Irland und die katholische Kirche

Die Mißbrauchsskandale der vergangenen Jahre haben die irische Kirche in eine dramatische Krise gestürzt. Fergus O'Donoghue, Herausgeber der in Dublin erscheinenden Jesuiten-Zeitschrift „Studies", analysiert die Situation der Kirche seit dem Zweiten Vatikanum und die Lage der Gesellschaft angesichts sozialer und wirtschaftlicher Herausforderungen.

Als Papst Benedikt XVI. vor einem Jahr, im März 2010, seinen Pastoralbrief an die "Lieben Brüder und Schwestern der Kirche in Irland" schrieb, räumte er ein, daß die Skandale der letzten Jahre dem irischen Katholizismus mehr geschadet hätten als zuvor die Jahrhunderte der Verfolgung. Er kritisierte offen Fehler in der Führung der Ortskirche, die mehr darauf aus gewesen sei, ihr Gesicht zu wahren als den Opfern des sexuellen Mißbrauchs von Kindern und Jugendlichen zu helfen. Der Papst verurteilte eine unter Priestern und Ordensleuten sich ausbreitende säkularisierte Mentalität, die Laxheit gefördert habe. Er brachte die außerordentlichen Errungenschaften der irischen Katholiken in der Vergangenheit in Erinnerung (zu denen die wichtige Rolle irischer Mönche bei der Christianisierung Deutschlands gehört) und ermahnte die Menschen, zu ihren spirituellen Wurzeln zurückzukehren.

Der Papstbrief zeichnet sich durch eine bemerkenswerte Offenheit aus. Der persönliche Schmerz über die Geschehnisse ist deutlich zu spüren. Wie und warum hat sich die Situation in Irland derart schlecht entwickelt?

Fakten zum Leben in Irland

Medienberichte über Irland handeln fast ausschließlich über die Republik Irland und ihre 4,35 Millionen Einwohner, von denen 89 Prozent katholisch sind - ohne Bezug auf Nordirland mit seiner Bevölkerung von 1,75 Millionen Menschen, von denen 43 Prozent katholisch sind. Im Jahr 1921 wurde Irland geteilt. Aber die Organisation aller Kirchen erstreckte sich weiterhin über die ganze Insel. Die Beziehung zwischen Kirche und Staat war in den zwei Teilen Irlands sehr unterschiedlich: Der Katholizismus in Nordirland - eine Minderheitenkirche auf dem Gebiet des Vereinigten Königreichs - entwickelte sich anders als in der Republik Irland, wo der Katholizismus einmal so dominant war, daß 95 Prozent der Bevölkerung katholisch waren und fast immer die Sonntagsmesse besuchten. Dieser Beitrag konzentriert sich hauptsächlich auf die Kirche in der Republik Irland, ein Staat mit dem völkerrechtlich verbindlichen Namen "Irland".

Als Heinrich Böll zum ersten Mal nach Irland reiste und mit seinem "Irischen Tagebuch" (1957) den deutsch-irischen Tourismus auslöste, fand er ein Land vor, das idyllisch und arm war, religiös und sehr konservativ. Der Konservativismus der irischen Gesellschaft beruhte auf einer sehr hohen Auswanderungsrate - etwa 50 000 Menschen wanderten damals jährlich nach Großbritannien aus. Das Gefühl der Zugehörigkeit zu einem mißlungenen Staat führte in den 60er Jahren zu einer neuen Wirtschaftspolitik und dramatischen Anstrengungen, das Land besser zu stellen. Der Beitritt zur Europäischen Union (1972) war die Gelegenheit für Irland, mehr als ein Satellitenstaat Großbritanniens zu werden und seine postkoloniale Mentalität abzuschütteln. Der EU-Strukturfonds spielte eine enorme Rolle bei der Verbesserung der Infrastruktur und des Selbstbewußtseins der Menschen. Die Iren begannen allmählich zu erkennen, daß Armut und Abhängigkeit nicht von Dauer waren. Haltungen und Einstellungen änderten sich, auch die zur Kirche.

