Israelkritik und Antisemitismus

Der Historiker und ehemalige Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin, Professor Wolfgang Benz, benennt die historischen Wurzeln des Antisemitismus und analysiert aktuelle Diskussionen sowie die problematische Verwendung des Begriffs in den Medien.

Günter Grass hat zu Ostern 2012 ein Gedicht veröffentlicht, mit dem er vor einem Krieg gegen den Iran warnte. Dem wenig inspirierten Titel "Was gesagt werden muss" folgen 69 Zeilen, in denen der Dichter seiner Sorge vor einem atomaren Präventivschlag Israels gegen das "von einem Maulhelden unterjochte" iranische Volk Ausdruck verlieh. Sein Anliegen teilen viele, die aber im Gegensatz zu Grass das Schweigen ungelenken Versen vorziehen. Des Nobelpreisträgers Wortwahl machte ihn angreifbar. Der Satz: "Die Atommacht Israel gefährdet den … Weltfrieden" läßt die Bedrohung des Landes durch feindselige Nachbarn außer acht, macht es zum potentiellen mutwilligen Aggressor und die Unterstellung, Israel wolle das "iranische Volk auslöschen", ist fatal.

Die literarisch wie politisch mißglückte Poesie löste Entrüstung aus, die über jedes Ziel hinausschoß und die Ahnung des Dichters über die Strafbarkeit seiner Intervention reichlich bestätigte. Das Verdikt Antisemitismus sei geläufig, hatte Grass geschrieben. Er erfuhr es sogleich am eigenen Leibe. Die Reaktionen der Abwehr lassen sich in zwei Kategorien einteilen: Wer Probleme mit dem Unterschied von Israelkritik und Judenfeindschaft hat - und einschlägige Unsicherheit zeichnet nicht nur Politiker aus -, positionierte sich vorsorglich gegen Grass. Reflexhaft reagierten Freunde Israels, die allezeit bereit sind, Krach zu schlagen und ohne den geringsten Skrupel Kampagnen loszutreten, die nur einen Zweck haben, nämlich den, den Urheber des unerwünschten Gedankens im öffentlichen Diskurs zu vernichten oder wenigstens so stark zu beschädigen wie möglich. Solche Kampagnen gehen ad hominem und wollen denunzieren und desavouieren.

Absolute Loyalität mit dem Staat Israel - Judenfeindschaft

So versuchten sich Grass-Kritiker am Nachweis, daß sein Gedicht voller Anklänge an die Sprache der Nationalsozialisten stecke. Einem weniger tiefschürfend analysierenden als eher durch Überzeugung festgelegten Publizisten offenbarten sie "Denkfiguren und Sprachformeln", "die ihre Herkunft aus der NS-Ideologie nicht verbergen können". Der obligate Vergleich mit Joseph Goebbels ist möglicherweise nur beleidigend gemeint, die Schlußfolgerung lautet jedenfalls ohne nachvollziehbare Beweisführung, daß Grass eben ein Gesinnungsnazi gewesen und geblieben sei. Ein anderer Kommentator weiß, daß Günter Grass "schon immer ein Problem mit Juden hatte" und rekuriert an Beweises Statt auf die unglückselige Mitgliedschaft des 17jährigen in der Waffen-SS. Grass verkörpere eben den Prototyp des gebildeten Antisemiten. Damals sei er ein SS-Mann gewesen, heute schreibe er wie einer, lautet die weniger scharfsinnige als böswillige Schlußfolgerung.

Vom Sturm der Entrüstung wurden viele erfaßt. Symptomatisch an der Wut über den Dichter war nicht nur die Verurteilung eines angeblichen Tabubruchs - der Verweigerung unbedingter Zustimmung zur Politik der israelischen Regierung -, sondern die damit verbundene Qualifizierung als Antisemit. In der Verknüpfung des Postulats absoluter Loyalität gegenüber dem Staat Israel mit der Definition von Judenfeindschaft kommt ein Deutungsanspruch zum Ausdruck, der den Sachverhalt Antisemitismus auf gefährliche Weise reduziert, nämlich auf die Haltung gegenüber Israel, und absolut setzt. Die Willkür, mit der die Zuschreibung erfolgt, macht die Stigmatisierung desjenigen, der zum Judenfeind erklärt wird, so einfach. Der Verzicht auf Differenzierung erinnert an die reziproke Methode, mit der Juden von ihren Feinden definiert und mit negativen Eigenschaften ausgestattet wurden, die Abscheu vor ihnen rechtfertigen sollten.

