Tolstojs Ringen um die Erfahrung der Wahrheit

Im November jährt sich der Todestag Lew Tolstojs zum 100. Mal. Rainer Goldt, Privatdozent für russische Sprache, Landeskunde und Literatur an der Universität Mainz, wirft einen Blick auf das umfangreiche Werk des bedeutenden Romanciers, religiösen Denkers und sozial engagierten Volkspädagogen.

Wenn sich in diesen Novembertagen der Todestag Lew Tolstojs (1828-1910) zum 100. Mal jährt1, wird man des großen Romanciers ebenso gedenken wie des religiösen Denkers, des politischen Moralisten ebenso wie des sozial engagierten Volkspädagogen. Am authentischsten jedoch wird man seine epochale Wirkung erst aus der persönlichen Ausstrahlung begreifen, wie sie Zeitgenossen immer wieder schilderten. Zu diesen Zeugen gehörten auch Lou Andreas-Salomé und Rainer Maria Rilke, die Lew Tolstoj im Mai 1900 auf dessen Familiengut in Jasnaja Poljana aufsuchten. Lou Andreas-Salomé notierte in ihrem Tagebuch:

"Von allem Anfang an ... machte er diesmal einen so seltsam vergeistigten, einen rührend erschütternden Eindruck, wie Einer, der nicht mehr der Erde angehört ... Während unseres Ganges, in Augenblicken, wo der Wind ihn heftig von der Seite angriff, schien diese Gestalt ihren richtigen Rahmen zu finden, - ein Verwehtes, hülflos vom Sturm Erfaßtes lag dann über ihr, und dabei die Kraft, den Stürmen durch ein Geheimnißvolles, Höheres zu trotzen. Im Hause steht er da wie ein Einsamer, - wie ein ganz und tief Vereinsamter inmitten einer fremden, ganz fremden Welt."2

Kaum einer der jungen Autoren, von Maxim Gorkij über Anton Tschechow bis hin zu dem Emigranten Iwan Bunin, kann sich dem Charisma dieses Autors entziehen - sie alle pilgern zu ihm, erbeben in Erwartung der ersten Begegnung und befehden ihn später oftmals als literarischen Übervater. Im Jahr 1917, als der Feuersturm der Oktoberrevolution über das Land hereinbricht, leben, über das gesamte Reich verstreut, Tausende von Menschen in Kommunen, die sich mit religiösem Ernst den Lehren Tolstojs verschrieben haben und den neuen Machthabern ähnlich mutig widerstehen wie den alten3. Kolonien entstehen in England und Südafrika, und noch die israelische Kibbuz-Bewegung ist Tolstoj verpflichtet4. Diese Aura inspirierte Thomas Mann 1928 anläßlich der Jahrhundertfeier von Tolstojs Geburt zu der berühmt gewordenen Formulierung:

"Während der Krieg tobte, habe ich oft gedacht, daß er es nicht gewagt hätte auszubrechen, wenn im Jahre vierzehn die scharfen, durchdringenden grauen Augen des Alten von Jasnaja Poljana noch offen gewesen wären."5

Dieser "Alte von Jasnaja Poljana", zu dem Gläubige aus der ganzen Welt pilgern, der seiner literarischen Arbeit entsagt, um Bauernkinder lesen zu lehren oder Hilfskomitees für Hungernde zu gründen, erschien schon seinen Zeitgenossen als Welt- weiser, an den sich auch der junge Mahatma Gandhi um Rat wandte. Und man wird

nicht daran zweifeln, daß Thomas Manns "Tonio Kröger" gegenüber seiner russischen Gesprächspartnerin Lisaweta Iwanowna vor allem Tolstoj im Auge hatte, als er von der "anbetungswürdigen russischen Literatur, die so recht eigentlich die heilige Literatur darstellt", sprach.

Sinnsuche und Tod - sein Leitmotiv

Wie aber sah Tolstoj sich selbst? In seiner berühmten Schrift "Meine Beichte" von 1879/81 wählt er dasselbe Bild der Wanderung wie Lou Andreas-Salomé, doch ist seine Rolle hier eine ganz andere:

"Auf der Suche nach einer Antwort auf die Frage des Lebens habe ich genau dasselbe Gefühl empfunden, welches einen im Walde verirrten Menschen überkommt. Er ... sieht die Finsternis, aber kein Haus. So irrte auch ich in diesem Walde der menschlichen Erkenntnis ..., und endlich gewann ich die Überzeugung, daß es keinen Ausweg gebe und auch keinen geben könne."6

Als Suchender, ja als Irrender, als der er sich bis zu diesem Zeitpunkt beschreibt, spiegelt der gut 50jährige Lew Tolstoj die Empfindungen jener europäischen Bildungsschicht, die sich spätestens 1914 so schlecht auf das 20. Jahrhundert vorbereitet zeigen wird.

