Nikolaus von Flüe (Heiliger Bruder Klaus)

Ja, es sind Stereotype. Wenn ich an die Schweiz denke, dann fallen mir sofort bestimmte Begriffe ein. Ich denke an Heidi und Wilhelm Tell, an Schokolade und Bankgeheimnisse. Als Theologe, na klar, auch an Ulrich Zwingli, Johannes Calvin und vielleicht noch Karl Barth.
An Bruder Klaus hätte ich offen gesagt weniger gedacht. Das mag meine protestantische Beschränkung sein. Immerhin liegt aber in meinem Amtsbereich auch eine katholische Pfarrkirche mit diesem Namen. Deshalb habe ich mich vor einiger Zeit ein wenig kundig gemacht und dabei u. a. gelernt, dass Bruder Klaus ursprünglich Nikolaus von Flüe heißt, im 15. Jahrhundert lebte und heute als so etwas wie der Schweizer Nationalheilige und Schutzpatron gilt. In katholischen Schweizer Kreisen genießt er höchste Anerkennung. Gelernt habe ich auch, dass in der Schweiz 2017 nicht nur 500 Jahre Reformation gefeiert wurde, sondern es auch ein Festjahr zum 600. Geburtstag von Bruder Klaus gab, der 1417 geboren wurde und 1487 verstarb. Der Schweizer Reformator Zwingli hat sich verschiedentlich auf Bruder Klaus berufen, und so konnte das doppelte Jubiläum 2017 in der Schweiz auch ökumenisch begangen werden. Das gefällt mir.

Mystiker, Mittler, Mensch – so wurde in einer Ausstellung zum Jubiläum das Wirken von Bruder Klaus auf einen griffigen Dreiklang gebracht, den ich gerne aufnehme. Das bringt Wesentliches zu Bruder Klaus gut auf den Punkt. Mit dem Menschen will ich beginnen. Ein Leben als Heiliger war Nikolaus von Flüe nicht in die Wiege gelegt. Geboren wurde er als Sohn wohlhabender Bauern im Schweizer Kanton Obwalden. Das blieb seine Heimat, ein Leben lang. Schulbildung hat er nicht genossen, zeitlebens war er Analphabet, eingebunden in die Bezüge seines engeren Lebensumfeldes. Wahrscheinlich gehörten die biblischen Geschichten aber schon früh zu den Bildern und Symbolen, mit denen er sich vertraut bewegte. Mit 16 soll er eine Vision, ähnlich dem Besuch der drei Engel bei Abraham, gehabt haben. Allerdings verhießen sie ihm nicht eine reiche Nachkommenschaft, sondern sprachen von einem seligen Tod und übergaben ihm ein Kreuzeszeichen. In einer anderen Vision soll er einen Turm an genau der Stelle in seinem späteren Heimatdorf Ranft gesehen haben, an der er später als Einsiedler leben sollte.

Klaus muss also schon früh eine introvertierte, spirituelle Seite gehabt haben, empfänglich und sensibel für die Symbolwelten des Christlichen und die innere Versenkung, all das, was wir aus dem Spätmittelalter als Mystik kennen. Der Weg nach innen, der war früh in ihm vorgezeichnet.