Die Beliebigkeit der Festsetzung eines politisch begründeten Feindbildes, die jede rationale Definition negiert und politischen Bedürfnissen unterwirft, ist symptomatisch für die Instrumentalisierung des Ressentiments Judenfeindschaft. Wenn man den Terminus "Antisemit" nach politischer Praktikabilität, nach Bauchgefühl, Mutmaßung oder aus Bosheit benützt, dann kann jeder, der als Jude, als Freund Israels, als Philosemit oder als politischer Interessent agiert, den Status des Experten erlangen, der erst die Diagnose "ein Fall von Antisemitismus" stellt und dann zur Verfolgung von Feinden aufruft, die zu diesem Zweck als "Antisemiten" stigmatisiert werden. Wahrscheinlich wird sogar Geld ausgegeben, um unerwünschte Meinung (oder Tatsachenfeststellung) durch Kampagnen an den Pranger zu stellen und die Urheber mundtot zu machen. Die Steigerung der Beliebigkeit zur zynischen Groteske war vollzogen, als der Vorsitzende der rechtsextremen Partei "Die Republikaner" im Sommer 2009 ein "Sofortprogramm gegen Antisemitismus" forderte.

"Jerusalemer Erklärung" - "Christliches Abendland" als Kampfparole

Nach dem Motto "Der Feind meines Feindes ist mein Freund" reisten im Dezember 2010 Rechtspopulisten aus Deutschland, Österreich, Belgien und Schweden zusammen nach Israel, um sich dort durch die gemeinsame Aversion gegen den Islam bei jüdischen Siedlern in den besetzten Gebieten anzubiedern. Das einigende Band der Delegation war die Feindschaft gegen Muslime und das Bestreben, vor einer "neuen totalitären Bedrohung", dem Islam, zu warnen. Eine "Jerusalemer Erklärung" vom 7. Dezember 2010 beschwor den "Wertekanon der westlichen Zivilisation, der auf dem geistigen Erbe der griechisch-römischen Antike, der jüdischchristlichen kulturellen Werte, des Humanismus und der Aufklärung basiert".

Die Formel dient im Munde weit rechts stehender Populisten als leicht durchschaubare taktische Absicht im Streben nach politischer Salonfähigkeit. Längst wird sie aber auch von Unverdächtigen gebraucht, ähnlich wie die Beschwörung einer angeblichen "deutsch-jüdischen Symbiose", die in den Jahrzehnten vor Adolf Hitler existiert haben soll, zur Linderung des Schreckens über den Judenmord gute Dienste leistet. Diese Symbiose war aber nie mehr als ein frommer Wunsch. Die Berufung auf eine gemeinsame christlich-jüdische Tradition des Abendlandes hat einen ähnlichen Hintergrund, ist aber so absurd wie scheinheilig: Zwei Jahrtausende lang haben die Christen im Abendland darauf geachtet, sich von den Juden abzugrenzen. Die mittelalterliche Verfolgung im Zeichen des christlichen Antijudaismus ging in den Rassismus der Moderne über, in den Antisemitismus, dessen Ziel und Zenit der Judenmord war. Seit einigen Jahren ist es Mode, die "christlich-jüdische" Tradition des Abendlandes als Kampfparole gegen Muslime einzusetzen, einen anderen Sinn hat sie nicht.

