Matteo RicciZum 400. Todestag des Pioniers der neuzeitlichen Chinamission

Zum 400. Todestag des Jesuiten und Chinamissionars Matteo Ricci würdigt Claudia von Collani, Privatdozentin für Missionswissenschaft an der Universität Münster, seine Rolle als Pionier einer kultursensiblen Missionsmethode und als Vorbild für ein gegenseitiges Verständnis zwischen Ost und West.

Der Name des Jesuiten Matteo Ricci (1552-1610) - auf Chinesisch Li Madou - ist untrennbar mit der Chinamission der frühen Neuzeit verbunden. Sein Ruhm und seine Verdienste sind groß, doch wird seine Bedeutung für seine Zeit und vor allem für die Chinamission nach seinem Tod oft nicht ganz richtig dargestellt. Anläßlich der Feier seines 400. Todesjahres soll Riccis Rolle für die Chinamission gezeigt werden, um aus dieser Darstellung Lehren zu ziehen.

Wissenschaftskooperation zwischen China und Europa

Ricci war es, der die jesuitische Methode der Akkommodation in China mitentwickelte und ihr zum Durchbruch verhalf. Er war es, der China für die katholische Mission der Spätrenaissance in der Zeit der Gegenreformation öffnete. Ricci war der erste Missionar der Neuzeit, der eine Aufenthaltsgenehmigung für Peking bekam. Ihm verdanken wir erste Übersetzungen der klassischen Literatur Chinas. Auf seinem sogenannten "Tagebuch" beruhte einer der ersten und wichtigsten Chinabestseller der Neuzeit, der viele Auflagen und Übersetzungen erlebte. Ricci erlernte das zu dieser Zeit als unerlernbar geltende Chinesisch, er setzte sich durch gegen Zweifler aus den Reihen seiner Mitbrüder und der portugiesischen Händler. Seine Freundschaft und seine vorurteilslose und partnerschaftliche Zusammenarbeit mit chinesischen Gelehrten können als wohl einmaliges Vorbild für die Begegnung zwischen Ost und West angesehen werden. Seine Übersetzungen europäischer wissenschaftlicher Werke ins Chinesische wurden zum Beginn einer tiefgreifenden Wissenschaftskooperation zwischen China und Europa, die in China bis heute nachwirkt. Auf seiner Methode basierte die Mission einer Epoche von etwa 200 Jahren. So kommt es, daß Li Madou in China der bekannteste und auch am höchsten geschätzte Missionar ist.

Doch Riccis Name ist auch von Mythen umgeben. Er war nicht der erste Missionar, der die chinesische Sprache erlernte, wie häufig behauptet wird. Ungefähr gleichzeitig mit ihm hatten auch Dominikaner auf den Philippinen mit dem Studium der chinesischen Sprache begonnen. Auch schrieb Ricci nicht den ersten Katechismus in chinesischer Sprache. Er war außerdem nicht der einzige, der die Akkommodationsmethode entwickelte und anwandte, andere Jesuiten waren ebenso beteiligt. Ricci und die Jesuiten missionierten keineswegs auch nur in der Oberschicht, wie oft behauptet wird - diese war nur eine kleine, wenn auch wohl die wichtigste Zielgruppe. Vor allem aber bekleidete Ricci keinerlei hohe Ämter in China, noch bekam er jemals den chinesischen Kaiser zu Gesicht. Sein einziges offizielles Amt in Peking war: Wart und Hüter der europäischen Uhren im Kaiserpalast.

Die Lage im Fernen Osten

Die Beziehungen Europas mit dem Fernen Osten begannen etwas später als die mit Amerika, dem "neuen Kontinent". Im Unterschied zu den amerikanischen Territorien konnten die hochentwickelten Länder Asiens sich besser gegen die eroberungslüsternen Europäer behaupten und abschotten. Dies galt besonders für den Fernen Osten. China hatte sich nach seinen Erfahrungen mit der Fremdherrschaft der mongolischen Yuan-Dynastie (1278-1368) unter der neuen, chinesischen Ming-Dynastie (1368-1644) fast völlig abgeschlossen und unterhielt nur Beziehungen zu den Ländern, die ihm tributpflichtig waren. Während dieser Zeit begannen die iberischen Mächte (Spanien und Portugal) mit ihren Entdeckungen und Eroberungen. Amerika gehörte großenteils zum Einflußgebiet Spaniens, doch Afrika, der Ferne Osten sowie Teile Südamerikas waren dem portugiesischen Padroado zugesprochen worden, ohne daß, zumindest im Fall von Ostasien, damit irgendein Besitzanspruch verbunden gewesen wäre. Portugal hatte jedoch dort das Handelsmonopol mit den Ländern seines Padroado und dazu die Verpflichtung zur Mission, die damals noch nicht in Rom zentralisiert war. Tatsächlich nahm der portugiesische König die Mission in seinen Gebieten sehr ernst.