Heute findet der Besucher wenig von Bölls Irland wieder - abgesehen von der schönen Landschaft. Das Land ist weltoffen und multikulturell, von der alten Schäbigkeit ist nichts mehr zu spüren. Die Menschen in Irland, die einmal so entspannt und unbekümmert waren, sind jetzt sehr verärgert: über die katholische Kirche, über die Banker und Bauunternehmer, über die Regierung und insbesondere über die Fianna Fáil-Partei, die das politische Leben Irlands seit 1932 dominiert. Es gibt ein wachsendes Gespür für Versagen und eine Art Verzweiflung über die Qualität der Leitung von Regierung, Verwaltung und Kirche oder in anderen Bereichen. Es gab einfach zu viele Fehler in unserer Geschichte. Jetzt stehen wir vor einem wirtschaftlichen Desaster, das durch unsere eigene Gier und Dummheit verursacht ist.

Irlands Nationalismus und Katholizismus

Irland ist das einzige Land Europas, in dem die Gegenreformation gegen den ausdrücklichen Wunsch der Staatsspitze erfolgreich war. Der irische Protestantismus ist eine Schöpfung der englischen Monarchen, die ihr kleineres Nachbarkönigreich kontrollieren wollten, nachdem sie mit Rom gebrochen hatten. Die meisten einheimischen Iren, ob mit gälischer oder englischer Kultur im Hintergrund, haben die Reformation abgelehnt. Dies führte zum Import und zur Ansiedlung einer großen Zahl von britischen Protestanten im 16. und besonders im 17. Jahrhundert. Offiziell war Irland von 1536 bis 1869, mit einer kurzen Unterbrechung, protestantisch. Katholiken mußten Landenteignungen über sich ergehen lassen und wurden zu Bürgern dritter Klasse degradiert. Regierungsämter wurden ihnen verweigert. Generationen von antikatholischen Regierungen hatten den unbeabsichtigten Effekt zur Folge, daß der irische Klerus und das Volk zusammenrückten. Die irische Kirche des Mittelalters mit ihren gälischen und anglonormannischen Bereichen und ihrem Festhalten an einer volksreligiösen Ausprägung des Christentums hätte angesichts der Reformation zerbröckeln sollen, aber sie wurde zusammengeführt, wandelte sich und überlebte.

Irland und Großbritannien waren 1801 ein gemeinsames Königreich geworden ("United Kingdom": UK). Aber diese Einheit wurde durch die Weigerung untergraben, Katholiken bis 1829 volle rechtliche Emanzipation zu gewähren, und während der Großen Hungersnot (1845-1850), als Irland eher wie eine lästige Region denn als integraler Teil des Königreichs behandelt wurde, ausreichend Hilfe anzubieten. Die meisten irischen Katholiken, die 75 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachten, wünschten sich eine Selbstverwaltung für Irland, die meisten Protestanten opponierten dagegen. Die katholische Kirche wurde zur größten Kraft bei der Entwicklung des irischen Nationalismus. Sie regte jedoch niemals eine nationalistische Politik an; allerdings wurde von ihr erwartet, eine solche zu befürworten, und man nahm nicht zur Kenntnis, wenn sie diese verurteilte.

Die irische katholische Kirche - in ihrer Gestalt, die so zeitlos wirkte - war in Wirklichkeit ein Produkt der Mitte des 19. Jahrhunderts. Nach der Großen Hungersnot, als eine Million Menschen starb und eine weitere Million auswanderte, erlebte der Katholizismus einen erstaunlichen Aufschwung: Diözesanverwaltungen und Seminarausbildung wurden verbessert, es gab ein kontinuierliches Anwachsen von Berufungen zum Priestertum und zum Ordensleben (das bis in die 60er Jahre des 20. Jahrhunderts anhielt), in jeder Stadt wurden Klöster errichtet, Meßbesuch auch während der Woche wurde mehr oder weniger zur Norm. Es gab einen Überschuß an Priestern und Ordensleuten, weswegen viele nach Übersee gingen, um die Seelsorge und die Erziehung irischer Einwanderer in den USA und in Australien zu unterstützen. Die irische Kirche schlug die letzte große protestantische Anstrengung, das Land vollständig zum Protestantismus zu bekehren, zurück und rückte näher an Rom heran. Eine der wichtigsten Veränderungen bestand in der Reform des Landbesitzes: Im frühen 20. Jahrhundert waren große Teile landwirtschaftlicher Flächen vom Adel und der Oberklasse auf die Menschen übergegangen, die das Land bearbeiteten. Das führte zu einer sehr konservativen Gesellschaft, in welcher die soziale der politischen Revolution vorausging.