Jede nur auf emotionale Kategorien gründende Bestimmung des Tatbestandes Antisemitismus entzieht sich naturgemäß systematischer Betrachtung. Das ist aber ausdrücklich gewollt von jenen, die den Antisemitismusvorwurf als Waffe benutzen, um bestimmte Absichten durchzusetzen. Die Unsicherheit im Publikum, was denn Antisemitismus sei, kommt dem entgegen. Wer wagt es zu widersprechen, wenn ein prominenter Exeget, der möglicherweise gar Jude ist, oder auch nur berühmt, oder politisch maßgebend, etwas als "antisemitisch" deklariert, oder jemanden als Antisemiten brandmarkt?

Gefühl und Eifer sind beim Streben nach Meinungsführerschaft auf diesem Gebiet mindestens so nützlich wie Sachkenntnis. Wie oft hat der Autor dieser Betrachtung erlebt, daß bei Diskussionen vor Publikum im Rundfunk oder Fernsehen, die nach judenfeindlichen Affären ins Programm gerückt wurden, einer oder eine auf dem Podium - der gefeierte Schriftsteller, die beliebte Kulturdiva, der eloquente Feuilletonchef des Qualitätsblattes usw. - zur Einleitung seines Statements sorgenvoll das Haupt wiegt, um dabei zu erklären, was Antisemitismus denn eigentlich sei, das müsse man doch erst einmal definieren.

Das war so bei allen Skandalen, wie sie vom Abgeordneten Martin Hohmann (CDU) oder vom Politiker Jürgen Möllemann (FDP) und anderen in den letzten Jahren verursacht wurden und die dann öffentlich aufgearbeitet worden sind. In dem Maß, in dem Antisemitismus als Stigma und Vorwurf zur politischen Kampfparole wurde, anstatt ein aus Vorurteilen geborenes und durch stereotype Feindbilder genährtes gesellschaftliches Phänomen, das in der Hoffnung, es zu überwinden, beschrieben wird, steigt die Zahl der Sachverständigen ohne Kompetenz. Jeder Aktivist ist (durch sein Engagement scheinbar hinlänglich legitimiert) Fachmann und was er unter Antisemitismus versteht, ist ihm von Interessenten, Auftraggebern, Gleichgesinnten oder anderen Aktivisten vorgegeben. In manichäischer Weltsicht muß dann der Enkel eines Judenfeindes zwangsläufig auch Antisemit sein, so wie jeder Nachfahre eines NSDAP-Mitglieds dessen Gesinnung geerbt haben muß und eben auch ein Nazi ist.

Unter solcher Voraussetzung ergeben sich Staunen erregende Allianzen von Linksradikalen mit Rechten, deren einigendes Band nicht leicht zu erkennen ist. Einer aus politischer und emotionaler Befindlichkeit geborenen Gewißheit über den Antisemitismus und die Antisemiten steht die Abwehrhaltung derer gegenüber, für die "Antisemitismus erst einmal definiert werden muß". In der Regel dient diese, Ratlosigkeit oder Unwissen kaschierende Forderung dazu, Verdacht abzuwehren oder evidenten Sachverhalt zu marginalisieren. Dies bestätigt sich immer, wenn eine prominente Person durch eindeutige Positionierung unter Verdacht gerät. Die Sympathisanten des Abgeordneten Hohmann gaben sich redlich Mühe, um ihn vom Odium zu befreien, als er judenfeindliche Stereotypen zu einer patriotischen Rede verarbeitete.

Vergangenheitsbewältigung: ein Schlußstrich?

Ein Jahrzehnt vor dem konservativen Politiker hatte ein streitbarer und wortmächtiger Dominikaner, Basilius Streithofen, einen Vortrag gehalten, in dem er äußerte, Juden und Polen seien die größten Ausbeuter des deutschen Steuerzahlers. Er wurde zwar wegen Volksverhetzung angeklagt, rechtfertigte sich aber, auch gegen Kritik aus dem eigenen Orden, in Stammtischmanier und sagte, die inkriminierte Äußerung sei ihm "so rausgerutscht", überdies sei das Zitat aus dem Zusammenhang gerissen; außerdem habe er bei dem Vortrag auch die schwere Schuld der Deutschen gegenüber den Juden und Polen betont. Aber es müsse "einmal Schluß mit der Vergangenheitsbewältigung sein", und es müsse sichergestellt sein, daß "die Urenkel nicht mehr für die in der NS-Zeit begangene Schuld haftbar gemacht werden können". Und dann, damit die Absicht seiner Feindbildprojektion offenbarend, fügte er hinzu: "In diesem Zusammenhang stehe ich zu meiner Äußerung, daß die Juden die Deutschen ausbeuten."