In enger Verbindung mit Portugal arbeiteten die Jesuiten, die unter portugiesischem Schutz und der portugiesischen Krone verpflichtet nach Ostasien kamen. Da Portugal allein nicht genügend Missionare aussenden konnte (das Königreich hatte etwa eine Million Einwohner), durften auch Jesuiten anderer Nationen unter portugiesischer Flagge nach Asien reisen und für Portugal missionieren. Dank ihrer engen Verbindung zu Portugal bekam die Gesellschaft Jesu zunächst durch päpstliche Privilegien das Exklusivrecht der Missionsarbeit in Japan und China, wodurch die Entwicklung einer einheitlichen Missionsmethode möglich wurde.

1549 kamen die Portugiesen nach Japan, wo sie zunächst beachtliche Missionserfolge unter den südjapanischen Daimy¯o (Lokalfürsten) hatten. Als sich Japan aber nach der inneren Einigung unter dem neuen Sh¯ogun Tokugawa Ieyasu (1603-1616) ab 1614 nach außen hin abschloß, wurden alle Fremden und speziell die Missionare vertrieben; dieser Zustand dauerte bis zur Meiji-Restauration im Jahr 1868 an. Doch schon Franz Xaver SJ (1506-1552) hatte erkannt, daß China das eigentliche kulturelle Vorbild Ostasiens war. Die Mission in China hatte für ihn daher Priorität. Franz Xaver starb jedoch bei seinem Versuch, nach China zu gelangen, auf der südchinesischen Insel Shangchuan. Verschiedene Versuche von seiten Portugals und Spaniens, Handelskontakte mit dem chinesischen Kaiserhof aufzunehmen und dabei eine mögliche Mission zu initiieren, scheiterten kläglich. Die Portugiesen bekamen jedoch 1557/58 die südchinesische Halbinsel Macau (Aomen) "Povoação do Nome de Deus na China" als Handelsstützpunkt, von wo aus sie zweimal jährlich die Messe in Canton besuchen durften. 1576 wurde Macau als Suffraganbistum von Goa Diözese für ganz Ostasien. 1565 bauten die Jesuiten ihre erste Residenz in Macau als Ausgangspunkt für die Missionen in Ostasien.

Neue Missionskonzepte: Akkommodation

Die Fremdenfeindlichkeit der Chinesen auf der einen und die Überheblichkeit und Aggressivität der Europäer auf der anderen Seite stellten scheinbar unüberwindliche Hindernisse für die Mission dar. Sie wurden erst überwunden durch den weitsichtigen Jesuitenvisitator Alessandro Valignano (1539-1606). Er hatte in Japan das überhebliche Verhalten der Missionare den Japanern gegenüber bemerkt, das ein großes Hindernis für die Missionsarbeit war, und es durch verschiedene Maßnahmen zu beseitigen versucht. Auf seinen und Franz Xavers Erfahrungen aufbauend, entwickelte er für die Missionierung Chinas die sogenannte Akkommodationsmethode. Heute ist diese Methode fast untrennbar mit der Chinamission verbunden.

Die Vorgaben Valignanos bezüglich der Akkommodation wurden vor allem von den beiden italienischen Jesuiten Michele Ruggieri (1543-1607) und Matteo Ricci durch "trial and error" (Versuch und Irrtum) weiterentwickelt, wobei sich folgende Grundsätze herausbildeten. Erstens: Mission von oben nach unten, d.h. Anpassung an die führenden Schichten (Kaiser, Gelehrte) in Sprache, Lebensstil, Etikette; zweitens: indirekte Mission unter Zuhilfenahme "moderner" europäischer Technik, Wissenschaft und Kunst; drittens: Offenheit und Toleranz für chinesische Werte. Dabei lehnten die Jesuiten Buddhismus und Daoismus ab, akzeptierten jedoch den Konfuzianismus; viertens: Apostolat des Buches; und fünftens: die These vom "alten" Konfuzianismus als Ur-Monotheismus und von der "lex naturae", als "natürliche Religion", an die man anknüpfen konnte, während der "moderne" Konfuzianismus als rein säkulare Staatsphilosophie betrachtet wurde.

Diese Methode war in der damaligen Zeit vollständig neu - und diese Aussage gilt zumindest teilweise auch für die heutigen Missionsanstrengungen. Die Akkommodationsmethode setzte nicht nur ein intensives Sprachstudium voraus, sondern basierte wesentlich auf der Beherrschung der neuesten europäischen Errungenschaften in den Wissenschaften, die für das Erreichen des religiösen Ziels der Bekehrung eingesetzt wurden; zudem sah die Methode vor, beide Seiten als gleichwertige Partner zu betrachten. Im Gegensatz dazu war die geplante Bekehrung von oben nach unten durchaus zeitgemäß, da der Herrscher in der Regel auch für das seelische Heil seiner Untertanen verantwortlich war. Möglicherweise steckte dahinter aber auch der geheime Wunsch nach einem spirituellen Tausendjährigen Reich, das sich - so meinten viele Missionare verschiedener Orden - am besten in einer neuen Umgebung bei kulturell hochstehenden Völkern verwirklichen ließ und nicht in Europa, das durch einen moralischen und politischen Niedergang gekennzeichnet war.