Am 28. August (9. September neuen Stils) 1828 wird Tolstoj auf dem in der Nähe von Tula in Mittelrußland gelegenen Gut Jasnaja Poljana als zweitjüngstes von insgesamt fünf Kindern in ein altes, seit dem 14. Jahrhundert genealogisch dokumentiertes russisches Adelsgeschlecht geboren7. Schon mit zwei Jahren verliert Tolstoj seine Mutter, sieben Jahre später den Vater. Der frühe - einige Biographen wie Viktor Schklowskij vermuten sogar: gewaltsame - Tod des Vaters ist eine Erfahrung, die Tolstoj mit Fedor Dostojewskij (1821-1881) teilt, der seinen Vater als 18jähriger verliert. Doch im Gegensatz zu diesem bleibt das Thema des Vatermords für Tolstoj literarisch unfruchtbar, ja belanglos. Seiner frommen Mutter wird er 1852 in seinem erzählerischen Debüt "Kindheit" und später in "Krieg und Frieden" in Gestalt der Maria Bolkonskaja ein Denkmal setzen.

Bereits Tolstojs literarisches Debüt "Kindheit" sorgte 1852 für Aufsehen; seit den auf seinen Erfahrungen im Krimkrieg beruhenden "Sewastopoler Erzählungen" (1855/56) aber gehört er endgültig zu den größten Hoffnungen einer Generation, die der russischen Literatur zu Weltgeltung verhelfen wird. Vor allem anderen bedeuten die "Sewastopoler Erzählungen" für ihn die Entdeckung eines Themas, das ihn in den mehr als fünf noch folgenden Jahrzehnten literarischen Schaffens nicht mehr loslassen wird - das Thema des Todes. "Alles war tot, wüst, entsetzlich - aber nicht still", heißt es im Anblick der zerstörten Sewastopoler Bastionen. Und in diesem unscheinbaren Nachsatz: "aber nicht still" liegt kaum weniger Grauen verborgen als in einem ganzen

zynismusgesättigten Weltkriegsroman wie Louis-Ferdinand Célines "Reise ans Ende der Nacht". Nur eine einzige Kraft verhindert, daß diese infernalische Welt vollends aus den Fugen gerät - die Sinngebung des Kampfes in der Reflexion einer erzählerischen Urteilskraft, die höher steht als aller Patriotismus, vielleicht sogar alle philosophische Erkenntnis, weil sie noch dem furchtbarsten Grauen die Schönheit des Wahren abgewinnen kann:

"Der Held meiner Erzählung, den ich mit allen Kräften meiner Seele liebe, in seiner ganzen Schönheit zu schildern mich bemüht habe, der immer schön ist, war und sein wird, ist - die Wahrheit."8

Tod und Sinnsuche, motivisch vorbereitet schon im Sterben der Mutter in "Kindheit", treten von nun an in eine lebenslange Symbiose, angefangen bei der allegorischen Erzählung "Drei Tode" (1859) über das Siechtum Nikolaj Lewins in "Anna Karenina" bis hin zu der von Thomas Mann besonders geschätzten Novelle "Der Tod des Iwan Iljitsch" (1886), von der Wolfgang Kasack schrieb, es sei Tolstoj hier "in einer wunderbaren Vollkommenheit gelungen, aus einem konkreten Erlebnis eine allgemeingültige Todesdarstellung und Todesinterpretation dichterisch zu gestalten"9.