Aber das war offensichtlich nur eine Seite seines Wesens. Denn als Bauer seiner Gegend führte er ein alles andere als zurückgezogenes Leben. In seinem Heimatort war er allseits anerkannt. Ein wohlhabender Bauer, gut verheiratet und bald Vater von insgesamt zehn Kindern. Eigentlich ein vorbildliches Leben. So brachte er sich aktiv in sein Gemeinwesen ein. 1440 nahm er als Offizier an einem Krieg seiner Heimat gegen Zürich teil und sah dabei auch die Grausamkeiten des Krieges. Die Schweiz als Staat, als Eidgenossenschaft, existierte da noch nicht. Auch als Kritiker der kirchlichen Obrigkeit trat er auf, als er 1457 die Erhöhung der kirchlichen Abgaben durch den Ortsgeistlichen kritisierte. Er muss so eine natürliche Autorität gehabt haben, ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein, das im Falle des Krieges sich auch traute, Grausamkeit und Verbrechen anzuprangern. Auch nach seiner großen Lebenswende blieb diese Wachheit für die Notwendigkeiten der Gegenwart ein Grundzug seines Lebens. Er hatte auch, ja gerade nach seiner inneren Wende ein hörendes Herz für seine Mitmenschen. Auch dann noch kamen Gesandtschaften zu ihnen. Eine spielte für die Geschichte der Schweiz eine bedeutende Rolle, deshalb wurde er zum Nationalheiligen. Denn er hat gleichsam die ersten Grundlagen für die Schweiz gelegt. Da hatten 1481 die ersten Schweizer Kantone überraschend im Krieg das mächtige Burgund besiegt und drohten sich nun über die Beute zu entzweien. Um Rat gefragt, brachte Bruder Klaus es fertig, die beiden Parteien zu einer Übereinkunft zu bringen, die den Frieden sicherte und den Erfolg der Schweizer Eidgenossenschaft erst ermöglichte. Wie das gelang, ist nicht mehr zu ermitteln. Aber dass das Christentum eben auch eine Botschaft des Friedens, das Reich Gottes ein Friedensreich sein sollte, das muss ihn dabei geleitet haben. Dazu gehörte übrigens auch die Begrenzung der Macht und des Einflusses. Die Schweizer, so riet er, sollten den „Zaun nicht zu weit“ machen und sich nicht unnötigerweise in „fremde Händel“ einmischen – vielleicht eine erste Vorform der berühmten Schweizer Neutralität. Deshalb wird Bruder Klaus bis heute als eine der Gründungsgestalten der Schweiz gesehen und in der katholischen Kirche auch als Nationalheiliger verehrt.

Der weise Ratgeber und Mittler – diese Rolle kam ihm besonders nach seiner großen Wende zu. Das Reich Gottes ist eben auch ein Reich der Gerechtigkeit, des Friedens und der Freude im Heiligen Geist. Bruder Klaus wusste davon. Aber es ist der Mystiker, der Gottsucher, der alles verbindet.

Auf der Suche sein, eine innere Unruhe spüren, die sich nicht stillen lässt, darin liegt wohl ein Quell auch von Mystik und Meditation. Bei Nikolaus von Flüe ließ sie sich nicht unterdrücken, so stark er sich auch ins gesellschaftliche Leben und in die Verpflichtung für die Familie einzuspannen versuchte. Immer wieder kam die mystische Seite in ihm zum Vorschein, ließ ihn nach seiner Bestimmung fragen. Neben der vita activa machte sich die Sehnsucht nach einer vita contemplativa über die Jahre immer spürbarer. Das war ein innerer Kampf, der ihn – aber auch seine Familie – fast zerrissen hätte. 1467 fasste Nikolaus von Flue nach zwei dramatischen Jahren des Meditierens, Fastens und inneren Ringens den drastischen Entschluss, alles hinter sich zu lassen: die Familie mit den Kindern, den Einsatz für seine Heimat und auch diese selbst. Er machte sich auf den Weg Richtung Basel. Aber schon nach wenigen Tagen hatte er eine Vision, die ihn den Weg in die Heimat wies. Nur wenige Fußminuten von seinem Heimathof errichtete er in der Ranfschlucht eine Holzklause, in der er in einem Eremitengewand lebte – versorgt von seiner Frau Dorothea. Bruder Klaus, wie er sich jetzt nennen ließ, versuchte so, Nachfolge Christi zu leben. Insofern nahm er den Ruf Jesu wörtlich, um weltabgeschieden und doch offen für die Nöte eben dieser Welt von Gottes Reich Zeugnis zu geben.