Michele Ruggieri SJ kam 1579 nach Macau und begann auf Valignanos Geheiß mit dem mühsamen Studium der chinesischen Sprache. Bald konnte er so viel Chinesisch, daß er die portugiesischen Handelsdelegationen als Dolmetscher nach Canton begleiten konnte. Dort machte er bei den Chinesen wegen seiner Sprachkenntnisse und seines höflichen Benehmens großen Eindruck. 1581 erlaubte man ihm, in Canton eine erste katholische Kapelle zu erbauen. Im selben Jahr schickte ihm Valignano Verstärkung in Gestalt von Matteo Ricci.

Auf dem Weg nach Macau

Matteo Ricci entstammte einer wohlhabenden italienischen Familie aus Macerata in der Provinz Marken, die damals zu den päpstlichen Ländereien gehörte. Er wurde am 6. Oktober 1552 geboren. Seine Karriere paßte durchaus in den Rahmen eines Jesuiten dieser Zeit: Mit 18 Jahren trat er in die Societas Iesu ein. Prägend wurden für seinen weiteren Lebensweg seine Studien am Collegio Romano in Rom, das damals eine der führenden wissenschaftlichen Einrichtungen Europas war. Dort unterrichtete der deutsche Mathematiker und Jesuit Christopher Clavius (1537- 1612), der unter anderem mit Galileo Galilei befreundet war, die naturwissenschaftlichen Fächer, die neben Philosophie und Mathematik die Fächer Astronomie, Optik, Mechanik, Musik, Geodäsie, Kartographie und Nautik umfaßten. Ricci studierte drei Jahre unter Clavius. In Rom lernte er auch Valignano kennen, der ihn auf Ruggieris Bitten nach einem Gefährten für die Chinamission auswählte. 1578 brach Ricci nach einem Aufenthalt in Portugal in den Osten auf. Er erreichte im selben Jahr noch das portugiesische Goa in Indien, wo er sein Theologiestudium absolvierte. Im August 1582, mit knapp 30 Jahren, kam er in Macau an und schloß sich Ruggieri an.

Man kann nur mutmaßen, wie die chinesische Ausbildung der zwei Jesuiten wohl aussah. Lehrbücher für die Sprache gab es keine. Wahrscheinlich durchliefen beide so etwas wie die konfuzianische Gelehrtenausbildung. Ruggieris Chinesischkenntnisse werden oft, im Vergleich zu Riccis Kenntnissen, unterschätzt, doch verfaßte er sogar chinesische Gedichte. Grundlage der Ausbildung waren wohl die sogenannten Vier Konfuzianischen Klassiker (Zhong Yong, Daxue, Lunyu, Mengzi), die für alle Gelehrtenexamina Chinas die Grundlage darstellten. Im Rahmen ihrer Ausbildung fertigten Ruggieri und Ricci eine erste Übersetzung davon an. Schon 1583 begaben sie sich in die Stadt Zhaoqing, wo sie eine Jesuitenresidenz gründeten. Dies war nur möglich, weil die beiden Jesuiten gute Kontakte zu chinesischen Beamten ("Mandarine") und Gelehrten geschlossen hatten. Dabei kam Ricci seine Ausbildung in Rom sehr zugute. Eine erste Attraktion für solche Kontakte stellte nämlich eine große Weltkarte dar, in deren Mittelpunkt jedoch nicht, wie üblich, Europa lag, sondern China als das "Reich der Mitte". Andere Attraktionen für chinesische Gelehrte, das Haus der Europäer zu besuchen, waren technische Spielereien (Uhren, Musikinstrumente, perspektivisch gemalte Bilder, Glasprismen u.a.), wissenschaftliche Geräte und Instrumente (Himmels- und Erdsphären) und Prachtausgaben europäischer Bücher.

Zu Beginn ihres Aufenthaltes in China hatten Ruggieri und Ricci als Vertreter einer Religion das Gewand von buddhistischen Bonzen angelegt, wie es solche ja auch in Japan gab. Bald aber sagten ihnen ihre chinesischen Freunde, daß die Bonzen in China kein sehr hohes Ansehen genossen, sondern daß vielmehr die konfuzianischen Gelehrten die führende Schicht bildeten. So übernahmen Ricci und später auch die meisten anderen Missionare den Habit und das Benehmen der Konfuzianer und wurden zu "Gelehrten aus dem Westen". Die Anpassung war jedoch nicht nur eine äußerliche, sondern mit ihr verbunden war, zumindest im Idealfall, eine innere Einstellung, die von einem lebenslangen Verantwortungsgefühl für China geprägt war.

Die Öffnung Chinas durch Matteo Ricci

Im Jahr 1588 wurde Ruggieri nach Europa zurückbeordert, wo er eine Gesandtschaft des Papstes an den Kaiser von China initiieren sollte, ein Vorhaben, das jedoch fehlschlug. Für den auf sich allein gestellten Ricci stellte sich das drängende Problem, wie er eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung für China bekommen könnte. Dazu kam sein Plan, Peking zu erreichen, denn, wie in Japan der Sh¯ogun, so stellte in China der Kaiser das Hauptziel der Jesuitenmissionare dar. Mit Hilfe der Neugierde der chinesischen Gelehrten konnten erste Vorurteile überwunden werden; es kam zu einer vorsichtigen Annäherung und vor allem zu Gesprächen.