Reformator und Stifter einer Religion der "Glückseligkeit auf Erden"

Ende 1850 hat Tolstoj scheinbar alles erreicht, und dennoch vermißt er inneren Halt, ist nicht zum ersten Mal in seinem Leben angewidert vom flüchtigen Rausch des Eros, der Trunksucht und des Spiels. Europa stößt ihn ab, ja schockiert ihn in Gestalt der Guillotine als Sinnbild seines erbarmungslosen Materialismus. Sogar der Literatur, seines Lebenselixiers, wird er überdrüssig und sieht den Sinn seines Lebens plötzlich ausschließlich in praktischer und erzieherischer Arbeit. In den Tagebüchern jener Jahre gibt Tolstoj mit der Unerbittlichkeit pietistischer Gewissenserforschung Einblick in die innere Zerrissenheit seiner Existenz, aber auch in die ganze Maßlosigkeit seines Anspruchs: Inmitten zerknirschter Berichte über seine Spielsucht findet sich unter dem Datum des 4. März 1855 ein Eintrag, der belegt, daß er sich lange vor seiner oft beschriebenen geistigen Krise um 1880 zum Reformator, ja Religionsstifter berufen sah:

"Gestern brachte mich ein Gespräch über das Gött(liche) und den Glauben auf einen großen kolossalen Gedanken, dessen Verwirklichung ich mein Leben widmen zu können glaube. - Dieser Gedanke ist die Begründung einer neuen Religion, die der Entwicklung der Menschheit entspricht, einer Religion Christi, die aber von Glaube und Geheimnis befreit ist, einer Religion, die keine zukünftige Glückseligkeit verheißt, sondern Glückseligkeit auf Erden gibt."10

"Krieg und Frieden", entstanden in den Jahren 1864 bis 1869, ist das Epos der europäischen Literatur schlechthin, ein geschichtliches Kaleidoskop von gleichsam

mythischen Dimensionen: über 200 handelnde Personen, eine unübersehbare Vielzahl von Schauplätzen, Episoden und Begebenheiten und kaum weniger weltanschaulichen Konzepten und Sinnsuchen, die Rußland in einer historischen Bewährungsprobe beschreiben. In einem zutiefst gegenmodernen Sinn gewinnt das Individuelle in solch zentralen Helden wie Pierre Besuchow oder dem tragischen Andrej Bolkonskij, in Natascha Rostowa oder Marija Bolkonskaja gerade dann wirksame Gestalt, wenn es sich bewußt oder unbewußt dem geschichtlichen Ganzen einfügt11. Tolstoj durchwebt seine Texte mit Leitmotiven und wiederkehrenden Metaphern, um die Spiegelungen von Mikro- und Makrokosmos zu versinnbildlichen.

Diese Bildlichkeit kongruiert mit den zahlreichen geschichtsphilosophischen Reflexionen des Erzählers, die die bedeutenden Menschheitsführer vor allem nach ihrem Einfühlungsvermögen in den Strom der Zeit bewerten. Positiver Prototyp dieser Einstellung ist, im krassen Gegensatz zum österreichischen Generalstab oder zu Napoleon, der alte Kutusow. Das Fazit des Epilogs spricht für sich selbst: "Sobald man annimmt, das Leben der Menschheit könne durch Vernunft gelenkt und geleitet werden, macht man das Leben als solches unmöglich."12 Der in unzähligen, den individuellen Erfahrungshorizont mit dem weltgeschichtlichen Ganzen verknüpfenden Episoden sich entfaltende Krieg gegen Napoleon prägt ausnahmslos alle handelnden Figuren, zuvörderst Andrej Bolkonskij, dem sich in einer der eindringlichsten Nahtoderfahrungen der Weltliteratur auf dem Schlachtfeld von Austerlitz der Himmel auftut, aber auch dem verwirrten Attentäter Pierre im vom Feind besetzten Moskau, in dem er nur durch einen jener im tolstojschen Sinn "gesetzmäßigen Zufälle" seiner Hinrichtung entgeht. Tolstoj erfaßt Stimmung, Furcht und Widerstand jener Generation, aus der jene Dekabristen-Offiziere hervorgehen werden, die 1825 einen Aufstand gegen das absolutistische Zaren-Regime wagten.

Schopenhauer und die Frage: "Was darf ich hoffen?"

Wenn "Krieg und Frieden" auch als Entwicklungsroman bezeichnet worden ist, so liegt dies neben der ursprünglich ganz ihrer Spontaneität lebenden und sich schließlich in ihrer und Andrejs Tragödie spät bewährenden Natascha vor allem an der Gestalt Pierres. So ist es nur folgerichtig, daß diese beiden seit ihrer Kindheit miteinander vertrauten Menschen am Ende zueinander finden. Gerade der Entwicklungsgedanke macht Pierre zum eigentlichen Helden des Romans. Durch das Erbe seines leiblichen, aber nicht gesetzlichen Vaters zu höchstem gesellschaftlichem Ansehen gelangt, durchläuft Pierre verschiedene Metamorphosen: als unglücklicher Ehemann einer frivolen Gemahlin, als Duellant mit Dolochow, als Freimaurer und Philanthrop (hier schildert Tolstoj das Aufnahmeritual als eine jener leeren Zeremonien, die er auch im kirchlichen Leben zu beobachten glaubte), als im