Tatsache ist, daß die katholische Kirche in der irischen Gesellschaft deswegen so mächtig wurde, weil die Menschen wollten, daß ihre Kirche machtvoll ist. Viele nationalistische Führungskräfte waren Protestanten, aber im 19. Jahrhundert wurde die katholische Kirche ein Kernstück des sich entwickelnden nationalen Mythos, und sie hielt das nationale Ethos aufrecht. Der Klerus war ein Abbild der Gesellschaft: fromm, zumeist großzügig, hart arbeitend, auf den Status der Mittelklasse zusteuernd, versnobt und sich darüber im klaren, daß viele Iren in Übersee lebten. Der englischsprachige Katholizismus, den es um 1800 kaum gab, war um 1900 eine bedeutsame Kraft in der Kirche geworden; seine Wurzeln sind irisch.

Der irische Katholizismus im 20. Jahrhundert vor und nach dem Konzil

Nach 1922, als das Land wieder unabhängig und verarmt war, wurde die Kirche zur Hauptanbieterin von Erziehung und Gesundheitswesen, unterhielt Schulen und Krankenhäuser, die mit Priestern und Ordensleuten beschickt wurden - und das alles billiger als beim Staat. Irische Katholiken waren auf ihre Kirche mächtig stolz. Immer mehr Menschen wollten Priester oder Ordensleute werden. Es wurden neue irische Missionskongregationen gegründet. Tausende Iren gingen auf andere Kontinente und kamen nie mehr zurück. Die alte Charakterisierung Irlands als ein "Land der Heiligen und Gelehrten" schien wieder aufzuleben.

In der Zeit vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil war die irische Kirche sehr erfolgreich. Aber sie litt unter Klerikalismus und allgemein verbreiteter Arroganz. Priester und Ordensleute opferten sich auf, aber die Loyalität und die Unterstützung von Laien wurde als selbstverständlich erachtet. Von ihnen wurden Gehorsam und Gebet erwartet, ihre Meinung war nicht gefragt. Die Entwicklung einer unabhängigen katholischen Tradition unter gebildeten katholischen Laien schlug fehl und hatte katastrophale Folgen. Der Klerus gewöhnte sich daran, jeden Aspekt des katholischen Lebens rigoros zu kontrollieren.

Das Zweite Vatikanum überraschte die irische Kirche total. Die 26 Diözesanbischöfe sahen keinen Bedarf für ein Konzil. Sie erwarteten davon keine großen Neuerungen und nahmen an den Debatten kaum teil. Es kann nicht wirklich überraschen, daß in der Folge in Irland eher der Buchstabe als der Geist des Konzils zur Anwendung kam. Deswegen gab es fast keine Erklärungen zu den Änderungen in der Liturgie und in der religiösen Praxis. Positiv ist zu vermerken, daß Pastoralzentren und Exerzitienhäuser eröffnet wurden, allerdings oft von religiösen Gemeinschaften, die gleichzeitig eine dramatische Erneuerung durchmachten. Laien engagierten sich überaus enthusiastisch in der pfarrlichen Arbeit: Viele wurden Lektoren und assistierten bei Eucharistiefeiern. Die Bischöfe wiederum lehnten die Idee eines ständigen Diakonats ab. Der Einsatz der Kirche für soziale Gerechtigkeit wurde ernsthafter, und irische Ordensleute wurden vermehrt zu kritischen Kommentatoren der sozialen Anstrengungen der Regierungspolitik. "Concern", "Trocaire" und "Goal" hießen die drei internationalen irischen Hilfsagenturen, die während dieser Zeit ins Leben gerufen wurden; sie arbeiteten sehr effizient.