Bruder Klaus hat, so wird es überliefert, dabei vor allem ein Bild meditiert, das als Sachsler Meditationstuch in der katholischen Pfarrkirche von Klaus’ Heimatdorf Sachseln bis heute verwahrt wird. Es zeigt in sechs Rundbildern zunächst die Wunder des Heilsgeschehens: die Ankündigung der Geburt Jesu an Maria, Christi Geburt, Gott als Vater und Schöpfer, die Gefangennahme sowie die Kreuzigung Jesu und schließlich das Wunder der Wandlung in der Messe.
Diese sechs Darstellungen des Heilsgeschehens zeigen aber zugleich Symbole, die die Werke der Barmherzigkeit darstellen und die so mit dem wesentlich Christlichen verbunden werden:
Zwei Krücken als Bild der Krankenfürsorge (Mariä Verkündigung), der Stab eines Pilgers und eine Tasche für die Beherbergung von Fremden (Christi Geburt), eine Weinkanne und Fisch für die Speisung der Hungernden bei Gott als Schöpfer, eine Eisenkette für Besuche der Gefangenen (Gefangennahme Jesu), ein Gewand für das Bekleiden der Nackten (Kreuzigung) und schließlich ein Sarg für das Begraben der Toten (Wandlung).
Ausgerichtet sind alle diese Darstellungen auf ein Zentralmedaillon, das Christus selbst zeigt, der durch eigenartig dargestellte Strahlen mit den heilsgeschichtlichen Darstellungen verbunden ist. Es ist dieses Christusbild, das alles zusammenhält: Gott und die Welt, die innere Versenkung in das Heilsgeschehen und die Tätigkeit für diese Welt. Frömmigkeit und öffentliche Verantwortung, sie finden hier gemeinsam ihre innere Mitte, sind nicht als Gegensätze, sondern Ergänzungen verstanden.

Vielleicht ist es bei Bruder Klaus, diesem merkwürdigen, denkwürdigen und dann auch widersprüchlichen Heiligen letztlich ein schlichtes, aber ebenso tiefes Geheimnis, das an ihm sichtbar wird. Dass nämlich der, der sich in Gott versenkt, der auf die innere Stimme hört und Sinn und Erfüllung in Gott findet, dieser Welt gerade nicht verloren geht, sondern gerade bei seinen Mitmenschen wieder auftaucht und so nicht nur Gott, sondern dieser Welt ganz nahe kommt. Es war dieser Gedanke, an den wohl auch der Schweizer Reformator Zwingli anknüpfen konnte. In Bruder Klaus erkannte er einen treu gelebten christlichen Glauben.

„Mein Herr und mein Gott, gib alles mir, was mich führet zu dir“, so hat Bruder Klaus gebetet. Gott aber führt nicht nur in die Versenkung, sondern aus ihr zu den Menschen, mitten hinein in diese Welt. Und führt mich so aus der Enge in die Weite. Das macht mein Herz weit, für Gott und diese Welt. Nicht nur in der Schweiz lohnt es, sich daran zu erinnern. Und mir wird die Schweiz noch sympathischer, auch mit diesem Heiligen. Ganz ohne Stereotype.

Hinweis: Das beschriebene Meditationstuch findet sich etwa unter: https://de.wikipedia.org/wiki/Sachsler_Meditationstuch#/media/Datei:Bruder_Klaus_Meditationsbild_01.jpg (zuletzt abgerufen am 11. März 2022).

Gebet:
Mein Herr und mein Gott,
nimm alles von mir,
was mich hindert zu dir.
Mein Herr und mein Gott,
gib alles mir,
was mich führet zu dir.
Mein Herr und mein Gott,
nimm mich mir
und gib mich ganz zu eigen dir.
(Bruder Klaus)

Lesungen: Römer 14,17–18; Lukas 18,28–30
Liedvorschläge: 251,1.2.6 (Herz und Herz vereint zusammen)

390 (Erneure mich, o ewigs Licht)
  SJ 176 (Wo Menschen sich vergessen)

Pastoralblätter-Newsletter

Ja, ich möchte den kostenlosen Pastoralblätter-Newsletter abonnieren und willige somit in die Verwendung meiner Kontaktdaten zum Zwecke des eMail-Marketings des Verlag Herders ein. Dieses Einverständnis kann ich jederzeit widerrufen.