wörtlichen Sinn Wanderer zwischen den Fronten und dilettantischer Attentäter, als zum Tode Verurteilter und wie durch ein Wunder Geretteter und schließlich als Schüler eines ungebildeten Bauern - Platon Karatajews, der sogar noch seine Erschießung mit stoischer Ruhe erwartet, weil er in der Unreflektiertheit seiner Reaktionen auf das Leben selbst zugleich dessen unmittelbarste Allegorie darstellt.

Neben erneuten pädagogischen und sozialreformerischen Aktivitäten widmet sich Tolstoj in den 60er Jahren systematisch dem Studium der Philosophie, zunächst Jean-Jacques Rousseaus, dessen Einfluß etwa auf "Die Kosaken" (1863) belegbar ist, später Immanuel Kants. In der zweiten Hälfte dieses Jahrzehnts tritt ein Name in Tagebücher und Korrespondenz ein, der Tolstoj über Jahre hinweg faszinieren soll: Arthur Schopenhauer. Seine Philosophie bildet die Grundlage, auf der er und der mütterlicherseits deutschstämmige Dichter und Übersetzer Afanasij Fet (Foeth) sich zusammenfinden. Verschiedene Aspekte greifen dabei ineinander: das Verhältnis zum Tod - für Tolstoj nach dem Erlebnis der in "Anna Karenina" geschilderten letzten Tage seines Bruders Nikolaj eine unablässig gestellte Frage -, die gemeinschaftliche Ablehnung des Fortschritts, die vom orthodoxen Christentum wegführende Sinnsuche und nicht zuletzt Schopenhauers Metaphysik des Schönen.

Für Tolstoj ist Schopenhauer primär Erbe der platonischen Tradition und im tieferen Sinn ein religiöser Denker jenseits christlicher Glaubensgrundsätze. Von den durch Kant in der "Kritik der reinen Vernunft" gestellten Fragen - Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? Was ist der Mensch? - erachtete Tolstoj allein diejenige nach der Hoffnung für wesentlich. Schopenhauers Überzeugung von der letztlichen Unzerstörbarkeit unseres Wesens, die er als Metempsychose, als Seelenwanderung in allen großen Religionen "mit Ausnahme der jüdischen und der zwei von dieser ausgegangenen"13 angelegt sieht, läßt ihn Tolstoj in eine Reihe mit Platon und den Religionsstiftern stellen.

Anna Karenina - ein kritischer Gesellschaftsroman

Anfang der 70er Jahre wendet sich Tolstoj erneut dem Gedanken an einen historischen Roman zu, diesmal über die Zeit Peters des Großen. Doch dann hört er im März 1873 von einer Begebenheit aus der Nachbarschaft in Jasnaja Poljana, die ihn ein ganz neues Projekt in Angriff nehmen läßt: den Roman "Anna Karenina". Die Tochter eines Obristen hatte sich aus unglücklicher Liebe vor einen Zug geworfen. Der Name der Unglücklichen lautete Anna. Es ist erstaunlich und für eine Analyse der literarischen Arbeit Tolstojs ausgesprochen aufschlußreich, wie sehr dieser umfangreiche Gesellschaftsroman auch in seiner Endfassung noch von dem Unheilssymbol des Eisenbahnzuges durchdrungen ist, das wiederum in eine Vielzahl von Fragmenten und Sekundärsymbolen zerfällt. Tolstoj war tief berührt von diesem Frauenschicksal und faßte den Gedanken, die Tragödie zum Anlaß eines Ehebruch-

romans zu nehmen, wie er wenige Jahre zuvor mit Gustave Flauberts "Madame Bovary" zu einem skandalumwitterten Höhepunkt gelangt war14.

Auch wenn die berühmte religiöse Wende Tolstojs erst in den 80er Jahren einsetzt, so war er doch schon zu dieser Zeit Kritiker einer hedonistischen Oberschicht genug, um sein Thema ursprünglich moralisch zu verstehen. Erst im Lauf der Arbeit sah er ein, daß nur die Gestaltung der tragischen Verstrickung Annas dem Sujet wirklich gerecht würde - hier ist Tolstoj noch nicht jener zornige Moralist, der später seiner abgründigen "Kreutzersonate" ein ebenso donnerndes wie plattes Nachwort an- und zufügen wird.