Die nachkonziliare Phase sah konsequenterweise zurückhaltende Bischöfe, dafür radikale Ordensleute und interessierte Laien. Nahezu alle Pastoralzentren und viele Erneuerungsprogramme basierten auf amerikanischen Vorbildern. Eine gemeinsame Sprache sowie enge kulturelle und familiäre Beziehungen gaben diesen Vorbildern eine eindeutige Präferenz. Ausgangspunkt war die Annahme, daß sich der irische Katholizismus ebenso wie die Gesellschaft ähnlich wie die Vereinigten Staaten von Amerika entwickeln sollten. In Wirklichkeit begann sich Irland ab den 70er Jahren nach europäischem Vorbild zu säkularisieren. Der Besuch von Johannes Paul II. im Jahr 1979 geriet zum Triumph. Er wurde von riesigen Menschenmassen begrüßt. Der Papst nutzte seinen Besuch, um den irischen Katholiken seinen Dank für ihre Treue auszudrücken. Einige Bemerkungen zeigten jedoch eine gewisse Realitätsferne: Der Familienrosenkranz etwa war in den meisten irischen Haushalten längst keine tägliche Praxis mehr.

Eine sich selbst schadende Kirche

Soziale Verschiebungen - viele Familien zogen aus Innenstädten in entlegene neue Außenbezirke - spielten eine große Rolle beim Rückgang des regelmäßigen Meßbesuchs unter Katholiken der Arbeiterklasse. Protestanten der Arbeiterklasse in Nordirland hatten bereits eine Generation vor ihren katholischen Partnern aufgehört, aktive Mitglieder ihrer Kirche zu sein.

Beobachter haben die "Skandale" als Hauptgrund für die Abnahme des Kirchenbesuchs beschrieben; aber der Niedergang war in der Arbeiterklasse stärker zu beobachten und wurde in der irischen katholischen Mittelklasse in den frühen 90er Jahren spürbar, bevor irgendein nennenswerter Skandal aufkam. Die Menschen begannen, ihren Lebensmittelpunkt zu ändern, nicht zuletzt weil der Individualismus für das irische Leben charakteristisch wurde, nachdem nach 1995 ein rapides wirtschaftliches Wachstum eingesetzt hatte. Viele Menschen verdienten plötzlich mehr Geld. Eine beachtenswerte Anzahl von ihnen erhöhte ihre Spenden an internationale irische Hilfsorganisationen, hörte aber auf, sich um Sünde und Erlösung zu kümmern. Aktives christliches Engagement wurde schrittweise zu einem Minderheitenprogramm, weil Katholiken andere Betätigungsfelder entdeckten. Viele Sportereignisse zum Beispiel wurden jetzt auf den Sonntagmorgen angesetzt.

Die Kirche als Institution ist nach wie vor ein geschätzter Serviceanbieter, aber sie wird eher für Übergangsriten in Anspruch genommen (74 Prozent aller irischen Ehen und über 90 Prozent aller Beerdigungen finden in kirchlichem Rahmen statt), als daß sie ein Schwerpunkt des öffentlichen Lebens oder eine "Wächterin der Seele" eines Landes wäre, das über seine eigene Identität unsicher geworden ist. Der nationale Ehrgeiz einer Wiedervereinigung mit Nordirland wurde 1998 aufgegeben; Nationalismus wurde unmodern, und Irland machte sich auf, sich zu "Europas erfolgreichstem Land" zu entwickeln und fühlte sich auch so, bis im Jahr 2008 der wirtschaftliche Kollaps seinen Lauf nahm.

Eine der selbst zugefügten Wunden der irischen Kirchen ist keineswegs jüngeren Datums. Es gibt eine beachtenswerte Absenz katholischer Intellektueller vom zeitgenössischen irischen Leben. Es gab welche unmittelbar nach dem Zweiten Vatikanum. Man beachtete sie höflich, aber sie erhielten keine bedeutsamen Rollen im Leben der Kirche. Die nächste Generation irischer Intellektueller sah keinen Grund, sich für den Katholizismus zu interessieren. Kirchliche Autoritäten begannen zu meinen, die Förderung der Frömmigkeit sei wichtiger als die intellektuelle Reflexion auf den Glauben, und wenn die Menschen noch zur Messe kämen, wäre alles in Ordnung. Die religiöse Praxis sank auf ihren gegenwärtigen Stand von 48 Prozent. Unter jungen Menschen ist sie besonders niedrig.