In China nahte das Ende der Ming-Dynastie, die 1644 von der Qing-Dynastie abgelöst wurde. Die Gründe für den Niedergang der Dynastie waren die stetig wachsende Korruption, Ignoranz, Untätigkeit, Festgefahrenheit und Vorurteile der Beamten. Am Kaiserhof hatten die Eunuchen ihre Stellung so ausgebaut, daß sie alle wichtigen Staatsgeschäfte kontrollierten. Da das Militärwesen dem Zivilwesen völlig untergeordnet war und mit einer gewissen Verachtung betrachtet wurde, waren die finanziellen Mittel unzureichend - mit dem Ergebnis, daß China keine gut

organisierte und schlagkräftige Armee mehr besaß. In der Folge kam es vom Norden her immer wieder zu Einfällen von mongolischen Stämmen; im Süden suchten japanische und chinesische Piratenbanden die südchinesischen Küsten heim. Die letzten Ming-Kaiser, vor allem Wanli (1563-1620), lebten abgeschottet von der Realität im Kaiserpalast, unfähig und nicht gewillt, die Probleme zu sehen oder zu lösen. In dieser Situation suchten aufrechte konfuzianische Gelehrte nach neuen religiösen und spirituellen Werten, die sie im Konfuzianismus, der mehr eine Staatsphilosophie war, nicht fanden. Da der Buddhismus in China, anders als in Japan, die Religion für Ungebildete und Frauen war, erschien ihnen das Christentum, das von Gelehrten ihrer Art verkündet wurde, als eine mögliche Lösung.

Unter den chinesischen Gelehrten, die sich dem Niedergang Chinas entgegenstemmten, fanden die Jesuiten ihre Gesprächspartner, Helfer und sogar Freunde. Unter den fünf konfuzianischen Beziehungen, die das Leben innerhalb der Familien und dann im Reich regeln, stellt die Freundschaft die einzige Beziehung zwischen Gleichgestellten dar. Hier bot sich ein Anknüpfungspunkt mit dem Europa des Altertums und der Renaissance. Beide Gruppen, Jesuiten wie chinesische Gelehrte, hingen gleichen Werten an: Bildung galt sehr viel, Reichtum wurde verachtet, und es gab das Streben nach spirituellen Werten. Ricci benutzte das, um ein Büchlein über die Freundschaft zu verfassen, "Jiaoyoulun" (Nanking 1595), das auf Ciceros "De Amicitia" beruhte. Die Gesprächspartner der Jesuiten ließen sich keineswegs immer taufen, wobei das größte Hindernis häufig die Polygamie darstellte: Es war sehr wichtig, Söhne für die Ausübung des Ahnenkultes zu haben. Falls die Ehefrau keinen Sohn gebar, konnte sich der Mann (wenn er es sich leisten konnte) eine oder mehrere Nebenfrau(en) nehmen, was oft sehr großzügig zugunsten des Mannes ausgelegt wurde. Ihre Kinder galten dann als Kinder der Hauptfrau. Manche der chinesischen Gelehrten wurden "nur" Freunde und halfen den Europäern bei der Abfassung von Büchern in klassischem Chinesisch und verfaßten Vorworte zu diesen Büchern oder benutzten ihre Kontakte, damit Ricci seinem Ziel Peking näherkommen konnte.

Der Weg nach Peking

Zwölf Jahre dauerte Riccis Weg nordwärts nach Peking - zwölf Jahre einer mühevollen Pilgerschaft, die voll von Rückschlägen war. Der Weg nach Peking, das etwa 2400 Kilometer von Macau entfernt ist, bestand aus vielen Missionsstationen, die dann teilweise in die Hände von anderen Jesuiten übergeben wurden. 1583 kam Ricci nach Zhaoqing, 1589 gründete er die Station in Shaozhou, 1595 kam er nach Nanking, der alten südlichen Hauptstadt, 1595 bis 1598 war er in Nanchang, 1599 wieder in Nanking. Stets bewegte sich Ricci in Gelehrtenkreisen, unter denen auch kaiserliche Verwandte waren. Die großen Pluspunkte Riccis waren sein offenes und

freundliches Wesen, sein großes Interesse für China, seine Achtung anderer Menschen und Werte, seine große Sprachbegabung und seine profunden Kenntnisse der europäischen Naturwissenschaften. Sie verschafften ihm in China den Ruf eines hochgebildeten Mannes. 1605 schrieb er leicht ironisch über sich selbst:

"Diese Globen, Uhren, Sphären, Astrolabien usw., die ich gemacht habe und deren Gebrauch ich lehre, haben mir den Ruf des allergrößten Mathematikers verschafft. Ich habe nicht ein einziges Buch über Astrologie (hier im Sinne von Astronomie), aber mit Hilfe einiger Ephemeriden und eines portugiesischen Almanachs sage ich manche Eklipse genauer voraus als sie (die Chinesen)."

