Vom Traditions- zum Entscheidungschristentum

Vom "Bad der Wiedergeburt" spricht die Liturgie, um deutlich zu machen, daß der Täufling in Christus "von neuem" bzw. "ein zweites Mal geboren" (vgl. Joh 3, 3-5) und so in die Gemeinschaft der Kirche eingegliedert wird. Das Übergießen mit Wasser macht dies weniger sinnenfällig als das Eintauchen in ein Taufbecken, wie es etwa in der orthodoxen Kirche üblich ist (Immersionstaufe), um durch das Luftschnappen beim Auftauchen die Erfahrung des "neuen" Lebens leibhaftig nachvollziehen zu können. Mit Paulus gesagt: "Wir wurden mit ihm begraben durch die Taufe auf den Tod; und wie Christus durch die Herrlichkeit des Vaters von den Toten auferweckt wurde, so sollen auch wir als neue Menschen leben" (Röm 6,4).

Solange es, wie in den ersten Jahrhunderten, durchwegs Erwachsenentaufen gab, war die Aussage von der Neuschöpfung bzw. Wiedergeburt plausibler, weil der ausschließlich in der Osternacht angesetzten Taufe schon seit dem 2. Jahrhundert ein Katechumenat vorausging: Taufbewerber wurden durch Gläubige, die für sie bürgten (Paten), in die Gemeinde eingeführt und mußten in der Regel drei Jahre lang am Wortgottesdienst und Glaubensunterricht teilnehmen. Die als "dogmatischer Grenzfall" und in Europa noch weitgehend als "praktizierter Normalfall" (Walter Kasper) zu bezeichnende Kindertaufe bezieht ihre Legitimität aus dem schon im Neuen Testament grundgelegten Verständnis des Glaubens als einem Geschenk Gottes.

Erwachsene entscheiden sich heute aus freien Stücken für die Taufe, Säuglinge werden von ihren Eltern gebracht. Längst werden freilich nicht mehr 100 Prozent aller Neugeborenen getauft, auch wenn es hier ein deutliches Land-Stadt-Gefälle gibt. Im Normalfall ist jedoch der "gesellschaftliche Zwang" zur Taufe weggefallen. "Früher war es Schicksal, katholischer Christ zu sein", so der Pastoraltheologe Paul M. Zulehner, "heute muß man das wählen und kann es auch abwählen."

Dies haben in Österreich im vergangenen Jahr um bis zu 64 Prozent mehr Menschen getan als im Jahr zuvor. In absoluten Zahlen: 87 393 Katholiken (2009: 53 269) kehrten der römisch-katholischen Kirche den Rücken - zumeist aus Ärger über die Mißbrauchsfälle und deren Aufarbeitung. In Deutschland wird für 2010 mit 200 000 bis 250 000 Austritten gerechnet, was ein Plus von 80 Prozent gegenüber dem Vorjahr wäre. Symptomatisch (und alarmierend) sind diese an einen "Exodus" erinnernden Ergebnisse - in Österreich handelt es sich nach Kardinal Christoph Schönborn OP um die größte Austrittswelle seit der NS-Zeit - für die deutschsprachigen Länder insgesamt. Dieser Trend ist schon seit Jahren unübersehbar.

Als Vorsitzender der Bischofskonferenz erklärte Schönborn am 11. Januar 2011 in einem ORF-Interview, es sei jetzt der Zeitpunkt gekommen, "vom Traditionschristentum zum Entscheidungschristentum" zu gelangen. Jeder einzelne Austritt tue ihm leid. In Österreich werde Realität, was in Frankreich oder England längst Wirklichkeit sei. Aufhorchen ließ der Kardinal mit einem Nebensatz: "Die Beziehung jedes Menschen zu Gott geht weiter, auch nach einem Kirchenaustritt. Aus der Liebe Gottes kann man nicht austreten." Und außerdem: Die Gottesfrage klopfe neu an.

Die Kirchenaustritte betreffen längst nicht nur diejenigen, die "ohnehin nicht mehr drin" waren, wie es oft polemisch heißt; sie reichen bis in die "Kernschichten". Man kann natürlich von einer "Prüfung" sprechen. Aber unbeantwortet bleibt damit die Frage, ob die Kirche mit ihren Themen (und Personen bzw. Amtsträgern), aber auch mit ihrem Tonfall die Fragen und die Fragestellungen der Menschen von heute trifft, "bedient", wenn man so will - nimmt man die Sinus-Studie ernst, die erklären kann, welche Schichten und Segmente die Kirche (überhaupt) noch erreicht - und welche (längst) nicht (mehr).

Bereits das Zweite Vatikanische Konzil hatte in der Pastoralkonstitution "Gaudium et spes" darauf hingewiesen, daß "der geschärfte kritische Sinn für das religiöse Leben … mehr und mehr eine ausdrücklicher personal vollzogene Glaubensentscheidung (fordert), so daß nicht wenige zu einer personalen Gotteserfahrung kommen" (GS 7). In seinem Buch "Strukturwandel der Kirche als Aufgabe und Chance" (1972) schrieb Karl Rahner SJ: "Wir sind in der Gesellschaft eine kleine Herde, weil die Erosion der Voraussetzungen einer christlichen Gesellschaft in der profanen Gesellschaft noch weitergeht, und so einem Traditionschristentum immer mehr den Boden entzieht."

Daß dieses der Vergangenheit angehört, ist eine Tatsache. Die Frage ist, welche Konsequenzen man daraus zieht. Wer lieber (und ausschließlich) 1000 Hundertprozentige als 10 000 Halbentschiedene in der Kirche sehen (und halten) möchte, steuert auf jenes Szenario zu, das Karl Rahner ganz klar benannt hat: "Wenn man in einem bequemen Traditionalismus und einer langweiligen Pseudoorthodoxie, die sich vor der Mentalität des heutigen Menschen und der modernen Gesellschaft fürchten, sich auf die ,kleine Herde' beruft, wenn man uneingestanden gar nichts dagegen hat, daß die unruhig fragenden Menschen aus der Kirche auswandern, weil dann wieder Ruhe und Ordnung einziehen können und alles in der Kirche wieder so wie früher wird, propagiert man nicht die Haltung, die der kleinen Herde Christi konform ist, sondern eine kleinhäuslerische Sektenmentalität."

Die Gemeinsame Synode der Bistümer in der Bundesrepublik Deutschland (1971 bis 1975) kannte heftige Debatten um "Volkskirche" und "Freiwilligkeits-" oder "Entscheidungskirche". Die begrüßenswerte Entwicklung hin auf ein "Entscheidungschristentum" darf nicht zum "Gesundschrumpfen" auf einen elitären restaurativen Kern von "Unterwerfungssüchtigen" führen. "Taufscheinchristen" wird es immer geben. Christliches Leben in Entschiedenheit ist und bleibt anspruchsvoll. Aber diese darf nicht mit Fanatismus oder "Linientreue" verwechselt werden.

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