Der zweite, ein positives Gegengewicht setzende Erzählstrang in "Anna Karenina" schildert die hindernisreiche Liebe von Kitty Schtscherbazkaja und Tolstojs Alter ego Konstantin Lewin. Ihre Geschichte gleicht einer gemeinsamen Sinnsuche und ist damit auch Gegenentwurf zu Dostojewskijs "zufälliger Familie", wie er sie 1876 in seinem "Tagebuch eines Schriftstellers" als Verfallssymbol konstatierte. Anna und Wronskij können dagegen im tolstojschen Sinn keine ganzheitlichen Menschen werden, weil sie ihrer Leidenschaft verfallen und deshalb unfähig bleiben, über den Sinn des Lebens zu reflektieren. Lewin dagegen verkörpert Tolstojs Idealtypus des empathischen Menschen; der Tod seines einsamen und verbitterten Bruders Nikolaj wühlt ihn in seinem Innersten auf.

Auch nach "Anna Karenina" kehrt, nur mit noch größerer Wucht als nach den "Sewastopoler Erzählungen" oder "Krieg und Frieden", bei Tolstoj anstelle eines literarischen Triumphgefühls Leere und Niedergeschlagenheit ein. Todesvisionen verfolgen ihn, der in der orthodoxen Religiosität keine Perspektive sieht. Die letzten 30 Jahre seines Lebens werden sich im Zeichen rastloser religiöser Suche vollziehen, deren Anfang neben "Meine Beichte" (1882) vor allem die Abhandlung "Worin mein Glaube besteht" (1883) markiert, in der sich Tolstoj auch mit dem Verhältnis von Christentum und Judentum auseinandersetzt.

"Worin mein Glaube besteht"

Tolstojs Studien zur jüdischen Religion und Kultur setzen zu Beginn der 80er Jahre ein. Er hatte 1890 als erster die unter anderem vom Religionsphilosophen Wladimir Solowjow initiierte, von der Zensur verbotene Protestnote russischer Intellektueller angesichts neuer Repressionen gegen die jüdische Minderheit unterschrieben. Auch wenn der Brief schließlich lediglich in der Londoner "Times" und ohne Namensnennung der Unterzeichner erscheinen konnte, sprach sich Tolstojs maßgebliche Beteiligung doch wie ein Lauffeuer herum.

Tolstoj interessierte sich jedoch weniger für die soziale Lage der jüdischen Minderheit im Russischen Reich als vielmehr für die Beziehung von jüdischer und christlicher Religion15. 1882 nahm er Hebräischunterricht bei Zelik Minor (Sal-

kind), der von 1869 bis zu seiner Ausweisung aus Moskau im Juli 1892 Oberhaupt der jüdischen Gemeinde Moskaus war. Schon kurze Zeit nach dem Beginn der Hebräischstudien fließen Überlegungen zum Verhältnis von Judentum und Christentum in Tolstojs religionsphilosophische Reflexionen ein. Die zur Jahreswende 1882/83 begonnene Abhandlung "Worin mein Glaube besteht" enthält nicht nur seine Deutung von Lehre und Persönlichkeit Jesu Christi, sondern auch seine grundlegenden Gedanken zur jüdischen Religion. Das auch wegen seiner kategorischen Forderung, dem Übel nicht mit Gewalt zu widerstreben, zu Berühmtheit gelangte Werk wurde 1884 in Rußland verboten, unter anderem deshalb, weil Tolstoj die Frage nach der Göttlichkeit Jesu Christi kritisch betrachtete und jegliche Staatlichkeit als per se gewaltbehaftet ablehnte. Deutsche und französische Übersetzungen erschienen aber bereits 1885 und machten Tolstojs Gedanken in ganz Europa bekannt. Aus der Entfremdung von der Staatskirche erwuchs im Lauf der Jahre ein Konflikt, der nach der Publikation seines letzten Romans "Auferstehung" 1901 zur Exkommunikation führte.