Im Januar 1601 erreichte Ricci schließlich sein heiß ersehntes Ziel: Peking. Doch der chinesische Kaiser, der unter der Regierungsdevise Wanli herrschte, lebte sogar für einen Ming-Kaiser sehr abgeschieden und eigentlich ganz passiv. Es war daher völlig ausgeschlossen, vor seinen Thron zu kommen und ihn von Angesicht zu Angesicht zu sehen. So blieben nur die Geschenke Riccis, die er für den Kaiser mitgebracht hatte und die als exotische europäische "Tributleistungen" angesehen wurden(1). Riccis Ankunft in Peking im Jahr 1601 wurde in der offiziellen Geschichte der Ming explizit erwähnt, während die Liste der Geschenke an Kaiser Wanli folgendermaßen aussah: perspektivisch gemalte Bilder des Erlösers, der Muttergottes, der Madonna mit Kind; ein Kreuz mit kostbaren Steinen und buntem Glas verziert; ein Exemplar von Abraham Ortelius' "Theatrum Mundi"; zwei Uhren; zwei Prismen, die das Licht brachen; ein europäisches Clavicembalo; acht verschiedene Spiegel und Flaschen; ein Rhinozeroshorn; zwei Sanduhren; ein Evangelium; vier europäische Schärpen in verschiedenen Farben; Leinwand und europäische Stoffe; europäische Goldmünzen. Üblicherweise geruhte der Kaiser dann, aus diesen Geschenken auszuwählen, je mehr, desto besser für den Geber, denn das stimmte den Kaiser günstig und brachte Prestige. Die Antwort auf die Geschenke konnte aus Gegengeschenken des Kaisers bestehen, aber auch aus Privilegien (Erlaubnis zur Missionsarbeit oder zum Handel).

Ricci hatte mit seiner Taktik Erfolg: Die Geschenke wanderten in die kaiserliche Schatzkammer. Er wurde zuständig für die Wartung der Uhren, und sein Aufenthalt in Peking wurde stillschweigend geduldet.

Die Bücher Riccis

Das literarische Apostolat hatte eine besondere Bedeutung in der Akkommodationsmethode. Bücher standen bei den Chinesen, deren Staatsapparat ja auf Examina und Bücherwissen beruhte, und in dem im Prinzip jeder Mann die höchsten Mandarinsstellen erlangen konnte, in hohem Ansehen. Prachtvoll bebilderte und gebundene europäische Bücher erregten das Staunen der Gelehrten und bildeten eine

große Attraktion. So war es naheliegend, auch die christliche Lehre und die europäischen Wissenschaften in Büchern vorzustellen. Damit paßte man sich nicht nur der chinesischen Gelehrsamkeit an, sondern hatte auch einen sehr viel größeren Wirkungsradius, da die Bücher Menschen erreichten, die nie mit den Missionaren in Berührung kamen: solche in weit entfernten Gegenden (wozu auch das völlig abgeschlossene Korea gehörte) oder gebildete Chinesinnen, die keinen Kontakt mit Europäern haben durften.

Bei den Büchern waren die chinesischen Freunde Riccis sehr wichtig: Sie halfen mit, den Stil zu verfeinern, sie verfaßten lobende Vorworte, die vom sozialen Netzwerk Riccis und der übrigen Jesuiten Zeugnis gaben. Zuerst verfaßten Ruggieri und Ricci Katechismen, doch bald folgten auch andere Bücher. Zusammen mit seinem Freund Xu Guangqi (1562-1633) übersetzte Ricci die ersten sechs Bücher der Euklidschen Geometrie ins Chinesische: "Jihe yuanba" (sechs Bände, 1605), wobei er sich der Ausgabe seines ehemaligen Lehrers Christopher Clavius bediente. Bekannt wurde neben dem schon erwähnten Büchlein über die Freundschaft auch Riccis Buch über die europäische Mnemotechnik "Xiguo jifa" (1595). Schließlich verfaßte er Werke über Kartographie und andere Wissenschaften.

Riccis bekanntestes Buch wurde jedoch sein "Tianzhu shiyi" - "Der wahre Sinn der Lehre des Himmelsherrn". Dieses Buch in Form eines fingierten Gesprächs zwischen einem chinesischen und einem westlichen Gelehrten sollte für in dieser Hinsicht völlig unwissende Chinesen eine erste Einführung ins Christentum geben, wobei Gott vor allem als Schöpfer herausgestrichen wurde, während kompliziertere christliche Glaubensgeheimnisse, wie die Inkarnation oder die Trinität zunächst - wie in der Urkirche - als Arkandisziplin galten und nicht erwähnt wurden; sie waren einem späteren Stadium der Glaubensunterweisung vorbehalten. Völlige Ablehnung fand in seinem Buch die Lehre von der Seelenwanderung, wie die Jesuiten sie im Buddhismus zu sehen glaubten.