Auch der populäre Staatsmann Norbert Blüm (CDU), beliebt ob seines Unterhaltungswertes und seiner christdemokratischen Prinzipienfestigkeit, geriet in Verdacht, als er mit falschem Zungenschlag Israelkritik übte. Er hatte Aktionen der israelischen Streitkräfte als "hemmungslosen Vernichtungskrieg" gegen Palästinenser bezeichnet und sich damit in die Nähe der unsäglich törichten Behauptung begeben, Israel agiere gegenüber den Palästinensern ähnlich oder genau so wie einst "die Nazis gegen die Juden". Blüm wehrte sich, unterstützt von Anhängern, die argumentierten, ein so ehrenwerter Mann könne keine judenfeindlichen Äußerungen von sich geben. Die Situation war typisch: Der schiefe Vergleich hat die Qualität einer antisemitischen Stereotype, die durch Sympathieerklärung außer Kraft gesetzt werden soll.

Ratlosigkeit und Unbehagen charakterisieren außer den Interessenbekundungen den Umgang mit dem sperrigen Gegenstand Judenfeindschaft. Das war auch so, als der Deutsche Bundestag eine Untersuchung über den Stand des Antisemitismus bei einem unabhängigen Expertenkreis in Auftrag gab. Die solide Arbeit, die der rastlose Fleiß der Sachkundigen (bzw. einiger der als solcher Berufenen) hervorbrachte, fand dann freilich kaum Beachtung. Das Hohe Haus, das mit dem erforderlichen Pathos beschlossen hatte, dem gefühlten Desiderat einer Beschreibung der Judenfeindschaft in deutschen Landen ein Ende zu machen und einen Bericht bestellte, hatte eineinhalb Jahre später kaum das Bedürfnis, den Befund der Experten zur Kenntnis zu nehmen, geschweige denn zu diskutieren.

Definitionswirrwarr

Was Antisemitismus eigentlich sei, wie zu definieren, das ist nicht die Frage. Antisemitismus als Vorurteil, als Einstellung, als Attitüde, als soziales, politisches, ökonomisches und kulturelles Phänomen ist längst definiert als Ergebnis interdisziplinärer Forschung, wie sie seit Theodor W. Adorno und schon früher betrieben wird. Die Resultate der modernen Vorurteilsforschung lassen sich im folgenden leicht skizzieren.

Der Begriff Antisemitismus ist eine unglückliche Schöpfung des späten 19. Jahrhunderts, erfunden im Bestreben, Judenfeindschaft durch pseudowissenschaftliche Weihen salonfähig zu machen. Das Mißverständnis, die Sprachfamilie der Semiten als Ethnie zu begreifen und die Juden als "Rasse" zu kennzeichnen, hält sich seit der Begriffsbildung bis in die Gegenwart. Wie oft bin ich als Vorurteilsforscher bei der öffentlichen Darlegung von Erkenntnissen über den Antisemitismus von Leuten mit dem Gestus großer Überlegenheit und mit dem Stolz, der dem Erfinder des Rades angemessen wäre, gefragt worden, ob ich denn nicht wisse, daß die Araber ebenso wie die Juden "Semiten" seien, woraus doch folge, daß der Terminus Antisemitismus falsch sei und daß es - das ist die damit verfolgte Absicht - den damit bezeichneten Judenhaß gar nicht geben könne. Andere faseln gar vom "Semitismus", den es doch wohl auch geben muß, wenn Antisemitismus in aller Munde ist. Mit der Geduld, die den Gelehrten auszeichnet, erklärt man dann, daß die irreführende Begriffsbildung wohlbekannt ist, daß man aber an einer Terminologie, die weltweit eingebürgert ist, schwerlich etwas ändern kann. Ebenso wenig wie an der Tatsache, daß es weltweit Ressentiments, Feindseligkeit, Haß gegen Juden gibt. Man wird also "Antisemitismus" als Oberbegriff für alle Arten und Formen von Judenfeindschaft gelten lassen müssen, um dann die verschiedenen Phänomene differenziert zu betrachten.