Viele irische katholische Laien haben Theologie studiert, aber sie haben keine öffentliche Stimme. Die Medienlandschaft war lange Zeit antikatholisch eingestellt. Die Liste antikatholischer Äußerungen ist endlos und umfaßt Stellungnahmen, die über eine andere Gemeinschaft niemals gemacht werden würden. "Die katholische Kirche" als Begriff wird fast ausschließlich in negativem Zusammenhang verwendet, und die Kirche wird als unsensibel, monolithisch und bis in kleinste Einzelheiten hinein von Rom gesteuert beschrieben. Es gab eine intensive Suche nach einem Überleben vorchristlicher irischer religiöser Praxis und eine romantische, aber sehr ungenaue "keltische" Interpretation der Ursprünge der irischen Christenheit. Die irische katholische Vergangenheit wird vor allem negativ gesehen. Das hängt mit einer schwachen Ekklesiologie zusammen, die von einer mangelhaften religiösen Unterweisung herrührt. Zum Beispiel behauptet man einfach, es sei unbestreitbar, "daß die katholische Kirche in Irland große Verbrechen begangen" habe. Viel vom negativen Anstrich der Medienkommentare kommt aus der Richtung einer städtischen Elite, die das ländliche Irland und seine Werte verachtet. Diese Elite hat eine fast gnostische Sicht von sich selbst - als Träger der Aufklärung in einem dunklen Land. Sie macht den Fehler, sich selbst für die Stimme der öffentlichen Meinung zu halten und ignoriert die Rolle der Kirche bei der Modernisierung Irlands.

Nach dem Zweiten Vatikanum hatte die irische Kirche eine hochgradig entwikkelte Kompetenz in Sachen Kommunikation in Irland. Unerklärlicherweise wurde dies schrittweise aufgegeben. Das Gebäude des katholischen Kommunikationszentrums wurde zuerst vermietet und dann verkauft. Ein Videoclip mit einem Bischof, der vor laufenden Kameras die Tür zu einer Bischofskonferenz schloß, wurde im Fernsehen sehr oft ausgestrahlt. Das Verhalten der irischen Hierarchie gegenüber Medien war bei den jüngsten Skandalen ungeschickt bis absurd. Das Niveau des katholischen Journalismus ist in Irland sehr niedrig; "Religionskorrespondenten" haben viele Meinungen, aber verstehen wenig von Theologie. Wenn heute katholische Themen in den Medien debattiert werden, sind lediglich zwei Journalisten und ein junger Politologe bereit, die Kirche zu verteidigen.

Nach dem Konzil gab es noch Bischöfe mit Visionen in Irland. Die päpstlichen Nuntien waren jedoch gehalten, progressive Bischöfe durch konservative abzu lösen, damit Diözesen "in sichere Hände" gelangten. Viele Diözesanpriester waren frustriert, sobald sie realisierten, daß ihre Ansichten nie berücksichtigt und daß konservative Seminaristen sehr ermutigt wurden. Zwei irische Kirchen liefen mehr oder weniger parallel nebeneinander her: die Ordensgemeinschaften, die Risiken in Kauf nahmen, die aber als erste unter fehlenden Berufungen zu leiden hatten - und die Diözesen, die vorsichtig waren, die jedoch wenig später ebenfalls das Versiegen der Berufungen erlebten. Die irischen Bischöfe hatten derart wenig Kontakt mit der sich ändernden Gesellschaft, daß mindestens ab Mitte der 90er Jahre ungefähr die Hälfte von ihnen der Meinung war, strengere Stellungnahmen würden die Menschen wieder zu einer regelmäßigen religiösen Praxis zurückführen. Viele meinten, sie könnten von Laien nichts lernen. Fast alle hatten Angst vor der päpstlichen Kurie und fürchteten einen Verweis von römischen Kurienbeamten, die sie wie Filialleiter des Papstes, aber nicht wie Hirten mit eigenem Recht behandelten.