Dieses Buch wird oft als Dialog zwischen zwei gleichberechtigten Partnern bezeichnet, was nicht ganz richtig ist (jedenfalls, wenn man Dialog im modernen Sinn versteht). Zwar gehen beide Gesprächspartner sehr achtungsvoll miteinander um, doch ist eindeutig, daß der westliche Gelehrte den chinesischen, nichtchristlichen Gelehrten belehrt: Es ist mehr ein klassisches Lehrgespräch als ein Dialog mit gegenseitigem Austausch. Das "Tianzhu shiyi" wurde zu einem Klassiker der chinesischen christlichen Literatur. Es erlebte viele Auflagen und Übersetzungen (Manju, Koreanisch, Japanisch, Französisch und Englisch) und wurde zu Ende des 18. Jahrhunderts in die kaiserliche Anthologie "Siku" aufgenommen.

Matteo Ricci und die chinesischen Religionen

Als Matteo Ricci nach China kam, gab es drei "Religionen" in China: den Konfuzianismus, den Daoismus und den Buddhismus. Sie wurden in China jedoch nicht als Religionen bezeichnet, sondern als "jiao", als Schulen oder Lehren, und demzufolge von den Missionaren der damaligen Zeit als "secta" bezeichnet, im Sinn einer Überzeugung, der man anhängt und folgt.

Der Konfuzianismus basierte auf den "Fünf Kanonischen Büchern" Chinas (Yijing, Shujing, Shijing, Liji und Qunqiu), von denen die "Vier Klassiker" einen Teil darstellten. Nach chinesischer Tradition, aber auch in den Augen der damaligen Missionare, waren sie über 4000 Jahre alt, weshalb diese Bücher, der damaligen Zeitrechnung zufolge, kurz nach der Sintflut verfaßt sein mußten. In diesen Büchern war die Rede von Gott, "Shangdi", dem Kaiser droben, oder "Tian", dem Himmel als Umschreibung für Gott.

Da beide Beschreibungen dem Gott des Alten Testaments ähnelten, sprachen die Jesuiten, angefangen von Matteo Ricci, auch von einem Monotheismus im alten China. Wenn man an diesen anknüpfte und ihn als Vorbereitung und Hinführung für das Christentum ansah, dann wäre damit ein Teil der Vorurteile der Chinesen beseitigt, denn dann wäre das Christentum keine neue fremdartige Religion, sondern schon in den alten chinesischen Büchern enthalten und daher leichter zu akzeptieren. Ricci plädierte daher für die Lektüre der ursprünglichen klassischen Bücher und lehnte alle späteren Kommentare ab, die für ihn "materialistisch" waren und den Ursprung verfälschten. Der Konfuzianismus der späten Ming-Zeit zum Beispiel war vor allem ein moralischer Eklektizismus, den der bekannte chinesische Philosoph Wang Yangming (1472-1529) gelehrt hatte. Er erschien mehr wie eine völlig säkulare Staatsphilosophie mit bestimmten Ritualen, die daher ohne weiteres mit dem Christentum vereinbar war. Damit war die Haltung umrissen, der nicht nur Ricci, sondern auch seine Nachfolger in China anhingen: Ein Chinese konnte Christ werden und dabei doch Konfuzianer bleiben.

Mit den beiden anderen Religionen verhielt es sich jedoch anders. Ruggieri und Ricci hatten zunächst an den Buddhismus angeknüpft, weil er ihnen halbwegs vertraut erschien, ja Ruggieri lehnte den Konfuzianismus ab, da ihm das religiöse Element völlig zu fehlen schien:

"Sie (die Chinesen) haben keine Philosophie, sondern gehen mit Hilfe von Sentenzen und Schlußfolgerungen vor, wie sie von der Vernunft diktiert werden. Obwohl sie gezwungenermaßen moralisch leben, haben sie keine Kenntnis von Gott, doch gibt es keine Entschuldigung für sie, daß sie nichts darüber wissen."

Ruggieri hielt "Tian" für materiell, d.h. ohne geistige Substanz, und daher ungeeignet als Bezeichnung für den christlichen Gott.

Dagegen hatten der einheimische Daoismus und der später dazugekommene Buddhismus in den Augen der Jesuiten die ursprünglich reine Religion verdorben, und sie erschienen ihnen als wüster Aberglauben; die Priester beider Religionen waren für sie "Götzenpfaffen", die die Menschen im Auftrag des Teufels täuschten und die wahre Religion nur nachäfften. Ebenso erschien der während der Song-Dynastie entstandene Neo-Konfuzianismus, der Elemente aus dem Daoismus und Buddhismus in sich aufgenommen hatte, als zumindest dubios. Ricci hatte nicht genug Zeit, sich damit zu befassen, weshalb er ihn gründlich mißverstand. Erst zu Ende des 17. und zu Beginn des 18. Jahrhunderts gingen einzelne Jesuiten näher auf den Daoismus und Neo-Konfuzianismus ein und versuchten, die Schriften zu erforschen, um sie für die Verkündigung zu verwenden.

