Soteriologie, die zuvorderst an das Heil der kleinen Herde denkt, zu der Jesus im Vollzug der vom Priester zelebrierten katholischen Meßfeier so wirklich kommt, daß sie des ihnen im Jesu Tod gewährten Heils sicher sein können, während das bei allen anderen ("für alle") zwar in Jesu Tod intendiert, aber faktisch höchst ungewiß erscheint. Wenn da, aus welchen Gründen immer, am Horizont des Heilsuniversalismus augustinische massa damnata-Gedanken gewittern sollten, bleibt als Zuflucht nur der Zöllner, der von ferne stand, seine Augen nicht zum Himmel zu erheben wagte, an seine Brust schlug und sagte: "Gott, sei mir Sünder gnädig" (Lk 18,13 f.); "Domine, non sum dignus", wie es selbst in der Liturgie heißt.

Ob Bedenken gegen die Gefahr einer pharisäischen Heilssicherheitslehre im kirchlichen Entscheidungsgefüge etwas ausrichten können, steht freilich dahin. Die gerade vom derzeitigen Papst immer wieder für die katholische Religion reklamierte Rationalität, was nach dem großen Kirchenlehrer Thomas von Aquin jedenfalls sorgfältige Abwägung der Argumente besagt, ist, wie das berühmte Subsidiaritätsprinzip, in der Selbstanwendung nicht ganz einfach. Die causa scheint schon finita zu sein, heißt es doch im Schreiben an die Bischöfe:

"In diesem Zusammenhang ist vom Heiligen Stuhl entschieden worden, dass bei der neuen Übersetzung des Missale das Wort 'pro multis' als solches übersetzt und nicht zugleich schon ausgelegt werden müsse. An die Stelle der interpretativen Auslegung 'für alle' muss die einfache Übertragung 'für viele' treten."

Mit dem letzten Satz gibt der Heilige Stuhl den örtlichen Instanzen nicht mehr nur eine Regel vor, sondern mißt sich selbst eine landessprachliche Letztkompetenz zu, die alle nachträgliche Argumentation aussichtslos erscheinen läßt.

Katechetische Nöte

Der Papst selbst scheint die aus solcher Vorentscheidung resultierende Verzwickung der hermeneutischen Lage zu ahnen. Der flehentliche Ruf nach einer von den deutschen Bischöfen doch endlich zu erstellenden "KATECHESE" ("… dringendst darum zu bitten, eine solche Katechese jetzt zu erarbeiten"), die die römisch verordnete Innovation den Priestern und über sie dem gläubigen Gottesvolk plausibel machen soll, impliziert das Eingeständnis, daß das Gedankengefüge, das der Papst hier entwickelt, nicht unmittelbar eingängig ist und schließlich dann doch ohne "interpretative Auslegung" nicht vor Mißverständnissen bewahrt werden kann: "Das Vorausgehen der Katechese ist die Grundbedingung für das Inkrafttreten der Neuübersetzung."

Katechese bedeutet die Elementarisierung vielleicht komplexer, aber an sich klar strukturierter theologischer Sachverhalte. Diese Bedingung wird von den Altersgedanken des Pontifex maximus nicht optimal erfüllt. Katechese kann ferner nur gelingen, wenn die Katecheten von der Sache ihrer Unterweisung selbst überzeugt sind. Wenn Priester und ja wohl auch Bischöfe - die Anfrage des Bischofskonferenzvorsitzenden resultierte ja aus einer episkopalen Uneinigkeit - diese Bedingung nicht erfüllen, wird auch ein oktroyierter Hirtenbrief die erforderliche Glaubwürdigkeit ihrer Rede nicht sicherstellen können. Katechese braucht schließlich einen angemessenen Raum nachhaltiger Erklärung, den zu gewährleisten in normalen Gemeindegottesdiensten von heute mit ihren fluktuierenden Präsenzen nicht ganz einfach sein dürfte. Wer also bei der zu erarbeitenden "Katechese" nicht nur an die Ausfertigung eines bischöflichen Schriftstücks denkt, sondern an einen denkende Menschen angehenden Prozeß, wird mit Schwierigkeiten konfrontiert, deren Ausmaß in der entweltlichten Zone eines vatikanischen Schreibtischs vielleicht nicht ganz leicht nachzuvollziehen ist, denen man sich aber, wenn es sich um eine für alle Gläubigen zum rechten Vollzug der Messe unumgängliche Unterweisung handeln soll, wohl wird stellen müssen.

Wer spaltet?

Was sich im Brief des Papstes als Lösung des Übersetzungsproblems anbietet, vertieft es. Der die "Spaltung im innersten Raum unseres Betens" beklagt, kerbt selber daran. Könnte man sich der Übersetzung "viele" notfalls beugen, so wird man nun darauf festgelegt, was der Papst persönlich sich dabei denkt. Und das ist in der Tat etwas anderes, als viele, wenn nicht die meisten, sich an dieser liturgischen Stelle bisher gedacht haben; sogar etwas anderes, als der unmittelbare Vorgänger auf der Cathedra Petri meinte, als er in seiner letzten Gründonnerstagsansprache (2005) festhielt:

"Es handelt sich um ein Opfer, das für 'viele' hingegeben wird, wie der biblische Text […] in einer typisch semitischen Ausdrucksweise sagt. Während diese die große Schar bezeichnet, zu der das Heil gelangt, das der eine Christus gewirkt hat, schließt sie zugleich die Gesamtheit der Menschen ein, der es dargeboten wird. Es ist das Blut, 'das für euch und für alle vergossen wird', wie einige Übersetzungen legitim deutlich machen."15

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