Vier Grundphänomene sind zu unterscheiden. Zum ersten ist es der christliche Antijudaismus, also die religiös motivierte, aber auch kulturell, sozial und ökonomisch determinierte Form des Ressentiments gegen Juden vom Ende der Antike über das Mittelalter bis zur Neuzeit. Diese Version spielt heute mindestens in Deutschland und in anderen säkularisierten Gesellschaften eine nachgeordnete Rolle; aber in Ländern wie Polen steht solche Judenfeindschaft auf christlichem Fundament - mit dem Gottesmordvorwurf, mit Ritualmordlegenden, der Blutbeschuldigung - immer noch in voller Blüte.

Die zweite Version von Judenfeindschaft ist der - scheinbar wissenschaftlich, nämlich anthropologisch und biologistisch - argumentierende moderne Antisemitismus, also der Rassenantisemitismus, der im 19. Jahrhundert entstand und in den Holocaust mündete.

Die dritte Variante des Vorbehalts, Judenfeindschaft nach dem Holocaust, ist aktuell. Neben traditioneller Judenfeindschaft, wie sie auch außerhalb Deutschlands artikuliert wird, bildete sich in der alten Bundesrepublik eine neue Form des Ressentiments: der sekundäre Antisemitismus. Er ist eine eigenständige Erscheinung mit wenig manifester Ausprägung, aber erheblicher Latenz. Das heißt, die Ressentiments sind allgegenwärtig, werden von vielen geteilt und ohne Reflexion agiert. Dieses, das dritte Phänomen der Judenfeindschaft, der sekundäre Antisemitismus, speist sich aus Gefühlen der Scham und der Schuldabwehr. Nicht trotz, sondern wegen Auschwitz werden Ressentiments gegen Juden mobilisiert, die sich an Entschädigungsleistungen und Wiedergutmachungszahlungen kristallisieren. Wie lange man denn noch büßen müsse, ob die unschuldigen Enkel und Urenkel noch für den Holocaust zahlen müßten, lauten die Klagen. Die Vermutung, die Juden würden sich selbst am Völkermord noch bereichern, weil sie eben mit allem Geschäfte machen würden, gehört zur Abwehr wie zur Selbstbeschwichtigung und manifestiert, wie stark antisemitische Stereotype verinnerlicht wurden.

Der sekundäre Antisemitismus ist ursprünglich ein westdeutsches Phänomen, da er sich an Restitutionsleistungen festmacht, wie sie von der DDR nicht gezahlt wurden. Dafür war eine andere Erscheinungsform antijüdischer Ressentiments, der Antizionismus, als viertes Grundphänomen der Judenfeindschaft Bestandteil von Politik, Propaganda und folglich auch der Sozialisation der DDR-Bürger. Diese Feststellung wird zuweilen mit Empörung zurückgewiesen als angebliche Denunziation der einstigen DDR, als Versuch, die antifaschistische Legitimation des Staates und seiner Gesellschaft zu beschädigen. Das ist nicht beabsichtigt. Tatsächlich bildete Israelfeindschaft jedoch einen Teil der Staatsräson, der ideologisch begründet wurde und Wirkungen lange über das Ende der DDR hinaus hatte. Das schiefe Bild, die Atommacht Israel gefährde den Weltfrieden, das den Dichter Grass ins Zwielicht brachte, ist seit langem und über das Ende der DDR hinaus in Gebrauch. Die Metapher wird in der Diskussion bei Veranstaltungen von älteren

Bürgern der untergegangenen DDR artikuliert, deren antizionistisches Weltbild in manchen Köpfen weiterlebt.