Tolstoj sieht Christus weniger als Überwinder denn als Vollender der jüdischen Überlieferung - der Tora und der Propheten, besonders Jesajas, des ersten Künders des Messias. Christus setzt demnach das Gesetz nicht außer Kraft, sondern bringt es zur Vollendung, indem er es nicht auf die fünf Bücher Mose beschränkt wissen will, während für den Juden das Gesetz Gottes und die Bibel eins seien16. Bis in die Irrtümer hinein glaubt Tolstoj jüdische und christliche Lehre miteinander verwoben. Einer dieser Irrwege bestehe darin, sich als Gerechter von der Welt abzuwenden, wie es Jona hatte tun wollen - eine Verirrung, die "den Juden seit langem bekannt ist, aber nicht nur dem Christentum, sondern auch dem Judentum in ihrem Geiste wesensfremd ist"17. Tolstoj wird diesen Gedanken in seiner Variation der Jona-Geschichte, der Lebensbeschreibung des Fürsten, Offiziers und nach langer Kloster- und Einsiedlerzeit in die Welt tätiger Nächstenliebe zurückkehrenden Starzen Stepan Kasazkij illustrieren, die 1911 postum unter dem Titel "Vater Sergius" erschien. Einen fundamentalen Unterschied zwischen Juden und Christen erblickt Tolstoj im diametral entgegengesetzten Lebensverständnis:

"Der Hauptunterschied zwischen unserem Begriff des menschlichen Lebens und demjenigen der Juden besteht darin, daß nach unserer Auffassung unser sterbliches Leben, das von Generation zu Generation übergeht, nicht das wahre Leben ist ..., dem Verständnis der Juden nach dagegen dieses Leben ... das höchste Heil darstellt, das dem Menschen unter der Voraussetzung der Erfüllung des göttlichen Willens gegeben ist."18

Tolstoj kann dem von der Kirche gelehrten Glauben an ein ewiges Leben wenig abgewinnen und nennt diese Vorstellung "ein Trugbild, das bei der ersten Berührung mit der Vernunft zerstiebt"19. Für ihn bedeutet die Lehre Jesu durchaus in einer gewissen Nähe zur jüdischen Lehre die Aufforderung, dem individuellen Leben in der

Verleugnung des Ich zugunsten eines diesseitigen Dienstes an der Menschheit Sinn zu verleihen. Tolstojs Fazit beruht auf der These von einer Urverwandtschaft jüdischen und christlichen Denkens:

"Die metaphysische Grundlage der alten Lehre der Juden und derjenigen Jesu Christi ist ein und dieselbe: die Liebe zu Gott und dem Nächsten. Die Anwendung dieser Lehre auf das Leben jedoch ist nach Moses und nach dem Gesetz Christi sehr unterschiedlich."20

Die Emanzipation der Bauern als "Reich Gottes in uns"

In den letzten Jahren seines Schaffens gelingen Tolstoj trotz aller mitunter bizarren Kulturfeindlichkeit ("Was ist Kunst?", 1898) noch einmal bedeutende literarische Werke wie die Kaukasus-Erzählung "Chadzhi-Murat" (postum 1912) oder der Roman "Auferstehung" (1899). Sein eigentliches Interesse aber gilt längst dem einfachen russischen Bauern, auf dessen Emanzipation er seit Platon Karatajew in "Krieg und Frieden" seine eigentliche Hoffnung auf die Verwirklichung des "Reichs Gottes in uns" - so auch der Titel einer Abhandlung aus dem Jahr 1893 - setzt. Dabei wird oft übersehen, daß sich Pierre Besuchow der Einzigartigkeit dieses bäuerlichen Menschen zunächst gar nicht bewußt ist. Im Gegenteil: Je schwächer Karatajew in den Kolonnen der Kriegsgefangenen wird, desto mehr meidet ihn Pierre. Kurz vor seiner Erschießung will Karatajew Pierre noch einmal zu sich rufen, doch dieser tut feige so, als habe er ihn nicht gehört. Noch ein letztes Mal sieht er den Entkräfteten an eine Birke gelehnt dasitzen; dann beobachtet er verstohlen, wie sich zwei Franzosen über ihn beugen. Ein Schuß ertönt, während Pierre ausrechnet, wie viele Übergänge wohl noch bis Smolensk zu erwarten seien. Erst als er Natascha ganz am Ende des Romans von diesem Bauern berichtet, wird ihm das tiefe Geschenk dieser Begegnung bewußt:

"Er gab seine Erlebnisse so wieder, wie er sich selbst ihrer noch nie erinnert hatte. Es war, als sähe er alles, was er durchlebt hatte, jetzt in neuem Licht."21

Kann man sich ein schöneres Gleichnis von der erkenntnisstiftenden Kraft des Erzählens denken?

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