Bekehrungen

Matteo Riccis Methode der Missionierung zielte nicht auf Massentaufen. Sein Traum war, daß sich der chinesische Kaiser bekehrte und ihm sein ganzes Volk folgte. Riccis konkrete Missionsarbeit bestand darin, daß er einzelne Chinesen durch Überzeugung zum Christentum führte. So betrachtet sind seine Missionserfolge durchaus beachtlich. Im Jahr 1600 gab es in Peking etwa 400 Christen, 1605 waren es 2000. Das war wohl keine große Zahl, doch hatte jede dieser Bekehrungen eine große Überzeugungsarbeit erfordert. In dieser Anfangszeit der neuzeitlichen Mission, die mit dem Ende der Ming-Dynastie zusammenfiel, bekehrten sich eine Reihe hochrangiger Gelehrter, sogenannte Mandarine oder sogar "Colao" (= Gelao, Staatsminister) zum Christentum. Dazu kamen auf der Lokalebene viele subalterne Beamte, die sich taufen ließen. Ausschlaggebend für die Bekehrung von konfuzianischen Gelehrten war die Möglichkeit, daß sie, wenn sie Christen wurden, gleichzeitig Konfuzianer bleiben konnten. Für Ricci war die Staatsphilosophie des Konfuzianismus "wahrscheinlich" (probabile) kein Aberglaube und daher mit dem Christentum vereinbar. Die konfuzianischen Riten waren für ihn Ausdruck der Verehrung (für Konfuzius) und der Liebe zu den Ahnen. Danach war den gebildeten Chinesen erlaubt, chinesischer Konfuzianer zu bleiben und doch Christ zu werden.

Besonders wichtig für die Anfangszeit des Christentums wurden der schon erwähnte Paul Xu Guangqi, daneben Michael Yang Tingyun (1557-1627) und Leo Li Zhizao (1565-1630), die den Jesuiten sehr halfen. Vor allem Xu Guangqi, der später Staatsminister wurde, verschaffte dem Christentum einen festen Platz in China und am Kaiserhof, indem er die Reform des ungenau gewordenen, aber für die Regierungsgewalt des Kaisers sehr wichtigen chinesischen Kalenders einem Team von chinesischen Gelehrten und Jesuiten übertrug. Damit bekamen die Jesuiten ab 1644 eine Führungsposition am Astronomischen Tribunal in Peking.

Was das mögliche Heil der nichtgetauften Chinesen anbelangte, so war Ricci barmherzig. Bei einer so großen Zahl von Chinesen, die schon gelebt hatten und ohne Taufe gestorben waren, erhob sich die Frage, wie dies mit Gottes Güte vereinbar sein konnte, und warum das Christentum erst so spät nach China gekommen war. Für die Chinesen und angesichts ihrer Hochachtung vor ihren Ahnen wäre der Gedanke nicht annehmbar, daß alle verloren und verdammt seien. Aus diesem Grund zog Ricci die Lehre vom möglichen "Heil des Heiden" zur Beantwortung der Frage heran. Danach konnte Gott bei einem moralisch hochstehenden Leben durch seine Gnade auch Nichtgetaufte erlösen. Ricci glaubte, in den kanonischen Büchern Spuren des Urmonotheismus und der Uroffenbarung zu finden, die, so war er überzeugt, nach der Sintflut von den Nachkommen Noahs auf der ganzen Welt verbreitet worden waren. Daher folgerte Ricci, daß viele Chinesen der alten Zeit, darunter auch Konfuzius, als eine Art Prophet des Christentums mittels der Naturreligion (legge naturale, lex naturae), die Gott allen Menschen ins Herz geschrieben hatte, möglicherweise erlöst worden waren.

Matteo Ricci in Europa - der Beginn der Sinophilie

Niccolò Longobardo SJ (1557-1654), Matteo Riccis Nachfolger als Superior der Chinamission, stellte die Missionsarbeit auf eine neue Grundlage. Er hatte erkannt, daß die Mission eine gut gesicherte, finanzielle Basis braucht, dazu neue Missionare und naturwissenschaftliche und theologische Bücher aus Europa. Vor allem aber sollte die Chinamission unabhängig von Macau und von der Japanmission werden. Daher schickte Longobardo 1613 den Flamen Nicolas Trigault SJ (1577-1628) nach Europa, der seine Aufgaben gut erledigte: Er warb neue Missionare an, er erreichte die Abtrennung der chinesischen Vize-Provinz von der japanischen Provinz im Jahr 1623, erhielt die Erlaubnis, die Heilige Schrift in die chinesische Hochsprache zu übersetzen und chinesische Priesterkandidaten ohne Kenntnis des Lateinischen zu weihen. Darüber hinaus brachte er eine Reihe neuer Missionare nach China, eine ganze Renaissance-Bibliothek, wissenschaftliche Instrumente und finanzielle Unterstützung.