Der Jude als Prototyp des "Fremden"

Was als Antisemitismus öffentlich wird, speist sich aus vielen Wurzeln und enthält Elemente aller Phänomene der Judenfeindschaft, die sämtlich über bestimmte Stereotypen transportiert werden: "Der Jude" sei nur an Geschäften interessiert. "Der Jude" würde alles zu Geld machen. "Der Jude" sei nicht ehrlich, weil seine Religion ihm Ehrlichkeit gegenüber Nichtjuden verbiete. Die jüdischen Frauen seien schön, die jüdischen Männer hätten dagegen immer Plattfüße und krumme Beine. Stereotypen wie die Geschichte der krummen Nase haben auf allen möglichen Wahrnehmungsebenen nur den einen Zweck, nämlich Juden zu diskriminieren, zu stigmatisieren und als "Beweise" herzuhalten für das, was man den Juden unterstellt und dafür, daß sie angeblich "anders" sind oder anders sein sollen.

Auf eine Idee Mitte der 90er Jahre, Ignatz Bubis († 1999), den Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland, zum Bundespräsidenten zu wählen, reagierten viele deutsche Bürger mit großem Ernst und beträchtlicher Wut. Manche versuchten sich in Ironie ("Es war jedesmal mit hohen Unkosten und Zahlungen verbunden, wenn führende Bonner Politiker zur Einholung von Direktiven nach Jerusalem reisen mußten"). Andere machten sich mit Schmähungen Luft ("Ein Volk, das auftragsgemäß die Juden fast vernichtete, soll nun sein Glück durch einen fetten Geld-Juden finden").

Symptomatisch für die Einstellung vieler ist ein Leserbrief an die Zeitung, die den Vorschlag, Bubis zum Präsidenten zu wählen, propagiert hatte. Dort heißt es: "Er wird aber immer ein Fremder unter uns bleiben, und wenn Sie noch so wundersame Dinge über ihn erzählen, daß einem die Augen tränen." In solch ausgrenzendem Vorurteil, das "den Juden" als Prototyp des "Fremden" definieren will, kommt eine Grundeinstellung zum Ausdruck, die man als eine der letzten Propagandafrüchte des Nationalsozialismus verstehen kann - die Diskriminierung und Entrechtung begann ja mit der Definition, daß die deutschen Juden "Fremde" seien und deshalb mit einem minderen Rechtsstatus vorliebnehmen müßten, die aber seit der Gründung des Staates Israel auch mit dem Hinweis auf das Heimatrecht aller Juden in diesem Land gerechtfertigt wird.

Ignatz Bubis, seit seinem Amtsantritt als Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland rasch als Sympathie stiftende Persönlichkeit anerkannt und beliebt, hat das selbst erfahren, als ihn Anfang der 90er Jahre in Rostock ein Stadtrat fragte, ob seine eigentliche Heimat nicht Israel sei. Der Vorfall, im offiziellen Raum in sensibilisierter Umgebung geschehen, sorgte für erhebliche Aufregung, die mit dem Amtsverzicht des plump-dreisten Fragers endete. Was er aber aussprach, denken und fühlen viele.

Antizionismus

Antizionismus als politische Feindschaft gegen Israel, die dem Staat das Existenzrecht abspricht, ist die gegenwärtig virulenteste Erscheinungsform von Judenfeindschaft. Antizionismus, der mit pauschalen Verdächtigungen operiert und Israel mit dem Kollektiv "die Juden" gleichsetzt, ist etwas anderes als Kritik an der Regierung oder der Administration oder an den Streitkräften Israels. Aber "Israelkritik" kann auch als Ersatzhandlung auftreten, um Emotionen gegen "die Juden" zu artikulieren, die zu Recht unter Antisemitismusverdacht fallen würden.