Die Skandale

Der irische Katholizismus hat in den 90er Jahren das Vertrauen in die Menschen verloren und nicht wiedergewonnen. Der erste große Skandal erfolgte 1992, als bekannt wurde, daß Eamonn Casey, der Bischof von Galway, Vater werden würde. Casey trat zurück, aber der nächste Skandal - 1993 - war sogar noch schwerwiegender: der Tod von Michael Cleary, Priester in Dublin und prominenter Verfechter des Zölibats, von dem bekannt wurde, daß er mit seiner jungen Haushälterin zwei Söhne gezeugt hatte (einer wurde zur Adoption freigegeben). Casey und Cleary waren bei der Jugendmesse unter Johannes Paul II. im Jahr 1979 die beiden prominentesten Priester. Der Zynismus, mit dem auf diese Enthüllungen reagiert wurde, war tiefgreifend. Es war fortan nicht mehr "cool", Katholik zu sein.

Die moralische Autorität der Kirche kollabierte nicht auf einen Schlag. Aber eine wahre Serie von weiteren Skandalen unterminierte sie. Brendan Smyth, ein Prämonstratenser, wurde 1994 verhaftet und wegen sich über Jahrzehnte hinweg erstreckenden Kindesmißbrauchs in beiden Teilen Irlands und im Ausland angeklagt. Smyth (der 1997 im Gefängnis starb) hatte weiter als Priester arbeiten dürfen, obwohl es ein weit verbreitetes Wissen um seine Neigungen gab. Der daraus resultierende Skandal spaltete die Regierungskoalition in Dublin und führte zu einem Wechsel des Premierministers. Eine Serie von aufgedecktem Kindesmißbrauch folgte - in einem Ausmaß, daß der Ausdruck "pädophile Priester" in Medienberichten zu einer stehenden Redewendung wurde. Ganz legale Beschränkungen in der Republik Irland verhinderten oft, daß die angeklagten Priester mit Namen genannt wurden, aber nicht das Berichten von Tatsachen. Monsignore Michael Ledwith, Präsident des St. Patrick’s College in Maynooth (dem nationalen Priesterseminar) trat zurück und verließ das Land nach Untersuchungen über sexuelle Vorlieben von Seminaristen im Jahr 1994.

Eine tiefgreifende Demoralisierung der irischen Priester und Ordensleute angesichts ständiger Berichte über Skandale war die Folge. Es gab eine derartige Konzentration auf Berichte über priesterliche Straftäter, daß die öffentliche Wahrnehmung von Pädophilie eine völlig verzerrte war: Die öffentliche Meinung glaubte, daß 33 Prozent aller verurteilten Pädophilen Priester seien, obwohl sie tatsächlich nur vier Prozent ausmachten. Das persönliche Ansehen von Priestern und Ordensleuten blieb davon nur bei denen unangetastet, die sie kannten.

Die Berichte

Im neuen Jahrhundert wurde die irische Regierung direkt in die Ereignisse verwikkelt, als sie 2002 das "Redress Board" einrichtete, um diejenigen zu entschädigen, die unter der Kirche gelitten hatten. Die Regierung entschied, das früher einmal Undenkbare zu tun und gegen die Kirche Untersuchungen einzuleiten, indem sie drei offizielle Erhebungen wegen physischen und sexuellen Mißbrauchs durch Priester und Ordensleute anordnete. Diese erarbeiteten den Ferns-, den Ryan- und den Murphy-Report. Der Bischof von Ferns trat 2002 zurück; der Bericht über seine Diözese wurde 2005 veröffentlicht und bewies, daß Bischöfe dabei völlig versagt hatten, Kindesmißbrauch durch Priester über einen Zeitraum von vierzig Jahren zu stoppen.