Um diese Erfolge zu erzielen, war Trigault in Europa von Fürstenhof zu Fürstenhof gereist und hatte überall einen großen Enthusiasmus für die Chinamission erweckt. Auf seiner lang andauernden Reise nach Europa hatte er Matteo Riccis sogenannte "Tagebücher", die über seine Missionstätigkeit in China berichteten, aber auch das chinesische Reich beschrieben, aus dem Italienischen ins Lateinische übersetzt und bearbeitet. Die Veröffentlichung dieses Werkes als "De Christiana expeditione apud Sinas suscepta" im Jahr 1615 in Augsburg entfachte eine große Chinabegeisterung. Das Buch wurde in verschiedene europäische Sprachen übersetzt, so ins Deutsche und Französische, und erlebte eine Reihe von Auflagen. Es stellte den

Beginn der Publikationstätigkeit der Jesuiten über China dar, die von Landesbeschreibungen, chinesischer Geschichte, Übersetzungen bis hin zu wissenschaftlichen Abhandlungen über die chinesische Medizin, Sprache und Naturgeschichte reichte und bis zum Ende des 18. Jahrhunderts anhielt. Die Jesuiten malten in ihren Büchern ein sehr positives Bild Chinas. Es zeigte ein Reich, in dem der Kaiser und die Beamten kraft ihrer Tugend und Moral alles zum Guten lenkten, und das, obwohl sie keine Christen waren. Dieses Bild beeinflußte in sehr starkem Maß auch die europäische Aufklärung.

Die Hochachtung für den chinesischen Philosophen Kongzi, aus dem die Missionare "Confucius" machten, nahm in Europa wie in China solche Ausmaße an, daß er zu einem Propheten und Verkünder des künftigen Christentums wurde, was den Chinesen wiederum den Zugang zum Christentum erleichterte.

Die spätere Bedeutung Matteo Riccis in China - Beginn des Kulturaustauschs

Mit dem Tod Matteo Riccis am 11. Mai 1610 in Peking ging die erste Ära der Pioniere der Chinamission zu Ende. Die Chinesen empfanden Bewunderung und auch Mitgefühl für ihn, war er doch fern seiner Heimat in der Fremde gestorben. Daher konnten es Riccis chinesische Freunde erreichen, daß der Kaiser bzw. der Hof, ein Stück Land und eine kleine Geldsumme zur Verfügung stellte, so daß Ricci standesgemäß in Peking begraben werden konnte. Seine Grabstätte wurde zum Ursprung des Friedhofs Zhalan, der sich heute noch in Peking befindet und wo eine ganze Reihe der bekanntesten Jesuiten der Chinamission begraben lagen; ihre Grabsteine haben sich bis heute erhalten.

Ganz gewiß war Matteo Ricci nicht der einzige Jesuit in China, der wichtig für den Erfolg der Mission wurde. Neben ihm sind vor allem zu nennen: Giulio Aleni (1582-1649) aus Brescia, der in Südchina im Dialog mit chinesischen Gelehrten zum "Gelehrten aus dem Westen" schlechthin wurde, der Kölner Johann Adam Schall von Bell SJ (1592-1666), der unter dem letzten Ming-Kaiser Chongzhen (1627- 1644) und unter dem ersten Manju-Kaiser Shunzhi (1644-1661) bei Hofe lebte; und der flämische Jesuit Ferdinand Verbiest, der dem jugendlichen Kaiser Kangxi (1662-1721) als Lehrer diente.

Doch Ricci gilt als der Pionier schlechthin, und die Akkommodation gilt als "seine" Methode. So wurde und wird das auch in China gesehen. Anläßlich der ersten päpstlichen Gesandtschaft nach China in der Neuzeit (1705-1710) durch Charles-Thomas Maillard de Tournon (1668-1710) mußte Kaiser Kangxi, der im Christentum wohlunterrichtet war, bemerken, daß viele Theologen und Missionare die konfuzianischen Werte schlichtweg als "Heidentum" abtaten, das man mit Stumpf und Stiel auszurotten hatte. Bei einer solchen Sichtweise konnte ein Christ kein Konfuzianer, d.h. kein loyaler chinesischer Staatsbürger mehr sein, denn die

Riten waren das Rückgrat des konfuzianischen Staates. Daher verlangte Kangxi seit 1706 von allen Missionaren eine Aufenthaltsgenehmigung, das sogenannte "piao", das nur dann erteilt wurde, wenn die Missionare bestätigten, daß sie schon immer der Methode Riccis gefolgt seien und ihr auch weiterhin folgen würden. Wer diese Bedingung nicht erfüllte, wurde ausgewiesen. Damit erfuhr Matteo Ricci zu Beginn des 18. Jahrhunderts noch eine Anerkennung durch den chinesischen Staat und wurde zum Symbol für ein sinisiertes Christentum, das nicht als Fremdkörper empfunden wurde.

Diese Rolle Riccis für ein gegenseitiges Verständnis zwischen Ost und West wurde von Papst Johannes Paul II. in seiner Adresse gewürdigt, die er am 24. Oktober 2001 an die Konferenzen richtete, die anläßlich des 400. Jahrestages von Matteo Riccis Ankunft in Peking abgehalten wurden(2). Das Verständnis und Einfühlungsvermögen Li Madous lassen ihn auch im heutigen China als Brückenbauer zwischen Ost und West erscheinen(3).

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