Israelkritik aus freundschaftlicher Sorge um die Existenz des bedrohten Landes ist auch etwas anderes als antizionistisches Getöse. Das ist allerdings Aktivisten nicht zu vermitteln, die ein mißratenes Gedicht als feindselige Attacke auf die Existenz des Staates Israel verstehen wollen und ständig auf der Lauer sind, um zu überführen, zu entlarven, zu denunzieren. Nicht weniger unerfreulich sind freilich auch die Heuchler, die ihren Antisemitismus als "Israelkritik" camouflieren, die trotzig einklagen, man müsse doch wohl noch feststellen dürfen, daß … - es folgt der Verweis auf Mißstände, die pauschalisiert werden, um eine Schuld "der Juden" zu konstruieren, und es folgen die gängigen Stereotypen über "die Juden".

Trotz aller Anstrengungen zur Definition und Differenzierung des Phänomens Judenfeindschaft durch wissenschaftliches Bemühen wird im Publikum, in Medien, in der Politik weiter spekuliert und phantasiert. Auf einer Konferenz, bei der es um den Sportfunktionär Carl Diem ging, strauchelte ein Wissenschaftler beim Bemühen, den Vorwurf des Antisemitismus von der Ikone Diem abzuwehren, mit Argumenten wie dem, er habe doch jüdische Freunde gehabt und seine Witwe habe versichert, Carl Diem sei kein Antisemit gewesen. Schließlich faßte er seinen Befund zusammen: Antisemitisches Denken sei Diem fremd gewesen, allenfalls ein wenig Antijudaismus wäre ihm vielleicht anzulasten.

Die Ahnungslosigkeit in der Sache entspricht dem Selbstbewußtsein im Auftreten. Den gleichen Grad aufgeklärten Bewußtseins verkörpern auch diejenigen, die das Diktum des jovialen Reichsmarschalls Hermann Göring "Wer Jude ist, bestimme ich" (es wurde lange vor ihm auch anderen schon zugeschrieben) für einen Jokus halten und den vermeintlichen Urheber für harmloser als seine Spießgesellen.

Was nottut: sachbezogene Vorurteilsforschung

Zu vermitteln, daß Antisemitismus ein Konstrukt der jeweiligen Mehrheitsgesellschaft ist, das die Juden (als Individuum, wie den Staat Israel als Kollektiv) benutzt, um eigene Positionen durch Ausgrenzung, Abwehr und Schuldzuweisung zu definieren und zu stabilisieren, ist die zentrale Erkenntnis der Antisemitismusforschung. Aber dies jenen zu erklären, die, von jahrhundertealten Stereotypen geleitet, davon überzeugt sind, es müsse doch "an den Juden" liegen, daß Ressentiments gegen sie bis zum Haß existieren, das gehört zu den besonders schwierigen Dingen. Angesicht weit verbreiteter Judenfeindschaft, die sich von stillschweigendem alltäglichem Vorbehalt bis zur Haßtirade gegen Israel und "das Weltjudentum" artikuliert, die in tradierten "Gewißheiten" über das Wesen der Juden wie in neuen Verschwörungsphantasien Ausdruck finden, ist eine sachbezogene Vorurteilsforschung so notwendig wie Empathie für die Sache der Juden.

Aber Erkenntnisstreben und Sinnstiftung müssen im Gleichgewicht zueinander stehen. Der rabiate Anspruch auf Deutungshoheit, der im Freund-Feind-Denken seine Truppen formiert und mit pauschalem Antisemitismusvorwurf Unbequeme mit Kampagnen aus dem Weg räumen will, wird das Problem der Judenfeindschaft, den Haß auf Israel und die Vermutung, "die Juden" erstrebten die Weltherrschaft mit allen gesellschaftlich erheblichen Folgen, nicht lösen. Im Gegenteil. Der mühsamere, aber einzig erfolgversprechende Weg besteht in der Aufklärung, die wissenschaftliche Kompetenz mit der Zuwendung an ihren Gegenstand miteinander verbindet.

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