Der 2000 Seiten umfassende Ryan Report wurde im Mai 2009 veröffentlicht. Er enthielt Schilderungen von über Jahrzehnte andauernden furchtbaren - physischen wie sexuellen - Mißhandlungen von Kindern in Gewerbeschulen mit Internat. Die Schulen waren weitgehend staatlich finanziert, aber personell ausschließlich von religiösen Gemeinschaften ausgestattet worden. 18 Einrichtungen und 800 Mißbrauchstäter wurden mit Namen erwähnt. Eine nüchterne Analyse zeigte später, daß die tatsächliche Zahl von Tätern viel kleiner war und daß eher Vernachlässigung als sexueller Mißbrauch das entscheidende Merkmal gewesen war. Das wurde im Sturm der medialen Entrüstung, die auf den Bericht folgte, übersehen. Ein weiterer Skandal wurde dadurch provoziert, daß es bald den Anschein hatte, die religiösen Gemeinschaften lehnten ein adäquates Angebot an finanzieller Entschädigung ab. Die Ordensleute machten (zu) spät und erst unter Druck ein großzügiges Angebot. Die irische Begabung zur Übertreibung kam in vielen Kommentaren zum Vorschein: Wer in Gewerbeschulen gelebt hatte, wurde zum "Überlebenden", während die Schulen selbst "unser Holocaust" und "unser Gulag" wurden, obwohl in Wirklichkeit kein Kind in solchen Schulen in Folge eines Mißbrauchs gestorben war. Der Ryan-Report machte öffentlich, was viele Iren seit langem wußten, aber nicht hatten zugeben wollen: daß Generationen von sehr armen Kindern in der Obsorge von Kirche und Staat mißhandelt worden waren. Sämtliche irischen Priester und Ordensleute wurden durch den Ryan-Report indirekt verunglimpft, die Bischöfe jedoch schienen sich selbst davon zu distanzieren.

Keine Distanzierung war (mehr) möglich, als der Murphy-Report über Kindes- mißbrauch in der Diözese Dublin im November 2009 veröffentlicht wurde. Er behandelte 64 Täter und förderte zutage, daß die Verwaltung der größten Diözese des Landes jahrzehntelang Kindesmißbrauch durch Priester vertuscht und so gut wie gar keine Anteilnahme für die Opfer gezeigt hatte. Es gab kein koordiniertes Vorgehen der Diözesanpolitik und wenig Wissen über Pädophilie. Erst 1998 hatte das Bistum begonnen, auf Beschwerden angemessen zu reagieren. Die Bischöfe von Limerick und Kildare, zuvor beide Weihbischöfe in Dublin, traten aufgrund der Kritik von Murphy zurück. Die öffentliche Meinung war empört. Es ging das Gerücht um, der päpstliche Nuntius solle ausgewiesen und die irische Botschaft beim Heiligen Stuhl geschlossen werden. Erzbischof Diarmuid Martin - seit 1975 in Rom tätig, unter anderem im Päpstlichen Rat "Justitia et Pax" und zuletzt als Nuntius bei den Vereinten Nationen in Genf - war erst 2003 nach Irland gekommen. Er hielt exzellente Kontakte zu den Medien. Seine zwei verbleibenden Weihbischöfe gerieten jedoch unter Druck und boten am Weihnachtsabend 2009 ihren Rücktritt an. Später wurde dieser vom Papst abgelehnt. Der mediale Sturm entlud sich in Ausdrücken wie "Tsunami sexuellen Mißbrauchs", "systematisch organisierte Vertuschung" oder "Systemfehler in der katholischen Kirche", die von der Flutwelle von Kindesmißbrauch verwüstet worden sei. Ein Parlamentarier brachte ins Spiel, eine unbenutzte Schule im Zentrum Dublins zu einem nationalen Museum für Kindes- mißbrauch zu machen. Keiner hat dabei an den internationalen Schaden gedacht, der damit Irlands Ruf angetan wurde.

Man kann Fragen über das methodische Vorgehen des Ryan- und Murphy-Reports stellen, nicht zuletzt, weil Richter von Beweismaterial gehört und von da aus Schlußfolgerungen gezogen hatten, was nicht mit unserem Rechtssystem übereinstimmt. Der Murphy-Report ist uneinheitlich, aber seine Schlußfolgerungen schreien zum Himmel, wo Kirchenobere hauptsächlich auf den "Schutz" des kirchlichen Ansehens aus waren. Einige Mißbrauchsopfer, die im Report beschrieben werden, erhielten eine sehr ausführliche Medienberichterstattung. Das öffentliche Augenmerk richtet sich im Moment auf unsere nationalen wirtschaftlichen Mißstände und läßt die Opfer ungeheilt hinter sich. Die Diözese Cloyne wartet noch auf ihren Bericht. Einige wenige Kommentatoren haben festgestellt, daß die jetzt berichteten Fälle aus der Vergangenheit stammen. Die irische katholische Kirche hat jetzt eines der besten Kinderschutzsysteme in Irland entwickelt. Das nationale Komitee zum Schutz von Kindern ("Board for Safeguarding Children") in der katholischen Kirche wird seit 2007 von Ian Elliott, einem presbyterianischen Laien, geleitet.

Der Papst und die Zukunft des irischen Katholizismus

Irland hat zur Zeit eine zerrüttete Kirche in einer depressiven Gesellschaft. Die Kirche ist keine maßgebende Kraft mehr. Einige gebildete Katholiken sind auf ihrer Suche nach einer sie willkommen heißenden Gemeinschaft zum Anglikanismus konvertiert. Die sozialen Probleme sind gewaltig: der Niedergang der Eheschließungen, eine starke Zunahme außerehelicher Geburten, zunehmender Alkohol- und Drogenkonsum, ansteigender Gewaltpegel auf den Straßen. Selbstmord unter jungen Männern jeglicher sozialen Klasse ist eine der häufigsten Todesursachen geworden und liegt 60 Prozent über dem britischen Durchschnitt. Es braucht Hilfe von außen. Benedikt XVI. hat reagiert: Eine ganze Gruppe von Visitatoren kommt zu den vier Erzbistümern, in die Seminarien und zu den Ordensgemeinschaften. Ihnen ist aufgetragen, zuzuhören und im April 2011 nach Rom zu berichten. Es wird Konsequenzen geben. Viel hängt von der Reaktion des Papstes ab.

Der Wohlstand hat das urbane Irland weit weniger menschlich gemacht als es zu Zeiten von Heinrich Böll der Fall war. Viele Iren sind sehr materialistisch eingestellt und geradezu davon besessen, Häuser zu erwerben. Damals jubelten die Medien über Veränderungen in einem Irland, das "frei vom unheilvollen Einfluß der katholischen Kirche" sei. Jetzt macht sich große Ernüchterung über die politische Klasse breit, die es zugelassen hat, daß sich ein wirtschaftlicher Boom zu einer Immobilien- Seifenblase auswächst. Es gibt ein sicheres Gespür für Fehlleistungen und - einmal mehr - dafür, geschlagen zu sein. Einige Kommentatoren glauben immer noch, daß die Lösung in einem noch stärkeren Säkularismus liegt und möchten jedes kirchliche Engagement im Erziehungswesen abschaffen. Weltliche Stimmen finden zunehmend Gehör, besonders bei vielen Radio- und TV-Diskussionssendungen, obwohl Umfragen zufolge ihre Feindseligkeit gegenüber dem Katholizismus keine öffentliche Unterstützung findet. Einige Priester und Ordensleute setzen ihre harte Kritik an der Vernachlässigung der Ärmsten durch die irische Gesellschaft in derselben Weise fort wie sie es in den Spitzenzeiten des wirtschaftlichen Booms taten.

Die Geschichte des irischen Katholizismus zeigt, daß die Kirche eine bemerkenswerte Fähigkeit zur Wiederbelebung und Erneuerung hat, nicht zuletzt deswegen, weil ihr Niedergang überzeugend vorhergesagt worden war. Es gibt nach wie vor eine starke Ader für Spiritualität im irischen Leben. Aber es braucht neue Methoden, um sie anzuzapfen. Es braucht in dieser Krisenzeit dramatische Initiativen wie die Einberufung von Diözesan- oder Nationalsynoden. Der nächste Eucharistische Weltkongreß wird 2012 in Dublin abgehalten. Es wird gemunkelt, daß Papst Benedikt XVI. daran teilnehmen wird. Die Warmherzigkeit seines Empfangs hängt davon ab, was er in der nächsten Zukunft für die irische Kirche tun wird.

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